Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

sein Leben und Denken

· Inprekorr Nr. 186, Oktober 1986 · S. 18-19 · 657 Wörter

Bolivien, Peru und Anden

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In vielen Fällen verbündeten sich die beiden Klassen, mit dem Ergebnis, dal es keinen Wandel der Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur gegeben hat. So muß das Proletariat die demokratisch-nationalen Aufgaben im Bündnis mit den Bauern und den kleinbürgerlichen Schichten in den Städten bewältigen, zu denen das Bürgertum nicht in der Lage war. Mariátegui polemisiert gegen die, die glaubten, die politische Unabhängigkeit sei bereits errungen, es gehe nur noch um die wirtschaftliche Unabhängigkeit. Sein Bruch mit dem APRA-Vorsitzenden Haye de la Torre machte sich hauptsächlich daran fest, daß dieser behauptete, in Peru müsse erst der Kapitalismus voll entfaltet werden, bevor man zum Sozialismus übergehen könne. Demgegenüber sah Mariátegui keine anderen Möglichkeiten, die feudalen Strukturen zu überwinden, als die sozialistische Revolution.

Die nationale Frage stellt sich in Peru anders als in Europa. In Europa wird die nationale Einheit dadurch hergestellt, daß die feudalen Strukturen beseitigt und ein Nationalstaat errichtet wird, in dem die Angehörigen der verschiedenen Kleinstaaten, Regionen und Städte zusammengefaßt undeinander gleichgestellt werden. In Peru gibt es jedoch keine Pluralität lokaler und regionaler Traditionen, sondern eine Dualität der Rassen und der Sprachen. Neben der Klassenunterdrückung gibt es eine ehtnische und kulturelle Unterdrückung. Sie ist das Ergebnis der kolonialen Eroberung Perus durch eine fremde Rasse, die sich mit der einheimischen weder verschmolzen noch diese assimiliert oder ausgerottet hat.

Marx hat einmal drei Möglichkeiten benannt, wie sich die Eroberer zu den unterworfenen Völkern verhalten können: 1. indem sie sie ihrer Produktionsweise unterwerfen; 2. indem sie ihre Produktionsweise intakt lassen und sich darauf beschränken, das Mehrprodukt in Form von Tributen, Steuern u.ä. abzuschöpfen; 3. indem es eine Symbiose zwischen beiden Produktionsweisen gibt. In Peru ist sowohl die erste als auch die dritte Variante anzutreffen.

Anders als in Asien gibt es in Peru keine kulturelle und ethnische Einheit zwische den Kolonisatoren und den Ureinwohnern. In Asien haben die Kolonisatoren die herrschenden einheimischen Klassen nicht ausgerottet, wie in Peru, sondern sich vielfach mit ihnen verbündet, um gemeinsam das Volk zu unterwerfen. In Peru wurde die Inka-Elite jedoch enthauptet.

Für Mariátegui ist das Indio-Problem nicht primär eine Frage der Menschenrechte und der Rassenpolitik, sondern eine Frage des Bodens. Der Indio will vor allem wieder frei sein Land bebauen können. Hieraus bezieht er seine kulturelle Identität. Mariátegui hat sich gegen Ende der 20er Jahre gegen die Position der Komintern gewandt, die für die Indios das Selbstbestimmungsrecht forderte. _Die Bildung eines autonomen Staates würde zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zur Diktatur des Proletariats und noch weniger zu einer indianischen klassenlosen Gesellschaft führen, sondern zur Entstehung eines bürgerlichen Indianerstaates." Nur die klassenbewußte, revolutionäre Bewegung fördert die Möglichkeit zur politischen Selbstbestimmung der Indios.

Dabei entdeckt Mariátegui im Agrarkommunismus der Inkas Ansatzpunkte, wie die ursprüngliche Lebensweise dieser Völker in eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft integriert werden kann. Die Inkas kannten den Gemeinschaftsbesitz an bebaubarem Boden, an Wasser, Weiden und Wäldern durch die Dorfgemeinschaften oder untereinander verwandte Familien. Die spanischen Kolonisatoren haben in Peru das Feudaleigentum eingeführt. Doch neben der Leibeigenschaft haben sich Reste der Dorfgemeinschaft erhalten können. Mariátegui fordert, daß die großen Ländereien unter die Dorfgemeinschaften verteilt werden. Anders als an der Küste, wo das Land an zahlreiche Einzelbauern verteilt werden muß, kann es im Hochland genossenschaftlich bearbeitet werden. Für Mariátegui ist das Wiederaufgreifen der agrarkommunistischen Tradition keine romantische Rückkehr zur alten Produktionsweise. Umgekehrt sieht er die Möglichkeit, im Rahmen einer sozialistischen Revolution in Peru diese Tradition zum Ausgang zu nehmen für eine technisch und wirtschaftlich höher entwickelte kollektive Produktionsweise. Die Parallele zu Marxens Vorstellung, das Dorfeigentum am Boden im zaristischen Rußland könne zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Revolution werden und damit die Phase der kapitalistischen Revolution überspringen, ist unverkennbar.

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