Am 30. November wurde in Durban ein neuer Gewerkschaftsdachverband gegründet, der die große Mehrheit der Gewerkschaften umfaßt. Nathan Palmer
Langa, 8. August 1981 — Durban, 30. November 1985 - diese beiden Daten markieren die Periode zwischen der ersten Einheitskonferenz südafrikanischer Gewerkschaften und der Gründung einer unabhängigen superfederation" mit einer halben Million Mitgliedern.
In diesen vier Jahren ist viel geschehen in Südafrika. Die neuen Arbeitsgesetze wurden verkündet, es kam zu einer ununterbrochenen Kette von Rebellionen, auf die mit dem Ausnahmezustand reagiert wurde. Die United Democratic Front (UDF) und das National Forum (NF) wurden gegründet. All dies vor dem Hintergrund der schweren Rezession, die das Land ergriffen hat. Aber diese beiden Daten stellen doch die Meilensteine der Herausbildung der südafrikanischen Arbeiterbewegung dar.
Ein Meilenstein
Der Weg zwischen diesen beiden Meilensteinen ist nicht geradlinig verlaufen. Nicht alle der Differenzen, die in der Zwischenzeit sich auftaten, wurden geglättet. Einige unabhängige Gewerkschaften bleiben weiterhin von der Fusion unbetroffen. Dennoch war ein Übereinkommen zwischen Kräften mit ganz unterschiedlichen politischen Sensibilitäten, deren größter Anziehungspol die sogenannten unity unions (Gewerkschaften für die Einheit] waren, möglich, auch wenn es auf dem Weg dahin zu einigen Spaltungen kam. Eine solche Spaltung betraf die schnell wachsende National Union of Mineworkers (NUM); sie trat aus dem Council of Unions of South Africa (CUSA) aus, als dieser sich gegenüber der Perspektive der Vereinigung zu sehr zierte. In den letzten vier Jahren kam es zu einem schnellen Wachstum der unabhängigen Gewerkschaften. Manchmal geschah dies in geradezu spektakulärem Umfang, so bei der NUM. Diese wurde 1982 in einer Branche gegrundet, die bis dahin alle nichtkollaborationistischen Gewerkschaften erfolgreich aus den Betrieben gehalten hatte. Heute kann sie die Mitgliedschaft von 230000 der insgesamt 400 000 dort Beschäftigten melden. In der gleichen Zeit kam es auch zu starken Verschiebungen bei den Fragen, die zur Debatte standen und entlang derer die Trennungslinien verliefen. Eine der ersten Fragen, vor die sich jede Gewerkschaft gestellt sah, war die, ob sie sich registrieren lassen soll oder nicht. Dies ist, seit die Ausarbeitungen der sogenannten Wiehahn-Kommission über die Anerkennung von Gewerkschaften zu neuen Gesetzen geführt hatten. Über diese Gesetzesänderung versuchte die Regierung eine strenge Aufsicht über die junge Gewerkschaftsbewegung zu erzielen. Außerdem verboten die Gesetze „immigrierten" Arbeitskräften den Einritt in eine ewerkschaft und verptlich eten zu einer Registrierung nach Ras sengrenzen getrennt. Alle Gewerkschaften gemeinsam verurteilten diese Gesetze.
Aber dann trat auf der Konferenz von Langa eine Spaltung zwischen Gewerkschaften wie SAAWU und GWU, die gegen eine Akzeptierung dieser Bedingungen waren, und FOSA TU auf, deren angeschlossene Gewerkschaften fast alle den Formalitäten der Registrierung nachkamen. Für sie überwogen die taktischen Vorteile der Registrierung - die Tariffähigkeit und die Einziehung der Beiträge — die Nachteile, die umgehbar sind. Ja es wurde sogar ein grundlegender Sieg errungen: die Regierung stimmte 1981 schlieflich der Registrierung der FOSATU als nichtrassischer Gewerkschaft zu. Dieser nichtrassische Charakter war bis dahin immer das zentrale Hindernis für die Gewerkschaft gewesen. Heute ist dieser Streitpunkt in den Hintergrund getreten.
Der nächste Streitpunkt bezog sich auf die sogenannten Industrieräte, der nationale Rahmen für Tarifverhandlungen auf Branchenebene, in dem Unternehmer, Arbeiter und Staat vertreten sind. Mehrere Gewerkschaften der FO- SATU schafften es, dort vertreten zu sein, so die Gewerkschaft der Automobilarbeiter, NAA WU, die der Metaller, MAWU, und die Textilgewerkschaft, NUT W. Diese Entscheidung ergab sich aus der Stärke der genannten Gewerkschaften in ihren Industrien. FOSATU legte ihnen allerdings die Bedingung auf, ihre Repräsentanten der demokratischen Kontrolle der Organisierten zu unterstellen.
Der wachsende Druck der Rezession, die ein Durcheinander von Entlassungswellen und Umstrukturierungen mit sich brachte, schrie danach, in den betroffenen Industrien endlich Kämpfe auf nationaler Ebene zu führen. Das hatte zur Folge, daß die taktische Frage der Teilnahme an den Industrieräten zwar ungelöst blieb, aber nicht länger eine Scheidelinie darstellt.
Das Auftreten der Differenzen über diese beiden Fragen verlieh dem ersten Gipfeltreffen der Gewerkschaften höchstens den Charakter einer Demonstration des gemeinsamen Willens zum Kampt gegen das repressive Apartheid- System, ohne dals aus ihm organısatorısche Entscheidungen in der Fabrik oder der Region gefolgt wären.
Das zweite und das dritte Treffen waren von diesem Stillstand gezeichnet. Im April 1982 verließen mehrere kleine Gewerkschaften die zweite Konferenz im Streit über die Frage der Registrierung. Die Gespräche auf der Folgekonferenz im Juli des selben Jahres scheiterten an der gleichen Frage. Trotz der Einheit, die im Protest gegen den Tod des Gewerkschafters Neil Agget im Februar 1982 gezeigt wurde, schien die Vereinigung der Gewerkschaftenauf den Sankt- Nimmerleinstag verschoben zu sein. Der Abstand zwischen FOSATU, FCWU (Food and Canning Workers Union), GWU und CTMWA (Cape
Town Municipal Workers Association) auf der einen Seite und auf der anderen Seite den Gewerkschaften, die auf den Aufbau einer Basis in den Gemeinden genausoviel Wert legten wie in den Fa briken, weitete sich. Diese zweite Grup- Nr. 175. Januar 1986
pe entwickelte sich in einer ähnlichen Richtung wie die SACI (South Afrcan Confederation of l rade Unions), die vom African National Congress (ANC) beeinflußt ist. Die Frage der Beziehungen zu den Nachbarschaftsorganisationen bezog sich nicht darauf, ob man denn überhaupt Beziehungen zu diesen Gruppen wünschte. Es ging vielmehr um die Taktiken im Aufbau der Gewerkschaft und bei der Mobilisierung. Gewerkschaften und Nachbarschaften
Die Strömung, die sich um die FOSA- TU gruppierte, betonte die Organisierung der Arbeiterklasse am Arbeitsplatz. Das schloß breitere Aktionen mit anderen Teilen der Bevölkerung nicht aus, wie etwa Boykotte in Solidarität mit Streiks. Ein Beispiel dafür ist die Aktion gegen Colgate-Palmolive 1980 und 1981 über 14 Monate hinweg, die FOSATU führte, oder auch der Kampf der FCWU gegen Fattis & Monis 1979 in der Kap- Provinz. In der jüngsten Zeit zeigt der lange Streik der FOSAT gegen die britische Firma Sarmcol-BT R die Verbindung zwischen Arbeitskampf und Mobilisierung der Gemeinde.
Die Gegenströmung in der Gewerkschaftsbewegung meint, die unabhängigen Gewerkschaften sollten zu allen Problemen der Schwarzen in Aktion treten. So war die SAA WU sehraktiv gegen die Proklamierung der Unabhängigkeit der Ciskei, ein „Bantustan" , in dem diese Gewerkschaft ein Großteil ihrer Kräfte konzentriert hat.
In dieser Hinsicht entwickeln sich Lage und Meinung der unterschiedlichen Gewerkschaften ebenfalls. Eine Ge- Gewerkschaften seien abgebaut. Der Totalstreik in Transvaal im November 1984 war zwar eine geeinte Aktion, aber so was konnte man nicht alle Tage sehen, wenn der Aufruf zu Ähnlichem erging, ohne das wirklich vorher gemeinsam diskutiert worden wäre und in der Vorbereitung zusammengearbeitet. Beispielsweise wurden in der Region von Port Elizabeth Gewerkschafter, vor allem der FOSATU, von Elementen angegriffen, die nach eigener Aussage die UDFrepräsentierten, allein weil sie einem einseitigen Streikaufruf nicht Folge leisteten. In der jetzigen Lage zeigt sich kein deutlicher Weg nach vorne in der Kombinierung von Stärkung der Gewerkschaftsbasis in den Fabriken und Aufgreifen der Interessen der Bevölkerung in den Siedlungen. Dies ist eine der gro- Ben Fragen, die die vereinigte Föderation wird angehen müssen.
Allgemeine oder Industriegewerkschaften
Neue wichtige Fragen tauchten 1983 auf, die es zuvor nicht gab. Beim vierten Gipfel in Athlone am 9. und 10. April wehte ein frischer Optimismus durch die Reihen der Gewerkschaften. Die „vereinigten" Gewerkschaften und die „Nachbarschafts" gewerkschaften einigten sich auf eine paritätische Kommission nach der Art derer, dié zur Gründung der FOSATU aus mehreren Branchengewerkschaften geführt hatte. Ihr Auftrag sollte die Ausarbeitung des Gründungsdokuments der künftigen Föderation und die Organisierung der Diskussion sein.
Das Prinzip der Industriegewerkschaft kam auf den Tisch. Die verschiedenen Gewerkschaften wurden gebeten, Informationen über ihre Kader, ihre Mitglieder und Beitragszahler und ihre Verankerungsschwerpunkte zu liefern. Die nachbarschaftsbezogenen Gewerkschaften und die CUSA kamen während allen Sitzungen der paritätischen Kommission dieser Forderung nicht nach. Die Umwandlung der allgemeinen Arbeitergewerkschaften in Industriegewerkschaften schritt nicht zu aller Zufriedenheit voran. Wieder einmal schien der Prozeß der Vereinigung im Sande zu verlaufen.
Eine andere Entwicklung sollte 1983 die politische Szenerie verändern, die Formierung zweier Oppositionsblöcke gegen die Regierung, von denen der eine, die UDF, rasch seinen Rivalen, das NF, überrundete.
Damit wurde die Debatte, die es über die Beziehungen mit den Nachbarschaftsorganisationen gab, auf die nationale Ebene gehoben, wurde zur Debatte über ein allgemeines Konzept des Kampfes zur Beseitigung der Apartheid. Die UDF steht zwar nicht bloß für den ANC, aber sie bringt die Frage der Beziehungen zu dieser Organisation auf den Tisch, die sich selbst als den Rahmen betrachtet, der die ganze Befreiungsbewegung vereinigt. Die von den unabhängigen Gewerkschaften angesammelte Macht wiegt natürlich sehr viel auf der Waagschale im Kräfteverhältnis mit dem Regime. Deshalb appellierte die UDF beiihrer Gründung an die Gewerkschaften, ihr beizutreten. Die meisten Gewerkschaften auf Nachbarschaftsbasis folgten diesem Ruf sofort.