Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Tickende Zeitbombe. 'Wir gehen auf eine schwere, bereinigende, deflatorische Wirtschaftskrise zu …, schlimmer als 1929'

· Inprekorr Nr. 183/84, Juli/August 1986 · S. 7-14 · 6.666 Wörter

Weltwirtschaft und Krise USA und Kanada Philippinen und Südostasien Mexiko

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Tickende Zeitbombe „Wir gehen auf eine schwere, bereinigende, deflatorische Wirtschaftskrise zu,... schlimmer als 1929... " Diese Erkenntnis stammt aus dem Munde des Frankfurter allem mit den katastrophalen Folgen. absent | Verschulolung pro Kopt: Exbankiers von Bethmann. Ernest Mandel befaßt sich mit ihren Ursachen und vor | Validit 6.700 Mod$ USA 29.000 $ 22 4 n.d$ Nicaragua 1.300 $ 1 91 Mati Mexico troh 1.250 $ ~ 1 jetzigen Zeitpunkt übersteigt allein dies des amerikanischen Bankensystems und Ernest Mandel innere und äußere Verschuldung der des internationalen Währungssystems USA sowie die Verschuldung anderer zu begreifen, das sich auf eine Vorzugs- Länder in Dollar und eigener Währung stellung des Dollars gründet.

Die wachsende Verschuldung der soge- die astronomische Zahl von achttausend Erinnern wir kurz daran, wie durch nannten Länder der Dritten Welt und Milliarden (8 Billionen!) Dollar, die sich inflationäre Kreditmechanismen und die dadurch ausgelöste Kettenreaktion Ende 1985 im großen und ganzen so die Ausdehnung von Schulden - kurzist nur ein Aspekt einer viel breiteren aufteilten:

Erscheinung: des Einsatzes des Kredits als Motor der Wirtschaft des Spätkapi- Schulden der öffentlichen Hand in den USA 2000 Mrd.$ talismus. Das muß man betonen, um zu Schulden von Privatunternehmen in den USA 2800 Mrd. S begreifen, daß die jetzige Finanzkrise Schulden der privaten Haushalte in den USA 1900 Mrd. S das organische Ergebnis der weltweiten Expansion ist, des Nachkriegsbooms, Schulden der Dritten Welt 950 Mrd. S der von 1940/48 bis 1968/73 anhielt.[1] Schulden der öffentlichen Hand der anderen Die wachsende Verschuldung rührt kapitalistischen Staaten und der Arbeiterstaaten 700 Mrd. $ keineswegs vom Versagen der unterentwickelten Staaten her, von ihren herrschenden Klassen oder ihren Regierun- Es wird deutlich, daß die Schulden der fristig allerdings — die Schärfe der gen; sie ist nur ein besonderer Ausdruck Dritten Welt, die so viele unfreundliche wichtigsten Widersprüche des zeitgefür die Schlüsselrolle, die Kreditinfla- Kommentare aus Bankenkreisen hervor- nössischen Kapitalismus gedämpft wird. tion - und damit Aufblähung aller For- rufen, nur einen bescheidenen Teil der Die Schulden der privaten Haushalte men von Schulden — gespielt hat, um weltweiten Masse an Schulden in Dollar gestatten es zeitweilig, den Abstand zwinach dem Zweiten Weltkrieg in allen und Auslandswährung ausmachen - schen den gewachsenen Produktionskakapitalistischen Staaten und Wirt- kaum mehr als 10 % der Gesamtschul- pazitäten der Betriebe, die Verbrauchsschaftsbereichen Wachstum zu fördern den. Da dieser Betrag auch die Schulden güter erzeugen, und der sehr viel (besser noch: die Krise hinauszuzögern). Chinas miteinschließt, betrifft dies zwei bescheidener gestiegenen Kaufkraft zu Wenn wir in all diesen Ländern seit Drittel der Bewohner des Planeten, Ein verringern. Ein Teil der dauerhaften 1940 unter dem Druck permanenter In- Zehntel der Schulden, die auf zwei Drit- Verbrauchsgüter (vor allem Wohnunflation leben, so ist in Wirklichkeit Infla- tel der Erdenbewohner entfallen, sind en und Autos) werden auf Kredit getion gleichbedeutend mit Verschul- unverhältnismäßig.

dung. Die Inflation ist im wesentlichen Vorwürfe der Bankenkreise spiegeln nur eine Inflation des Buchgeldes,[2] eine eine bürgerliche Spruchweisheit wider: Die Schulden der Unternehmen erlau- Kreditaufblähung. „Man borgt nur den Reichen", was in ben es zeitweilig, den Abstand zwischen eine offenere Sprache übersetzt heißt: dem Tempo der Akkumulation und dem Schulden hier, „Man hätte nur den Reichen borgen dür- Tempo der Produktionssteigerung zu Schulden dort überbrücken - gestatten also unmittel bar, die Auswirkungen des tendentiellen Immer wieder haben wir betont: nach Die Schuldenmenge ist nicht vollstän- Falls der Profitrate zu mildern. Das Tem dem Zweiten Weltkrieg ist der Kapita- dig angeführt. Sie umfaßt nicht die po der Akkumlation wird in dem Maße lismus auf der Welle der Schulden in die Schulden in „nationaler" Währung der aufrechterhalten, wie ein Teil der neuen Prosperität geschwommen. Um die Be- kapitalistischen Staaten insgesamt (aus- Investitionen (Kauf neuer Maschinen, deutung dieser Erscheinung zuerklären, ser den USA). Dennoch hat die genannte zusätzlicher Rohstoffmengen usw.) muß man zuvörderst das Ausmaß der Zahl in dem Maße einen operationellen durch Kredite finanziert wird und nicht Verschuldung genauer darstellen. Zum Wert, als sie erlaubt, die Verletzlichkeit durch Gewinne. Nr. 183 / 184, August 1986 Seite?

Seite 8

Die Aufblähung der Verschuldung der öffentlichen Hand gestattet es, zeitweilig die Finanzkrise des Staates abzumildern, den Abstand zwischen dem Wachstumsrhythmus der öffentlichen Ausgaben und dem sehr viel langsameren Rhythmus steigender staatlicher Einnahmen, vor allem der Steuern, zu verringern. 3] Natürlich kann Verschuldung die Rolle der Knautschzone zwischen Widersprüchen, die der kapitalistischen Produktionsweise innewohnen, nur eine zeitlang und in bestimmten Grenzen spielen. Die Schärfe dieser Widersprüche führt dazu, daß man immer mehr Kredite braucht, um diese Wirkung zu erzielen. Daher setzt unvermeidlich Inflation ein. Sobald aber Inflation einsetzt und eine bestimmte Schwelle überschreitet, kann sie die Expansion nicht mehr speisen. Sie beginnt sogar, sie abzuwürgen. Damit wird sie dann auch zu einem der Faktoren für das Umschlagen der langen expansiven Welle der Jahre 1940/48 bis 1968/73 zu Beginn der 70er Jahre in eine lange depressive Welle, in der wir noch immer stecken. 4] Daher rührt auch der Übergang der kapitalistischen Wirtschaftspolitik vom Keynesianismus (Anreizen der Nachfrage und damit gemäßigte Inflation) zum Monetarismus (Wiederherstellung der Geldstabilität um jeden Preis, sogar um den Preis von Stagnation und Depression). Es war nicht der Wechsel der Wirtschaftspolitik , der den Umschwung in der Wirtschaftskonjunktur hervorgerufen hat, sondern die Bourgeoisie änderte die Prioritäten der zu erreichenden Ziele und damit auch die Wirtschaftspolitik genau zu dem Zeitpunkt, als die konjunkturelle Wende bereits da war. Die Rolle der Banken

Was die bürgerliche Gesellschaft kennzeichnet, ist insbesondere die Tatsache, daß das Gesamtinteresse der Bourgeoisie (das meist durch den bürgerlichen Staat ausgedrückt wird) durch verschiedenartige Vertreter verteidigt wird (Politiker, hohe Beamte, Geschäftsleute), die in 99 von 100 Fällen nicht von ihren privaten Interessen absehen können. Die allgemeine Ausweitung der Kredite nach 1940 (1948) entsprach zweifellos dem Gesamtinteresse des Bürgertums. Sie wurde jedenfalls durch Banken gefördert, die nicht an erster Stelle das Ziel verfolgten, dem Gesamtinteresse des Großkapitals einen Dienst zu erweisen. Sie versuchten vielmehr vor allem ihre eigenen Gewinne zu vergrö- Bern, die Bankprofite.

Solange die Wirtschaftskonjunktur gut ist, solange das Barometer schönes Wetter anzeigt, fällt das Gesamtinteresse des Bürgertums weitgehend mit dem besonderen Bestreben der Banken zu- Ein sammen, ihren Profit zu erhöhen. Die Banken wirken als Zentren einer „objektiven Vergesellschaftung" der Einzelkapitale. Sie sammeln das überschüssige Kapital von Firmen und Haushalten, um es auf Unternehmen hinzulenken (sowie seit dem Zweiten Weltkrieg in wachsendem Maße auf Haushalte des mittleren und Großbürgertums und der oberen Schichten des Kleinbürgertums), die diese Mittel für die Erhöhung ihrer Investitionen und für ihre Käufe benötigen. Wenn aber das System in die Krise gerät, dann wird all dies erschüttert. Das eigene Ziel der Banken, vor allem die Verteidigung ihrer eigenen Einkünfte, ihrer eigenen Rentabilität, kann in Gegensatz geraten zum Gesamtinteresse des Kapitals: der Wiederherstellung der Rentabilität des ganzen Systems, vor allem der wichtigsten Trusts, Monopole und Finanzgruppen. In ihrer Sucht nach zusätzlichen Profiten lassen sich die Banken auf Praktiken ein, die die Stabilität des gesamten Systems zumindest langfristig gesehen erschüttern. Die staatliche Kontrolle über die Banken, die nach der Bankenkrise von 1931 - 1933 ein Trauma verursachte, ist unfähig, dieses Bankier.

Ubel abzuschaffen, das dem Privateigentum ebenso wie der Konkurrenz und dem Profitstreben als den wichtigsten Motoren der kapitalistischen Wirtschaft innewohnt.

Die Profite der Banken rühren im wesentlichen aus der unterschiedlichen Behandlung der Einleger und dem Prozentsatz, den sie durch Ausleihen von Geldern einnehmen. Je stärker die Bankeinlagen anschwellen, ein desto größeres Interesse haben die Banken, Kunden zu finden, bei denen sie Anleihen zu überdurchschnittlich hohen Zinsen plazieren können. Nach dem Ölschock im Jahre 1973 haben die Einnahmen einer Reihe von Erdöl exportierenden Ländern die Einlagen von einigen amerikanischen und britischen Banken anschwel. len lassen. (In geringerem Maße gilt dies auch für deutsche, schweizerische, japanische und andere Banken.) Das waren die berühmten Petrodollars. Die Banken standen vor dem Problem, Kunden zu finden, denen sie dieses neue Geldkapital leihen Könnten.

Nun hat aber die lange Depression, die in den imperialistischen Staaten einsetzte, zugleich die Nachfrage nach zusätzli-

Seite 9

chen Krediten durch Unternehmen und Privathaushalte verringert, die beide bereits übermäßig verschuldet waren. Um neue Schuldner zu suchen, wandten sich die Banken deshalb anderswo hin, im wesentlichen an die Länder der Dritten Welt und in geringerem Maße an die bürokratisierten Arbeiterstaaten. Die Banken waren es, die diese Kredite der Dritten Welt angeboten haben — es war nicht die Dritte Welt, die sie bei den Banken erbettelt hätte.[6] Diese Vorgehensweise wurde durch drei besondere Bedingungen gefördert, die in der Mitte der 70er Jahre zusammenfielen.

• Zunächst einmal hat es keinen Gleichlauf zwischen der Depression in den imperialistischen Ländern einerseits und der in Lateinamerika, Südostasien und dem Osten andererseits gegeben.[7] Es bestand deshalb die Illusion, daß die Zahlungsfähigkeit der halbindustrialısierten abhängigen Länder zumindest in den genannten geographischen Bereichen wachsen würde.

Sodann wurden diesen Ländern Zinssätze auferlegt, die höher waren, die sie aber wegen des chronischen Kapitalmangels, an dem sie leiden, zahlen mußten, obwohl die realen Zinssätze in den imperialistischen Ländern - wenn man die Inflation berücksichtigt — sehr niedrig waren, manchmal sogar ein Minus bedeuteten.[8] Außerdem füllten die Privatbanken eine Lücke, die durch die mangelnde Erfüllung des Auftrags internationaler kapitalistischer Institutionen entstanden war, genauer noch: durch das Zögern imperialistischer Regierungen vor allem der USA, in Krisenzeiten im Gesamtinteresse des internationalen kapıtalistischen Systems zu handeln. Der Öl schock hatte den Mehrwert (und seine Kapitalisierung in Form von Geldkapital im internationalen Maßstab) umverteilt. Die hauptsächlichen Opfer dieser Umverteilung waren die Länder der sogenannten Dritten Welt, die Importeure von Erdöl sind. Die wichtigsten Gewinner waren die besitzenden Klassen der erdölexportierenden Staaten. Das Defizit in der Zahlungsbilanz drohte die Importmöglichkeiten der ersteren abzuwürgen, und zwar nicht nur bei Ausrüstungsgütern, sondern auch bei Rohstoffen, die für ihre entstehende Industrie lebenswichtig sind, schließlich sogar für Nahrungsmittel. Objektiv entstand so ein Problem des „recycling", des Wiedereinbringens der Petrodollars in den Geldkreislauf. Man mußte die OPEC-Überschüsse an die ausleihen, die tief im Defizit steckten. Das haben im großen und ganzen die Banken auch getan.

Sie haben es jedoch übereilt und unvorsichtig getan, obwohl sie privat große Vorteile daraus gezogen haben. Hier kommt aber noch etwas anderes hinzu: Runde schärferer Verschuldung führt. die allmähliche Verschlechterung der Die Verschuldungsspirale setzt sich zu- Qualität der Führungskader des interna- gunsten der besitzenden Klassen und auf tionalen Bankensystems. Kosten der Volksmassen fort. Der Umfang dieser Kapitalflucht der Im Verlauf der gesamten Periode, die Bourgeoisie der hauptsächlichen mit dem Zweiten Weltkrieg ihren An- Schuldner unter den Ländern der Dritfang nahm, fand eine beträchtliche Er- ten Welt ist kürzlich durch die Zeitweiterung der Kreditoperationen und schrift Intereconomics aufgrund von Staeine nicht minder beträchtliche Auswer- tistiken der OECD, des IWF und der tung rein spekulativer Operationen im Weltbank in folgender Weise geschätzt Rahmen des Bankensystems statt. Dies worden: beimlicher Kapitalexport in % der nationalen 1976 - 1982 in Mio. Dollar Schuld an Auslansbanken * inklusive kurzfristige Schulden!? Argentinien 17 150 *80,5 % Mexiko 13 48811 54,0 % Venezuela 8 454 65,4 % Indonesien 5 164 34,2 % Ägypten 3944 44,3 % Nigeria 2743 43,3 % Indien 2 132 33,3 % Syrien 1889 96,0 % zeigte sich vor allem deutlich von dem Diese Liste ist keineswegs vollständig, Zeitpunkt an, als der Dollar nicht mehr denn sie umfaßt nicht die Kapitalflucht „konvertibel" (gegen Gold umtausch- aus Ländern wie Brasilien, Philippibar) war - gegen Ende der 60er Jahre. nen, Südkorea, Thailand; man glaubt, es Die Spekulation richtete sich auf Roh- gebe sie dort nicht, obwohl alle Welt stoffe, Gold und den Wechselkurs der offensichtlich Beispiele aus den Kreisen Devisen. Während der konjunkturellen der „großen Familien" dieser Bourgeoi- Aufschwungsphase 1983 - 1985 weitete sien kennt.[13] Weitere statistische sie sich auf gigantische Operationen öf- Mängel rühren daher, daf die angeführfentlicher Kaufangebote aus (die Fusion ten Zahlen Durchschnittswerte sind von Firmen angezettelt über bran- und weder die kurzfristigen Schulden chenfremde Mittelsmänner), die Milliar- miteinbeziehen noch auch die Schwanden Dollars ausmachten.[9] kungen der Devisenreserven. Unter diesen Bedingungen tauchten an wichtigen Zweigstellen von Groß- Der Anteil der banken Führungskräfte auf, die immer Länder der Dritten Welt weniger dem traditionellen Bild entsprachen (einige meinen sogar: am Kande der Legalität operierten); man fand sie Nochmals: die unfreundlichen Komsogar an der Spitze einiger Großban- mentare imperialistischer Finanzkreise ken.[10] Sie taten alles, um kurzfristig zur Kapitalflucht aus den Ländern der den Profit zu maximieren, ohne die Risi- sogenannten Dritten Welt enthalten eiken zu berücksichtigen. Es gab nachein- ne starke Dosis Heuchelei. Es ist eine ander sowohl unvorhergesehene Gewin- unbestreitbare Tatsache, daß die besitne als auch Verluste, was die Solidität des zenden Klassen der Länder der Dritten Bankensystems insgesamt ernsthaft be- Welt bis ins Mark korrumpiert sind. Es einträchtigte. Spekulation, persönliche ist aber ebenfalls eine Tatsache, daß es Korruption, Krisen der nationalen Zah- für Korruption sowohl Bestochener wie lungsfähigkeit, Krisen der Zahlungsfä- Bestechender bedarf. Diejenigen, die behigkeit von Banken verwoben sich im- stechen sind in diesem Fall die imperialimer mehr miteinander. Eine beträcht- stischen Banken. Dazu braucht man liche Zahl von Anleihen an Länder der auch allgemeine Voraussetzungen, die Dritten Welt wurde sozusagen gleich an eine unbändige Sucht nach privater Beder Quelle abgeleitet, um privaten Lie- reicherung begünstigen. Diese nennen len bürgerlicher Schichten dieser Länder sich Marktwirtschatt, Geldwirtschatt zu nutzen, die versuchten, sich gegen die und vor allem verallgemeinerte Marktgaloppierende Inflation sowie gegen das wirtschaft, was nichts anderes ist als bür- Risiko revolutionärer Krisen abzusi- gerliche Gesellschaft, kapitalistische chern. Produktionsweise.

Die Kapitalflucht wird durch Aus- Ins Schleudern geriet die Verschullandsanleihen gespeist, und sie vergrö dung der Dritten Welt zu dem Zeitßert zugleich das Defizit der Zahlungs- punkt Anfang der 70er Jahre, den wir bilanz, was wiederum zu einer neuen erwähnt haben. Damals betrug die Ge-

Seite 10

samtverschuldung der halbkolonialen und abhängigen Länder 150 Mrd. S, heute übersteigt sie 900 Mrd. S. Dieser Höhenflug hat im wesentlichen keine politischen Ursachen, obwohl auch deren Rolle nicht unbeträchtlich ist, noch auch ist er das Resultat von Verschwörungen und Gegenverschwörungen. Er ist eine Folge jener inneren Dialektik der kapitalistischen Produktionsweise insgesamt, sowohl auf internationaler Ebene wie auch in den wichtigsten betroffenen Ländern.

Nachdem der Anstieg der Verschuldung durch das „recycling" der Petrodollars einmal inganggesetzt war, hat sie in der Dritten Welt eine Reihe mehr oder weniger spontaner Mechanismen ausgelöst, die jedenfalls von niemandem gemeistert wurden, weder von den Regierungen, noch von den herrschenden Klassen dieser Länder, noch von den imperialistischen Banken, den imperialistischen Regierungen oder der Bourgeoisie der Metropolen insgesamt.

Der Zufluß frischen Kapitals in die unterentwickelten Länder wurde nur teilweise investiert, konnte deshalb auch nur teilweise zusätzliche Mittel schaffen, um die Schuldenzinsen zu bezahlen oder das geliehene Kapital zurückzuerstatten. Das also ist die erste Quelle des Ungleichgewichts, zweifelsohne die wichtigste. Ein Teil dieser Kapitalien dient dazu, die Kosten für das Funktionieren der Wirtschaft und des Staates zu bezahlen oder aber ein gegebenes Niveau der Wirtschaftsaktivität aufrechtzuerhalten: die Rechnung für das verteuerte Ol zu begleichen oder für die Einfuhr von Kohstotten, die nicht durch Exporte gedeckt ist. Ein anderer Teil fließt in parasitäre Spekulationsgeschäfte. Dann gibt es schliefslich einen Teil, den sich die besitzenden Klassen selber aneignen und außer Landes bringen.

Die Ausfuhren der Länder der Dritten Welt, die langfristig ja steigen sollen, damit sie den Schuldendienst und die Rückzahlung des geborgten Betrags sicherstellen können, wachsen nicht immer und nicht überall in dem gewünschten Ausmaß. Das Wertgesetz wirkt sich unerbittlich aus. Esverteilt auf Weltebene sowohl Angebot als auch Nachfrage um und verteilt auch die Produktionsmittel und die Arbeitskräfte. Aber es geht hierbei um eine spontane Anpassung, eine chaotische, unvorhersehbare und vor allem auch von Land zu Land ungleichzeitige — um nicht zu sagen von Kontinent zu Kontinent. Daraus entstehen gewaltige Ungleichgewichte, die man nicht mit der geläufigen Floskel „zeitweilige" zudecken kann. In der kapitalistischen Wirtschaft ist der Definition nach alles zeitweilig — außer dem Privateigentum selbst und dessen unbändiger Sucht. Aber die genaue Verteilung unter den verschiedenen Kapitalisten, Kapitalfraktionen oder Klassen ist immer zeitweilig, wird immer wieder durch neue Tatsachen umgestürzt: vom das Gesetz der ungleichen und kombinierten Entwicklung.

So hatte der — zeitweilige — Preisanstieg des Erdöls besitzende Klassen wie die von Saudi-Arabien, Kuweit oder Mexiko beglückt, während die Wirtschaft Brasiliens, Argentiniens oder Indiens erschüttert wurde. Als umgekehrt die Zahlungsbilanz Südkoreas und Brasiliens wieder in Ordnung kam, wurden Mexiko und die OPEC-Staaten durch den Zusammenbruch der Erdölpreise niedergedrückt. Die globale Ausweitung des Weltmarkts reichte also nicht aus, um alle verschuldeten Länder in die Lage zu versetzen, ihre Ausfuhren so weit zu entwickeln, daß sie eine regelmä- Bige Schuldentilgung leisten könnten. Das trifft umso mehr zu, als die ganz‹ Periode der 70er Jahre und der frühen 80er Jahre durch eine langfristige Rezession gekennzeichnet ist, die die Wirtschaft der imperialistischen Staaten erfaßt hat. Das hat die Ausweitung der Exporte der Länder der Dritten Welt in die Metropolen gebremst, oft auch durch offen protektionistische Maßnahmen. Das Beispiel des Kunstfaserabkommens, das den Export von Textilerzeugnissen aus Asien und Lateinamerika im Visier hatte, ist der deutlichste Beweis. Das gleiche trifft zu auf bestimmte Nahrungsmittel wie Zucker oder Kaf- Sicherlich, es stimmt, daß der Anteil am Export von Fertigwaren aus der Dritten Welt am Welthandel in aufsehenerregender Weise in letzten Jahrzehnt gestiegen ist. Die Handelsbilanz der USA ist in diesem Punkt defizitär geworden. (Das trifft aber weder für Europa noch für Japan zu.) Die USA importieren mehr an Fertigwaren aus abhängigen und halbindustrialisierten Staaten und exportieren immer weniger. Es hat aber nur eine kleine Anzahl von Landern hiervon profitiert und auch nur bei einer kleinen Anzahl von Fabrikaten: Schuhe und Stahl aus Brasilien, südkoreanische Elektronik, in Hongkong zusammengesetzte Produkte und einige andere Falle. Das aber ist ungenügend, um die Zeitbombe der Verschuldung zu entschärfen.

Angesichts der Tatsache, daß die laufende Produktion nicht die notwendigen Mittel schafft, um das Defizit in der Zahlungsbilanz zu decken, müssen diese Länder weiterhin Geld leihen, um einen Teil des Schuldendienstes und einen Teil des zurückzuerstattenden Kapitals, das fällig geworden ist, abzahlen zu können. Nach Statistiken der UNO aus dem Jahre 1985 betrugen die Zinszahlungen für Schulden in 88 Ländern der Dritten Welt 1981 35 Mrd. S, 1982 waren es 48 Mrd. $ und 1983 44 Mrd. S. Das war jeweils mehr als die Summe der privaten Kredite, die in diesen drei Jahren an sie vergeben wurden und lag sogar um 5 Mrd. S über der Gesamtsumme an privaten und öffentlichen Krediten, die diese Länder 1983 erhielten. Zu diesem Blutverlust muß man noch die Profite und Dividenden hinzuzählen, die aus den Ländern der Dritten Welt in die Metropolen „repatriiert" wurden und die um die 12 Mrd. Spro Jahr schwanken. In den drei Jahten, die wirin Betracht zie hen, war das mehr als der Nettozufluß von Investitionskapital. Laut einem Bericht der Wirtschaftskonferenz für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) gab es einen Nettotransfer von Mitteln aus Lateinamerika in die übrige Welt in Höhe von 30 Mrd. Sim Jahre 1985, wenn man die laufenden Zahlungsüberweisungen und Kapitalbewegungen hinzurechnet. Der Präsident dieser Konferenz, Ortiz Mena, schätzt, daß in den vier Jahren von 1982 bis 1985 dieser Blutverlust insgesamt 100 Mrd. S ausgemacht hat. Daher wuchs die Verschuldung auch so sehr an. Man leiht immer mehr, nicht etwa um immer mehr zu produzieren, sondern um alte Anleihen und die daraus folgende Zinslast zurückzuzahlen. Global betrachtet ist die Schuldenmasse in den Jahren 1973 bis 1982 fast zweimal schneller gestiegen als das Sozialprodukt der Länder der Dritten Welt, die nicht Mitglieder der OPEC sind.

Austauschverhältnisse

Dieser Teufelskreis ist umso tückischer, als das Austauschverhältnis (das Verhältnis zwischen Import- und Exportpreisen) im allgemeinen zuungunsten der Länder der Dritten Welt funktioniert. Mit Ausnahme jedoch des kurzen sensationellen spekulativen Preisanstiegs in den Jahren 1971 bis 1973 sowie für das Erdöl bei den beiden Ölschocks sind die Rohstoffpreise und die Preise für Halbfabrikate langsamer gestiegen als die Preise für Fertigwaren — wenn sie nicht gar gefallen sind. Diese negative Entwicklung der Austauschverhältnisse, der nur einige halbindustrielle Länder wie Südkorea entgehen (und auch das nur vorübergehend) wiegt schwer auf den ärmsten Ländern, deren Schulden, auch wenn sie in absoluten Zahlen geringer sind als die der halbindustrialisierten Länder, eine unerträgliche Last darstel- Der Preis der Rohstoffe insgesamt ist im Durchschnitt, wenn man 1979/81 als 100 setzt, bis September 1985 auf 72 abgesunken; der Preis von Nahrungsmitteln (Getreide, Zucker, Bananen, Sojaölkuchen) fiel auf 56 und von Speiseölen auf die Ziffer 65. Die Verluste an Ex porteinkünften übersteigen deshalb den Betrag des Schuldendienstes.

Schließlich fand auch fast während der

Seite 11

ganzen Periode, die hier in Betracht ge Staaten, verstärkt die „Hausse" der zogen wurde, aus Gründen, die der Zinsraten die Tendenz zur ,Dollarisie- Wirtschaft imperialistischer Staaten ei- rung" der Wirtschaft dieser Länder. Ein gen sind, ein schwindelerregender An- ganzer Tätigkeitsbereich und ein wachstieg des Zinsfußes statt, yor allem in den sender Teil der Ersparnisse entziehen USA. Während nun aber für die Kapita- sich so der Kontrolle der nationalen Relisten dieser Staaten dieser Preisanstieg gierungen und der nationalen Akkumunicht katastrophal war, weil die Infla- ation von Kapital. 14 tionsrate hoch lag, sah das für die Länder So gelangte man nach einer stets wachder Dritten Welt ganz anders aus. Da senden Spirale der Verschuldung zu der ihre Schulden in Dollar berechnet sind, jetzigen Gesamtsumme von 900 Mrd. S bedeutet jede Erhöhung der Zinsen um und zur tatsächlichen Zahlungsunfäheinen Punkt in den USA, daß der jährli- higkeit der meisten verschuldeten Länche Schuldendienst Ende der 70er und der. Von diesen 900 Milliarden sind sehr Anfang der 80er Jahre jeweils um 4,5 bis 6 viel weniger als die Hälfte wirklich inve- Mrd. S anstieg. stiert, worden. Zwischen einem Drittel Darum mußte man erneut borgen, um und einem Viertel wurde von den Besitdie Kosten dieser zusätzlichen Bela- zenden ins Ausland abgeleitet wie in stung abzudecken. Da aber das Geld in einer Wirtschaft, die auf Zinswucher beden Ländern der Dritten Welt durch ruht, ein weiteres Viertel wurde von den sehr viel höhere Inflationsraten ange- Verleihern selber zurückbehalten oder schlagen ist als in den imperialistischen empfangen. Schulden lasten auf der Welt

Bruttoverschuldung gegenüber dem Ausland in Mrd Dollar 1984 - jeweils letzt verfügbarer Stand Lateinamerika Osteuropa

Brasilien. K Polen UdSSR Jugoslawien * * ,100 Mexiko :26/23 27 *DDR Rumanier CO 12 g ASien

Sudkorea 42 Philippinen *Argentinien Mittlerer Osten Indonesien 45 Venezuela und Afrika 26 24 Malaysia 35 Chile Apypten israet 14 Peru 20 13 30|29_ Nigeria

G 5121 Die Folgen des geborgten Kapitals [15) — wenn sie aus ihrer Zahlungsbilanz gewaltige Überschüsse freimachen. Das bedeutet Das Emporschießen der Verschuldung einen Nettoabfluß von Geldkapital, also der Dritten Welt löst eine vierfache Ent- ganz schlicht von Kapital, in großem artungsbewegung in der kapitalistischen Maßstab. Es sind jedoch die relativ ärm- Weltwirtschaft aus. sten Länder, die noch mehr Kapital brauchen, um sich industrialisieren und • Die faktische Zahlungsunfähigkeit modernisieren zu können. Der Nettoabvọn Ländern der Dritten Welt bedroht fluß von Kapital kann sich also nur in einige der wichtigsten Banken der impe- eine schrittweise Verlangsamung des rialistischen Staaten und zugleich das Wachstums- und Entwicklungsrhythgesamte Kreditsystem und damit auch mus umsetzen. Wie es Raul Prebic das Geldsystem der kapitalistischen u gesagt hat: die Therapie des Internatio Welt mit Zusammenbruch. Im Augen- nalen Währungsfonds läßt einen Kranblick stellen mehr als die Hälfte der ken, der unter Blutarmut leidet, zur Schulden der Dritten Welt, etwa 480 Ader! Mrd. S, Schuldforderungen in den Hän- • Der massive Nettoabfluß von Kapiden von Privatbanken. tal aus der Dritten Welt über den Schul- • Die Länder der Dritten Welt kön- dendienst macht eine brutale Einnen den Schuldendienst nur absichern — schränkung der Importe und eine nicht ganz zu schweigen von der Rückzahlung weniger brutale Ausweitung der Expore ertorderlich. Abgesehen davon, dal ine große Anzahl von halbkoloniales und mehrere abhängige halbindustrialisierte Länder diese Expansion gar nicht durchführen können (siehe den Fall von Mexiko, das von Preisschwankungen abhängt), kommt dies einer nicht weniger brutalen Einengung jenes Teils des Weltmarkts gleich, der den imperialistischen Ländern offen steht, vorallem den weniger wettbewerbsfähigen, an erster Stelle den USA. Diese verlieren also auf. zwei Seiten: sie exportieren weniger in die Dritte Welt und sie importieren mehr Fertigwaren von dort.

• Aber in dieser verrückten Entwickung der internationalen kapıtalıstı chen Wirtschaft sind es nicht dieselber Sektoren der Bourgeoisie, die gewinnen und die verlieren. Der Mechanismus der Rückzahlung von Schulden, der vom IWF ingang gesetzt wird, begünstigt im grolen und ganzen die Banken- und Kentierbereiche in den imperialistischen Staaten und benachteiligt die industriellen und Exportbereiche. Der parasitäre, wucherische Charakter des imperialistischen Systems insgesamt, vor allem der USA und Großbritanniens, wird auf diese Weise unterstrichen.[16) Die imperialistische Bourgeoisie, die mehr auf den Warenexport ausgerichtet ist, etwa die der Bundesrepublik Deutschland oder die Japans, die mehr von einer Ausweitung des Weltmarkts abhängen, begrünstigt deshalb eine elastischere Politik des Schuldendienstes in der Dritten Welt. Das ist der Sinn der Doktrin von Willy Brandt und der SPD. Paradoxerweise wirken heute Brandt und Franz Josef Straufs, der Führer der CSU, als die wirklichen Sprachrohre der europäischen Imperialisten gegen den amerikanischen Imperialismus.

Die Gefahren, die das Anschwellen der Verschuldung der Dritten Welt für den internationalen Kapitalismus heraufbeschwört, sind also real. Das bedeutet jedoch nicht, daß ein wirklicher allgemeiner Bankenkrach sicher ist.[17)] Bereits während der großen Bankenkrise von 1931 - 1933 ging in internationalen Finanzkreisen der Spruch um: „Wenn die Schuldforderung 100 000 Dollar ausmacht, leidet der Schuldner an Schlaflosigkeit, wenn aber die Schuldforderung 10 Millionen Dollar beträgt, schläft der Gläubiger nicht mehr. Wenn wir diese Zahl mit zehn oder mit hundert multiplizieren, um der Inflation des letzten halben Jahrhunderts Rechnung zu tragen und der durch diese geförderten Expansion, dann hat dieser Spruch noch mehr Gültigkeit als damals. Das amerikanische Imperialismus kann sich den Zusammenbruch der Chase Manhattan Bank, von Citicorp oder des Morgan Guarantee Trusts ebensowenig leisten wie der britische Imperialismus den Zusammenbruch von Lloyds, Barclays oder von National Westmin-

Seite 12

ster, weil der amerikanische Imperialismus ebenso identisch ist mit Chase Manhattan, Citicorp und Morgan Guarantee Trust wie der britische mit Lloyds, Barclays oder National Westminster._Die wahrscheinlichste Reaktionsvariante ist deshalb massive Unfallhilfe für die grossen Schuldner (in Wirklichkeit für die privaten Gläubiger dieser Schuldner) durch das internationale Bankensystem und die imperialistischen Regierungen über eine doppelte „Nationalisierung" der Schulden — also eine doppelte Nationalisierung der Verluste: ein Teil auf Kosten der arbeitenden Massen der imperialistischen Staaten und der andere Teil auf Kosten der Volksmassen der Länder der Dritten Welt selber. Bei dem jetzigen Feilschen geht es im wesenthchen um die Aufteilung der Opter. Die Bourgeoisie der Dritten Welt ist vor allem am technischen Aspekt der Frage interessiert, an den Fristen und den Lasten, die aus einer Staffelung der Abzahlung der Schulden sich ergeben. Den eigenen Völkern Opfer zu ersparen, ist nicht gerade ihre Hauptsorge.

Aber der Erfolg der Unfallhilfe — der Baker-Plan [18] ist ein Teil davon - ist keineswegs sicher, und zwar gerade weil die internationale kapitalistische Wirtschaft von niemand kontrolliert wird. Sie unterliegt unter der Peitsche der Konkurrenz heftigem, spontanem Wechsel, der weitgehend unvorhersehbar ist, wobei sie langfristig allein vom Wertgesetz gelenkt wird und das noch völlig blind. So ist der Sanierungsplan Mexikos, der durch die internationalen Bankiers 1982 ausgearbeitet wurde und dessen Erfolg sie frühzeitig besungen haben, durch den schwindelerregenden Fall des Ölpreises grundlegend infrage gestellt worden.[19] Und wenn auch jeder Wirtschaftswissenschaftler leicht voraussagen konnte, daß der Preis des Öls sinken würde, so konnte doch niemand vorausahnen, wie stark dieser Preisverfall sein und zu welchem Zeitpunkt er einsetzen würde: im Februar 1986.

Alles war teilweise die Folge der Hartnäckigkeit, mit der Thatcher sich die nötigen Devisen verschaffen wollte, um das Pfund Sterling zu verteidigen, indem sie die Erdölfördermenge in der Nordsee irrsinnig steigern ließ, und so die Überproduktion verschärft und damit wiederum der Preisverfall ausgelöst wurde, zumal Saudi-Arabien sich weigerte, passiv zu bleiben, als sein Anteil am Olmarkt verringert werden sollte. Daher rühren der Bruch in der OPEC und der Zusammenbruch der Preise, die Verschärfung der Überproduktion und so weiter. Jetzt muß man ein zweitesmal über die Schulden Mexikos verhandeln und diesmal unter verschlechterten Bedingungen sowohl hinsichtlich des ÖIweltmarkts als auch der inneren sozialen Lage Mexikos.

Die politische Sphäre der von der Bourgeoisie in dem Maße verstärken, wie sie zeigen würde, daß Die offensichtliche Tatsache der gegen- Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung seitigen Abhängigkeit der Wirtschaft es sind, die die nationale Souveränität der imperialistischen Staaten und der gegen den Imperialismus konsequenter Wirtschaft der Länder der Dritten Welt verteidigen, während die Bourgeoisie im Rahmen der internationalen kapitali- dessen unfähig ist. Das würde auch das stischen Wirtschaft räumt einigen Bour- Bündnis zwischen Arbeitern, Bauern, geoisien der Dritten Welt eine nicht un- den armen und an den Rand gedrängten städtischen Schichten und der städtiachtliche Macht der Erpressung gegenüber den imperialistischen Banken schen von der Bourgeoisie unabhängigen ein. Sie sagen ihnen bei passender Gele. Kleinbourgeoisie fördern. genheit: „Wenn ihr die Zitrone zu sehr Sie würde zudem den direkten Klasausquetscht, ziehen wir es vor unterzu- senkampf des Proletariats und seiner gehen — aber wir ziehen Euch in unseren Verbündeten sowohl gegen die Bour- Sturz mit hinab." Darum ist der Plan geoisie der Dritten Welt als auch gegen von Fidel Castro, daß alle Länder der geoisie der Dritten Welt als auch den Dritten Welt gemeinsam ihre Schulden Kampf gegen den Imperialismus föreintach streichen sollen, nicht nur pro- dern. Diese Bourgeoisie zahlt nicht nur pagandistisch. Dieser Vorschlag enthalt weiterhin den Wucherzins an das intereinen positiven Beitrag zum antiimpe- nationale Kapital, sondern sie bemüht rialistischen Kampf im Weltmaßstab. Er sich vor allem, den Großteil der Last auf verdient die Unterstützung aller mill- dem Rücken der Volksmassen abzulatanten Antiimperialisten, aller Revolu- den, deren Lebensstandard katastrophal tionäre und der gesamten internationa- gesunken ist. Der IWF übt beständig Verteilung der Stimmrechte im IWF (Stand: 1984) Saudi-Arabien 3.5 % 19 Industrieländer 60.7 % USA 19,8 % 122 Großbritannien

Entwicklungsländer 6,8% 31,3 % / 7 BRD 6.0 % China / 2,6 % Frankreich 3 sozialistische Länder ubrige Industrielander 5.0 % 18.4 % 1,9 % Japan 4,7 % aus: Körner et al., Im Teufelskreis der Verschuldung, Hamburg 1984 Arbeiterbewegung. Er müßte Druck aus, damit das Gleichgewicht im allerdings die Form eines Aufrufs zur Staatshaushalt wieder hergestellt wird, massiven Mobilisierung der Volksmas- indem die öffentlichen Ausgaben verrinsen der Dritten Welt annehmen, unter- gert werden, vor allem die sozialen und stützt vom internationalen Proletariat, die Stützungsmaßnahmen für die Preise um von den Regierungen ihrer jeweili- lebensnotwendiger Nahrungsmittel gen Länder die Annullierung der Schul- und die Gehaltssumme für die Beschäfden zu fordern. tigten im öffentlichen Dienst. Der reak- Das würde nicht irgendeine Unter- tionäre Klassencharakter dieses Drucks, ordnung der Arbeiter unter die nationa- sein schlicht inhumaner Charakter, ist le Bourgeoisie begünstigen. Eine solche offensichtlich: er ruft Elend und Hunger Mobilisierung würde die Klassenunab- im wahrsten Sinn dieses Wortes im grohängigkeit des Proletariats dieser Län- Ben Maßstab hervor.

Seite 13

Es genügt jedoch nicht, diesen Druck anzuprangern. Man muß all jene anklagen, die vor diesem Druck zurückweichen, die ihn weitergeben, die sich dem Diktat beugen nicht nur durch Feigheit und politische Furcht, sondern auch aus ihrem Klasseninteresse heraus. Darum müßte die Arbeiterklasse der Forderung nach Annullierung der Schulden insbesondere die der Arbeiterkontrolle über die Operationen der Banken anschließen, die am besten durch die Bankangestellten selber ausgeübt werden könnte, um konkret alle Versuche von Veruntreuung, von Hortung, von privater Aneignung und von Devisenflucht ins Ausland seitens der Bourgeoisie offenzulegen, anzuprangern und zt verhindern suchen, da alle diese Ding‹ die Schuldenlast erheblich steigern. Wird die lateinamerikanische Bourgeoisie (oder etwa die gesamte Bourgeoisie der Dritten Welt) tatsächlich diese Einheitsfront herstellen, um die von Fidel Castro geforderte Annullierung der Schulden durchzuführen? Wie es das Beispiel der OPEC zeigt, verschärft sich unter den Bedingungen der Krise die Konkurrenz zwischen den Kapitalisten sowohl in den imperialistischen Staaten, wie auch zwischen den imperialistischen Mächten, sowie zwischen den imperialistischen Mächten und den abhängigen Ländern, aber auch innerhalb der Dritten Welt. Die lateinamerikanische Bourgeoisie wird (wie die indische Bourgeoisie) versuchen, den Druck der Massen sowie den Vorschlag von Fidel Castro auszunutzen, um den Imperialismus zu erpressen: „Staffelt die Abzahlungsfristen der Schulden neu, gebt uns neue Kredite — sonst werden wir den kubanischen Vorschlägen folgen!" All das ist Teil der gewaltigen Machtprobe, die nun ingang gekommen ist, und deren Ausgang niemand voraussagen kann. Eine wachsende Zahl eingegangener Verpflichtungen wird nicht eingehalten werden. Für eine wachsende Zahl von Schulden, deren Zahlungstermin näherrückt, wird die Frist schlicht und einfach weiter hinausgeschoben werden. Etwas unendlich weit hinauszuschieben, kommt einer Annullierung gleich. Darum' - das müssen wir wiederholen geht der wirkliche Kampf um die Zinsen, um den Schuldendienst und weniger um das geborgte Kapital.

Die gegenseitige Abhängigkeit zwischen der Bourgeoisie der halbkolonialen und abhängigen Länder einerseits und der imperialistischen Bourgeoisie andererseits, ist nicht nur ökonomisch und finanziell. Sie ist auch politisch und militärisch. Der Imperialismus bleibt der große Beschützer, die letzte Verteidi gungslinie der einheimischen besitzenden Klassen vor der aufsteigenden revolutionären Welle in zahlreichen Ländern der Dritten Welt. Das gilt nicht nur für Mittelamerika, die arabischen Staaten, Südafrika, die indische Halbinsel, die Philippinen und Südkorea, sondern trifft auf alle Länder zu. Umgekehrt hat auch der Imperialismus nicht mehr genügend Mittel, um die Dritte Welt direkt zu beherrschen. Er hängt von der relativen Festigung regionaler und lokaler Schaltstellen ab. Wenn das internationale Bankensystem zusammenbricht wäre das nicht nur ein Todesstoß für die Metropolen, sondern ein ebenso tödlicher Schlag für die besitzenden Klassen der Dritten Welt. Wenn die Revolution sich in Mittelamerika ausbreitet und nach Mexiko eindringt, wird sie unmittelbar an die Tore der Vereinigten Staaten pochen.

Daher auch die verzweifelten Anstrengungen der einen wie der anderen, sich von Kompromiß zu Kompromiß vorwärtszutasten, immer wieder neue (!] Der Boom setzte in Europa und Japan nach 1948 ein, in den angelsächsischen Ländern und Lateinamerika kam er ab 1940, soweit letzteres überhaupt von ihmerfaßt wurde, Argentinien etwa. Das Ende des Booms, der von langer Dauer war, lag für einige im Jahre 1968 und für andere zwischen 1973 und 1974. [2) Das Buchgeld ist die Gesamtheit der Bankdepots, die als Zahlungsmittel dienen können. Wenn die Banken ihren Kunden Kredite einräumen, legen diese im allgemeinen ein Depot hierfür an, vergrößern damit die Masse der Depositen und auf diese Weise auch das Buchgeld. Wenn die Steigerungsrate dieser Depots größer ist als die Wachstumsrate der materiellen Produktion, kann man zu recht von einer Inflation des Buchgelds sprechen, wobei die Zirkulationsgeschwindigkeit dieses Geldes als eine teilweise autonome Variable untersucht werden muß. [3] Die staatliche Finanzkrise hat ihre strukturellen Wurzeln in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Bourgeoisie zieht es vor, Geld lieber dem Staat zu leihen, als ihm Steuern zu zahlen. Die Steuer bringt nichts ein. Öffentliche Anleihen tragen Zinsen. Wenn man außerdem den Staatshaushalt stets im Defizit beläßt, macht die Bourgeoisie den Staat richtig abhängig von kurzfristigen Bankkrediten, sowie von Anleihen, die vom Kapital gekauft werden. Sie garantiert auf diese Weise, daß der Staat sehr wohl _ ihr" Staat ist und durch die goldenen Ketten der öffentlichen Verschuldung an sie gefesselt bleibt. [4] Zu unserer Theorie der langen Wellen siche -Die langen Wellen im Kapitalismus*, isp-Verlag, Frankfurt 1983; -Der Spätkapitalismus-, Suhrkamp, Frankfurt 1971.

(5] Das einzige Bankensystem, das in der jetzigen Krise mehr oder weniger ohne Schwierigkeiten funktioniert hat, ist das französische System, eben weil seine Banken fast zu 100 % nationalisiert sind. [6] Man könnte einwenden, daß die Länder der Dritten Welt „willige Opfer" waren, weil sie eben ein dringendes Bedürfnis nach steter Zufuhr von Auslandswährung haben. Aber gerade weil dieses Bedürfnis permanent ist, kann es aus sich heraus das plötzliche Auflodern der Auslandsverschuldung im Laufe der 70er Jahre nicht erklären.

(7) Siehe hierzu den ausgezeichneten Artikel von Jeffrey Bortz, •La deuda Latinoamericana y los cidos de la economia mundial- in: La Batalla, dem theoretischen Organ der PRT, Nr. 13, Mexiko 11/12-1986. [8] Die wirkliche Zinsrate ist die Differenz zwischen dem nominalen Zinsfuß und der Inflation. In den USA z.B. ergibt sich für das Jahr 1977 aus einer Inflationsrate von 8 % und einer nominalen Zinsrate von 7 % eine reale Zinsrate von - 1 %%. In den Ländern der Dritten Welt war diese negative Rate noch höher, was die Kapitalflucht Abzahlungsabstufungen auszuhandeln, von der Rettungsaktion der einen Bank zu der der anderen überzugehen; denn es handelt sich um das Schicksal der gesamten internationalen Bourgeoisie. Und die Bourgeoisie kann nicht anders, als sich vorwärtszutasten, denn sie kontrolliert nicht alle Teile des Mechanismus. Die gegenseitige Abhängigkeit bleibt dem ehernen Gesetz der bürgerlichen Welt unterworfen: die Krise schwächt die Schwachen mehr als die Starken, sie steigert die Unterschiede in Reichtum und in Macht; sie tendiert nicht dahin, die Verhältnisse von Herrschaft und Abhängigkeit aufzuheben, sondern sie zu vertiefen. Vor allem aber ist die Bourgeoisie immer weniger in der Lage, die Aktionen und Reaktionen der Volksmassen zu kontrollieren.

1. März 1986 ermutigte. Für Mexiko lag im Durchschnitt der Periode 1976 - 1982 die reale Zinsrate des Peso bei - 0,8 %, in Argentinien betrug sie - 6,6 %, in Brasilien - 14,7 %. Nach der starken Erhöhung des Zinsfußes hat sich das natürlich umgekehrt.

(9] Siehe hierfür zahlreiche Hinweise im letzten Kapitel unseres Buches • La crise-, Flammarion, Paris 1985 (dritte Auflage), dessen Angaben bis April 1985 reichen. (10] Siehe Anthony Simpson, •The money lenders, Coronet Books 1981.

(11] Mexikanische Quellen geben die Zahl von 37 Mrd.S an.

(12) Susanne Erbe, •L'évasion des capitaux dans les pays en développement • in Intereconomics 11/12-1985. [13] Allein die Marcos-Familie und ihre Verbündeten sollen 5 Mrd. S im Ausland deponiert haben. [14] Siehe den ausgezeichneten Artikel von Pierre Salama - Dettes et dollarisation- in Problèmes d' Amérique Latine Nr. 77, Paris 1985.

[15) Um etwa 1000 Mrd. S geliehenen Kapitals zurück. zuerstatten, müßte die Dritte Welt einen Überschuß in der Zahlungsbilanz von gleicher Höhe freimachen. Wäre dies sogar über einen Zeitraum von 15 oder 20 Jahren abgestuft, würde es einen jährlichen zusätzlichen Abfluß von Zinsleistungen in einer Größenordnung von 50 bis 60 Mrd. S ausmachen — was völlig unmöglich ist. Alle Welt geht stillschweigend-von der Hypothese aus, daß diese Schulden fast alle nicht zurückgezahlt werden. [16] Im Augenblick ergibt sich für die USA bei einem Nominalzins von 10 % und einer Inflationsrate von 5% eine reale Verzinsung von 5 %. In Frankreich ist die Inflationsrate 4-5 % und der nominale Zinsfuß 10- 12%, was real 6 - 7 % Zinsen ausmacht - ein wirklicher Wucherzins. In den USA gab es zu gewissen Zeiten Anfang der 80er Jahre nominale Zinsen in Höhe von 20%, während die Inflationsrate unter 10 % lag. [17] Vereinzelte Bankenzusammenbrüche mehren sich jedoch, nicht nur in Kuweit, Singapur, Malaysia, Argentinien, Indonesien und Philippinen, sondern auch in den USA, in der BRD, Italien, Britannien und Japan. [18] Der Baker-Plan will die Privatbanken dazu veranlassen, ihre Kredite an die Dritte Welt um 20 Mrd. $ zu • erhöhen mit einer quasi öffentlichen Garantie und einer starken Kapitalerhöhung samt Verpflichtungen der Internationalen Bank.

(19] Siehe die Erklärungen von Lamballussy, Direktor der Bank für Internationalen Zablungsausgleich (BIZ) in Basel, einer Bank, die sich bemüht, im internationalen Finanzsystem die Lücke auszugleichen, die das Fehlen einer „Zentralbank der Zentralbanken" offen gelassen hat.

Seite 14

LATEINAMERIKA