Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Kraftprobe am Kap

Inprekorr Nr. 195, August/September 1987 · S. 3-4 · 893 Wörter

Südafrika Gewerkschaften und Streiks Großbritannien

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Der Streik der südafrikanischen Bergarbeiter, der am 10. August begann, wird wie immer er auch ausgehen mag. Weichen stellen für den Kampf gegen die Apartheid.

Die Gold- und Kohlebergwerke, die bestreikt werden, bilden das wirtschaftliche Nervenzentrum des Landes. Der Export dieser beiden Rohstoffe (südafrikanische Kohle wird auch in die BRD importiert!) besorgt allein zwei Drittel der Deviseneinnahmen Südafrikas. Von deninsgesamt ca.500.000 Arbeitern, die hier beschäftigt sind, stehen 340.000 im Streik. Davon sind 80.000 nicht gewerkschaftlich organisiert; die restlichen gehören der NUM (National Union of Mineworkers) an, die insgesamt 370.000 Mitglieder zählt. Streikzentren sind die Minen der großen Bergwerksgesellschaften Anglo American, Gencor, Rand Mindes, JCI, Goldfields of South Africa. Vor allem die Anglo American ist betroffen, bei der allein 80% der streikenden Bergarbeiter beschäftigt sind. All diese Zahlen belegen die zentrale wirtschaftliche Bedeutung dieser Auseinandersetzung.

Die NUM fordert eine Anhebung der Löhne um 30%, Verbesserungen der Sozialleistungen, Leistungsprämien und einen Fünfjahreslohn bei tödlichen Unfällen. Wie wichtig diese Forderung ist, zeigt sich daran, daß allein 1986 800 Bergleute, vorwiegend in den Goldminen, ums Leben gekommen sind; 48.000 schwarze Arbeiter haben seit Beginn des Jahrhunderts in den Gruben ihr Leben gelassen. Die NUM fordert auch 30 Tage Urlaub und die Anerkennung des 16.Juni - Jahrestag des Aufstands von Soweto 1976 — als arbeitsfreien Tag. Mit dieser letzten Forderung macht sie deutlich, daß sie ihren Kampf als Bestandteil des Kampfs gegen Apartheid begreift. Doch der Streik hat längst nicht mehr nur die Bedeutung, die wirtschaftliche Lage der schwarzen Bergarbeiter, das Rückgrat der südafrikanischen Arbeiterklasse, zu verbessern (die schwarzen Arbeiter verdienen im Monat durchschnittlich 220 DM; die meisten sind Wanderarbeiter, die für neun bis zwölf Monate im Jahr getrennt und weit entfernt von ihren Familien unter der strengen Aufsicht der Minengesellschaften und unter elenden Bedingungen untergebracht sind). Die Unternehmer selber haben dazu beigetragen, daß der Streik zu einer politischen Kraftprobe geworden ist. Beim Lohn haben sie sich bisher geweigert, über ihr Angebot von 17-23% Erhöhung hinaus auch nur einen Millimeter nachzugeben. Lange Zeit lehnten sie sogar Verhandlungen mit der NUM ab, weil diese auch über Löhne verhandeln wollte. Darüberhinaus versuchen sie, die Gewerkschaft durch Massenentlassungen in die Knie zu zwingen (bisher wurden 20.000 Kumpels in den wenig profitablen Minen von Vaals Reefs und Landau entlassen; es droht die Entlassung von weiteren 20.000); sie organisieren den systematischen Einsatz von Streikbrechern, wofür sich vor allem die reaktionäre Zulu-—Organisation Inkatha hergibt; und fordern die Polizei an, diesen den Weg frei zu prügeln: bisher wurden dabei mindestens sieben Arbeiter getötet, 177 verhaltet.

Mit diesem bisher größten Streik in der Geschichte der südafrikanischen Gewerkschaftsbewegung meldet diese ihren Anspruch auf die Führung im Kampf gegen die Apartheid an. Die NUM ist, wie der Dachverband COSATU, in dem sie die mitgliedsstärkste Einzelgewerkschaft ist, in ihrer heutigen Stärke ein Kind der Radikalisierung und Massenaufstände. die Südafrika seit 1984 erschüttert haben. Parallel zu den Aufständen der Jugendlichen in den townships hat sich in den letzten drei—vier Jahren ein gewaltiger Prozeß der gewerkschaftlichen Organisierung der schwarzen Arbeiter vollzogen: die NUM zählte bei ihrer Gründung 1982 gerade 6.000 Mitglieder; die COSATU hatte 430.000 Mitglieder, als sie Anfang 1985 gegründet wurde; heute zählt sie bereits 770.000. Die Aufstandsstrategie, die die führende Anti—Apartheid-Organisation UDF (United Democratic Front, eine Massenorganisation des ANC) bisher eingeschlagen hat, ist im letzten Jahr in die Sackgasse geraten, nachdem es Premierminister Botha gelungen war, durch Verhängung des Ausnahmezustands die aktivsten Kämpfer zu verhaften und zu isolieren. Nun hat die Gewerkschaftsbewegung die Staffette wieder aufgenommen und bietet der Anti-Apartheid-Bewegung eine neue Perspektive. Dies gilt umso mehr, als sie eine wirkliche Einheitsorganisation ist, in der die verschiedenen politischen Strömungen und Unabhängige zusammenarbeiten.

Für die Anti-Apartheid-Bewegung. aber auch für die Gewerkschaftbewegung in der BRD ist die Solidarität mit der NUM heute eine zentrale Aufgabe. Sie bietet die Chance, auch hierzulande die politischen Rivalitäten zu überwinden.

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GROßBRITANNIEN

Zum dritten Mal hintereinander hat die konservative Rechte in Großbritannien am 11 Juni die Wahl gewonnen. Eines der wirtschafts— und gesellschaftspolitisch brutalsten Regimes in Westeuropa ist anscheinend unargaret schlagbar. Es liegt auch nicht nur am Mehrheitswahlrecht, daß die Ei- PThatc serne Lady sich wieder durchsetzen konnte. Immerhin hat sie 42% der Stimmen hinter sich bringen können, zum Teil auch Arbeiterstimmen. CONSERVATIVE AI Den nachfolgenden Artikel entnehmen wir der britischen revolutionär— sozialistischen Zeitschrift Socialist Outlook. Er erklärt das Wahlergebnis u.a. aus dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel, der in den letzten acht Jahren Tory-Herrschaft in Großbritannien eingetreten ist; aber auch aus der Schwierigkeit der Labour Party, eine politische Alternative für die Arbeiterklasse als Ganzes anzubieten, und ihrer rechtslastigen Kampagne, in der sie massiv die Labour— Linke angegriffen hat. Für die Zukunft zeichnet sich ein weiterer Rechtsruck in der Labour Party ab — das Parteistatut soll so geändert werden, daß die Linke zurückgedrängt wird. Druck in diese Richtung geht auch von der Sozialdemokratisch-Liberalen Allianz aus. Nach den Wahlen ist einer ihrer Führer, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei David Owen, zurückgetreten, weil er den Kurs der Allianz auf ein Bündnis mit Thatcher der Labour Party nicht mittragen will.