Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Internationale: Kirikas: Ausländerpolitik zwischen Integration und Autonomie, oder: Welche Identität hat ein Türke in Deutschland?

Inprekorr Nr. 194, Juni/Juli 1987 · S. 19-26 · 6.280 Wörter

Faschismus und Rassismus BRD und DDR

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Zunehmende Verschuldung der Länder der 3. Welt rung um sich greifende Ausländerfeindlichkeit gegegenüber den imperialistischen Metropolen, Mili- bildet. Nach dem Vorbild der sanctuary-movement tärdiktaturen und repressive Regimes, besonders in den USA versucht sie vor allem, Flüchtlinge vor in den Ländern Vorderasiens und des Nahen ihrer Abschiebung zu bewahren. Ostens und anhaltende regionale Kriege sind aner- Mit dieser Bewegung ist eine alte Debatte neu aufkanntermaßen die Ursachen für die Jahr für Jahr gelebt: ob die bisherige Politik der revolutionären wachsende Zahl von Flüchtlingen. Die kapitalisti- Linken, die vor allem die Einheit der deutschen schen Metropolen, die durch wirtschaftliche Aus- und ausländischen Arbeiter betont, richtig ist, beutung und politische wie militärische Einmi oder ob nicht viel stärker die nationale und kultuschung einen maßgeblichen Anteil an diesem Elend relle Unterdrückung der Ausländer durch den haben, sind, da sie selber in zunehmendem Maße Staat und das Kapital, aber auch innerhalb der mit Arbeitslosigkeit und gesellschaftlichen Proble- Arbeiterklasse selbst, betont werden soll. Die prakmen konfrontiert sind, dazu übergegangen, ihre tische Konsequenz, die sich aus einem solchen An- Grenzen dicht zu machen. Die Ausländerpolitik satz ergibt, wird formuliert als Aufgabe, die Selbst der westeuropäischen Regierungen läßt sich zu- aktivität und Selbstorganisation der Immigranten sammenfassen in den Worten: Zuzugsverschär- offensiv zu fördern, bis hin zu ihrer autonomen fung, Einreiseverweigerung, Abschiebung, Rüc- Organisierung nach dem Vorbild der autonomen ckehrförderung, Auslieferung. Sie stützt sich im- Frauenbewegung.

mer offener auf Desolidarisierungsprozesse inner- Mit diesem Ansatz setzt sich der nachstehende Arhalb der Gesellschaft und rassistische, fremden- tikel kritisch auseinander. Der Autor, selber Arfeindliche Bewegungen. beitsimmigrant, begründet, weshalb die Autono- Die Bewegung für freie Flüchtlingsstädte, die im mieforderung ein Schuß nach hinten ist und skizvergangenen Jahr in der Bundesrepublik ent- ziert aus seiner Sicht die Möglichkeiten für den standen ist, hat sich als Reaktion gegen die Regie- Aufbau einer antirassistischen Bewegung. rungspolitik, aber auch gegen die in der Bevölke-

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die Internationale

Seit mehreren Jahren erleben wir eine Neuauf lage des Rassismus und der fremdenfeindlichen Ressentiments in dem viel gepriesenen zivilisierten und kultivierten Europa. Man sollte meinen,daß das Phänomen des rassistischen Irrationalismus inhaltlich abgeschlossen und genügend analysiert worden sei. Es fallen uns kaum neue Argumente ein, die man gegen diese emotionale Pest ins Feld führen kann. Es ist alles schon einmal gesagt worden. Aber die Menschen lernen schlecht und vergessen schnell. Die Schrecken des faschistischen Holocausts verlieren allmählich ihre Wirkung. Sechzehn Millionen ausländische Arbeiter und Arbeiterinnen in den hochindustrialisierten Ländern Westeuropas bekommen das täg lich zu spüren. Die Hetzkampagnen in all ihren subtilen Formen vergiften ihnen das Leben und forcieren ihre soziale, politische und rechtliche Diskriminierung.

Noch haben wir keine straff organisierte faschistische Massenbewegung, aber die Wiederbelebung des Rechtsextremismus nimmt beängstigende Züge an. Man wird seine Präsenz nicht mehr als ein politisches Kavaliersdelikt, als eine Randerscheinung abtun können. Seinem offen propagierten Fremdenhaß verdankt Le Pen 10% der Wählerstimmen in Frankreich. Seit einem Jahr treibt die schlimmsté Flüchtlingshetze ihr Unwesen in vielen Ländern des alten Kontinents. Doch schlimmer als das brutale Auftreten der rechten Horden ist das Desinteresse, die Teilnahmslosigkeit, ja die versteckte Abneigung des Durchschnittsbürgers, der sich nicht zum faschistischen Gedankengut bekennt und noch auf das demokratische Staatsprinzip schwört. Warum verweigert er diesen Menschen, die seit Jahrzehnten neben ihm leben und arbeiten, seine Solidarität? Am Beispiel der Bundesrepublik soll der Versuch unternommen werden, auf diese Fragen eine politische Antwort zu formulieren. Politisch bedeutet hier, nicht nur eine oder mehrere Erklärungen zu liefern, sondern vor allem Widerstandswege aufzuzeigen. Der Verfasser dieses Textes will und kann keine sozialwissenschaftliche Analyse vornehmen. Zu diesem Thema gibt es bereits eine Fülle von Facharbeiten, die den gesamten Komplex umfassend behandeln. Nicht der soziologische Aspekt steht also hier im Mittelpunkt, sondern die politische Annäherung an die Fragestellung. Die Aufzählung von einigen unterschiedlichen Merkmalen wird die verschiedenen Sichtweisen besser verdeutlichen. Die Systemelemente der Soziologie werden nach anderen Kriterien gebildet als die der politischen Analyse, die mit anderen Größenordnungen arbeitet. Während die erste unter bestimmten Bedingungen auch experimentell vorgehen kann - man denke an Projekte mit kleinen Gruppen - hat die zweite einen cher normativen, maßgebenden Charakter. Die Soziologie sucht partielle Ergebnisse, während die marxistische politische Analyse cher an strukturellen Veränderungen interessiert ist. Es dürfte Einigkeit darüber herrschen, daß essentielle Errungenschaften in der Emanzipationsgeschichte hauptsächlich mit Hilfe von politischen Konzepten erkämpft wurden. Die politische Betrachtung nimmt nach einer gesellschaftlichen Bestandaufnahme eine Sondierung nach grundlegenden Aktionsmöglichkeiten vor. Auf die Frage nach einer eventuellen systemintegrativen Funktion der Soziologie wird hier nicht eingegangen. Doch wird der Rückgriff auf die Ergebnisse der Sozialforschung nicht ausbleiben. Zum einen weil es trotz der Unterschiede Überschneidungen und Gemeinsamkeiten gibt. Zum anderen weil diese Resultate nochmals politische Aussagen bestätigen.

Schließlich muß man auch auf die Gefahren einer politischen Herangehensweise hinweisen. Die Argumentation auf dieser Ebene neigt sehr leicht dazu, einen plakativen Charakter anzunehmen. Komplizierte Sachverhalte fallen zugunsten einer vereinfachten Darstellung oft unter den Tisch.

Der gesellschaftspolitische Hintergrund

Ursachen der modernen Immigration gration kann sicher nicht mit einer pauschalen Die Frage nach dem Wesen der Arbeitsimmi- Würdigung beantwortet werden. Allein der Systemzwang des Kapitalismus, eine industrielle Reservearmee zu schaffen, erklärt nicht die Verschiedenheiten und Eigentümlichkeiten der jeweiligen Epochen und der Einund Auswanderungsländer. Vergleicht man die Masseneinwanderung in die Vereinigten Staaten gegen Ende des vorigen und Anfang unseres Jahrhunderts mit der Arbeitsimmigration in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, fallen sofort einige Unterschiede auf, die hier ohne jede Systematik kurz benannt werden. Diese Gegenüberstellung drängt sich auf, wenn man bedenkt, daß die USA ein Einwanderungsland in Reinkultur waren. Der amerikanische Kapitalismus brauchte für die radikale Erweiterung der erwerbstätigen Bevölkerung Menschenmassen, die er zum größten Teil aus ärmeren, unterentwickelten Ländern holte. Die Einwanderer emigrierten nicht einzeln, sondern mit der gesamten Familie und mußten bei den damaligen Verkehrsmitteln eine Entscheidung auf längere Zeit treffen. Diese und andere Faktoren diktierten der Einwanderungspolitik die Lösung der Assimilation. Von Anfang an gab es die Möglichkeit der Einbürgerung und das Damoklesschwert der zwangsweisen, massiven Rückführung schwebte nicht ständig über den Köpfen der Menschen — womit hier aber nicht die Immigrationspolitik der USA verherrlicht werden soll, denn auch sie war reaktionär und restriktiv.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Rahmenbedingungen in Europa anders. Für den Wirtschaftsaufschwung brauchten die curopäischen Industrieländer kurzfristig Arbeiter und Arbeiterinnen zum Auffüllen ihres Arbeitskräftepotentials. Was lag näher als den Arbeitsmarkt der unterentwickelten Länder auszubeuten? Aber der bürgerliche Staat und das Kapital wolten auf jeden Fall die Möglichkeit behalten, über diese Arbeitskräfte nach Belieben und entsprechend der Konjunktur und den Marktbedingungen zu verfügen. Daher mußte die Masse der Gastarbeiter — der „neue" Name war kennzeichnend für die erzreaktionäre Ausländerpolitik - manipulierbar bleiben. Es galt, sie rechtlich und politisch zu disziplinieren. Es lassen sich folgende Merkmale erkennen:

• die Rotation bzw. die Möglichkeit der Rückführbarkeit ist der Hauptbestandteil der Ausländerpolitik; • eine Integration in die hiesige Gesellschaft ist nicht erwünscht; • das Gefühl der Vorläufigkeit und Unsicherheit, der Status der Rechtlosigkeit prägen das Leben dieser Menschen.

Eine bi-kulturelle Existenz

Was ist die Situation des Arbeitsimmigranten, wie erlebt er sie? Er wandert nicht „freiwillig" aus. Er kommt in ein fremdes Land und empfindet seine Umgebung als feindselig — vor allem da er mit seiner „südländischen Mentalität" einen ausgepägten Sinn für das soziale Leben hat. Er gerät in eine sprachliche, soziale und kulturelle Isolation, die er auch mit einer besseren Lernbereitschaft nicht automatisch bewältigen kann. Doch mit der Zeit beginnt er sich einzuleben. Sehr bald steht er zwischen zwei Kulturen. Da die Entfernung von der Heimat nicht mehr so groß ist wie früher, wird die Verbindung weiter aufrechterhalten. Viele haben Familienangehörige ersten Grades zurückgelassen. Dazu hegen sie noch die Illusion, die Emigration werde nur von kurzer Dauer sein, denn jede Auswanderung ist gleichzeitig eine schmerzhafte Entwurzelung.

Die Rückbesinnung auf die eigenen kulturellen Werte und nationalen Traditionen hat nichts mit der Entdeckung einer nationalen Identität zu tun. Der Prozeß der nationalen Identitätsfindung ist bereits in den meisten Emigrationsländern geschichtlich abgeschlossen (auf die Frage der Emigration aus den Kolonialländern gehen wir hier nicht ein). Sie entsteht vielmehr aus der Isolation und der sozialen Diskriminierung. In ihrer Situation hat dieses Zurückgreifen auf die eigenen Werte eher eine Schutzfunktion. So leben diese Menschen in einer bikultuellen Existenz. Doch handelt es sich dabei nicht um eine statische, sondern eine dynamische Entwicklung. Nach einiger Zeit überwindet ein großer Teil (besonders die zweite und die dritte Generation) die sprachliche Isolation.

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Sie vergleichen nun das Leben in der Heimat mit dem in der Fremde und entwickeln eine Sensibilität, mit der sie ihren gesellschaftlichen Standort lokalisieren. Dafür funktioniert die eigene Kultur wie ein Sprungbrett, über sie wird die Kommunikation und Sozialisation in der neuen Umgebung hergestellt.

Ihre Lage bringt sie dazu, sich mit den eigenen Traditionen auseinanderzusetzen. Wenn nicht direkt in der esten, so doch in der zweiten und dritten Generation werden Sitten, Gebräuche und geschlechtsspezifische Rollenverteilung infrage gestellt. Dadurch bekommen die Generationskonflikte eine zusätzliche Dimension. Zumal für die dritte Generation nicht die Heimat, sondern das „Gastland" der Bezugspunkt ist. Die Differenzierungsprozesse gehen noch viel weiter. Die Lage der ausländischen Mädchen und Frauen birgt eine nicht zu unterschätzende Sprengkraft. Sollte es den Immigrantinnen gelingen, ihre Interessen zum Ausdruck zu bringen, dann werden sie nicht nur ihre Rolle hier, sondern auch die Rolle der Frau in der Heimat infragestellen.

Der andere wichtige Aspekt der Bikulturalität ist die Konfrontation mit dem Wertesystem des ,Gastlandes" der Einwanderer. Diese Mauer möchte er durchbrechen. Er nimmt die neue kulturelle und soziale Umgebung regelrecht in Besitz: die Sprache, die Lebensgewohnheiten, den historischen Hintergrund. Natürlich tut cr das nicht mit der Manier und Präzision des Schülers, sondern mit der Entdeckungsfreudigkeit des Lernenden. Der Erfolg läßt sich nicht mit einem formalen Benotungs— und Bewertungssystem messen. Berücksichtigt man seine Ausgangssituation (Erziehung und schulische Bildung), ist das Ergebnis seiner Lernbereitschaft imponierend. Deswegen schmerzt ihn oft die Tatsache, daß diese Leistung von den deutschen Mitmenschen kaum wahrgenommen bzw. überhaupt nicht honoriert wird. Hinter dieser Lernwilligkeit steckt sein Bedürfnis, sich in die Angelegenheiten dieser Gesellschaft einzumischen, denn er versteht sich als ein Teil von ihr.

Es ist klar, daß nur ein Teil der Immigranten und Immigrantinnen diese Entwicklung durchmacht, aber genau wie bei allen anderen sozialen Gruppen nimmt der politisierte Teil auf das Selbstverständnis und die Bestimmung der möglichen Perspektiven maßgeblichen Einfluß. Es geht also darum, hier Tendenzen aufzuzeigen.

Der klassenpolitische Standort

Man muß leider feststellen, daß die Gewerkschaften die Frage der Arbeitsimmigration nicht aufgearbeitet haben. Fortschrittliche Positionen mußten immer erkämpft werden und sind partieller Natur. Die offizielle Gewerkschaftspolitik hält sich an die Entmündigungsmittel der Ausländerpolitik (Ausländergesetzgebung, Anwerbestopp, Berücksichtigung der sogenannten Überfremdungsängste etc.). Der gesamte Komplex der Ausländerfrage wird so behandelt, als wäre er ein Bereich der karitativen Tätigkeit. Die auslandischen Kollegen und Kolleginnen spüren sehr wohl diese Halbherzigkeit bei der Vertretung ihrer spezifischen Interessen. Gleichwohl gibt es zwei markante Eckpunkte in der Gewerkschaftspolitik. Erstens forderten die Gewerkschaften von Anfang der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte an ihre tarifliche Gleichstellung und setzten sie auch durch. Zweitens erreichten sie die formale Gleichstellung der ausländischen mit den deutschen Arbeitnehmern im Betriebsverfassungsgesetz von 1972. Gleichgültig wie wir zu den sozialpartnerschaftlichen Zielsetzungen der Betriebsverfassung stehen, hatte diese Gleichstellung cine besondere ausländerrechtliche Bedeutung,die aber kaum registriert wurde.

Tatsächlich haben die Arbeitsimmigranten durch ihre Einbindung hauptsächlich in den industriellen Arbeitsprozeß einen sozialen Aufstieg erfahren. Sie sind ein Teil der Arbeiterklasse in diesem Land geworden. Obwohl sie von der Arbeitslosigkeit schwer betroffen sind, kann man keine Deklassierungstendenzen feststellen. Sie sind keine soziale Randgruppe, keine Parias. Breite Schichten haben die individualistischen Lösungsansätze (sich in der Heimat selbständig zu machen) aufgegeben. Schließlich und endlich lehnen sie in der Praxis die Lohndruck- und Streikbrecherfunktion strikt ab.

Es handelt sich hier nicht um eine moralische Wertung, sondern um eine notwendige Lokalisierung des gesellschaftlichen Standorts. Denn nur so läßt sich das Konzept einer Widerstandsstrategie bestimmen. Zu ähnlichen Schlußfolgerungen kamen viele ausländische Organisationen und Aktivisten gegen Ende der siebziger Jahre. Was war aber vorgefallen? Der größte Teil von ihnen hatte bis dahin auf die politische Entwicklung in den Heimatländern hin orientiert und sich kaum mit der alltãglichen Lebenssituation der Ausländer in der BRD beschäftigt. Andere wiederum, denen dieser Kurs an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen vorbeiging, begriffen die Unmenschlichkeit der wachsenden Fremdenfeindlichkeit, vermochten ihr aber nur eine ,,humanistische" Argumentation gepaart mit folkloristischem Aktionismus entgegenzusetzen. Der Verfasser möchte sich nicht darüber lustig machen, sondern die Perspektivlosigkeit dieser Politik aufzeigen. Doch noch bevor die Wende- Regierung an die Macht kam, wurde allen klar, daß die Ausländer wieder einmal als Sündenbock ausgesucht worden waren. Die formelle Verschärfung der Ausländergesetzgebung stand an, die Ausländerbehörden praktizierten sie bereits. Unter diesen Umständen wurde eine grundsätzliche Diskussion unumgänglich.

Den meisten Teilnehmern an dieser Diskussion ging es nicht nur um einen theoretischen Gedankenaustausch, sondern um die Bestimmung der nächsten Schritte. Eben deswegen wurde die Frage nach dem Klassenstandort überhaupt aufgeworfen. Die rechtlosen Ausländer, die jeder Möglichkeit einer politischen Interven- •tion auf der parlamentarischen Ebene beraubt die Internationale waren, brauchten dringend einen Ansprechund Bündnispartner in diesem ungleichen Kampf. Die bewußtesten Leute begriffen, daß dies nicht mehr allein der namenlos individualisierte Durchschnittsbürger sein konnte, bei dem sich noch humane Gefühle regten, sondern handlungsfähige soziale Schichten und ihre Multiplikatoren. Die Analyse ihrer eigenen Lage bestätigte ihnen, daß sie keine Randgruppe, sondern Teil einer bestimmten sozialen Klasse sind, obwohl Ausländer und einer anderen Nationalität zugehörig. Also gab es zwischen ihren spezifische Interessen und denen der Deutschen eine Verbindungslinie. Ihre Forderungen ließen sich in die der gesamten Arbeiter - und Gewerkschaftsbewegung einordnen.

Sie wollten sich nicht unterordnen, nicht ihre Identität aufgeben oder verwischen. Sie verfolgten vielmehr das Ziel, ihre Forderungen in den sozialen Bewegungen zu verankern, die Menschen dieser Gesellschaft, die nicht alles hinnehmen, für ihre Lage zu sensibilisieren, ihnen zu zeigen, daß man sie zuerst angriff. weil sie sich nicht wehren konnten, aber dieser Angriff allen Lohnabhängigen in dieser Republik galt.

Diese klassenpolitische Standortbestimmung und die Schlußfolgerungen, die daraus abgeleitet wurden, waren ein qualitativer Wendepunkt in der Diskussion. Die Menschen, die diese Debatte führten, hatten zu keinem Zeitpunkt die Frage der kulturellen und nationalen Identität vernachlässigt oder heruntergespielt. Die Arbeitsimmigranten waren Teil der Arbeiterklasse hier, aber sie waren gleichzeitig Spanier, Italiener, Griechen, Türken, Marokkaner etc. Die Realität übrigens bestätigt diese Einschätzung. Seit Jahrzehnten beteiligen sich die ausländischen Kolleginnen und Kollegen aktiv und engagiert an den gewerkschaftlichen Kämpfen, und dies ohne vorher die theoretische Debatte abzuwarten.

Multikulturelle Gesellschaft beiten heute mit dem Begriff der multikultu- Viele Gegner der Ausländerfeindlichkeit arrellen Gesellschaft" . Mit dieser Losung wollen sie die Gleichberechtigung und die Möglichkeit der Koexistenz von verschiedenen Kulturen und Nationalitäten in einem Land hervorheben, was selbstverständlich eine korrekte Haltung ist. Es soll hier deswegen nicht gegen diesen Begriff polemisiert werden, sondern auf die Gefahr einer verkürzten Sichtweise hingewiesen werden. Der Arbeitsimmigrant gibt seine Identität nicht auf, doch verschließt er sich auch nicht der neuen Umgebung, das ist der Sinn der Bikulturalität. Er fürchtet sich nicht davor, von der Kultur des „Gastlandes" vereinnahmtzu werden, sondern hat Angst vor der sozialen Diskriminierung und Ghettoisicrung. Diese Behauptung wird verständlicher, wenn sie ergänzt wird: er will aktiv teilhaben an dem sozialen Leben, ohne seine Identität aufgeben zu müssen. Er weiß auch, daß er ein entwurzelter Mensch ist. Er empfindet Heimweh und spürt aber auch, daß er seine wirkli-

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die Internationale

Der Einwanderer nimmt die neue Kultur und soziale Umgebung regelrecht in Besitz:

Sprache, Lebensgewohnheiten, historischen Hintergrund.

che Heimat, die Gesamtheit aller Dinge, die seine Heimat ausmachen, nicht mitnehmen, nicht in das neue Land „verpflanzen" kann. Das Leben in seinem Land geht weiter und er nimmt nicht teil daran. Das Wiederentdecken seiner Sitten und Gebräuche und die sonstigen kleinen Nischen, die er sich schafft, sind nur Surrogate.

Doch der neuentdeckte Konservativismus, die Rückbesinnung auf die eigenen kulturellen und nationalen Werte, die politische Formen annimmt, darf nicht mit der Sehnsucht nach seinem früheren Zuhause verwechselt werden. Es gibt dafür zwei wichtige Gründe. Der eine ist die umfassende Diskriminierung, der er ausgesetzt ist. Die ausländischen Kollegen und Kolleginnen, die sich an dieser Frage politisieren und die Bereitschaft entwickeln, Widerstand •zu leisten, fallen nicht dem eigenen Kryptochauvinismus zum Opfer. Der Rest aber sucht den Ausweg in einer übertriebenen nationalen und kulturellen Identität.

Der zweite Grund liegt darin, daß die eigenen Kulturwerte von innen her in Frage gestellt werden. Vor allem die jüngeren Generationen können sehr kritisch die Wertesysteme vergleichen und die entsprechenden Schlüsse ziehen. Die konservativen Kräfte innerhalb der Arbeits immigration, die keinesfalls eine homogene Masse ist, versuchen mit allen autoritären Mitteln diese Entwicklung zu bremsen. Kultur ist kein neutrales System, sie spiegelt sowohl in der Heimat als auch in der Immigration Herr schaftsverhältnisse wider. Die ausländischen Mädchen und Frauen können ein Lied davon singen. Die Immigrantinnen sind dreifach unterdrückte Menschen: als Frau, als Arbeitnehmerin, als Ausländerin.

Was bedeutet das für unseren Kampf gegen Fremdenhaß und Rassismus? Wir können und dürfen nicht die Augen vor diesen Problemen verschließen. In der Praxis müssen wir jede Moschee oder andere religiöse Einrichtungen der Einwanderer vor faschistischen Angriffen beschützen. Wir müssen jede ausländische Kollegin, die wegen ihres Kopftuchs angemacht wird, in Schutz nehmen. Wir haben aber auch gleichzeitig gegen die religiöse Unterdrückung, der sehr viele ausländische Kinder ausgesetzt sind, zu klimpfen. Wir müssen offen und aktiv für das Selbstbestimmungsrecht der ausländischen Frauen eintreten.

Eine andere Gefahr bei der Benutzung des Begriffs der „multikulturellen Gesellschaft" liegt darin, daß der Eindruck entstehen kann, solche Gesellschaften seien gegen Rassismus gefeit. Das Beispiel der Vereinigten Staaten belehrt uns eines Besseren. Sehr oft herrscht in solchen Ländern eine strikte Hierarchie, die die verschiedenen Nationalitäten und Kulturen von einander abschottet. Viele Rassisten würden auch eine solche Lösung vorziehen. Der Verfasser hat es also nicht auf eine Diskreditierung, sondern auf eine Differenzierung dieses Begriffs abgeschen. Ihm scheint auch die Benutzung des Ausdrucks „interkultu relkorrekter. Die Betonung liegt hier auf dem Austauschprozeß zwischen den verschiedenen Kulturen und nicht auf ihrer Abschottung. Entstehung und Funktion der Ausländerfeindlichkeit Entsolidarisierung und rassistischer Irrationalismus

Die Menschen in den hochindustrialisierten Ländern, die sich angeblich so gut in den zivilisatorischen Dingen auskennen, zeigen eine erstaunliche Ignoranz gegenüber dem Unglück, der Armut, dem Lebenskampf und der erbärmlichen Existenz von Millionen Mitmenschen, die außerhalb unseres begrenzt gesicherten Daseins dahinvegetieren. Dieser bornierte Gruppenegoismus läßt sich auch nicht aufbrechen, wenn es um Existenzen direkt neben der eigenen Haustür geht. Es sieht so aus, als hätte der Wohlstand des Warenkonsums das Gesichtsfeld eingeengt. Solidaritätsdenken ist längst von einer kollektiven Desensibilisie rung mit erschreckenden Zügen abgelöst worden. Die blutigen, fast infernalischen Schicksalsschläge in der ganzen Welt, die der Durchschnittsbürger täglich am Bildschirm erlebt, haben für ihn nur einen Unterhaltungswert. Umsonst warten wir auf seinen Aufschrei, auf seine Wut, seine kritische Haltung. Für die Ausländer ist die Haltung des Durchschnittsmenschen, des Nachbarn, des Kollegen im Betrieb eine der schlimmsten Formen der Ausländerfeindlichkeit. Sie spüren seine verstärkte Abneigung, erleben seinen Mangel an Solidarität und Mitgefühl und sind betroffen von seiner menschlichen Kontaktarmut. Alle Nationalitäten der Arbeitsimmigration bekla gen sich darüber, wie wenig sie von deutschen Familien eingeladen werden. Die Urlaubserlebnisse im Ausland scheinen wenig bewirkt zu haben. Das plumpe Anmachen von Rassisten ist dann das Tüpfelchen auf dem i. Aber haben wir es nur mit Denkfaulheit und mit einem seit langem ablaufenden Entsolidarisierungsprozeß zu tun? Sicher nicht, die irrationale, latente Angst vor dem Fremden, dem Andersartigen sitzt noch tief in der Seele des modernen Spießbürgers. Diese irrationale Angst erklärt zum Teil sein mental übertriebenes Zugehörigkeits gefühl zu einer bestimmten nationalen Gruppe: den Nährboden für Chauvinismus und Fremdenfeindlichkeit.

Der nächste Schritt, den Fremdenhaß in die-

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sem Land mit dem Nationalsozialismus und der Vergangenheit der Deutschen zu erklären, ist nur zu verständlich. Aber ist denn der Ethnozentrismus und die brutal übertriebene Hervorhebung der nationalen Identität eine Eigen art der Deutschen? Man muß natürlich feststellen, daß es eine kollektive klassenpolitische Aufarbeitung der Vergangenheit nicht gegeben hat. Die Vergangenheitsbewältigung lief entweder auf eine kollektive Schuldzuweisung hinaus oder die Machtübernahme der Faschisten wurde mit einer Naturkatastrophe verglichen. Andere wiederum argumentierten mit der These, die Deutschen hätten den Fremden entweder als Unterwerfer oder als Unterworfenen betrachtet.

Es mag sein, daß in all diesen Erklärungsversuchen ein Körnchen Wahrheit steckt, sie dekken aber nicht die gesellschaftspolitischen Ursachen auf, die die Entstehung der ausländerfeindlichen Gefühle in Gang setzen. Die nationalspezifische Eigenart vermag nur oberflächlich die Phänomene zu beschreiben. In Frank reich und England sind wir mit einem offenen Rassismus konfrontiert, dessen Massivität und Agressivität die Situation in der BRD übertrifft. Selbst die Übergangsgesellschaften der Volksrepubliken im Osten sind gegen diesen Virus nicht gefeit. Die nationale Selbstgefälligkeit im Alltagsleben dort weist die gleichen häßlichen Züge auf. Dem Verfasser geht es nicht darum, die Deutschen in Schutz zu nehmen. Er möchte vielmehr den Übergang von den latenten irrationalen Ängsten des Einzelnen zu den Formierungsprozessen, die politisch relevant werden, aufzeigen. Es wird nicht beabsichtigt, eine allgemein gültige Theorie zu liefern, sondern die Situation in diesem Land zu analysieren.

Die Verschärfung der sozialen Lage im weitesten Sinn ruft den qualitativen Umschlag hervor. Hinter der Dickhäutigkeit des modernen Bürgers, die wir oben kurz skizziert haben, steckt seine Angst, er könnte seinen Lebensstandard verlieren. Die ihm in den Medien vorgeführte Armut in den unterentwickelten Ländern erinnert ihn ständig daran. Mit dem Einbruch der Wirtschaftskrise wird alles in Frage gestellt. Die politischen Organisationen, die er als seine Führung akzeptiert, bieten ihm keinen Ausweg. Die Angst um den Arbeitsplatz, d.h. um die Existenzgrundlage, geht um. Man verlangt von ihm, er soll den Gürtel enger schnallen. Er tut es, weil er keine Widerstandsmöglichkeiten sieht, in der Erwartung, der Spuk werde irgendwann vorübergehen. Doch die soziale Unsicherheit wächst von Tag zu Tag. Die bürgerliche Politik wirft plötzlich mit allen erdenklichen, subtilen Mitteln die Frage auf, daß noch eine andere Gruppe von Menschen in diesem Land lebt, die eigentlich gar nicht dazugehört. Die irrationalen Gefühle, die sich bisher am Stammtisch offenbart hatten, erhalten von oben eine Rechtfertigungsgrundlage, eine „rationale Basis" . Der bürgerliche- Verwaltungsapparat arbeitet nicht offen mit rassistischen Parolen und Mitteln. Im Gegenteil, oft erweckt er den Anschein, als würde er gegen die Fremdenhetze angehen, könnte aber die breite Meinung der Öffentlichkeit nicht überstimmen. Er betreibt die rechtliche und politische Diskriminierung, um vor allem den deutschen Bürgern einzuschärfen, daß die Gruppe der Ausländer nur geduldet wird. Wenn nicht anders möglich, dann geht er mit seiner angeb lichen Machtlosigkeit hausieren : die Verpflichtungen aus der Vergangenheit, die Bindung an Verträge, die Schwäche der Verwaltung etc. Nach dieser Methode wurde die Flüchtlingshetze in den letzten Monaten durchgezogen. Die Hysterie der Boulevardpresseging einher mit der fast mörderischen Kaltblütigkeit der seriösen Massenmedien. Es wurde das Bild einer Masseninvasion von Flüchtlingen heraufbeschworen und der deutsche Staat tat so, als wären ihm die Hände gebunden. Als er dann zuschlug, atmeten die Leute auf!

Es ist eine langfristig angelegte, sehr raffiniert ausgeklügelte Politik. Diese neue Qualität der Ausländerfeindlichkeit läßt sich chronologisch nachvollziehen. Die von der Wende — Regierung angekündigte Verschärfung der Ausländergesetzgebung leitete diese Phase ein. Sie kam nicht über Nacht. Der Anwerbestopp 1973, die Zuzugssperre, die menschenfeindliche Ausländerpolitik der sozialliberalen Koalition hatten ihr den Weg geebnet.

Halten wir fest: Der Haß gegen eine bestimmte soziale Gruppe wird vom Staat und seinen politischen Trägern diktiert und gesteuert. Zwar haben wir es nicht mit einer Massenorganisierung vom faschistischen Schlag zu tun, aber die Spaltung der Lohnabhängigen ist gelungen, die Gefahr der Solidarisierung scheint z. T. gebannt.

Die Logik der bürgerlichen Politik chen Systems, die diese Politik bestimmen, zu- Wir wollen jetzt die Elemente des bürgerlisammenfassen. Im Vordergrund steht die „innere" Logik, nicht die individuellen Bekenntnisse von Parteipolitikern, Verbandssprechern und sonstigen Personen des Machtapparats. Ausgangspunkt war für ihn die Notwendigkeit, dem Binnenarbeitsmarkt ausländische Arbeitskräfte zuzuführen. Durch die soziale, politische und rechtliche Diskriminierung wollte der bundesrepublikanische Staat die Möglichkeit behalten, die Masse der Arbeitsimmigranten entsprechend den Erfordernissen der Arbeitsmarktsteuerung zu manipulieren.Die Rückführbarkeit sollte nicht nur der Entlastung des eigenen Arbeitsmarktes dienen. Ein wesentlicher Aspekt war auch die Abwälzung der sozia len Kosten auf die Heimatländer der Immigranten. Arbeitskräfte, nicht Menschen waren gefragt. Aus diesem Grunde haben Frauen und Kinder der Ausländer aus Nicht - EG - Staaten kein eigenständiges Aufenthaltsrecht. Die verschiedenen bi—, multilateralen und internationalen Verträge setzen diesem Vorhaben bestimmte Grenzen. Für die Disziplinierung dieser Menschen braucht der Apparat ein kompliziertes, juristisches Instrumentarium außerhalb des Rahmens des Grundgesetzes.

Die Ausländergesetzgebung wurde ausgebaut, die Internationale 4,4Millionen Ausländer f991 72400 -11 Der Einwanderer fürchtet sich nicht vor der Kultur des Gastlandes, sondern vor seiner sozia len Ghettoisierung.

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Schwieriger Arbeitsmarkt für Ausländer Arbeitslosenzahl® und Arbeitslosenquote Turken: 93-15,9% insgesamt 260-14,2% onstige 601 38-160% goslawon Griechen 14-118% spanky 7- 91%1 1 Portugesen 3-81% Die bürgerliche Politik bezweckt die rechtliche und politische Ausgrenzung, nicht die Zwangsgermanisierung.

die Ausländerbehörden erhielten den notwendigen Ermessensspielraum, den Arbeitsimmigranten standen keinerlei Rechtsansprüche zu. Es gab allerdings auch gegenläufige Tendenzen. Die menschenunwürdige Behandlung und die rechtliche Unsicherheit riefen Empörung und Kritik hervor. Besonders während der Reformpolitik der SPD - Ära wurden manche Härten in bestimmten Bereichen gemildert. Die rechtliche Gleichstellung im Betriebsverfassungsgesetz hatte eine Signalwirkung. Der Ermessensspielraum der Behörden konnte nicht immer voll ausgeschöpft werden, Proteste von engagierten Bürgern hinderten sie oft daran. Deswegen sah der Zimmermannsche Novellierungsentwurf die Unterstützung der Amtsbefugnisse durch Muß - Paragraphen vor.

Die Reduzierung des Ausländeranteils in konjunkturell schwachen Zeiten innerhalb einer gewissen Größenordnung liegt auch im Interesse der Wirtschaft. Die Zwangsausweisung aller Einwanderer aus der BRD ist allerdings unter den Bedingungen der,, demokratischen" Staatsordnung wahrscheinlich nicht realisierbar — die Verletzung von Staatsverträgen ist nicht nur eine juristische Frage. Heute versuchen die Regierungen die restriktiven Maßnahmen auf EG - Ebene anzugleichen. Doch auch die Lobby des Kapitals verfolgt nicht das Ziel der totalen Rückführung. Die Bedeutung der industriellen Reservearmee, die disziplinierende und entsolidarisierende Funktion des Arbeitslosensockels darf nicht unterschätzt werden. Die Bosse wissen zwar sehr gut, daß der Rausschmiss der ausländischen Kollegen und Kolleginnen keine zusätzlichen Arbeitsplätze für die Deutschen schafft - so einfach funktioniert eine Wirtschaft nicht — , aber der Sündenbock ist gefunden worden.

Der Ausländerpolitik fiel auch eine Vorreiterrolle zu. Die sozialpartnerschaftliche Ideologie ist noch eine Säule des Systems. Ihre Tragfähigkeit hängt aber von dem Glauben der Bürger an die angebliche Neutralität des Staates ab. Der starke Staat muß in diesem Fall beim Ausbau seiner Machtposition behutsam und taktisch vorgehen. Es wäre nicht klug, die Staatsgläubigkeit seiner Bürger aufs Spiel zu setzen. Er nimmt sich zuerst die sozialen Gruppen vor, die sich kaum wehren können und mit denen sich die restliche Gesellschaft nicht solidarisiert. So wird der Abbau von Grundrechten betrieben. Die brutale Verhinderung der Familienzusammenführung liefert ein Paradebeispiel. Der Apparat untergräbt uneinschränkbare Grundrechte und bereitet so den Weg für weitere Verschärfungen vor. Was einmal gegen eine bestimmte soziale Gruppe durchgesetzt wurde, kann später auf die Allgemeinheit ausgeweitet werden.

Eng mit der Vorreiterrolle ist auch die Spaltungspolitik verknüpft. Entsolidarisierungsund Atomisierungsprozesse laufen nicht von selbst ab, sondern müssen von oben geplant und gesteuert werden. Mit Hilfe der schlimmsten Meinungsmanipulation werden Feindbilder geschaffen. Sind einmal die irrationalen Gefühle hochgepäppelt, präsentieren sich die Berufspolitiker als ohnmächtig, um später ihren Maßnahmekatalog als gemäßigte Antwort verkaufen zu können. Nach dem gleichen Muster läuft auch die Hetzkampagne gegen die Flüchtlinge ab. Man beschwört das Unheil einer Invasion von Millionen Menschen aus der Dritten Welt herauf und läßt durchblicken, daß wegen der „freizügigen Handhabung" des Asylrechts nichts unternommen werden könne. Der kleine Mann flippt aus. Die Spaltung in In— und Ausländer ist den bürgerlichen Ideologen wieder einmal gelungen.

Die Diskussion über die Integrationswilligkeit der Ausländer

Als Anfang der 80er Jahre die Verschärfung der Ausländergesetze anstand, eröffneten die bürgerlichen Parteien die Diskussion über die Integrationswilligkeit der Ausländer.Es war ein raffiniert durchdachter Schachzug. Ohne es offen auszusprechen, setzten sie ihre diskrminierende Kampagne fort. Wer nicht integriert ist, bleibt eben ein Fremdkörper. Wer sich anpaßt, der braucht nichts zu befürchten. Also waren nicht die Herrschenden für die soziale Ausgrenzung und Rechtlosigkeit verantwortlich, sondern die Arbeitsimmigranten selbst. Viele Aktivisten vermuteten die Absicht der Zwangsgermanisierung hinter dieser Scheindiskussion. Sie argwöhnten, der deutsche Staat hätte es auf die kulturelle Identität der Einwanderer abgesehen. Doch stimmte überhaupt der Vorwurf der Integrationsunwilligkeit? Für den größten Teil der Arbeitsimmigration ist die BRD zum faktischen Einwanderungsland geworden. Ihre Lebensperspektive ist hier. Sie sind ein Bestandteil dieser Gesellschaft. Ihre Sozialstruktur macht dies deutlich. 1972 lag die Quote der Erwerbstätigkeit von Ausländern bei ca.65%, 1982 betrug sie 49% (bei der einheimischen Bevölkerung betrug sie 43%). Dies allein beweist, daß ein gesellschaftlicher Anpassungsprozess stattgefunden hat. Die ausländischen Kollegen und Kolleginnen haben sich aktiv an allen gewerkschaftlichen Mobilisicrungen beteiligt. Schlägt man heute das Telefonbuch einer Stadt auf, dann stellt man eine wahre Masse von fremdklingenden Namen fest. Dabei geht es um mehr, als um die Anpassung an die Konsumgewohnheiten der deutschen Bevölkerung. Alle diese sozialen Daten belegen den Wunsch dieser Menschen nach mehr Lebensqualität und nach Mitbestimmung.

Ähnliche Erfahrungen machen wir auch in anderen europäischen Ländern. In Schweden wurde das Kommunalwahlrecht 1975 eingeführt. Bei den Kommunalwahlen 1976 lag die Wahlbeteiligung der Ausländer über 60%. Profitiert hat die Sozialdemokratie, während nationale Organisationen kaum Stimmen erhielten. Wie läßt sich das interpretieren? Die Einwanderer möchten ihre nationale und kulturelle Identität nicht verleugnen, wollen aber gleichzeitig die volle rechtliche und politische Gleichstellung mit den Inländern. Das politische Ziel des bürgerlichen Staates heißt nicht Zwangsgermanisierung, sondern Aufrechterhaltung der rechtlichen und politi-

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schen Ausgrenzung. Noch ein schlagender Beweis für diese These: Ein großer Teil der Jugendlichen der dritten Generation ist hier geboren, die BRD ist der Bezugspunkt, Deutsch ihre Muttersprache. Trotzdem verweigert ihnen der deutsche Staat die Einbürgerung. Die Initiativen und Organisationen, die den ersten Widerstand organisierten, haben dies erkannt und formulierten entsprechend die korrekte Forderung: Rechtliche, politische und soziale Gleichstellung mit den Deutschen ohne irgendwelche Vorleistungen und bei Wahrung der nationalen und kulturellen Identität".

Chancen für den Aufbau einer antirassistischen Bewegung

Es ist nicht beabsichtigt, ein komplettes Aufbaukonzept zu präsentieren, sondern einige Betrachtungen anzustellen. Man hat zuerst die Frage zu beantworten, woraus wir die Notwendigkeit einer Protestbewegung ableiten. Die rechtliche und politische Ghettoisierung kann eine soziale Gruppe nicht widerspruchslos über einen längeren Zeitraum hinnehmen. Will sie sich verteidigen, muß sie politischen Widerstand leisten. Sie wird Ausschau nach anderen gesellschaftlichen Bündnispartnern halten und breite Solidarität zu schaffen versuchen. Doch vom Fremdenhaß sind nicht nur die Arbeitsimmigranten betroffen, sondern gleichermaßen auch die Deutschen. Dem Rassismus wird man nicht allein mit einer humanistischen Aufklärungsarbeit beikommen können. Wir kämpfen nicht gegen einzelne engstirnige Individuen, wir haben es mit einer politischen Entwicklung zu tun. Solche Prozesse kann man nicht beliebig stoppen. Das eben verstehen die französische KP und die Basis der deutschen Sozialdemokratie nicht. Alle bei de unternehmen nichts gegen diesen offenen Angriff der Reaktion. Die SPD gibt offen zu, daß sie Angst vor der eigenen Klientel hat; die Gewerkschaften begreifen nicht, daß durch ihre passive Haltung das Bewußtsein der Klassensolidarität langfristig verschüttet wird. In einer Gesellschaft, wo eine Gruppe von Menschen entrechtet und entmündigt ist, müssen die Gewerkschaften auf der Hut sein. Denn sie waren immer die Hauptbetroffenen des Abbaus von demokratischen Rechten. Verzichten sie heute darauf, ihre Mitgliedschaft auf diese Gefahren aufmerksam zu machen, sie zu sensibilisieren und zu mobilisieren, werden sie morgen kaum Abwehrkräfte gegen den nächsten Angriff aufbieten können, der mit Sicher- Gelingt es den Rechtsextremisten in Frank reich, die Ausländer massiv aus dem Land hinauszudrängen, werden sie dann keine Ruhe mehr geben, sondern die Organisationen der arbeitenden Menschen physisch und politisch angreifen und terrorisieren. Wir können zwei Schlußfolgerungen ziehen: Zum einen reichen die juristischen Repressionsmittel für die Disziplinierung der Einwanderer nicht aus. Der bürgerliche Staat greift auf die massive Ausländerfeindlichkeit zurück, um seine Politik durchzusetzen. Allerdings wäre es verkehrt zu behaupten, die bundesrepublikanische Staatsmaschinerie und das deutsche Kapital würden heute auf eine faschistische Bewegung setzen. Ihnen geht es um eine Erstarkung des erzkonservativen Lagers, die Schaffung eines starken Staates und die Regierungsmacht. Zum zweiten läßt sich der totale Hinauswurf von Millionen Einwanderern nicht bewerkstelligen, ohne reaktionäre Massen nach dem faschistischen Muster zu organisieren und zu mobilisieren. Der Aufbau einer antirassistischen Bewegung ist die einzige adäquate politische Antwort, um diese Prozesse zum Stillstand zu bringen. Die Erfahrung der letzten 20 Jahre in der BRD hat auch gezeigt, daß Protestbewegungen entscheidend das politische Klima und das Kräfteverhältnis verändern können.

Die erste größere Mobilisierung formierte sich 1982—83 gegen die angekündigte Verschärfung der Ausländergesetze. Die Aktivitäten gipfelten in einem Marsch durch die BRD, der von dem Frankfurter Appell organisiert wurde. Während der heißen Phase hatte es praktisch eine bundesweite Zusammenarbeit und Koordinierung gegeben. Der Charakter dieser Proteste war defensiv. Es ging darum, jede weitere Verschärfung zu verhindern. Doch der qualitative Unterschied lag darin, daß der Widerstand eine politische Ausdrucksform angenommen hatte. Die Auseinandersetzung mit der gesamten Problematik entfachte die Diskussion über die Lage der Ausländer und die Vorgehensweise. Die aufgestellte zentrale Forderung nach rechtlicher, politischer und sozialer Gleichberechtigung machte den Widerstand im konkreten Fall möglich, cröffnete aber auch die Perspektive nach einer offensiven Fortsetzung des Kampfes. Aus dieser zentralen Lesung des Kampfes ließen sich die politischen Forderungen ableiten. Das Kommunalwahlrecht vermag das am besten zu illustrieren. Wir werden hier nicht darüber diskutieren, ob es korrekt war, diese Forderung aufzustellen. Es handelte sich auf jeden Fall um eine Losung, die die Erweiterung der politischen Rechte zum Ziel hatte und die bald von den Aktivisten aufgegriffen wurde. Wenn man diese Mobilisierung bilanziert, dann wird man nicht von einer Bewegung sprechen können. Die verschiedenen Initiativen, Organisationen, Vereine sind cher mit Stützpunkten einer zukünftigen Bewegung zu vergleichen. Bewegungen lassen sich nicht aus dem Boden stampfen, aber eine gewisse Vor arbeit ist bereits geleistet worden. Die Autonomie der Bewegung ist noch eine Frage, die heute die Gemüter bewegt. Es versteht sich von selbst, daß wir für die Unabhängigkeit und Selbstorganisation eintreten. Wir lehnen jede Art von Ausgrenzungspolitik oder Vereinnahmungstaktik ab. Manche Leute aber verstehen darunter die Autonomie von den Deutschen. Sie erklären die Ausländer zu den Betroffenen und leiten daraus ihr alleiniges * Recht" zu entscheiden und zu handeln ab. Kurzfristig ist tatsächlich der Arbeitsimmigrant der direkt Betroffene. Doch dies ist eine äußerst kurzsichtige Betrachtung. Wir haben gezeigt, daß von der Ausländerfeindlichkeit und dem Rassismus die gesamte Klasse unmittelbar betroffen ist. Deswegen können wir diesem „Autonomie"-Konzept nicht zustimmen. Aber eine solche Forderung ist auch niemals von relevanten Teilen der Arbeitsimmigration erhoben worden! Im Gegenteil, die ausländischen Kollegen und Kolleginnen haben immer das Fernbleiben der Deutschen beklagt.

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Das Buch von Jan Foitzik, Zwischen den Fronten. Zur Politik, Organisation und Funktion linker politischer Kleinorganisationen im Widerstand 1933 bis 1939-40, Bonn 1986, Verlag Neue Gesellschaft versucht eine zusammenfassende und vergleichende Darstellung der linken, Splittergruppen", also all derjenigen Organisationen der deutschen Arbeiterbewegung zu geben, die — trotz aller Unterschiede untereinander - in ,Opposition zu den beiden Hauptströmungen der deutschen Arbeiterbewegung, der SPD und der KPD, entstanden waren. Es handelt sich in diesem Zeitraum dabei um folgende Gruppierungen: die SAP (Sozialistische Arbeiterpar tei), eine Abspaltung von der SPD aus dem Jahre 1931, die die bedeutendste dieser Organisationen wurde; die KPD-Opposition (die rechte Opposition um Heinrich Brandler und August Thalheimer), die linke Opposition (hierunter faßt Foitzik die trotzkistische Bewegung (I), wie sie aus dem Leninbund Ende der 20er Jahre entstand, und die sich ab 1933 Internationale Kommunisten Deutschlands nannte, mit einigen ihrer Abspaltungen zusammen); dann verschiedene Gruppen, die sich am Rande der SPD bildeten, aber nicht zur SAP gegangen waren, nämlich Neu Beginnen, Internationaler Sozialistischer Kampfbund, Revolutionäre Sozialisten Deutschlands und die Roten Kämpfer. Bine Sonderstellung auf Grund ihrer Herkunft und politisch-programmatischen Ausrichtung nahmen die Anarchosyndikalisten ein. Das Schicksal dieser Gruppen wird nun von ihrer Entstehung am Ende der Weimarer Republik bis zum Kriegsbeginn 1939 verfolgt. Den Hauptteil stellt natürlich die Beschreibung der Widerstandstätigkeit im „Reich"und der Situation der Exilgruppen dar. Dabei wird deutlich , daß sich das Schwergewicht sehr schnell ins Exil verlagerte. Dort wurden denn bald auch die strategischen Diskussionen geführt und von dort die Widerstandstätigkeit angeleitet. Auf jeden Fall gelang es all diesen Gruppen in oft erstaunlicher Weise, eine illegale Tätigkeit trotz. intensiven Gestapo—-Terrors zu entfalten Was aber sehr schnell unmöglich wurde, war die Aufrechterhaltung einer untereinander in Verbindung stehenden Organisation im Inland Die einzelnen lokalen Gruppen mußten sich auf die Auslandsleitungen hin orientieren. Je Bücherkiste