Inprekorr 1971–1992

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Kapitalistische Wirtschaftskrise und Gegenstrategien

· Inprekorr Nr. 189, Januar 1987 · S. 25-28 · 3.625 Wörter

Japan und Korea Weltwirtschaft und Krise USA und Kanada Gewerkschaften und Streiks

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Thema: Kapitalistische Wirtschaftskrise und Gegenstrategien

Lohn- und Lohnnebenkosten zuzuschreiben gen, Ausbau der sozialen Leistungen und ist, sind blanke Lüge. Den Konzernenginges Schaffung von Massenkaufkraft durch hohes noch nie so gut wie heute. Die Krise hat aber Lohnniveau, fallen lassen. Diesem Rezept eine kräftige Verschiebung der Wirtschafts- habe sich das westdeutsche Wirtschaftswunkraft zugunsten des Finanzkapitals, auf Ko- der und die Wohlstandsgesellschaft versten kleiner und mittlerer Betriebe gebracht, dankt. Folgerichtig fordert Welzk ein Zudenn letztere können aus den Steuergesetzen rück zur keynesianischen Politik, die allernicht denselben Nutzen ziehen wie die Gro- dings hauptsächlich in umweltpolitische Ben. Die Konzerne und Banken betreiben Projekte investieren soll. Denn: Industrielles eine Politik, die hauptsächlich darauf aus ist, Wachstum bringt kaum noch Arbeitsplätze, Gewinne zu machen, nicht so sehr, in eine dies sei heute die Aufgabe des Dienstleigesellschaftlich erforderliche Produktion zu stungssektors. Und: die Steigerung des mate investieren. riellen Wohlstands führe zwangsläufig zu An allem schuld ist die Regierung. Sie hat mit einer ökologischen Katastrophe. Ein Ökoihrer Hochzins- und Geldverknappungspo- Keynesianismus ist also gefordert, im Rah litik mitten in der Krise 1980-82 dafür ge- men einer gelenkten Marktwirtschaft sorgt, daß massiv Kapital aus der Industrie denn der Markt bleibt die Form der Demoabgezogen wurde — sei es ins Ausland, vor- kratie im Materiellen". zugsweise in die USA, sei es in Finanz- Eine intelligente und angenehm zu lesende operationen. An Geld zum Investieren hates Begründung für das SPD-Programm: Arbeit den deutschen Aktiengesellschaften nie ge- und Umwelt, zu dem der Autor sich im fehlt. Doch ihr Bestand an Sachanlagen hat übrigen bekennt. Eine kritische Betrachtung sich vermindert (mit der einzigen Ausnahme über die Grenzen der keynesianischen Polider Autoindustrie, die jedoch vorzugsweise tik, die schon unter H. Schmidt deutlich in arbeitsplatzsparende Technologien inve- wurden, fehlt allerdings. stierte), während er in der restlichen Industrie gestiegen ist. Dafür sind ihre Anlagen in Wertpapiere und Beteiligungen an anderen Nicht im Rahmen der Marktwirtschaft blei- Unternehmen massiv in die Höhe geschnellt. ben will die Arbeitsgruppe Alternative Die Konzerne steigen ins Finanzgeschäft ein Wirtschaftspolitik, Memorandum '86 und verdienen an der Hochzinspolitik. Für eine beschäftigungspolitische Offensive, Welzk weist damit nach, daß der Spruch von Sofortmaßnahmen Millionen Helmut Schmidt: „Die Gewinne von heute Arbeitsplätze, Pahl-Rugenstein-Verlag. sind die Investitionen von morgen und die Köln 1986, 295 Seiten, 14,80 DM. Arbeitsplätze von übermorgen" heute jeglicher Grundlage entbehrt. Das Gegenmemorandum zum regierungsof- Eine andere Entwicklung, die Welzk hervor- fiziellen Sachverständigengutachten, das seit hebt, ist die massive Steigerung des west- 1975 alljährlich erstellt wird, legt in diesem deutschen Kapitalexports während des Auf- Jahr — kurz vor der Bundestagswahl und vor der zweiten Runde im Kampf um die Arbeitsschwungs, sei es in die USA - des hohen Dollars wegen —, sei es in Niedriglohngebie- zeitverkürzung — Daten und Fakten vor, die te. Damit wird der Arbeitsplatzabbau im der Auseinandersetzung mit den Argumen Innern nochmal begünstigt. Die genannten ten der Unternehmer und der Regierung nützlich sind.

Entwicklungen erklären, warumeseine Schere gibt zwischen der steigenden Produktivi- Die Hauptkritik richtet es darauf, daß es tät einerseits und dem stagnierenden Ange- trotz Aufschwung keine ,Wende am Ar bot an Arbeitsplätzen und sinkender Mas- beitsmarkt" gegeben hat. Soweit die Beschäf senkaufkraft andererseits. Diese Schere ist tigtenzahlen dennoch gestiegen sind, verdurch noch so großen Lohnverzicht nicht zu dankt sich dies dem gewerkschaftlichen schließen. Kampf für die Arbeitszeitverkürzung, nicht dem Konjunkturaufschwung. Das Memo

Der Hauptvorwurf an die Adresse der Regie- randum tritt auchder Regierungspropaganda rung ist der, sie habe das „bewährte" Krisen- entgegen. die Wachstumsschwäche der bunrezept der 70er Jahre: niedrige Zinsen, öf- desdeutschen Wirtschaft sei überwunden. In fentliche Investitionen, um Nachfrageein- der Erholungsphase 1983-86 sind sowohl der brüche bei der privaten Wirtschaft aufzufan- Zuwachs des Sozialprodukts als auch der

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Beschäftigungsanstieg schwächer ausgefallen von 1930-1975, vom New Deal bis zumersten trennt davon wird eine weitgehend deklasgroßen internationalen Kriseneinbruch in die sierte weiße Arbeiterklasse abgesondert, die als in der vergleichbaren Zeit von 1976-79. kapitalistische Wirtschaft der Nachkriegs- in rein korporative Gewerkschaften gezwun- Darüber hinaus konstatiert das Memoran- zeit. Der Fordismus ist ein gesellschaftliches gen wird, und eine breite Schicht schwarzer dum „wachsende Disproportionen" in der Entwicklungsmodell, das basierte auf der und hispanischer, vielfach illegaler Arbeiter, bundesdeutschen Wirtschaft: der Export Schaffung einer breiten Massenproduktion die über keinerlei Bürgerrechte verfügen. steigt stärker als das Sozialprodukt insge- und Massenkonsumption, auf der Grundlage Diesem neuen „Modell" wirtschaftlichen samt, und die Entwicklung auf dem Binnen- technologischer Innovationen im Produk- Wachstums und gesellschaftlicher Beziehunmarkt kommt nicht nach. Während die Kapi- tionsprozeß und einer wissenschaftlichen Be- gen gibt Mike Davis jedoch keine Chance, taleinkommen stark steigen, liegen die Netto- triebsführung. Der Massenkonsum kurbelt eine neue, lange Phase der Akkumulation zu arbeitseinkommen auf dem Stand von 1982. einerseits das Wachstum der Gesamtwirt- tragen. Die Krise in den USA kann es nur mit der entsprechenden Kaufkrafteinbuße. schaft an — an erster Stelle das Auto und das beschleunigen. Im letzten Kapitel geht Davis Den gewaltigen Kapitalüberschuß bei den Eigenheim -, andererseits werden damit deshalb auf die Notwendigkeit einer soziali- Konzernen und die Tendenz, daß die finan- Profitraten erzielt, die einen erheblichen An- stischen Strategie ein und versucht, eine solziellen Gewinne höher liegen als die Anlage- stieg des Lohnniveaus und einen Ausbau des che ausgehend vom Bündnis der gewerkinvestitionen konstatiert auch das Memoran- Sicherungssystems ermöglichen. schaftlich organisierten, weilen Arbeiterdum. Es leitet daraus eine Hauptforderung Mit dem steten Anstieg der Produktivitat schaft mit den Schwarzen und den hispaninach Rückgängigmachung der bisherigen Steuererleichterungen und nach einer Ände- geht auch ein Lohnanstieg einher. Der For- schen Arbeitern zu formulieren. Dies Kapitel dismus ist ein goldener Kreislauf von steigen- setzt sich auch mit bisherigen Strategien der rung der Steuergesetzgebung ab. den Reallöhnen, wachsendem Absatz von US-amerikanischen Linken auseinander; es Die Politik der Bundesregierung und der Un- Konsumgütern und erweiterter Akkumula- hätte ruhig ausführlicher ausfallen dürfen, in ternehmer zielt in erster Linie darauf ab, die tion. Auf dieser Basis wird auch vom Kapital dieser insgesamt sehr lesenswerten Arbeit. Es Arbeitszeiten zu flexibilisieren, die unge- gewerkschaftliche Organisation nicht nur wäre auch zu begrüßen, wenn der erste Teil schützten Arbeitsverhältnisse auszuweiten zugelassen, sondern erwünscht, weil damit der Arbeit, in der Davis die Geschichte der und die Tarifverträge regional und sektoral zugleich ein institutioneller Rahmen gege- amerikanischen Arbeiterbewegung vorstellt stark zu differenzieren — mit der Folge einer ben ist für eine kontrollierte Regelung der — sie ist in Großbritannien bei Verso erschiezunehmenden regionalen Ungleichheit und Konflikte zwischen Kapital und Arbeit. nen — auf deutsch veröffentlicht würde. werkschaftliche Kampf für weitere Arbeits- Zersplitterung der Arbeiterklasse. Der ge- interpretiert als Krise des Fordismus, d.h. als Die gegenwärtige kapitalistische Krise wird Angela Klein zeitverkürzung steht deshalb im Mittel- Einbruch bei der Massennachfrage mit nachpunkt der Auseinandersetzung um die künf- folgendem Zusammenbruch tige wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesellschaftsmodells. Damit sieht Mike Da- Entwicklung in der BRD. Weil anhaltend vis auch die historische Ara, in der „Amerikahohe Arbeitslosigkeit den Spielraum für Re- „demokratischer Kapitalisformpolitik entscheidend einschränkt und mus" gleichbedeutende Begriffe waren, sich zur Desolidarisierung in der Gesellschaft ihrem Ende zuneigen. Die Ursachen hierfür führt, fordert die Memorandumgruppe So- will Davis nicht allein in der inneren Logık fortmaßnahmen, mit denen innerhalb von der kapitalistischen Entwicklung sehen. Er zwei Jahren zwei Millionen Arbeitsplätze ge- legt den Schwerpunkt hauptsächlich aufzwei schaffen werden sollen. 800000 davon sollen Faktoren: a) die Tatsache, daß der Versuch in im Bereich der Kommunen geschaffen wer- den 60er und 70er Jahren, das fordistische DER FALL BMW den, dort wo die gesellschaftliche Versor- Akkumulationsmodell auf Lateinamerika gung mangelhaft ist; 100000 Ausbildungs- auszudehnen, gescheitert ist; b) daß sich in Ein Lehrstück über Demokratie plätze sollen im ottentlichen Sektor einge- der Zeit vom Beginn des Zweiten Weltkrie- und Meinungsfreiheit im Betrieb richtet werden: von einer Verkürzung der ges bis zum Ende des Vietnamkrieges eine Wochenarbeitszeit auf 37 Stunden (wasnoch strukturelle Veränderung im hinter die gewerkschaftliche Forderung zu- schen Kapitalismus vollzogen hat. Damit rückfälle!) versprechen sich die Autoren ei- meint er vor allem die Urbanisierung und nen Beschäftigungseffekt voneineinhalb Mil- Industrialisierung des Sunbelt — des Sonlionen zusätzlicher Arbeitsplätze. Die Me- nengürtels im Süden der Vereinigten Staamorandumgruppe verwahrt sich gegen den ten, der von Kalifornien aus die Südstaaten Verdacht, diese Finanzspritze habe vor allem umfaßt. Die Tendenz, daß neues Kapital eher den Sinn, eine momentane Nachfrageschwä- in diese Region fließt als in die Modernisieche zu überwinden, um die private Investi- rung der Industrieanlagen im Nordosten, betionstätigkeit wieder in Gang zu bringen. Ihr steht schon seit längerem. Abererst die Reag geht es weniger darum, dem Markt wiederauf an-Doktrin hat aus dieser Tendenz das Modie Beine zu verhelfen, als darum, den „öf- dell einer anzustrebenden neuen gesellschaftfentlich und demokratisch zu steuernden Be- lichen Entwicklung gemacht: die Niederlasreich der Wirtschaft, den Staatsanteil zu ver- sung neuer Industrien, die sich auf wissengrößern und die Wirtschaft zu demokratisie- schaftliche Forschung stützen, die Beschäfren*, indem ein Bereich geschaffen wird, der sich der kapitalistischen Profitlogikentzieht. tigung einer nicht-gewerkschaftlich organi- sierten Arbeiterklasse, die Schaffung von 0V0e112 mit einer Sofortmaßnahme eine Arbeitsplätzen vorwiegend im Dienstlei- Strukturreform der Wirtschaft eingeleitet stungsbereich und in der High-Tech-Industrie, die extreme Zersplitterung der Arbei- Bezug: Komitee für Grundrechte und terschaft, die Entstehung einer neuen Ar- Demokratie c.V., An der Gasse 1, 6121 Mike Davis, Phoenix im Sturzflug — Zu: mut. Dies Modell ist anders als das fordisti- Sensbachtal politischen Okonomie der Vereinigten Staa sche Modell der „Integration" der Arbeiterten in den achtziger Jahren, Rotbuch Verlag klasse eins, das diese ausgrenzt. Es setzt auf Spenden für entlassene Kollegen und Berlin 1986, 205 Seiten, 24 DM die Schaffung eines breiten Mittelstands, für die Solidaritätsarbeit: Freiberufler, neue Unternehmer, Rentiers, Bodo Zeuner - Sonderkonto Nr. Mike Davis interpretiert den wirtschattl- die einen wachsenden Anteil vom BSP konsu- 4981 56 - 106, Postgiro Berlin (West) chen Niedergang der USA in erster Linie als mieren und vielfach in nicht-produktiven, Krise des Fordismus. Damit bezeichnet er die spekulativen Operationen tätig sind. Ge- BLZ 100 100 10 US-amerikanische Entwicklung in der Zeit 26 INPREKORR 189

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Die wichtigsten Importprodukte Die wichtigsten Exportprodukte 1982 1982 Maschinen und Brenn- und Transportausrüstungen Treibstoffe (31,19) Chemie und Schwerindustrie (47,7 %) (24.8)

Andere (4,2%) Roh- und Brennstoffe : (3,3%)

Nahrungsmittel - Konsumgüter (5,0 °) Nahrungsmittel und 7 Nicht-agrarische Chemische und Tiere (6.49) Textilien (26,3 %) Leichtindustrie Rohstoffe. aufer Fertigwaren Produkte Brennstoffen (10,8%) (8,6% (13.990)

Sektoren, wo die direkten Auslandsinvestitionen in der Zeit zwischen 1962 Kostenvergleich des Stundenund 1980 über 10% lagen: die Chemie lohns in der Welt 1979 (22%) und die Elektro- und Elektronik- (in laufenden Dollar) industrie (16%).

Die strikte Kontrolle der südkoreani- USA 9.09 Dollar schen Regierung über die Tätigkeit des BRD 11,33 Dollar ausländischen Kapitals führt zu Span- Frankreich 8,17 Dollar nungen mit dem Imperialismus. Zur Italien 7.38 Dollar Zeit zögert die Regierung z.B. die Öff- Spanien 5.82 Dollar Japan 5,58 Dollar nung der südkoreanischen Börse für Mexiko 2,31 Dollar Operationen ausländischer Firmen, die Brasilien 1.80 Dollar sie eigentlich für 1987 versprochen hat- Hong Kong 1,25 Dollar te, hinaus. Nur 9,63% der an der Börse Südkorea 1,14S(0,37 / 1975) gehandelten Aktien sind in ausländi- Taiwan 1,01 Dollar schem Besitz, und die Regierung sucht nach einem Weg, diesen Aktieninhabern Quelle: J. R. Chaponnière, La République de Corée, am eine Börsentätigkeit zu ermöglichen, noncean pays industriel, La Documentation française. Nr. 4667-4668, 19. Mai 1982.

aber gleichzeitig den Prozentsatz an Aktien in ausländischer Hand zu beschränken. Überdies wird die Wirtschaft gingen in die USA und nach Japan. Südhauptsächlich von den Chaebol be- korea hat ein strukturelles Außenhanherrscht, die meistens Personengesell- delsdefizit. 1981 waren es 5 Mrd. S (die schaften sind; der Wert der Börsenak- Importe beliefen sich auf 26,1 Mrd. S, die tien beträgt nur 12% des BSP (in Japan Exporte auf 21,2 Mrd. S). beträgt er 75%, in Hong Kong 100%)". Südkorea hat auch Probleme mit seiner Ein abhängiges Land technologischen Rückständigkeit, oder besser gesagt seiner mangelnden Au- Korea bleibt trotz der Existenz von na- tonomie aut diesem Gebiet. So setzten tionalem Kapital und der Rolle des Staa- sich 1978 43% der Exportprodukte aus tes, trotz seiner industriellen Entwick- eingeführten Produktionsteilen zusamlung in den letzten 25 Jahren ein abhän- men, die von ausländischen Firmen oder giges Land. Diese Abhängigkeit resul- Joint Ventures geliefert wurden. Die tiert aus der Orientierung der Wirt- technologische Rückständigkeit erschaft auf den Export, also auf den Welt- kennt man auch an der mangelhaften markt, dessen Handelsbedingungen von wissenschaftlichen und technischen den imperialistischen Mächten, beson- Ausbildung. 1979 beschäftigte Südkoders von den USA und Japan diktiert rea 418 Wissenschaftler und Ingenieure werden, denn diese haben den Rohstoff- pro tausend Einwohner im Forschungsmarkt, den Kapitalhandel, den Waren- bereich. Das entspricht dem Niveau Iraaustausch und die Technologie in der liens (674 in 1976), doch bleibt es weit Hand. 1981 machte der Export 77% des hinter dem Japans (3608 in 1979) und der BSP Südkoreas aus. 47,1% der Importe USA (2854 in 1980) zurück'. Auf dem und 43% der Exporte kamen aus bzw. Sektor der modernsten Spitzentechno- Südkorea logie ist Südkorea gegenüber Japan und den USA eher ein Untergebener als ein Konkurrent. Die technologische Abhängigkeit kommt zur finanziellen Abhängigkeit noch hinzu.

Auf dem Gebiet der Rohstoffbeschaffung ist Südkorea abhängig. Rohstoffe machten 1981 62,5% der koreanischen Importe aus, Produktionsgüter dagegen nur 23,3%, Nahrungsmittel 11,1% und dauerhafte Konsumgüter 3,1%. Südkorea investiert insgesamt 235,4 Mio. S im Ausland, der größte Teil davon dient der Rohstoffbeschaffung. Eine gewisse Abhängigkeit herrscht auch auf dem Gebiet des Handels. Die japanischen Handelsgesellschaften — die Sogo Shosha — kontrollieren ungefähr die Hälfte des Au- Benhandels und einen großen Teil des Binnenhandels — das ist nicht wenig. auch wenn die Chaebol die andere Hälfte kontrollieren.

Soziale Umwälzung

Mit der raschen Industrialisierung seit 1962 sind in Südkorea natürlich erhebliche soziale Veränderungen eingetreten. Der Grad der Urbanisierung ist rapid angestiegen. Zwischen 1960 und 1980 hat sich die Stadtbevölkerung von 28% auf 55% erhöht. Die Einwohnerzahl von Seoul hat sich zwischen 1964 und 1970 verdoppelt, sie ist von drei auf sechs Millionen gestiegen. Heute beträgt sie zehn Millionen. Im ganzen Land gibt es 40 Millionen Einwohner.

Das Industrieproletariat ist stark angewachsen. 1963 gab es 600000 Industriearbeiter, 1973 1,4 Millionen und 1980 mehr als 3 Millionen. Diese bestehen zur Hälfte aus gelernten Arbeitskräften. Doch ihre soziale Lage ist dramatisch. Sie sind völlig ausgebeutet, ohne sozialen Schutz, ohne Arbeitsplatzsicherheit, ohne bezahlten Urlaub, mit einer 6-bis 7-Tage-Woche und einem Arbeitstag, der bis zu 10 Stunden zählt. Diese Arbeitsbedingungen und die niedrigen Löhne machen die Konkurrenzfähigkeit der südkoreanischen Produkte auf dem Weltmarkt aus.

Es gibt einige Mechanismen, die eine so starke Ausbeutung ermöglichen. In der Textilindustrie z.B. besteht die Arbeiterschaft hauptsächlich aus jungen Frauen, die nach wenigen Jahren, wenn sie körperlich und nervlich kaputt sind, durch andere ersetzt werden. Der hohe Ausbeutungsgrad kommt nicht nur durch den Mangel an politischen und gewerkschaftlichen Rechten und durch die Militarisierung der Gesellschaft zustande, sondern auch dadurch, daß die

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Südkorea anhaltende Flucht der Bauern vom Land in die Stadt auf die Löhne und die Arbeitsbedingungen drückt. 1966 betrug das Durchschnittseinkommen auf dem Land 83% desjenigen in den Städten; 1970 nur noch 59% davon'. Dieser Zustrom erhält eine ständige industrielle Reservearmee aufrecht. 1981 waren 5,2% der aktiven Bevölkerung als arbeitslos registriert — dabei sind die Millionen Lohnabhängigen, die teilzeit arbeiten, oder unsichere Arbeitsplätze haben, nicht berücksichtigt. 1981 schätzte man, daß 30% der aktiven Bevölkerung weniger als 40 Stunden in der Woche arbeiten" . Der Anteil liegt in der Hauptstadt noch höher, da hier Hunderttausende von Landflüchtlingen in Elendsvierteln am Rand der Stadt woh- Mit der Industrialisierung ist der Lebensstandard in Südkorea zweifelsohne gestiegen - 1984 lag das Pro-Kopf-Einkommen bei 1998 US-Dollar pro Jahr. Doch dieser Durchschnitt verdeckt gewaltige Ungleichheiten'. 1976 hat das südkoreanische Arbeitsamt errechnet, daß eine mittlere Familie pro Monat mindestens 142 Dollar braucht. 1977 lagen 84% der nicht in der Landwirtschaft tätigen Arbeiter unterhalb dieses Niveaus — dies geht aus einem Bericht hervor, der für die Konferenz US-amerikanischer und japanischer Parlamentarier über die Probleme Koreas vorbereitet wurde, die im selben Jahr stattfand. Um den Preis einer permanenten Repression ist es dem Regime gelungen zu verhindern, daß die südkoreanischen Arbeiter eine unabhängige Gewerkschaftsbewegung organısieren konnten — der beste hende Gewerkschattsverband, die Fede ration of Korean Trade Unions, FKTU, ist ein Handlanger des Regimes. Dagegen nimmt der Anteil an Arbeitern in den Demonstrationen gegen das Regime stetig zu.

Das numerische Wachstum des Proletariats ist nicht die einzige Folge der wirtschattlichen Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte. Es hat sich auch eine städtische Mittelschicht entwickelt: 1980 gab es in Südkorea 100000Ingenieure und 130000 Techniker, dazu zahlreiche Angestellte im Handel, in den Dienstleistungsbetrieben undimöffentlichen Dienst; sie stellten 198043,4% der aktiven Bevölkerung. Ebenso spektakulär angestiegen ist die Schulbevölkerung, von 3763000 Schüler und Schülerinnen in 1955 auf 90986000 in 1975. Heute gibt es 5295000 Grundschüler, 4866000 Mittel- und Oberschüler und 1177000 Studenten.

28 INPREKORR 189 In gewissem Sinn ist die Entwicklung einer neuen Massenbewegung, die Demokratie fordert, sowohl das Ergebnis der Erfolge der Wirtschaftspolitik der Regierung seit 1961, als auch deren Folgen auf gesellschaftlichem und politischem Gebiet. Das wirtschattliche Wachstum hat eine numerisch starke Arbeiterklasse, neue städtische Mittelschichten und eine breite Schicht von Jugendlichen mit Schulbildung geschaften. Das völlige Fehlen jeglichen sozialen Schutzes, der gewerkschaftlichen und politischen Rechte, die Beherrschung des Landes durch den US-amerikanischen und japanischen Imperialismus haben Widerstand und Protest geschürt.

Bewegung für die Demokratie

Aber die Bewegung für die Demokratie steht auch im Rahmen einer langen Tradition von Volksaufständen. Es gibt eine Kontinuität dieser Tradition seit dem starken Widerstand gegen die japanische Kolonisierung vor und nach 1910 und der Massenbewegung in der Periode von 1945-50. Der politische und soziale Bruch von 1953 hat jedoch die gesellschaftliche Achse verschoben. Vor dem Koreakrieg war vor allem die ländliche Bevölkerung Trägerin der Massenbewegungen, die Arbeiterklasse trat erst Ende der siebziger Jahre auf den Plan. In der dazwischenliegenden Zeit hat die Studentenbewegung die demokratischen und nationalen Forderungen hochgehalten. Sie leitete die Demonstrationen, die zum Sturz Rhees 1960 führten, und die Mobilisierungen, die sich 1965 gegendas japanisch-koreanische Abkommen und 1972 gegen die Verfassung richteten. Studentendemonstrationen haben auch im Oktober 1979 in Pusan die Krise des Regimes von Park Chung Hee ausgelöst, in deren Folge Park am 26. Oktober vom Chef der südkoreanischen CIA ermordet wurde.

Schon im Mai 1980 aber waren die Arbeiterklasse und breite Volksmassen am Aufstand von Kwangju mitbeteiligt. Heute setzen sich die Demonstrationen für die Demokratie mehr und mehr aus Arbeitern und der einfachen Bevölkerung zusammen.

Die Hauptkraft der heutigen Opposition ist die NKDP, eine bürgerliche Partei, die sich vor allem auf die Mittelschichten stützt. Es scheint, als sei sie in der Lage etwas zu tun, was es noch nie gegeben hat, nämlich die bürgerliche Opposition gegen das Regime zu vereinheitlichen. Einer ihrer bedeutendsten Führer, Kim Dae Jung, hat kürzlich erklärt: „ Wir brauchen die Unterstützung der Mittelklasse. Das sind die Leute, die Demokratie wollen, aber keine Unordnung lieben" 5. Das ist das Problem. Sowohl die Mittelschichten als auch die Bourgeoisie hassen die Unordnung. Wenn Kim Dae Jung davon spricht, denkt er sicher an die Studentenbewegung. Diese erweist sich immer mehr als der radikale Pol in der Bewegung für die Demokratie. Ausihrer Mitte entwickeln sich Strömungen, die unter dem Einfluß des Marxismus stehen, die anfangen, sich grundsätzliche Fragen zu stellen, wie die nach einer Arbeiter- und Bauern regierung, nach der imperialistischen Herrschaft, nach der Wiedervereini gung des Landes. In dem Maße, wie diese Strömungen ihren Einfluß auf die Mas sen ausdehnen können — bisher sind vor allem die christlichen Strömungen ein flußreich —, können sich die politischen Bedingungen in Südkorea ändern. Zur Zeit erleben wir eine Krise der Form der bürgerlichen Herrschaft in Südkorea, nicht so sehr der bürgerlichen Herrschaft selbst. Das kann sich aber ändern, wenn die Arbeiterklasse mit ihren eige nen Forderungen, ihren eigenen Organisationen und Kamptmethoden auf den Plan tritt und ein „demokratischer Übergang" damit für die Bourgeoisie viel gefährlicher wird.

12. Oktober 1986 Armerkangen 1 In einer der nächsten Ausgaben von Inprekorr folgt ein Artikel über die politischen Machtstrukturen in Südkorea.

2 Zahlen nach Wilfred Burchett, zit. in: A nowvean la Corce. Paris 1968. S. 121.

3 John Gunther, The Riddle of Mac Arthur, London 1951.

4 Jon Halliday, The North Korean Enigma, in: New Left Review, Nr. 127/1981.

S Burchett. op. cit., S. 120. 6 Roy E. Applemann, South of the Naktong, Northof the Yalu. Washingron 1961, S. 18. 7 Halliday, op. cit.

8 Gregory Henderson, damals Diplomat in Korea, The Politics of the Vortex, Harvard 1968 9 Soweit nicht anders angegeben stammen alle Zahlen in diesem Artikel aus La République de Corée, un noncean pays industrialisé, von Jean-Raphael Chaponniére, Documentation Française, 1982. 10 Pierre Rousset. La Corée du Sud, second Japan?, in: Croissance des jesnes nations, Nr. 265, Paris 1984. 11 Fortune, 11. August 1980. 12 Jon Halliday. Capitalism and Socialism in East Asia, in: New Left Review, Nr. 124/1980. 13 Zur Öffnung Südkoreas für ausländische Firmen s. South Korean Economy-Still under Command, in: Far Eastern Economic Review, 21.8.1986. 14 UNESCO, Statistik über Wissenschaft und Technologie, 1982.

15 Suzanne Haig, Korea, Two Contrasting Social Systems, in: Intercontinental Press, 15. März 1982. 16 Gavan McCormack, in: Bulletin of Concerned Asian Scholars, Dezember 1981.

17 Aus: Asia Yearboock 1986, in: Far Eastern Economic Revieu:

18 International Herald Tribune, 7. April 1986.