Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Nachruf auf Jean van Heijenoort

· Inprekorr Nr. 182, Juni 1986 · S. 39 · 1.185 Wörter

Trotzki und Geschichte USA und Kanada IV. Internationale Sowjetunion

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Rodolphe Prager

Jean van Heijenoort ist am 29. März in Mexiko plötzlich ums Leben gekommen. Diese Nachricht hat bei seinen Freunden Betroffen heit und Bestürzung ausgelöst, insbesondere bei denjenigen, mit denen er bei seinen regelmäßigen Reisen nach Frankreich zusammenkam. Die dramatischen Umständeseines Ablebens vertiefen noch ihren Schmerz. Von Trotzkis Sekretären war er derjenige fer am längsten an seiner Seite blieb - in dei Türkei, in Frankreich, ganz kurz in Norwe- Seit ungefähr sechs Monaten gehörte er damals zur Ligue Communiste; auf eigene Faust hatte er sich darangemacht, Russisch zu ler- Deswegen wurde er nach Prinkipo geckt, wo Trotzki sich seit Anfang 1929 aufhielt. Erstammte aus einer in sehr bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie, war ein glänzender Schüler gewesen und hatte nun gerade neun Jahre Internat im Departement Oise und (ab Oktober 1930) im Pariser Lycee Saint-Louis hinter sich, in denen er Kurse in höherer Mathematik besuchte. Und jetzt Sekretär von Leo Trotzki: welch grundlegende Anderung im Leben des jungen politischen Aktivisten!

Uber seine Erfahrungen berichtet er in seinem 1978 veröffentlichten Buch »De Prinkipo à Coyoacan - Sept ans auprès de Léon Trotsky", zu dem man greifen muß, will man der Persönlichkeit des „Alten"

beitsmethoden, seiner Lebensweise, den harten Schlägen, die ihm zugefügt wurden, so nahe kommen wie möglich. In dem Buch, das manche „pointillistisch" fanden, war er darum bestrebt, ein Zeugnis aus erster Hand zu geben, und stellte die Fakten gegenüber gewissen Legenden wieder richtig, die ineini- Werken über Trotzki wie denen von Deutscher verbreitet werden. Als er seine Präzisierungen über große oder kleine Punkte in der Geschichte anbrachte, wollte „Van" sich nicht alleine auf sein Erinnerungsvermögen verlassen. Er kehrte an die Orte zurück, an denen Trotzki gelebt hatte, er überprüfte alles und wandte sich vor alleman die Archive, in denen zu arbeiten ihm eine vertraute Angelegenheit war. Dieser äußerst skrupelhafte Umgang mit der Geschichte bestimmte auch seine über viele Jahre hinweg geleistete Arbeit bei der Sammlung und Ordnung des Trotzki-Archivs in der Houghton Library in Harvard, das er leitete. Die Archivbestände, die kürzlich an der Stanford University in Kalifornien entdeckt wurden, sind vor kurzem noch von ihm zusammen mit Pierre Broué geordnet und verzeichnet worden, und seine Mitarbeit war einmal mehr unverzichtbar.

Es soll nicht verschwiegen werden, daß Jean van Heijenoort sich seit 1948 vom Trotzkismus entfernt hatte. Er betonte selber sein tiefreichendes Zerwürfnis mit dem Marxismus-Leninismus: „Die bolschewistische Ideologie lag in meinen Augen in Trümmern." Aber er war nicht die Person, die seine Vergangenheit verleugnet hätte. Seine Aufrichtigkeit ließ es ihm zu einer Pflicht werden, eine nicht kleinzukriegende Treue gegenüber der Erinnerung an Leo Trotzki und sein Werk an den Tag zu legen, denen er sich bis an sein Lebensende widmete. Für ihn waren bei dieser Arbeit weder Verdammung noch devote Verehrung angebracht. Er betonte, man müsse „die Dinge nicht imeinzelnen betrachten, sondern die Elemente in ihrer Gesamtheit nehmen." Man muß sich davor hüten, jedes Wort - losgelöst von den Umständen - buchstäblich zu nehmen. Trotzki, ein Mensch der Aktion, fällte schneidende Urteile. Es kam vor, daßer Menschen gegenüber, die ihm nahestanden oder nahegestanden hatten, bis zum Exzeß aufbrauste. „Es ist fast ein mathematisches Gesetz: je näher man sich stand, desto heftiger konnten die explosiven Zerwürfnisse sein." Wie immer dem sein mag — Unfehlbarkeit ist dem Trotzkismus fremd, sie trägt das Zeichen des Stalinismus und hat zum Ziel, wirklichen Meinungsaustausch zu verfälschen und zu verhindern.

Ein dermaßen langer Aufenthalt im Schatten Trotzkis brachte eine große Selbstverleugnung, eine Unterwerfung unter beständigen Druck und eine gewisse Entfremdung seiner Persönlichkeit mit sich. Auf „Vans' Familienleben wirkte sich das außerordentlich stark aus, und es ging auf unglückselige Weise auseinander. All das muß ihn tief getroffen und Narben hinterlassen haben. Und es machte sich, vielleicht ein wenig spät, das Bedürfnis bemerkbar, Distanz zu gewinnen und „ein wenig für sich selbst zu leben" „Van" fuhr also im September 1939 von Coyoacan weg und siedelte in die USA über cr machte sich mit den Aktivitäten der ame rikanischen Sektion der IV. Internationale vertraut und verfolgte die damals laufenden wichtigen Debatten. Im Mai 1940 nahm er in New York an der internationalen Konferenz der IV. Internationale teil, die wegen der Spaltung der Socialist Workers Party (SWP notwendig geworden war.' Seine Erfahruns und die Autorität, die er in der Bewegung genols, führten dazu, daß er im Internationa len Sekretariat der IV. Internationale, da während des Krieges seinen Sitz in New York hatte, eine bedeutende Rolle spielte. Seine Artikel, mit Marc Loris" oder Daniel Logan" gezeichnet, behandelten in der internationalen trotzkistischen Presse die entscheidenden Probleme.

Seine Beziehungen zu den Leitungsmitgliedern der amerikanischen SWP waren nicht immer ohne Spannungen und verschlechterten sich beträchtlich, als Van" gegen Ende des Krieges die von Felix Morrow geführte Minderheit in der SWP unterstützte. Er warf den SWP-Führern Dogmatismus und bürokratische Neigungen vor. Der sehr unangenehme Ausgang dieses Konflikts beschleunigte womöglich noch seine Entwicklung weg von der Bewegung.

Er mußte ein neues Leben beginnen: „Mehrere Jahre über hat mir nur das Studium der Maewicht zu bewahleh, reseander ein. gestand er ein. Am Ende eines langen Weges lehrte van Heijenoort an amerikanischen Universitäten. Er wurde ein international renommierter Spezialist für mathematische Logik und hielt in zahlreichen Ländern Vorträge. Er war in Stanford zusammen mit anderen Logikern an eınem ausgedehnten Forschungsprojekt zur Veröffentlichung der gesammelten Wer ke von Gödel beschäftigt, von denen die ersten Bände veröffentlicht worden sind bzw. in Kürze erscheinen. Der Tod rils ihn vorzeitig mitten aus schöperischer Arbeit heraus.

Für alle diejenigen, die ihn kannten und schätzten, hinterläßt er eine große Leere. Unsere Gedanken gelten seiner schmerzlich betroffenen Familie, der wir unser aufrichtiges Beileid ausdrücken möchten. Wirwerden den Genossen „Van" nicht vergessen. 1 Unmittelbsar nach dem Parteitag der SWP im April 1940 spaltete sich eine große Minderheit (ca. 40 % der Mitgliedschaft) ab; sie bildete die Workers Party. Damit kam ein Fraktionskampf zum Abschluß, der in mündlichen und schriftlichen Diskussionen über ein halbes Jahr lang geführt worden war. Dabei waren James P. Cannon, der nationale Sekretär der SWP, unterstützt von Leo Trotzki, auf der einen Seite und Max Shachtman, Martin Abern sowie James Burnham auf der anderen Seite die wichtigsten Sprecher von Mehrheit und Minderheit. Die Kontroverse war durch den Hitler-Stalin-Pakt vom 22. August 1939 ausgelöst worden und verlief vor dem Hintergrund des sowjetisch-finnischen Winterkriegs. Sie erstreckte sich auf die Einschätzung der sozialen Natur der Sowjetunion und die Politik ihrer Verteidigung gegen imperialistische Angriffe (Pflicht der Sozialistinnen und Sozialisten, in der internationalen Arbeiterbewegung für die UdSSR Partei zu ergreifen, ohne aufzuhören, die sowjetischen Arbeiter zum Sturz der stalinistischen Bürokratie aufzurufen), auf Fragen des dialektischen Materia. lismus und auf die organisatorischen Prinzipien. 2 Kurt Gödel (1906 - 1978), Logiker österreichischer Herkunft, arbeitete in den USA auf dem Gebiet der mathematischen Grundlagenforschung und bewies u.a. die Vollständigkeit der klassischen Quantorenlogik erster Stufe.

Alle Anmerkungen stammen vom Übersetzer Friedrich Dorn.