1. DIE GUERILLEROS AN DER MACHT
Aden. - Eine ungewöhnliche Geschäftigkeit herrscht in der Stadt. Lastwagen voller Arbeiter in Arbeitskleidung, Beduinen mit langgelockten schwarzen Haaren und indigofarbenem Um hang, Bauern, deren Taille mit einer vielfarbenen "fouta" umschlungen ist (einem langen rechteckigen Tuch), Studenten in Hemdsärmeln, Soldaten in Khaki, alle bewegen sich lebhaft hin und her auf Straßen und Platzen, die reich mit Plakaten und Spruchbandern ge schmückt sind. Auf den Inschriften wird die "Kompradoren-Bourgeoisie" , die "Reaktion" und der "Imperialismus gebrandmarkt und andererseits die Arbeit, die Produktion, der Fortschritt und die Vereinigung der Arbeiterklasse gepriesen.
Die Demokratische Volksrepublik Jemen feiert in einer Art militarischer Jahrmarktatmosphäre die Eröffnung des 5. Kongresses der Front, dem ersten nach dem Sieg des linken Par teiflügels am 22. Juni 1969. Eine gewaltige aufgeregte Menge besetzt schon das weiße rechteckige Gebäude des Parlaments. Salem Robaya, 37 Jahre alt, groß, mit rundem Gesicht, gekräuselten graumelierten Haaren und hervorstehenden Zahnen, das Kinn willensstark, wird buchstäblich aus seinem Wagen gezerrt, gestolsen, hin- und hergeworfen und von der menschlichen Welle vorwärtsgetragen.
Er ist Sohn armer Bauern und war nacheinander Bauer, Lehrer, Finanzbeamter und Friedens richter, bervor er sich 1963 der Widerstandsbewegung anschlois, um gegen die britische Be satzungsmacht zu kämpfen. Er wird als der Vater der Agrarrevolution angesehen. Seine Mu ter, die ihn tatkräftig während der Jahre unterstützte, als er sich verborgen halten mußte, arbeitet immer noch auf dem Felde, ungefahr 100 km entfernt von Aden. Sie lebt in einer Lehmhütte und sieht ihren Sohn sehr selten. "Ich mag seinen Palast nicht" , sagte sie uns einfach, auf die prächtige ehemalige Residenz des hochkommissars seiner Majestat anspielend. Mit nackten Füßen auf dem Boden sitzend zeigt sie uns stolz das Bild ihres Sohnes an der Wand, wie er gerade einem Mann die Hand schuttelt, den sie nicht kennt, der abel kein anderer als Mao Tse-tung ist...
Abdel Fattah Ismail, der Generalsekretär der Volksfront, erregt genau so viel Enthusiasmus "Es lebe der Marxismus-Leninismus" skandiert wild die Menge von Jugendlichen und trägl im Triumpfzug den Mann, der als der Ideologe der Partei gilt. Wird er daraus lebend her vorkommen? Klein, dünn und beinahe schwachlich, wie er ist, verschwindet er in der mens lichen Flut, erscheint halberstickt wieder mit erschöpftem Gesichtsausdruck und flehenden Augen, bevor er von den Mitgliedern des Ordnungsdienstes zum Kongreßsaal getragen wir wo er sofort die Sitzung prasidiert.
Ein seltsames Schicksal hat dieser ehemalige angelernte Arbeiter bei den Raffinerien der British Petroleum in Aden, der seine Zeit zwischen der Lektüre von subversiven Büchern un der Organisierung von Streiks verbrachte. Er ist Berufsrevolutionar seit 1962 und wurde zum heimlichen Gehirn der Stadtguerilla, die schließlich mit der mächtigsten englischen Überseebasis sowie mit dem dort stationierten Oberkommando der englischen Truppen is g° Nahen Orient fertig wurde. Die besten Spürhunde des Geheimdienstes konnten diesen fährlichen Terroristen ""trotz aktivster Nachforschungen nicht fassen. Und aus gutem Grund:
heute noch, mit 32 Jahren, erscheint Abdel F. Ismail wie ein Jüngling, zurückhaltend, schüchtern und linkisch, der mehr den Eindruck eines Bücherwurms als den eines Mannes der Tat macht.
Ganz anders ist die dritte Person der "Troika": Ali Nasser, der Ministerpräsident, ist 32 Jahre alt, groß, wohlgebaut, mit offenem Gesicht und langen, gewellten Haaren. Seit den ersten Anfängen des bewaffneten Kampfes war er bis zur Unabhängigkeit Mitglied des militärischen Büros der Volksfront und verantwortlich für die Widerstandsbewegung in der Provinz Beyhan. Als Verteidigungsminister hat er dann eine beachtliche Rolle in der Schaffung der "Volksarmee"' der neuen Republik gespielt.
IRAK
IRAN
ÉGYPTE ARABIE ARABIE
SAOUDITE
SAOUDITE
MASCATE et OMAN 1 SOUDAN
YEMEN R. D. P. MASCATE
Dibouti du YEMEN et ETHIOPIE SOMALIE, OMAN
Tharmud DHOFAR
Damqui e Salala
RÉP.ARABE Tarim
DU YEMEN
Qishn
O SANAA 4 Shihr o Beyhan Mukalla Q
RÉP. DÉMOCRATIQUE
Damt® POPULAIRE DU YEMEN
Lahej SAI Hawra A DEN
ÉTHIOPIE O MADINAT ASH SHAAB D I. Socotra
T.F. A.I. Sab el Mandeb 1: ADEN GOLFE
DJIBOUTI 50 100 km DIE WAFFEN IM SCHRANK
Sein Erscheinen auf dem Kongreß wird von der Menge mit Ovationen begrüßt, auf die er mit einer weiten Geste seiner Hand und einem breiten Lächeln antwortet, bevor er bei der Kleiderablage den Revolver abgibt, den er an der Hüfte trug. Alle Delegierten tun das gleiche. Die Schußwaffen aller Kaliber, von denen jede ein Etikett oder sonst ein Unterscheidungsmerkmal trägt, häufen sich zu einem imposanten Berg auf einem rechteckigen Tisch, hinter dem Männer mit Maschinenpistolen über den Schultern stehen.
170 Gewählte, die meisten ehemalige Guerilleros, bilden die wichtigste Versammlung der Volksrepublik. Stehend wie Schüler hinter ihren Schulbänken begrüßen sie mit rythmischem Klatschen die. Mitglieder des Politbüros, die auf der Tribüne stehen und ebenfalls als Erwiderung die Hände im Takt schlagen. Sie sind westlich gekleidet, die meisten 20 bis 30 Jahre alt, hören sechs Tage lang ernst und aufmerksam unendlich langen Berichten sozio-ökonomischer Analysen zu und billigen das Programm der " national-demokratischen" Revolution sowie die Statuten der Nationalen Front. Viele können kaum lesen und schreiben; die meisten haben nur Grundschulunterricht erhalten. Da sie aus sehr bescheidenem Milieu kommen, besonders aus der armen Bauernschaft, hatten sie unter dem Kolonialregime ekinen Zugang zum Unterrichtswesen, das selbst Kindern aus den sogenannten "besseren Familien" nur
schwer zugänglich war. (Am Vorabend der Unabhängigkeit, im Jahre 1966, also nach 128 Jahren britischer Herrschaft, gab es nur 17 Oberschulen für eine Bevölkerung von 1,5 Millionen, die zu 95 % aus Analphabeten bestand - nach dem "Annual Report of the Federation of South Arabia, 1965-66" .) Viele unter ihnen sind als Söhne ehemaliger Sklaven - wie Soudai Ali, dem gegenwärtigen zweiten Generalsekretär der Gewerkschaft - oder von Putz. frauen - wie es bei dem Informationsminister M. Abdallah Khamri der Fall ist - oder auch vo Landarbeitern wie der Gouverneur Awad el Hamad unter enormen persönlichen Anstrengunge zur Würde eines Dorfschullehrers gekommen, eines "Intellektuellen , dem umso ehrfürchtiger zugehört wird, als er mit dem Instrument des Wissens zugleich die Waffe der Revolution besals.
EIN MARXISTISCH GEFARBTER "NASSERIS MUS"
Der ideologische Weg aller zukunftigen Partisanen ist der gleiche. Sie alle wurden durch eine Gesellschaft zur Revolte getrieben, in der somtliche Cankiers, Versicherungsagenten, Waffenhändler, Kaufleute und Olmagnaten englisch, französisch oder indisch waren, während das Land den Emiren, Sultanen, Scheichs und großen Feudalherren gehörte. Die oft blutige Unterdrückung, die von den offiziellen Ordnungskräften in Koordination mit gedungenen Mördern durchgeführt wurde, entsprach in ihrer Harte dem Grad an Ausbeutung und der schreienden sozialen Ungerechtigkeit. Die "traditionellen" Methoden des politischen Kampfes, die von den autorisierten Parteien angewandt wurden, erschienen ihnen lächerlich und letztlich den Wünschen der Imperialisten und ihrer Verbündeten, der Kompradorebour geoisie, angepaßt.
Gegen Ende der 50er Jahre, in der beginnenden Phase des "Nasserismus", traten sie der "Bewegung der Arabischen Nationalisten " bei, die damals bedingungslos dem ägyptischen Rais Folgte. "Indessen" , so sagte uns Abdel Fattah Ismail, "spürten wir unbewußt von Anfang an, daß diese Sewegung von arabischem Chauvinismus und von kleinbürgerlichem Re-