Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Chile

Interview mit Pascal Allende von der MIR: Wir verhandeln nicht, wir kämpfen!

Inprekorr Nr. 195, August/September 1987 · S. 38-40 · 2.122 Wörter

Chile Gewerkschaften und Streiks

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Interview mit Pascal Allende vom MIR „Wir verhandeln nicht, wir kämpfen!"

Der MIR, (Movimiento de Izquierda Revolucionaria — Bewegung der revolutionären Linken), der 1965 gegründet wurde, befindet sich heute in einer schweren Krise. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen stehen die Bilanz der früheren Politik, die taktische und diestrategische Perspektive und der Charakter der aufzubauenden Partei. Angesichts der Rolle, die der MIR in der chilenischen Arbeiterbewegung und in der revolutionären Bewegung Lateinamerikas gespielt hat, ist diese Debatte sehr wichtig und geht alle Revolutionäre, auch in anderen Kontinenten, etwas an. Die Krise wird heute in Chile offen ausgetragen. Die Fragen, die der MIR diskutiert, werden in der gesamten chilenischen Linken diskutiert. Im folgenden veröffentlichen wir ein Interview, das der Generalsekretär des MIR, Andres Pascal Allende, Neffe des ermordeten Präsidenten Salvador Allende und in seinem Amt Nachfolger des 1974 gleichfalls ermordeten Generalsekretärs Miguel Enriquez, der Zeitschrift APSI gegeben hat.

Um einen Eindruck der Debatte zu vermitteln, veröffentlichen wir daneben ein Interview, das Ariane Merri von der Redaktion Inprecor mit Jorge Flores, dem MIR-Vertreter in Europa geführt hat. Er vertritt eine gegenteilige Ansicht zu der Pascal Allendes. • Man spricht heute viel von zwei • Die Antwort liegt auf der Hand. Wir verschiedenen Strategien der Oppo- arbeiten in der Zivilversammlung mit und sition gegen das Regime Pinochet, wir sind für eine offensive Mobilisierung, einer politischen und einer militäri- für eine permanente Mobilisierung, für schen. Können Sie erklären, wie die die protestas und für Streiks. beiden zusammenpassen?

• Aber gleichzeitig wollen Sie das Wir glauben nicht, daß das zwei ver- Volk bewaffnen? schiedene Strategien sind. Das ist eine Abstraktion. • Wir glauben, daß es nicht nur legitim, sondern absolut notwendig ist, daß das • Ich beziehe mich auf folgendes: Volk sich auflehnt und alle Formen des Alle Kräfte der Opposition haben Kampfes nutzt, um den Sturz der Diktatur sich in den Massenorganisationen zu erreichen. Wir glauben auch, daß es absolut notwendig ist, das Volk militädarauf geeinigt, das Land mit fried- risch zu organisieren, damit in Chile wirklichen Methoden unregierbar zu lich eine Demokratie aufgebaut und künfmachen. Vermittels gesellschaftli- tig demokratische Streitkräfte des Volkes cher Organisationen beteiligt sich errichtet werden können. der MIR an der Zivilversammlung. Was ist die Haltung des MIR dazu? • Aber es ist doch Pinochet, der nach der Logik des Krieges handelt. Wollen Sie sich auf dieses Szenario der offenen Konfrontation einlassen?

• Nicht nur Pinochet, die gesamten Streitkräfte, der US-amerikanische Imperialismus, die Großunternehmer, die politische Rechte haben unserem Volk den Krieg erklärt. Wir haben niemandem den Krieg erklärt. Man braucht nur zu sehen, wie während des Streiks der vergangenen Tage das Land von den Militärs besetzt wurde. Ich glaube, daß das Volk das legitime Recht und sogar die Pflicht hat, sich gegen diese Repression zu verteidigen. • Bewaffnen Sie das Volk nur zum Zweck der Selbstverteidigung, oder um eine Konfrontation vorzubereiten?

• Wir unterstützen aktiv die Organisierung bewaffneter Selbstverteidigungsgruppen und die Bildung von Milizen „Volkswiderstand Salvador Allende" innerhalb der Jugend, in den Elendsvierteln, den Betrieben. Es ist die Aufgabe dieser Milizen, sich an der Verteidigung bei den protestas und den Streiks zu beteiligen, auch an der bewaffneten Agitation gegen en Seite bildet der MIR Kampfgruppe le Unterdruckungsorgane. Aul der ande aus, die eine bessere militärische Ausbildung haben und besser bewaffnet sind. Sie führen offensive Aktionen durch, mit dem Ziel natürlich, die Diktatur zu destabilisieren. Diese Aktionen, die alle kennen, tragen einen Guerilla-Charakter . • In einem Gespräch mit der Zeitschrift El Mercurio haben Sie im vergangenen Jahr gesagt, daß die Sabotageaktionen, die Bomben- anschläge, Attentate, usw. zur Hälfte

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auf das Konto der FPMR gingen und zur Hälfte auf das Konto des MIR. Sie haben nicht einnmal 1% dieser Aktionen anderen Kräften zuschreiben wollen, die nicht der Opposition angehören, die aber ebenfalls Attentate und Sabotageaktionen durchgeführt haben.

Es ist möglich, daß ich so verstanden worden bin. Meine Haltung ist in diesem Interview nicht richtig widergegeben worden. In demselben Interview habe ich klar und deutlich gesagt, daß wir gegen terroristische Aktionen sind. Die einzige Kraft aber, die zum Terror greift, ist das Regime, durch Folter, Mord und Anschläge. Bedeutet das,daß Sie, Vergeltungsaktionen" befürworten?

• In Chile gibt es kein Recht, deshalb werden wir unsere Aktionen gegen die Unterdrückungsorgane fortsetzen. In der Praxis haben wir Aktionen gegen die Sondereinheiten der Polizei durchgeführt, ebenso gegen Manuel Contreras, dem Chef der Geheimpolizei (1). Wir sind damit gescheitert. Dieser Herr" hat viel Glück, er muß mit dem Teufel im Bund stehen. Ich lege großen Wert darauf klarzustellen, daß unsere bewaffneten Aktionen sich ausschließlich gegen die Unterdrückungsorgane richten, die das Volk morden. Wir führen nicht nur bewaffnete Aktionen durch, sondern auch Sabotageaktionen, z.B. gegen die elektrische Versorgung. Immer aber sind wir sorgfältig darauf bedacht, daß wir damit keine Unschuldigen und keine Leute aus dem Volk treffen, dem wir angehören.

indem Sie diese Aktionen durchführen, sorgen Sie doch dafür, daß die Repression gegen das Volk noch stärker wird, daß es noch mehr Tote und eine noch schärfere Polarisierung im Land gibt.

• Hören Sie, in den ersten Jahren der Diktatur wurden Tausende ermordet, obwohl es solche Aktionen nicht gab. In all diesen Jahren wurde die Repression fortgesetzt, und sie ist immer schärfer geworden. Die Menschen werden am hellichten Tag ermordet. Nehmen Sie nur die jungen Leute, die auf offener Straße verbrannt worden sind (2).

• Was glauben Sie aber denn, mit bewaffneten Aktionen erreichen zu können?

• Im Fall von Carol Urzua z.B. (3) wollten wir einen Schlag gegen die Geheimdienste führen. Diese Aktion ist heftig kritisiert worden, weil sie gerade zu dem Zeitpunkt stattfand, wo die Strömungen in der Opposition, die mit dem Regime verhandeln wollen, einen Dialog mit der Regierung suchten. Die Aktion gegen Carol Urzua ist deshalb in gewissen politischen Kreisen auf Kritik gestoßen, aber nicht in der breiten Bevölkerung. Deshalb glauben wir, daß solche Schläge gegen die Diktatur mobilisierend wirken und den Widerstand gegen die Diktatur stärken und vorantreiben.

• Glauben Sie nicht, daß der MIR, der eine reale, aber minoritäre Kraft darstellt, durch diese Aktionen die Mehrheit der Opposition, die nicht für den Krieg ist, sich selbst überläßt?

• Ihre Frage unterstellt, daß der MIR den Kampf gegen die Diktatur als einen Kampf zwischen zwei bewaffneten Apparaten begreift: dem des Regimes und dem des Widerstands. Unsere Strategie ist politisch und militärisch. Wir organisieren aktiv die Beteiligung der breiten Masse der Bevölkerung an den sozialen Auseinandersetzungen, an der Selbstverteidigung, aber auch am bewaffneten Kampf. Natürlich sind wir noch nicht soweit, daß wir eine bewaffnete Konfrontation mit der Diktatur durchstehen könnten. Deshalb können wir auch nicht sagen, daß der Armee der Diktatur bereits eine Armee des Volkes gegenübersteht. Aktive Kämpfer aus dem Volk beteiligen sich am bewaffneten Kampf. Das ist nicht die Mehrheit, aber das ist auch nicht das Problem, weil die Geschichte zeigt, daß es in einem revolutionären Prozeß niemals das gesamte Volk ist, das real zu den Waffen greift. Natürlich muß die Mehrheit des Volkes die verschiedenen Formen des Kampfes unterstützen. Unsere Politik ist es nicht, eine Art Cowboy-Krieg zwischen dem Geheimdienst und dem MIR zu führen. Wir stellen das Problem der bewaffneten Konfrontation mit der Diktatur als Teil des Widerstands der Volksmassen, als Prozeß, der die gesellschaftliche und politische Organisierung der Bevölkerung und den Aufbau von Massenmilizen vorantreibt. Deshalb, ich wiederhole es, sehen wir keinen Widerspruch zwischen den verschiedenen Formen des Kampfes. Man muß die Gelegenheit ergreifen und alle CHILE

Formen des Kampfs entwickeln. Wir haben großen Respekt vor der Zivilversammlung und vor den Initiativen der politischen Parteien.

• Dennoch behaupten sehr wichtige Teile der Bevölkerung und der Opposition, daß es diesen Widerspruch gibt.

• Für diejenigen, die mit den Streitkräften verhandeln wollen, gibt es diesen Unterschied natürlich. Und für die, die mit der Regierung verhandeln wollen über ein Abkommen für den Übergang zu einer kontrollierten Demokratie. Für die gibt es einen Widerspruch. Denn sie akzeptieren, daß die Streitkräfte weiterhin eine Schlüsselrolle für die Zukunft unseres Landes spielen. Die große Mehrheit der Bevölkerung — und damit meine ich nicht nur die unteren Schichten der Bevölkerung, sondern auch die Mittelschichten - will heute einen tiefgreifenden demokratischen Wandel in unserm Land. Das Regime Pinochet ist gesellschaftlich und politisch isoliert, es stützt sich nur noch auf die Armee, wenn es die nicht hätte, könnte es nicht mehr lange überleben. Nun kann man das Kräfteverhältnis nicht allein nach der Person Pinochets beurteilen. Man muß auch die Kräfte berücksichtigen, die für die Verewigung der bestehenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung sind und diejenigen, die für einen demokratischen Wandel sind, für das Volk. Das ist die Polarisierung, die wirklich in unserm Land stattfindet. In diesem Sinne glaube ich, daß es starke Kräfte gibt, die sich einem tiefgreifenden politischen und sozialen Wandel widersetzen, denn unser Kampf verfolgt nicht nur das Ziel, Pinochet zu stürzen. Wir wollen große demokratische, wirtschaftliche und soziale Umwälzungen. Das Kräfteverhältnis muß auch nach diesem Willen zur Umwälzung beurteilt werden.

• Glauben Sie, daß das Regime über eine militärische Niederlage oder über Verhandlungen mit den Streitkräften zu Fall gebracht wird? Also, auf nicaraguanische oder auf argentinische Art?

• Zwangsläufig auf chilenische Art, denn jedes Land hat seine Eigenheiten. Wir glauben, daß das Ende des Regimes durch eine breite gesellschaftliche, politische und militärische Konfrontation kommen wird. Das bedeutet nicht einen Krieg

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CHILE zwischen zwei Armeen. Es geht darum, den heutigen Zustand zu beenden, indem das Land durch den sozialen Kampf, den politischen Kampf und den militärischen Kampf unregierbar gemacht wird. Dieses Regime muß durch ein anderes ersetzt werden, und da gibt es verschiedene Alternativen. Wir glauben, daß wir eine breite, nationale Regierung des Volkes brauchen. Unser Problem ist, daß der Versuch unternommen wird, zwischen verschiedenen Kräften, den Streitkräften, dem Imperialismus, den Großunternehmern, Teilen der Rechten und selbst Teilen der bürgerlichen Opposition eine Verständigung über die Beendigung ds Regimes bis 1989 und seine Ablösung durch eine neue zivile oder Militärregierung zu erreichen, die eine kontrollierte Demokratie errichten soll. Wenn dies passiert, kann in unseren Augen die gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und moralische Krise dieses Landes nicht gelöst werden.

• Sie glauben also, daß auf die jet- • zige Regierung sofort eine umfassende Volksdemokratie folgen muß? • Das ist das, was wir anstreben; das Regime zu stürzen und eine wirkliche breite Demokratie zu errichten.

• Können Sie sagen, was diese Demokratie, die sie vorschlagen, auszeichnet?

• Die Diktatur muß ersetzt werden durch eine Notstandsregierung, die von allen konsequent demokratischen Kräften gebildet wird und sich auf die Organe der Volksmacht stützt, eine demokratische Regierung des Volkes also, die die Bedürfnisse des chilenischen Volkes erfüllt: die Abschaffung der Verfassung der Diktatur und die Einberufung einer Konstituierenden Versammlung, die demokratisch gewählt wird und in der unser Volk souverän über die künftigen Institutionen des Landes entscheidet; die Auflösung des gesamten Repressionsapparats; die demokratische Erneuerung der Armee; die gerichtliche Verurteilung aller Verantwortlichen der Diktatur; die Amtsenthebung aller Richter, die sich unter der Diktatur kompromittiert haben und eine umfassende Neuordnung der Justiz; die Abschaffung der Monopolgruppen, die die Wirtschaft unseres Landes kontrollieren; die uneingeschränkte Wiederherstellung der politischen und gesellschaftlichen Freiheiten. Wenn die Ablösung der Diktatur aber nur zu einer bürgerlichen Regierung führt, die die Bedürfnisse der Bevölkerung nicht befriedigt, die die Streitkräfte intakt läßt, selbst wenn sie sie in ihre Kasernen zurückschickt, dann werden wir den Kampf fortsetzen für eine demokratische Regierung des Volkes. Wenn eine solche Regierung nicht zustandekommt, wird der Widerstand zunehmen und wir werden auf der Seite der Massen stehen, mit allen Formen des Kampfes, die erforderlich sind, um das Ziel einer wirklich demokratischen Regierung des Volkes zu erreichen, wie ich es beschrieben habe.

• Von der KP auf der Linken bis zu Teilen der Rechten, die in der Opposition sind, sind alle mehr oder weniger geneigt, mit den Militärs zu verhandeln. Sie Sie dazu bereit? • Wir verhandeln nicht, wir kämpfen. • Wollen Sie sich völlig isolieren? • Nein, wir isolieren uns nicht, weil wir in den Volksmassen verankert sind, und das ist die Mehrheit in unserm Land. Santiago de Chile, August 1986 Anmerkungen (1) Manuel Contreras ist Chef der DINA. Er war in die Ermordung des früheren Ministers der Unidad Popular. Orlando Letelier. 1976 in den USA verwickelt (2) Während des Streiks im Juli 1976 wurden zwei junge Menschen von den Carabineros mit Benzin übergossen und angezündet.

(3) Carol Urzua ist einer der Verantwortlichen für den chilenischen Geheimdienst. Er wurde im September 1983 vom MIR erschlagen.