Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Geschichte eines Ausbruchs

Inprekorr Nr. 19, 15. September 1972 · S. 17-20 · 1.868 Wörter

Argentinien

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GESCHICHTE EINES AUSBRUCHS +++++++++ +++++++++++++++++ ++ Die Baumeister des Gefangnisses von Rawson haben den Standort sehr sorgfältig ausgewählt: im Herzen Patagoniens, auf einer wüstenartig en Hochebene, wo dutzende von Kilometern im Umkreis die einzigen Wohngebäude diejenigen der Militärbasen sind. Ein ideales Gefängnis für politische Gefangene. Und dennoch haben gerade in einem der sichersten Gefängnisse des Regimes die revolutionären Organisationen einen Ausbruch von 120 Gefangenen vorbereitet.

DIE AKTION

Die Hinrichtung des Anti-Guerilla-Verantwortlichen des Regimes, Sanchez, im letzten April hatte schon die Koordinationsfähigkeit, die Genauigkeit und den hohen Grad der militärischen Vorbereitung der verschiedenen Guerillagruppen gezeigt. Fünf Monate lang haben die Gruppen FAR ( Revolutionäre Bewaffnete Streitkrafte), Montoneros und ERP die Aktion vor bereitet.

Der Ausbruch begann vermutlich als zwei Gefangene in der Männerzelle im ersten Stockwerk der Strafanstalt Rawson nach dem Oberwärter verlangten. Als der Wärter kam, richteten sie die Waffen auf ihn. Dann legten sie ihm Handschellen an und stießen ihn, während sie durch die Korridore des Zellblocks gingen, vor sich her. Als sie dabei anderen Wachen über den Weg liefen, zwangen sie diese, sich zu ergeben, indem sie drohten ansonsten ihre Geisel zu erschiessen. In der Zwischenzeit öffneten sie die Zellen von allen politischen Gefangenen, die sofort die Kontrolle über den jeweiligen Zellblock übernahmen. Dann zwang einer der Gefangenen den Offizier vom Dienst, ihm die Treppe zum und im zweiten Stockwerk vorauszugehen, wo der Wachraum lag. Um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, forderte der Gefangene den Offizier auf, mit ihm ein angeregtes Gespräch zu führen. Dadurch konnten die Ausbrecher zehn weitere Wärter überwältigen. Sieben andere Wärter wurden in ihrem

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Schlafraum gefangengenommen als sie sich gerade auf den Dienst vorbereiteten. Die Gefangenen zogen sich Wärteruniformen an und besetzten einen Wachtturm nach dem anderen. Der Wachwechsel war ein kritischer Augenblick bei der Flucht, aber den Revolutionären gelang es, auch die neue Wachmannschaft gefangenzunehmen. Die erste Panne passierte als sich drei Gefangene dem Wachtposten Nr. 1 am Außentor des Gefängnisses näherten. "Nun mußten die Guerilleros durch eine Tür gehen und etwa hundert Meter weit ins Freie hinausgehen... bevor s.e zum letzten Tor des Gefängnisses kamen, wo Juan Gregorio Valenzuela und Justino Ramon Galarraga Wache standen , berichtet die Zeitung "Gente "Der Guerillero Vaca Narvaja trug die Uniform eines Leutnants von der Armee. Roberto Santucho trug eine Wärteruniform. Seine Frau war als Krankenschwester verkleidet. Sie passierten das erste Tor und setzten ihren Weg, die FAL-Maschinengewehre in der Hand, fort. Als Valenzuela und Galarraga sie sahen, kamen sie aus ihrem Wachraum heraus. Aber die Wachen konnten die Gesichter der sich ihnen nähernden Personen nicht klar erkennen. Als die Guerilleros nur noch etwa 12 Meter entfernt waren, erkannte Valenzuela, daß das keine Kollegen waren. Galarraga hatte noch Zeit laut zu schreien: "Vorsicht , das sind Gefangene!" Er nahm sein Gewehr und rannte zurück in don Nachraum, um die Alarmglocke zu ziehen, aber sie ließen ihm nicht di e Zeit hierfür. Scntucho und Vaca Narvaja eröffneten das Feuer mit ihren Maschinengewehren. Valenzuela brach tödlich verwundet zusammen und Galarrage wurde mit einigen Geschossen in der Schulter liegengelassen. ' Zu disem Punkt " gibt es verschiedene Versionen" , schreibt die Zeitung "Gente" Einige der Quellen behaupten, daß Ana Maria de Santucho dem verwundet auf dem Boden liegenden Valenzuela noch einen Schuß in den Kopf gab. Nach dem Feuergefechf öffneten die drei Extremisten sofort die Außentore des Gefängnisses und fuhrer: den draußen wartenden Faicon- Wagen mit aufklappbaren Verdeck ins Innere. " Zu dieser Zeit wurde ein underer Fehler in der Guerilla-Aktion offenkundig (gemäß "'Gente""). Staff der erwarteten winzig Fahrzeuge zum Abtransport von 120 politischen Häftlingen, war nur ein einziger Ford-Falcon erschienen. Er war in der nächstgelegenen Stadt San Isidro entwendet worden. "Die sechs Rädelsführer, angeführt von Santucho und Quieto stiegen in den Falcon und fuhren los", fährt "Gente" fort. "Der Rest wurde wahrscheinlich unter dem Kommando von Mariano Puiada ( von den Montoneros) zurückgelassen. Pujada rief die Rawson Taxi Company on und bestellte drei Wagen. " Zu diesem Zeitpunkt wurden die Guerilleros in zwei Gruppen getrennt, die sechs von Santucho geführten und die neunzehn von Pujada geführten. Sie verloren untereinander die Verbindung. Nach "Primera Plana vom 22. August haben die Guerilla-Organisationen bei der Beschaffung von tragbaren Funkgeräten versagt. Diese Panne soilte schwere Folgen für die zweite Gruppe der Flüchtigen haben. Die Gruppe in dem Falcon verließ das Ge fängnis um 18.30 Uhr. Um 19 Uhr erreichten sie den Flughafen von Trelew. Um 19.10 begann ein Verkehrsflugzeug der Südlinie, das einen planmäßigen Zwischenaufenthalt auf seinen Flug von Rivadavia nach Buenos Aires machte, sich auf der Startbahn in Beweging zu setzen. Als das Flugzeug auf halben Wege war, erhielt der Kapitän aus seiner Radioan age eine War nung: "Stop, Stop, sie haben eine Bombe an Bord !'. Als das Flugzeug knirschen! zum Halten kam, rannte Antonio da Crun Leur enthlshabende Offizier des Flughafene, ne Freie, um zu sehen, was passiert ist. "Ein , später erfuhr ich, daß dies der Guerillero Vaca Narvaja war, sagte mir, daß an Bord des Flugzeugs eine Bombe sei, erzählte er nach der Aktion den Reportern. Neben zwei anderen Männern, einer von ihnen war Sartucho, rannte Da Cruz zum Flugzeug. Rechts hinter ihm liefen zwei Flughafenarbeiter. Sie klopften alle an die Kabine und forderten die Besatzung auf zu öffnen. Als eine Tür an der Hinterseite geöffne wurde und als sie begannen hinaufzugehen, sahen der Kommandant der Basis und die Flugha fenarbeiter plötzlich in die Mündungen von zwei Pistolen, die von einem Mann und einer Frau auf sie gerichtet wurden. Vier Guerilleros hatten das Flugzeug in Rivadivia bestiegen. Die zehn Guerilleros , die sich jetzt im Flugzeug befanden, waren nun in einer verzwickten Lage. Wie lange würden sie auf ihre Genossen warten können? Sie hatten keine Ahnung, wo diese gerade waren und der zeitliche Spielraum war sehr begrenzt. Die zweite Gruppe der Guerilleros war in drei Taxis unterwegs, zwei Falcon und ein roter Valiant. Einer der gekidnappten Taxifahrer, Eduardo Baque, beschrieb die Fahrt folgendermaßen: "Wir durften nicht sprechen. Sie zwangen uns, eine Stundengeschwindigkeit von mehr als 100 zu fahren. S 18 INPREKORR 15.9.72

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Können Sie sich das vorstellen ? Wir fuhren 25 km in 12 Minuten. Wir haben nur einmal angehalten und zwar deswegen, weil der Valiant uns zu weit vorausgefahren war und angehalten hatte, um auf uns zu warten. Ich glaube, daß wir alle sehr besorgt waren. Wir glaubten, daß, wenn wir auf ein Polizei- oder Militärfahrzeug treffen treffen sollten, es zu einem schrecklichen Feuergefecht kommen würde und daß wir dabei draufgehen würden. Đíe drei Taxis nahmen denselben Weg wie der Falcon, die 'Alte Straße' , weil dort keine Polizeikontrollen sind. Sie kamen genau in dem Augenblick an als das Flugzeug, in dem ihre Genossen saßen, abhob. Gemäß den verschiedenen Presseberichten waren sie zwischen zwei und fünf Minuten zu spät. Zur gleichen Zeit war ein Aerolineas-Flugzeug im Begriff zu landen. Die Gruppe konnte noch damit rechnen, dieses Flugzeug für ihre Flucht benutzen zu können. Aber gerade in diesem Augenblick ordnete die Kommandandantur der Luftwaffenbasis, die an den Zivilflughafen angrenzt, die Schließung der Start- und Landebahnen an. Sie hatte nach der Entführung des Südlinienflugzeugs Alarmmeldung bekommen. Drei Minuten bevor es die Landebahn berührt hätte, begann das Aerolineas-Flugzeug wieder an Höhe zu gewinnen. Die Guerilleros waren in der Falle. Sie beschlossen, das Lufthafenrestaurant zu besetzen. Sie plauderten mit der Frau von John Stuart Rogers, dem Besitzer des Restaurants (das Chubut-Tal, wo Trelew liegt, wurde von wallisischen Einwanderern besiedelt, die dort einen Zufluchtsort für ihre nationale Kultur suchten. Walisisch wird dort noch gesprochen. Deshalb gibt es dort viele Namen, die nicht-spanischen Ursprungs sind). "Siebzig Pesos für ein Flugzeug?", wurde sie von einem der Flüchtlinge gefragt. "Das ist aber teuer" "Wie lange sind sie im Gefängnis gewesen ?" , fragte Frau Rogers die junge Revolutionären. "Sechs Monate... "Nun , antwortete die Frau des Restaurantbesitzers, "die Preise sind in letzter Zeit wie verrückt gestiegen.

Santiage i Uruguay en Capital Federal

Aeroparque

Pacifico • Bahia Blanca

Puerto

Monti Atlántico

Trelew

Rawson

Aotártida Argentins

Comodoro

Océano Rivadavia

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Thema del Furgo

Als Militäreinheiten den Flughafen umzingelt hatten, hielten die in der Falle sitzenden Guerilleros eine Pressekonferenz ab, die von Rogers folgendermaßen beschrieben wurde: "Pujada leitete den Chor. Sie sangen verschiedene extremistische Lieder, aber eines ganz besonders: 'Zuerst Aramburo, dann Sanchez und wir werden bald sehen, wer der nächste sein wird''* • (Pedro Aramburo, das Haupt der Militärjunta nach der Vertreibung von Peron und Sanchez, der Polizeichef von Cordoba, wurden von den Guerilleros in letzter Zeit hingerichtet). Die Pressekonferenz dauerte 50 Minuten. Die Ausgabe der Zeitung "Primera Plana" vom 22. August zitiert einige Passagen: " 'Hier sind Genossen von drei Organisationen', sagte der Montonero-Führer Mariano Pujada. 'Diese Aktion zeigt also unseren Wunsch nach Ein-

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heit. Wir haben diese Aktion gemeinsam durchgeführt und wir kämpfen für die Befreiung unseres Volkes. Wir haben noch einige politische Differenzen untereinander. Aber wir sind sicher, daß wir sie im Fuer des Kampfes überwinden werden. Zwei der hier beteiligten Organisationen sind peronistisch, die dritte nicht. Die peronistischen Genossen hier haben schon gesagt, und wir wiederholen es, wir sind nicht diejenigen, die den Pfad der Gewalt zuerst begangen haben. Wenn das Regime echte ehrliche Wahlen durchführen will, so würden wir da akzeptieren. Aber in Wirklichkeit sind die ehrlichen Wahlen nur blauer Dunst, den man uns vormacht und genau das zeugt davon, daß man nicht bereit ist, dem Land Frieden zu geben. Bies das Regime die politischen Gefangenen freigelassen hat, und es gibt tausende, bis es seine Folter und Kidnappingmethoden aufgegeben hat, bis es dem Volk die Freiheit gibt, seinem Willen Ausdruck zU geben "*umarmten sich die Guerilleros untereinander, sangen etbis dahin werden wir unseren Kampf gegen es fortsetzen.

Als das Militär den Raum betrat was und legter ihre Waffen nieder, berichtete die Tageszeitung "La Nacion" aus Buenos Aires in ihrer Ausgabe vom 21. August. Der Kommandant der Regierungsstreitkräfte, Colonel Perlinguer, lobte die Disziplin der Guerilleros: "Sie sind Profis... Sie wissen gena wann sie töten, angreifen, vorrücken, sich zurückziehen oder sich bedingungslos ergeben müssen.

Zur selben Zeit dauerte der Widerstand im Gefängnis selbst an. Er hat zum Ziel, den Groß. teil der Repressionskräfte während der ganzen Dauer der Aktion festzuhalten. Obwohl ein Wärter beim Ausbruch ums Leben kam, wurde keiner der anderen verletzt als die Gefangenen mehrere Stunden lang das Gefängnis vollständig unter ihrer Kontrolle hatten. In der Gegend, wo der Ausbruch stattgefunden hatte, tummelten sich die Militärs in einem wahren Repressionsrausch. "Rawson kann leicht mit Vietnam verglichen werden , schrieb 'Primera Plana" am 22. August. "Aber trotz gigantischer Razzien (die bis weit zum Rio Colorado hinuntergingen) und trotz dutzender von Verhaftungen, konnten nur zwei Guerilleros ausfindig gemacht werden -- der FAR-Kämpfer Jorge Omar Lewinger ( ehemaliger Her ausgeber von "Primera Plana'") und Antonio Marcos von der ERP.

Die Nervosität der Militärs dauerte noch lange nachdem die Gefangenen wieder in ihrer Gewalt waren an. So eröffneten die Wachposten am nächsten Tag in wilder Panik das Feuer auf Journalisten von Associated Press, die aus angemessener Entfernung Photos aufnehmen wollten. Dabei wurde der Journalist A. H. Finoli schwer verletzt und mußte in ein Kranken haus gebracht werden.

(zusammengestellt aus ROUGE 169 vom 2. September 1972 und INTERCONTINENTAL PRESS vom 4. September 1972)