Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Südafrika

Debatten um die Freiheitscharta

· Inprekorr Nr. 190, Februar 1987 · S. 35-41 · 6.584 Wörter

Südafrika Gewerkschaften und Streiks Faschismus und Rassismus

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Debatteumdie Freiheitscharta

In den letzten Jahren sind in Südafrika Wenn auch auf Massenebene die unmit eine Reihe unabhängiger Zeitschriften telbare politische Wirkung dieser Art erschienen, die schwerpunktmäßig über von öffentlicher Diskussion begrenzt die Aktivitäten der Massenbewegung bleibt, so ist es trotzdem interessant, die gegen die Apartheid und besonders über Gedanken und die Argumentationsweidie der unabhängigen schwarzen Ge- se aufmerksam zu studieren, um besser werkschaftsbewegung berichten. Diese zu begreifen, was heute in diesem Land unabhängige Presse ist Zeugnis des En- vorgeht. gagements einer Strömung radikaler Intellektueller und zugleich ein Forum für politische Diskussionen über die Proble- Peter Blumer me, denen die Massenbewegung gegenübersteht. In zwei dieser Zeitschriften, Die Diskussion, auf die wir uns bezicder Work in Progress und im South Afri- hen, hat im wesentlichen die Form einer can Labour Bulletin, hat sich kürzlich Kontroverse um den aktuellen Stelleneine Debatte über die spezifische Rolle wert, die Funktion und den sozialen Inder Arbeiterbewegung im Kampt gegen halt der Freiheitscharta' angenommen. die Apartheid und für den Sozialismus Dieses Dokument, das 1955 verabschieentwickelt. det wurde, ist seitdem die wichtigste Das Interesse an dieser Diskussion geht programmatische Grundlage des ANC weit über den Kreis der direkt Beteilig (African National Congress — Afrikaniten hinaus. Letztere sind imaligemeinen scher Nationalkongrels). Von ihm leitet Intellektuelle, die in der Gewerkschafts- sich auch der Name der „Chartisten"bewegung oder an ihrem Rand mitarbei- Strömung ab, die in der Massenbeweten oder auf seiten der Massenbewegung gung gegen die Apartheid aktiv ist. Ihr engagiert sınd. Die einen wie die anderen gehören die größte Gruppe in der „ Verbringen Ansichten zum Ausdruck, die einigten demokratischen Front" (UDF die politischen Standpunkte der Mas- - United Democratic Front) und einige senbewegung ziemlich getreu widerspie Mitgliedsgewerkschaften des „Kongresgeln. Die Zeitschriften, die diese Artikel ses der südafrikanischen Gewerkschafveröffentlichen, haben jeweils Hunderte ten" (Congress of South African Trade von Lesern unter kämpferischen Aktivi- Unions - COSATU) an. sten, Gewerkschaftsführern und Ver- Die Initiatoren und Förderer der Freiantwortlichen verschiedener Vereini- beitscharta betonen im allgemeinen ihre gungen lokaler Gemeinschaften. Nützlichkeit für zwei Ziele: einerseits als Instrument der Zentralisierung der demokratischen und nationalen Forderungen des Volkes, da sie eine unmittelbare Basis für die Vereinheitlichung der Mobilisierung aller politischen und sozialen Bestandteile der Massenbewegung biete; andererseits als konzentrierte Zusammenfassung der wichtig sten \. Snahmen, die ein Regime ergreifen mülste, dasdicaktuellen Machthaber ablöst.

Jenseits der engeren Diskussion über den Charakter der Forderungen, die in der Charta enthalten sind, zeigt sich, dats einige ihrer Gegner die Freiheitscharta grundsätzlich anders beurteilen als ihre Befürworter. Ihre Orientierung wird oft als "nationalistisch" oder „populistisch" bezeichnet, im Gegensatz zu einer Orientierung, die sich mehr der Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse annimmt.

Kritik an der Freiheitscharta

Unter allen von den Kritikern dieses Dokuments vorgebrachten Argumenten lassen sich grob einige Gemeinsamkeiten herausstellen. Zuallererst bestehen sie auf demgeschichtlich überholten Charakter des Dokuments. das von 1955 stammt. Seither hat es wichtige ökonomische und soziale Veränderungen im Land und eine Entwicklung in der Zusammensetzung der Massenbewegung

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Südafrika selbst gegeben. Die Kritikermerken z.B. an, daß die Freibeitscharta das außergewöhnlich starke Anwachsen des schwarzen Proletariats in den letzten Jahrzehnten nicht berücksichtigen konnte, aus dem sich in den 70er Jahren in Form der großen Industriegewerkschaften eine neue Arbeiterbewegung gebildet hat. Sie machen völlig zu Recht daraut autmerksam, daß jedes demokratische Programm heute den Arbeiterforderungen, die von der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung getragen werden, einen zentralen Stellenwert einräumen muß — was in der Freiheitscharta nicht ausdrücklich der Fall ist.

Im übrigen muß man anerkennen, daf diese Arbeiterforderungen bei den jüngsten Aktionseinheiten auch völlig berücksichtigt wurden. Als z.B. Anfang Oktober die UDF, die COSATU und das , Nationalkomitee zur Krise im Erziehungswesen" (National Education Crisis Committee - NECC) eine gemeinsame nationale Kampagne gegen die Apartheid und den Ausnahmezustand organisierten, taten sie dies auf der Grundlage einer Zehn-Punkte-Plattform, in der neben den allgemeinen demokratischen Forderungen wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit auch gewerkschaftliche Forderungen auftauchten wie z.B. die nach anständiger Bezahlung für alle Arbeiter, nach einem angemessenen System sozialer Sicherheit und nach dem Streikrecht. Wenn die zehn Punkte, um die die Kampagne geführt wird, zeigen, daß es einen wirklichen Konsens gibt - man kann nämlich den Beitrag jeder einzelnen der drei Strömungen, die den Appell initiiert haben, darin wiedererkennen -, dann muß man gleichermaßen die Rolle der Arbeiterforderungen in dieser Plattform hervorheben. Sie ergibt sich unmittelbar aus der Rolle, die heute die organisierte Arbeiterklasse - besonders die COSATU - im Kampf und für die Entwicklung der Einheit der Bewegung spielt.

Der Standpunkt der Kritiker der Freiheitscharta läßt sich also auf die Formel von einem ihrer Vertreter, Duncan Innes, bringen: „Eine proletarische Sicht der Zukunft erfordert mehr, als die Charta vorschlägt."

In den Augen der Mehrzahl ihrer Kritiker verfolgt die Charta — ganz im Sinne der nationalistischen Tradition - vor allem das Ziel, die breitestmögliche Einheit zu verwirklichen, ohne sich groß um die Verteidigung der langfristigen Interessen der am meisten ausgebeuteten Massen, nämlich der schwarzen Arbeiter, zu sorgen. Das führe unvermeidlich 36 INPREKORR 190 zu einem „Populismus", der den Befreiungskampf in eine Sackgasse steuern werde. Nach ihrer Auffassung muß ab sofort die Frage nach den künftigen Veränderungen der Gesellschaft gestellt werden. Und dazu sei es nötig, den Schwerpunkt auf die Forderungen der Arbeiterbewegung zu legen.

Wenn man dem Kampf der Massen diese Ziele setzt, beantwortet man dadurch in gewisser Weise auch die Frage nach den Klassenbündnissen innerhalb der Massenbewegung. Und genau da setzt einer der Hauptkritikpunkte an der Charta an. Der Arbeiterklasse müsse eindeutig die Hegemonie über die gesellschaftlichen Kräfte zugewiesen werden. Indem die Freiheitscharta den kleinsten gemeinsamen Nenner für die Gesamtheit der Klassen und unterdrückten Schichten suche, begünstige sie jedoch die Hegemonie der kleinbürgerlichen Sektoren über die Massenbewegung. Zur Stützung dieser These werden oft zwei Dinge angeführt: einerseits der klassenübergreifende Charakter der UDF und die kleinbürgerliche soziale Zusammensetzung ihrer Führung; andererseits die äu- Berst opportunistische Haltung gewisser Schichten des Kleinbürgertums und der schwarzen Bourgeoisie, die unter dem Deckmantel dieser Form der Einheit gegen die Apartheid aus der Massenbewegung Nutzen für ihre eigenen ökonomischen Interessen zieht. So hat, meinen manche, der Boykott der Geschäfte der Weißen den schwarzen Händlern gute Geschäfte gebracht. Diese Argumentation unterzieht zu ihrer Unterstützung den sozialen Inhalt der Maßnahmen, die die Charta vorschlägt, einer kritischen Analyse. Kontrovers diskutiert werden u.a. die Nationalisierungen, die von der Charta gefordert werden. Der Charta wird die vage Formulierung vorgeworfen; die Frage nach der Arbeiterkontrolle und dem Charakter des Staats, der eine solche Nationalisierung bewerkstelligen müßte, werde gar nicht aufgeworfen. Duncan Innes sagt hierzu: „Die Interessen der Arbeiter können nur gewahrt werden, wenn die Nationalisierung mit der demokratischen Kontrolle der Arbeiter über die nationalisierte Industrie gekoppelt ist." Schließlich werde die Charta die Massenbewegung nicht auf den Weg zum Kampf für den Sozialismus bringen.

Keiner dieser Autoren kritisiert indessen am Programm des ANC, es sei nur ein demokratisches Minimalprogramm. Sie sind sich der Notwendigkeit eines Programms, das die demokratischen und nationalen Forderungen der Massen zusammenfaßt, durchaus bewußt. Aber ihrer Einschätzung nach läuft die generelle Orientierung der Charta faktisch auf klassenübergreifende Bündnisse und auf das Ziel einer nationalen und demokratischen Revolution hinaus - ohne Garantie für eine entscheidende Verbesserung des Schicksals und der Stellung der ausgebeuteten Massen in der zukünftigen Gesellschaft.

Bei dieser Debatte geht es also um den realen Platz, den die schwarze Arbeiterbewegung im Emanzipationskampf einnehmen soll. Geht es dabei nur um die einfache Berücksichtigung der Arbeiterforderungen im Rahmen eines revolutionär-demokratischen Programms? Oder kommt es eher darauf an, der Arbeiterklasse eine soziale Hegemonie und politische Führung in der gesamten Bewegung zuzusprechen? Das ist die Frage in dieser Diskussion. Diese kommt nicht aus dem Nichts. Sie hat ihre Wurzeln in den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten zehn Jahre und in dem spektakulären Aufschwung der Gewerkschaftsbewegung.

Die Rolle der Arbeiterklasse im Massenkampt

Ein neuer Typ der südafrikanischen Arbeiterbewegung ist in der letzten Zeit entstanden. Deren Aktivitäten bilden den Hintergrund dieser Diskussion. Aber ihr politischer Ausdruck bleibt noch auf den Rahmen der gewerkschaftlichen Aktivität beschränkt. Die Führungen der Gewerkschaften haben in der ersten Zeit bewußt den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten auf ihre Verankerung in den Betrieben gelegt, um ihre Organisationen durch Erfolge in Kämpfen um elementare und unmittelbare Forderungen zu festigen. Sie mußten auch auf die Wahrung der Demokratie in der Gewerkschaftsbewegung achten. So sind in den wichtigsten Industriezweigen große Einheitsgewerkschaften entstanden, deren Struktur aus einem Netz von betrieblich gewählten Vertrauensleuten besteht, die sich im gewerkschaftlichen Kampf bewährt haben.

In diesem Stadium ihrer Entwicklung trat die neue Arbeiterbewegung auf der im eigentlichen Sinne politischen Ebene nur vermittelt über die Aktivitäten der Gewerkschaften in gemeinsamen Kampagnen mit den lokalen Gemeindeverbänden auf, durch zahlreiche Erklärungen, Interviews, Resolutionen auf Gewerkschaftsversammlungen und in ihrer Presse, und durch die Rolle, die einige ihrer Mitglieder in den townships spielen. In diesen Zusammenhang gehören auch die Anstrengungen, die nach innen für die Schulung der aktiven Gewerkschafter geleistet wurden.

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Der Kern der Arbeiter-Avantgarde hat Südafrika

AFL-CIO finanziert Spaltergewerkschaften sich aus der Gewerkschaftsbewegung heraus gebildet. Bis in die Gegenwart hinein wurde das Klassenbewußtsein der Ein Bericht des von der US-Gewerkschaft AFL-CIO eingerichteten fortgeschrittensten Teile der Arbeiterin African American Labor Center (Zentrum für afrikanisch-amerikanische diesem Schmelztiegel entwickelt. Man Gewerkschaften - AAL.C) an die US-Agenturfür Internationale Entwickkann sich fragen, ob ein anderer Weg lung (US-Agency for International Development) zeigt, daf die AFLmöglich gewesen wäre, und ob die Arbei- CIO in Tätigkeiten engagiert ist, die das Ziel verfolgen, den Prozeß der ter-Avantgarde sich auch direkt einen Herausbildung von Einheitsgewerkschaften, wie er vor allem von der neu Ausdruck unmittelbar in Form von gut gegründeten COSA TU angestrebt wird, zu blockieren. Zudiesem Zweck verankerten politischen Arbeiterorganiunterstützt die AFL-CIO finanziell vor allem solche Gewerkschaften in sationen hätte verschaffen können. Das Südafrika, die die Spaltung von einer kämpferischen und demokratischen erscheint jedoch wenig wahrscheinlich angesichts der noch jungen Geschichte Ein Beispiel dafür ist die Metallarbeitergewerkschaft United Metal and der Arbeiterbewegung und der Beson- Allied Workers Union of South Africa (UMA WUSA). Diese setzt sich aus derheiten ihrer Entwicklung.

An dieser Stelle ist es sinnvoll, den aktu- U-Mitglied in COSATU) zusammen, die wegen undemokratischer Prakellen Stand der Diskussion in der Getiken und Mißbrauchs gewerkschaftlichen Vermögens aus der MAWU werkschaftsbewegung über die Frage ausgeschlossen worden waren. Die AALC brüstet sich damit, durch ihre wiederzugeben, welchen Platz die Ar- Hilfe habe sich die Spaltergewerkschaft stabilisieren können, ihre Mitgliebeiterforderungen im Kampf einnehder halten und einen nationalen Kongreß abhalten können. Heute stellt men sollen. Geben wir dazu das Wort an die UMAWUSA vor allem ein Hindernis für die Organisierung einer Maxwell Xulu, den Präsidenten der Memächtigen Industriegewerkschaft in der Eisen-, Stahl- und Maschinenbautallarbeitergewerkschaft MAWU (Metal and Allied Workers Union), die der Im Bergbau unterstützt die AALC die African Miners and Allied Workers COSATU angeschlossen ist. In einem Union (AMA WU). Sie richtet sich gegen die mächtige, der COSATU Interview mit seiner Gewerkschaftszeiangehörende National Union of Mineworkers, die mehr als 125.000 Mittung Umbiko we Mawn im September glieder zählt. Als die AMAWU gegründet wurde, hatte sie gerade 300 1986 erklärt er: „Es ist schon lange her, Mitglieder. Mit Hilfe der AALC konnte sie ihre Mitgliederzahlauf 15.000 daß die Leute sagten, wir brauchten kein steigern. In ähnlicher Weise unterstützt die AALC kleine Spaltergewerk- Arbeiterprogramm, da wir ja eine Freischaften in der Auto-, Nahrungsmittel-, chemischen Industrie und auf beitscharta hatten. Nun gut, alles, was ich dazu sagen will, ist, daß die Freibeitscharta vor nunmehr dreißig Jahren ausgearbeitet wurde. Seitdem haben sich In den letzten beiden Monaten hat es mehrfach Berichte gegeben, die viele Dinge geändert. Jetzt haben wir AALC wolle einen neugegründeten rechten Gewerkschaftsverband in Südafrika finanziell unterstützen, die United Workers Union of South eine sehr bedeutende, hochentwickelte Africa (UWUSA), die von Zulu-Chef Gathsa Buthelezi als Gegengewicht Arbeiterklasse. Auch haben wir große zur COSATU gegründet wurde. Buthelezis Ziel ist, die schwarzen Arbei- Unternehmensgruppen — Monopolkapitalisten wie die Anglo-American Corter entlang ethnischer Linien aufzusplittern, und diesem Ziel steht der poration, Barlow Rand usw. So gibt es Gedanke der Einheitsgewerkschaft im Weg. Vorsitzender der UWUSA ist übrigens ein Unternehmer. Dem Bericht zufolge hat die AALC 1985 auch Tausende von gewerkschaftlich or- 359.486 Dollar zur finanziellen Unterstützung schwarzer Gewerkschafganisierten Arbeitern. Sie treiben die ten ausgegeben, davon 110.406 S für „Ausrüstung und Unterstützung" Stärkung der Arbeiterklasse voran. Ein entsprechendes Arbeiterprogramm ist 249.080 SfürSchulungszwecke. Fürsich genommen mögendiese Summen nicht sehr hoch sein, aber gemessen an der Finanzkraft der übrigen ein großer Schritt nach vorn im Kampf. südafrikanischen Gewerkschaften ist das viel Geld. Es wird auch darüber etwas sagen, welchen Typ von Gesellschaft die Arbeiter Die COSATU hat nun beschlossen, kein Geld mehr von der AFL-CIO nach der Abschaffung der Apartheid anzunehmen. Sie will direkte Beziehungen zu einzelnen US-amerikaniwollen."

Die beschränkte politische Artikulation der südafrikanischen Arbeiterbewegung setzt jedoch auch der politischen Debatte gewisse Grenzen. Im heutigen Südafrika läßt sich die Arbeiterklasse im weiteren Sinne nicht auf das Industrieproletariat reduzieren, das in den Unternehmen tatsächlich beschäftigt ist und das Rückgrat der unabhängigen schwarzen Gewerkschaftsbewegung bildet. Ein großer Teil der Bevölkerung in den townships (arbeitslose Frauen, Jugendliche), deren sozialer Status sehr unsicher ist, ist dem Proletariat weitgehend vergleichbar. Wenn diese Menschen überhaupt organisiert sind, dann sind sie es überwiegend in den zahlreichen Gemeindeverbänden, die zu ihren Wohngebieten gehören.

Die Einheit all dieser Bestandteile des Proletariats kann nicht allein durch eine Verlängerung der gewerkschaftlichen Aktivität in die townships hinein hergestellt werden — wie wichtig eine solche auch immer sein mag. Sie wirft objektiv das Problem nach einer dauerhaften und (aus: Labor Notes, Dezember 1986) strukturierten Beziehung zwischen der Gewerkschaftsbewegung und den Gemeinden auf, die zwei sich gegenseitig ergänzende Formen der Organisation der Massen bilden. Die Verwirklichung der Einheit des Proletariats erfordert also, sich über Einzelheiten der Forderungen und Organisationstormen Klarheit zu verschatten, so dais eine Brücke zwischen der Gewerkschaftsbewegung

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Südafrika und den Verbänden in den townships gespannt werden kann. Das zwingt die Gewerkschaftsbewegung, in ihr Programm Forderungen aufzunehmen, die nicht nur auf die Industriearbeiterschaft gemunzt sind. Das ist übrigens ein Anliegen der COSATU, die sich fur die Organisierung der Arbeitslosen, Landarbeiter und Hausangestellteneinsetzen will.

Die Forderung nach Hegemonie des Proletariats kann nicht eingelöst werden durch isoliertes Handeln des Industrieproletariats, das jetzt gerade in den Gewerkschaften organisiert ist, selbst wenn dieser Teil in gewisser Weise die Avantgarde darstellt.

Ein anderes Problem besteht in den Besonderheiten der gewerkschaftlichen Organisierung heute. Denn die Gewerkschaften können bis zu emem gewissen Punkt besonderen, auch politischen Forderungen der Arbeiterklasse Ausdruck verschaffen, doch es fällt ihnen — schon von ihrem Charakter und ihrer Art der Rekrutierung her — viel schwerer, jederzeit und überall wirklich die Rolle der politischen Führung im Kampf zu übernehmen. Das hat sich besonders in einigen townsbips herausgestellt, wo es eine Ungleichzeitigkeit zwischendem Bewußtseinsniveau, den Aufgaben und den für verschiedene Teile der Bevölkerung unterschiedlichen Aktionsmethoden gibt.

Verteidigung der Charta

Alle, die in dieser Diskussion die Freiheitscharta verteidigt haben, reklamierten gleichzeitig fürsichdie Berücksichtigung der besonderen Interessen der Arbeiterklasse. Hugh McLean z.B. will die Charta verstanden wissen „als eine Reihe von Minimalforderungen der südafrikanischen Arbeiterklasse, Grundlagen für die Ausarbeitung eines sozialistischen Programms liefern". Die meisten sind der Auffassung, daß die gegen die Charta vorgebrachten Kritiken die unmittelbaren Forderungen der Massen, die sich auf das Wohnen, den Unterricht und die Kultur beziehen, unterbewerten. Der Vorwurf scheint jedoch kaum begründet, wenn man sieht, welcher Platz diesen elementaren Forderungen im Programm der COSATU eingeräumt wird, auf das sich die Kritiker der Charta allesamt meinen berufen zu können.

In Wirklichkeit liegt das Hauptargument, das zur Verteidigung der Charta vorgebracht wird, in der Definition der Arbeiter- und Massenbewegung. Demnach wäre es falsch und ouvrieristisch zu sagen, daß die Massenbewegung heute eine populistische Bewegung 38 INPREKORR 190 ist, die vom schwarzen Kleinbürgertum angeführt wird. McLean erklärt aus seiner Sicht: „Diese Klassen müssen für die Massenbewegung gewonnen werden durch ein sozialistisches Programm, das ihr Recht, das Land zu bearbeiten, Kleinhandel und Industrie zu betreiben, garantieren wird." Und Jeremy Cronin ergänzt: „Der Ouvrierismus will, wiewohl er sich korrekterweise auf die führende Rolle der Arbeiterklasse beruft, nicht sehen, daß diese Rolle an allen Fronten des Kampfes und nicht nur in den reinen Arbeiterfragen, die an den Arbeitsplatz gebunden sind, übernommen werden muß."

Aber wenn die Differenzen im wesentlichen auf dieser Ebene liegen, wie kann man es dann verstehen - wenn man die Charta verteidigt —, daß dieses Dokument keinen Hinweis auf den sozialen Charakter der durchzuführenden Natonalisierungen und des zukünftigen Staats gibt, der ja in den nationalisierten Betrieben Unternehmerfunktionen wahrnehmen muß: Auf diese Kritik antwortet McLean: „In ihren Augen macht diese Lücke ebenso wie andere Schwachpunkte, die sie für entscheidend halten, das Dokument zweifelhaft. Die große Mehrzahl ihrer Kritikpunkte beschäf tigt sich mit den Teilen, die sie für unvollständig oder — gemessen an ihrer eigenen Vorstellung von der neuen Gesellschaft — für zukurzgegriffenhalten. Doch es gibt viele Forderungen, die in der Charta nicht aufgestellt werden: sie fordert weder den Stop der rechtlichen und gesellschaftlichen Diskriminierung der Homosexuellen, noch den Stop der Umweltverschmutzung noch ein Ende der Kernenergie. Es gibt auch viele Einzelheiten über den Charakter der zukünftigen Gesellschaft, die in der Charta fehlen. Das liegt daran, daß die Charta keine Doktorarbeit und auch kein Programm der Gesellschaftsveränderung ist. Die Charta stellt eme Reihe von Mindestforderungen auf, die ihre Wurzeln in den Bedürfnissen und Erwartungen der Arbeiterklasse haben. ... Die Formulierungen der Charta folgen nicht einer strengen sozialistischen Rhetorik, aber die Unterstützung der Arbeiterforderungen und deren Verteidigung durch die Massenbewegung machen aus der Freiheitscharta eine unentbehrliche Grundlage für den Aufbau des Sozialismus."

Von diesem Standpunkt aus betrachtet hieße es, der Charta unrecht zu tun, wenn man ihr vorwirft, sie sei ein verschwommenes und strikt nationalistisches Programm. Eine solche Kritik wäre zutiefst sektiererisch und würde zur Isolierung in der Massenbewegung führen. Sie verbaute den Blick dafür, dafs durch dies demokratische Vorgehen die unterdrückten kleinbürgerlichen Schichten für den Kampf ander Seite der Arbeiter gewonnen werden können. Entgegen der Analyse einiger hätte z.B. der Boykott weißser Geschäfte deutlichgemacht, dals die schwarzen Händler in die Bewegung hineingezogen und davon überzeugt werden konnten, daß sie diese nicht zur Erhöhung ihrer Preise in den townships ausnützen durften. Die so propagierte Einheit begründet sich aus der Annahme gleichgerichteter politischer und wirtschaftlicher Interessen wie aus den Äußerungen von Jeremy Cronin hervorgeht, wenn er sagt: ,Es muß angemerkt werden, daß die gemeinsamen Interessen im Rahmen einer Multi-Klassen-Allianz des Volkes nicht alle politisch, und die auseinanderlaufenden Interessen nicht alle ökonomisch sind. Wenn z.B. in Südafrika die unterdrückten schwarzen Händler und die schwarzen Arbeiter gemeinsame politische Interessen haben (die Abschaffung der nach Rassen getrennten Wohngebiete, der Paß-Gesetze usw.), dann haben sie auch gewisse ökonomische Interessen gemeinsam (den Kampf gegen die Herrschaft der Monopole z.B.).

Diese breite Einheitsbewegung, die sich auf der Grundlage der Charta sammelt, würde trotz allem von der Arbeiterklasse hegemonisiert, sie könnte Organe der Massenkontrolle aufbauen und die Machtfrage stellen.

Doch wenn auch die Verteidiger der Freiheitscharta sich allesamt auf die faktische Hegemonie der Arbeiterklasse über die Massenbewegung berufen, so präzisiert doch keiner von ihnen den politischen Inhalt und die konkreten organisatorischen Modalitäten, nach denen diese Hegemonie verwirklicht werden soll.

Welche Einheitsfront?

Ohne Zweifel sind diejenigen, die in Südafrika die Notwendigkeit einer Einheit aller Unterdrückten im Kampf nicht sehen wollen, eine kleine Minderheit. Aber die Frage, die sich im allgemeinen dabei stellt, ist die nach dem politischen Inhalt dieses Bündnisses und nach seiner organisatorischen Form. Zwei Anhänger der Charta, Tony Karon und Max Ozinsky, werfen ihren Opponenten vor, sie würden nicht verstehen, daß „die Einheit im Kampf sich nicht auf wechselseitig anerkannte Konzepte gründet, und auch nicht auf ein beidseits akzeptiertes Programm für den Wiederaufbau. Sie hängt vom Willen der verschiedenen Organisationen ab, auf dem gleichen Feld zusammen zu kämpfen, um trotz der programmatischen und

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konzeptionellen Differenzen gemeinsame Ziele zu erreichen." Ihrer Meinung nach darf man Programmfragen nicht „allein in bezugzur Aufgabedes Wiederaufbaus einer Gesellschaft sehen, die schon von der Herrschaft der Minderheit befreit ist". Sonst vergißt man dabei, „sich den zugleich programmatiwete den deck trie deren nier: reicht werden kann. Nach Meinung dieser Autoren verstehen die Kritiker der Charta nicht die Bedeutung eines breiten demokratischen Kampfes, der alle sozialen Kräfte einschließt, die an der nationalen Befreiung interessiert sind. Im übrigen würde die Charta — so Karon und Ozinsky die unmittelbaren Forderungen der Arbeiterklasse umfassen. Ohne an sich ein sozialistisches Programm zu sein, stelle sie nichtsdestoweniger die programmatische Basis einer Etappe auf dem Weg zum Sozialismus dar.

Als Antwort auf die kritische Analyse der Gründe für den Mißerfolg der Kämpfe in anderen Gegenden der Welt (spanischer Bürgerkrieg, das Chile Allendes) erklären die beiden Autoren: Zwar hat es einige Beispiele für Volksfronten gegeben, die zu einer Niederlage geführt haben, es hat aber noch nie ein Beispiel für einen Sieg der Arbeiterklasse gegeben, die keine Bündnisse mit den Massen geschlossen hat. " Umihre Aussagen zu stützen, zögern sie nicht, die Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung auf ihre Weise umzuschreiben. So behaupten sie bezogen auf das republikanische Spanien: „ Wenn die Arbeiterklasse die Volksfront aufgegeben hätte und zur Durchführung eines sozialistischen Programms übergegangen wäre, dann hätte das den Zusammenbruch der Republik um einige Jahre beschleunigt. Die Verteidigung der Republik war die unmittelbarste und lebenswichtigste Aufgabe des spanischen Proletariats." Bezüglich der chilenischen Erfahrung unter der Präsidentschaft Allendes merken sie an: „Die mehr oder weniger zufälligen und ökonomisch unbedeutenden Besetzungen kleiner Betriebe wurden von den Ultralinken bevorzugt, die mit dem Rhythmus der Nationalisierungen der Regierung der Unidad Popular unzufrieden war. Das hat indirekt dazu beigetragen, daß das Kleinbürgertum zur Unidad Podie Une Distang ta die imperialisa. sche Intervention im Lande selbst verstärkt."

Trotz diesem gegen die Linke gerichteten Glaubensbekenntnis machen die beiden Autoren nichtsdestoweniger eine wichtige Bemerkung über die Führung des Kampfes in Südafrika, wenn sie schreiben: ,Davon zu sprechen, daß die Arbeiterklasse in ihrem Kampf notwendigerweise Verbündete suchen muß, heißt anzuerkennen, daß diese Verbündeten, auch wenn sie einige Interessen der Arbeiterklasse teilen, dennoch bedeutende Unterschiede in ihrem Verhalten zeigen. Die Arbeiterklasse sucht sich diese Verbündeten, weil sie auf sich allein gestellt unfähig ist, die Aufgaben zu erfüllen, die für ihr Weiterkommen wichtig sind. Wenn wir akzeptieren, daß die Einheit unter den verschiedenen Klassen im nationalen demokratischen Kampf nicht eine Identität der Interessen bedeutet, wie können wir dann behaupten, diese Einheit müsse auf dem vollständigen Programm der Arbeiterklasse basieren?"

Aber gerade weil es keine absolute Interessenidentität zwischen den verschiedenen unterdrückten sozialen Klassen gibt; aus denen sich die kämpferische Bewegung gegen das Regime zusammensetzt, beitung eines nationalen demokratischen Programms, das der Gesamtheit dieser Bewegung gemeinsam ist, die Formulierung eines revolutionären Arbeiterprogramms darüber hinaus nicht aus. Auch macht die Suche nach gesellschaftlichen Verbündeten in den alltäglichen Kämpfen die Schattung einer Arbeiteravantgarde, die für den Sozialismus kämpft, deswegen nicht übertlüssig. Sind das nicht wesentliche Elemente zur Stärkung der Rolle der Arbeiterklasse in der Massenbewegung, auf die sich doch alle Diskussionsbeteiligten in der einen oder anderen Form berufen?

Nationalbewußtsein und Klassenbewußtsein

Es ist leicht, die Gründe zu verstehen, derentwegen diese ganze Diskussion um die Freiheitscharta und ihr Verständnis kreist. Weil der ANC in Südafrika verboten ist, tritt er vorwiegend in der Form einer sehr breiten Volksbewegung auf, die sich unter dem Zeichen der Charta zusammengeschlossen hat. Besonders die UDF ist auf dieser Basis Ausdruck dafür, daß ein Teil der Gemeindeorganisationen zum Programm des ANC steht.

Die Verteidiger dieses Programms verkennen nicht — manchmal unterstreichen sie es sogar —, daß die Charta mindestens den Mangel hat: vor mehrals dreißig Jahren geschrieben worden zu sein. Man könnte an ihr eventuell die allgemeine Methode verteidigen, aber es ist schwer, heute zu sagen, daß jede ihrer Aussagen den aktuellen Bedürfnissen des Volkes entspricht. Nur ein Beispiel dazu: die gegenwärtige Entwicklung des Südafrika

Kapitalismus in Südafrika macht die Realisierung ökonomischer Maßnahmen, die von der Charta selbst vorgesehen waren, sehr viel schwieriger. Aber wenn die Charta ein veraltetes Programm ist, wie erklärt sich dann die unverbrüchliche Anhänglichkeit, die ihm der ANC und ein großer Teil der Volksbewegung entgegenbringen? Um das zu verstehen, muls man berücksichtigen, dats dies Dokument eine Funktion hat die über seinen unmittelbaren Inhalt hinausgeht, denn es symbolisiert die Legitimität und die historische Kontinuität des ANC.

Die Charta ist Ausdruck der Geschichte der Kämpfe der fünfziger Jahre und der Rückschläge der sechziger Jahre. Sie heute als ein Symbol zu benutzen, bedeutet für den ANC, seine Kontinuität und seine Legitimität in der Massenbewegung zu betonen. Die Charta als ,natürliches Programm" würde also implizit eine spontane natürliche Hegemonie des ANC in allen kämpfenden Sektoren ausdrücken. Aber die hier zitierten Autoren, die die Freiheitscharta verteidigen, tun das, indem sie die besondre Rolle der Arbeiterklasse beschwören und damit also die sozialen Veränderungen im Land anerkennen. Damit setzen sie sich ungewollt dem Einwand aus: warum sollte es also nicht eine breite öffentliche, gemeinsame und auf Massenebene stattfindende Debatte geben, um die Charta zu verbessern? Warum schlagen sie nicht — etwa nach dem Vorbild des Kongresses, der 1955 die Billigung der Charta zum Gegenstand hatte — die Abhaltung eines neuen „Volkskongresses" unter Beteiligung der Gewerkschaften und der gesellschaftlichen Massenbewegungen vor mit dem Ziel, die Charta neu zu überarbeiten? Es ist offensichtlich, daß eine Diskussion über die Aktualisierung des demokratischen Programms — die notwendig wäre, um die Aktionen der Massenbewegung heute zu zentralisieren den Weg für neue und inhaltliche Debatten öffnen würde. Dies wiederum wäre eine einmalige Gelegenheit zur weiteren Politisierung der Massen, zu einer öffentlichen Übung in Sachen Arbeiterdemokratie und zur demokratischen Gegenüberstellung der unterschiedlichen politischen Standpunkte.

witt vor allem zwei neue Proberme ant, die in den fünfziger Jahren vielleicht ignoriert werden konnten, die aber heute nicht mehr zu umgehen sind und gründlich diskutiert werden müssen. Das erste ist die Frage nach dem Stellenwert, den die Arbeiterkontrolle über die industrielle Produktion und über die ökonomischen und sozialen Entschei-

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- Südafrika dungen einnehmen soll . Das zweite betrifft die Rolle der arbeitenden Klassen bei der Herausbildung des Nationalbewußtseins. Anders ausgedrückt geht es um die Beziehung zwischen Klassenbewußtsein und Nationalbewußtsein auf dem Weg zu einem demokratischen und nicht-rassischen Südafrika.

In den fünfziger Jahren wurde diese Diskussion bereits geführt. Der ANC stellte sich seinerzeit auf den Standpunkt, es gebe mehrere verschiedene nationale Fragen, entsprechend den verschiedenen rassischen Gruppierungen und Ge meinschaften (Mestizen, Inder, Afrikaner, Weiße). Er schlug also als politische Lösung eine Föderation mehrerer Natonen vor.

Selbst diejenigen, die damals weniger ausgeprägte Vorstellungen von der nationalen Frage hatten, konnten sich nicht über das durchschnittliche Be wußtseinsniveau der verschiedenen Teile der unterdrückten Bevölkerung hinwegsetzen. Die Einteilung der Massen nach ihrer Rassenzugehörigkeit war ja nicht nur Ergebnis der Apartheidpolitik der neuen Regierung, die 1948 durchden Wahlsieg der Nationalistischen Partei an die Macht kam. Sie beruhte ebenso auf überkommenen Vorurteilen, die in der gesamten Kolonialgeschichte des Landes tief verwurzelt sind. Trotz des Fortwirkens solcher Vorurteile bildet sich heute allmählich in der Praxis der Tageskämpfe ein Nationalbewußtsein heraus, das alle unterdrückten Gesellschaftsgruppen einander annähert. Die wachsende Vereinheitlichung der Mobilisierungen der letzten Jahre ist ein Abglanz davon. Doch die Charta bleibt in dieser Frage noch geprägt von den äußeren Bedingungen der Epoche, in der sie ausgearbeitet wurde. Es ist ganz und gar nicht sicher, daß, wenn sie in Recht und Gesetz gegossen worden wäre, nicht-rassistische Regierungsinstitutionen dabei herausgekommen wären. Im Gegenteil, es hätte sehr wohl ein multirassischer Föderalismus das Ergebnis sein können.

Das ist nun überhaupt nicht mehr mit der Orientierung der Mehrheit der heutigen Massenbewegung und prinzipiell nicht mit der Forderung nach einem geeinten, demokratischen und nicht-rassischen Südafrika in Einklang zu bringen. Diese Orientierung wird jetzt beinahe einstimmig von den verschiedenen politischen Strömungen vertreten. Aufser einigen Sektoren, die aus der Black Consciousness-Bewegung hervorgegangen sind und eine Art afrikanischen Nationalismus predigen, haben sich alle dem Prinzip der nicht-rassischen Herrschaft angeschlossen, d.h. der Vorstellung von einer Gesellschaft, in der jede rassische oder religiöse Festlegung - 40 INPREKORR 190 selbst wenn sie im Namen der Demokratie vorgetragen würde — verboten wäre. Die Achtung der verschiedenen Kulturen und Konfessionen ist sicher ein Baustein des demokratischen Programms. Aber sie wird nicht durch rassische Festlegung garantiert werden können — das ist ja gerade eine Eigenheit des bekämpften Systems der Apartheid.

Der ANC hat ebenfalls — verglichen mit seinen ursprünglichen Positionen - Entwicklungen durchgemacht. Er hat das Prinzip der nicht-rassischen Herrschaft anerkannt und stellt die nationale Frage heute nicht mehr in derselben Form wie in den fünfziger Jahren. Andere Strömungen haben denselben Weg eingeschlagen. Aber die fortschrittlich- Position zur nationalen Frage kommt woanders her: aus den Fabriken. Die Entwicklung im Bewußtsein der südafrikanischen Massen ist also nicht einfach Ergebnis einer ideologischen Debatte zwischen politischen Strömungen und Richtungen. Es sind die Veränderungen in der sozialen Zusammensetzung in Südafrika, die der Motor dieser ideologischen Entwicklung waren. Sicherlich gab es die Vorstellung einer geeinten, demokratischen und nicht-rassischen Gesellschaft schon lange in den Programmen minoritärer politischer Gruppen. Aber hat sie erst wirklich Gestalt angenommen in der Arbeiterbewegung, in der Gewerkschaftsbewegung, namentlich seit dem Erscheinen vonOrganisationen wie dem Bund der südafrikanischen Gewerkschaften (Federation of South African Trade Unions - FO- SATU) .

Es ist nicht schwer, die Gründe dafür zu verstehen. Die Arbeiterbewegung mußte — besonders in Regionen wie der Kapprovinz und Natal — die gemischtrassigen, indischen und afrikanischen Arbeiter einen, um Einfluß zu gewinnen und gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen durchführen zu können. Unabhängige Gewerkschaften und Klassenkampf waren also zwangsläufig gleichbedeutend mit einem nicht-rassischen Gewerkschaftsverständnis. Das war es schliefslich, was in der Praxis diese lange kulturelle Revolution in Gang gebracht hat, die noch lange Zeit anhalten wird und die darin besteht, ein neues Bewußtsein zu prägen, daß man Südafrikaner bzw. Azanier ist, unabhängig von der Hautfarbe. Die Praxis hat gezeigt, dais diese Entwicklung des nationalen Bewußtseins nicht unabhängig ist von der Erringung von Klassenbewußtsein. Mehr als jede andere soziale Schicht der Unterdrückten ist die Arbeiterklasse der Schmelztiegel der Erfahrungen, die zur Vereinigung der unterdrückten Massen notwendig sind - inklusive der nationalen Erfahrungen.

Die UDF drückt diesen Prozeß auf ihre Art aus. Diese Front umfaßt einen gro- Ben Teil der gesellschaftlichen Organisationen, die auf der Basis des Wohnorts gegrundet wurden. Doch wegen der rassischen Diskriminierung in den Wohnvierteln durch den Group Areas Act koordiniert die UDF Strukturen, denen eme rassische Klassifikation zugrunde liegt. Das geht nur vorübergehend, wenn man glaubt, die Beziehungen der gesamten unterdrückten Bevölkerung zueinander rasch ausdehnen zu können. Aber das Problem stellt sich anders, wenn man z.B. auf die Organisationen der Händler und schwarzen Kleinunternehmer zu sprechen kommt, deren Einkommensund Akkumulationsbasis ausschließlich innerhalb der Grenzen der rassischen Gemeinschaft liegt. Manche Autoren haben auf die Probleme hingewiesen, die in Natal zwischen indischen Geschäftsleuten und Geschäftsleuten der Zulus entstanden sind, die von Inkhata, der Partei Bouthelezis, Schützenhilfe bekamen. Unter solchen Umständen wird man Zeuge eines Prozesses, der dem weiter oben für die Arbeiterklasse beschriebenen genau entgegengesetzt verläuft: hier ist es das bürgerliche oder kleinbürgerliche Klassenbewußtsein, das die Herausbildung eines rassenunabhängigen Nationalbewußtseins behindert. Politische Programme und Führungen

Die Freiheitscharta ist ein Programm mit einem konkreten politischen Ziel für die demokratischen Kämpfe. Die nationale Frage in Südafrika macht es erforderlich, sich an die Massenbewegung mit einem Aktionsprogramm zu wenden, dessen unmittelbare Ziele demokratischen und nationalen Inhalts sind. Unter diesem Gesichtspunkt wäre es verfehlt, die Charta dafür zu kritisieren, daß sie nicht ausdrücklich für den Kampf für den Sozialismus eintritt.

Die politische Glaubwürdigkeit in der Massenbewegung hängt heute von der Formulierung einer konkreten Strategie ab, die die Frage der Macht stellt. Doch die Diskussion über die Charta erstreckt sich beinahe ausschließlich auf die Frage nach der zukünftigen Gesellschaft, was implizit die Frage des Sozialismus aufwirft, jedoch diejenigen zu kurz kommen läßt, die einen Fortschritt bei der Ausarbeitung eines revolutionären Sofortprogramms erwarten.

Diejenigen, die die Freiheitscharta unter Berufung auf den Kampf der Arbeiterklasse verteidigen, betrachten die linken Kritiker der Charta als Sektierer und halten dieses Dokument für einen wirklichen ersten Meilenstein im demokratischen Kampf des Proletariats. Sie erklä-

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ren die Charta zum demokratischen Mi nimalprogramm. Aber sie haben Schwierigkeiten, wenn sie sagen sollen, woes in den Dokumenten des ANC oder in denen der Südafrikanischen Kommunisti schen Partei (South African Communist Party — SACP) ein umfassenderes Pro gramm oder einen konkreteren Gesell schaftsentwurf gibt. Karon und Ozins ky z.B. behaupten, daß der nationale demokratische Kampf eine notwendige Etappe im Kampf für den Sozialismus in Südafrika" ist. Es versteht sich, daß dann die Charta für sie eine wesentliche Funktion bei der Verwirklichung der Einheit der Massen hat, die für den Sieg der Revolution unerläßlich ist. Wenn es aber darum geht, sich auf ein demokratisches Minimalprogramm zustützen, um die Massenbewegung zu einen, dann erfordert der Ubergang zu einer sozialistischen Perspektive, die sie ja für sich in Anspruch nehmen, die Existenz einer politischen Führung, die von dieser Idee überzeugt ist, und ein revolutionäres politisches Programm, das eine solche Strategie im Volk populär macht. Die Autoren müssen also ihre Analyse vom ANC präzisieren, wobei sie in ihm nicht mehr allein die Massenbewegung schen können, sondern auch die politische Führung sehen müssen. Und hier stellen sich unweigerlich einige Fragen. Ist es der ANC oder ein Teil dieser Organisation, der die Arbeiterführung darstellen wird? Was sollen sie dann zur SACP und deren eigenständigem Auftreten sagen? Die Autoren, die die Charta kritisieren, stoßen an dieselbe Frage. Über sie läßt sich entgegen einigen Behauptungen der Chartisten nicht sagen, sie wären ultralinke Ignoranten. Sie wissen ganz genau, daß in diesem Land eine Reihe elementarer Parolen nötig sind, um die Massenbewegung zu einen. Die eigentliche Diskussion geht nicht um die Notwendigkeit eines solchen Programms, sondern um den politischen Charakter der Führung, die es verwirklichen muß. Hier nun stellen sie sich — über ihre Kritik an dem Grundlagendokument der Chartistenströmung hinaus — eine doppelte Frage: Welche politische Alternative wäre vorzuschlagen und wie könnte es gelingen, ihr eine organisatorische und programmatische Form zu geben?

Vor ein paar Jahren hatten einige Gewerkschafter öffentlich die Idee verbreitet, man müsse eine Partei der Arbeiter aufbauen — ein deutlicher Hinweis auf den wirklichen Inhalt der Diskussion. Aber der Reifungsprozeß des politischen Bewußtseins ist unendlich kompliziert. In seiner Eigenschaft als Massenbewegung repräsentiert der ANC in gewisser Weise das durchschnittliche Bewulftseinsniveau, das das Gros der schwarzen Bevölkerung erreicht hat. Wir befinden uns jedoch in einer Übergangszeit, in der das politische Bewußtsein sich im Rhythmus der alltäglichen Erfahrungen entwickelt. Die Frage nach der Arbeiterpartei bleibt für den Augenblick im höchsten Grade propagandistisch.

Die SACP versucht ihrerseits — gerade innerhalb der Chartistenströmung — ihre Unterstützung für die Freibeitscharta und die Führung des ANC zu verbinden mit der Notwendigkeit der Führung der Avantgarde, deren Repräsentant sie zu sein behauptet. Als in den Jahren 1982-83 die Forderung nach einer Arbeiterpartei laut wurde, gab es dafür als sinnvolle Perspektive nur die Schaffung einer Massenparteiaus den Fabriken und Wohnvierteln heraus. Das Problem ist von einer Lösung noch weit entfernt; nicht dadurch entstehen, dafś sie Schritt für Schritt die des ANCablöst. Sie müßte ganz im Gegenteil als eine selbständige Alternative, als eine konkurrierende politische Führung in Erscheinung treten. Die Führung des ANC ist sich übrigens dessen bewußt. Sie weils, daß die Haltung zur COSATU und der industriellen Arbeiterklasse die entscheidende Frage für jeden bleibt, der eine politische Hegemonie über die Vorhut der Massenbewegung erringen will. Kann es ein richtiges demokratisches Arbeiterprogramm ohne Arbeiterführung geben? Es ist wichtig zu sehen, dals die Programme, die sozialen Bewegungen und die Aktionsformen in der Debatte, die wir gerade vorgestellt haben, alle unter dem Vorzeichen des Sozialismus diskutiert werden. Diese Diskussion ist daher unvergleichlich viel interessanter, konkreter und gehaltvoller als die, die im allgemeinen außerhalb Südafrikas geführt wird. Ihre Bedeutung liegt auch darin, daß sie in direktem Zusammenhang mit den Problemen steht, die in den verschiedenen sozialen Bewegungen der letzten Zeit aufgetreten sind — sei es beim Schulboykott, dem Boykott der weißen Geschäfte oder bei den Generalstreiks. Sie entsteht aus einem ganzen Bündel neuer sozialer und politischer Erfahrungen. Es ist deshalb auch kein Zufall, wenn sie in den Spalten unabhängiger Zeitschriften stattfindet, die sich seit mehreren Jahren sehr um gründliche Berichterstattung, detaillierte Schilderung und genaue Untersuchung der verschiedenen Massenkämpfe bemühen, die sich in diesem Land ausbreiten. 1 Die Freikeitscharta ist abgedruckt in Inprekorr Nr. 174. November 1985.

Südafrika

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standes am 12. Juni 1986 in Südafrika ist Die Verhängung des Ausnahmezubis heute begleitet von der bisher grölten Welle von Massenverhaftungen. Zur Zeit schätzt man, daß 23.000 Menschen, darunter zahlreiche Führer von Gewerkschaften und Massenorganisationen, in Haft sind. Die Arbeitsbedingungen für alle Anti-Apartheid-Organisationen haben sich demzufolge erheblich verschlechtert. Viele Aktivisten haben in den Untergrund gehen müssen, um die Arbeit fortzusetzen. Dies gilt auch für Aktivisten des National Forum. Das National Forum kämpft für einsozialistisches Südafrika. Es begreift Apartheid nicht nur als eine nationale _ rassische - Unterdrückung, sondern auch als soziale Ausbeutung. Beides geht Hand in Hand. Es ist auch für Weilse offen, die bereit sind, für den Freiheitskampf Opfer zu bringen. Die Führung des Kampfes soll jedoch bei der schwarzen Arbeiterklasse liegen.

Das National Forum hat sich 1983 in Südafrika gegründet unter dem Motto „Lafit uns eine Einheitsfront schaffen" An der Gründung haben sich damals u.a. Saths Cooper, van der Horst, Neville Alexander und Bischof Tutu beteiligt. Es lehnt jedes Sektierertum ab, ebenso alle Versuche, den Befreiungskampf für eine Organisation zu monopolisieren oder sich als alleiniger Führer" aufzuspielen. Das National Forum betrachtet die Gewerkschaften, die durch Zusammenschlüsse an Stärke gewonnen haben, als die wichtigste Kraft. um das weiße Herrschaftssystem des Klassendünkels der Apartheid - Rassentrennung und Rassenhaß - nachhaltig zu erschüttern.

Aus diesen Gründen verdient das National Forum, das auf keine reich fließenden Geldquellen zählen kann, unsere Unterstützung. Ebenso wichtig wie „Brot für die Welt" ist Geld für den Kampf gegen alle, die Hunger, Elend und Unterdrückung schaffen und davon profitieren.

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