Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

John Ross/Ernest Mandel

Die Internationale: Die Notwendigkeit einer revolutionären Internationale, Teil II

Inprekorr Nr. 174, November 1985 · S. 17-25 · 7.926 Wörter

Trotzki und Geschichte IV. Internationale USA und Kanada Stalinismus und Bürokratie

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

TeillI

Seite 18

7.

Das Verhältnis zwischen Internationale und nationalen Sektionen

Wir müssen hier einen weiteren Mythos zerstören, den, daß das Bestehen einer internationalen Organisation der Entwicklung einer korrekten Taktik durch nationale Parteien im Wege stehe — was von Zentristen, Eurokommunisten und sogar Stalinisten traditionellen Schlags die Kommunistische Internationale betreffend propagiert wird. Es ist schlicht falsch, daß das Bestehen der Kommunistischen Internationale der Entwicklung einer korrekten Taktik der nationalen Parteien entgegenstand.

So war es die Erfahrung der Kommunistischen Internationale, die entscheidend mithalf, die katastrophale ultralinke Linie der frühen KPD zu korrigieren, die bei den Spartakisten und der Vereinigten Kommunistischen Partei von 1920/21 vorherrschte (Märzaktionen 1921). Die Kommunistische Internationale sortierte das Durcheinander opportunistischer, individueller und rechter Strömungen in der angehenden französischen KP. Sie, nicht die _britische Entwicklung" , verhalf der britischen KP zu einer qualitativ überlegenen Taktik dortzulande in Fragen wie Wahlpolitik, Haltung zur Labour Party und Einheitsfront, Politik in den Gewerkschaften usw. Cannon® gibt in seinem Buch The first ten years of American communism exzellent davon Zeugnis, auf wie vielfältige Art die frühe Kommunistische Internationale half, die Taktik der jungen amerikanischen KP zu korrigieren und damit Probleme zu vermeiden, die diese nie umschifft hätte, hätte sie sich nur auf nationale Ressourcen stützen können. Die Erfahrung mit solcherart Debatte und die Beschlüsse beim zweiten und beim dritten Kongreß der Kommunistischen Internationale über die Einheitsfront waren eine entscheidende Unterstützung der nationalen Parteien bei der Ausarbeitung ihrer Taktik.

Eine internationale Organisation, die demokratisch und nicht bürokratisch funktioniert, verhindert die Formulierung einer nationalen Taktik und die Schaffung einer nationalen Führung nicht. Die Fehler der Dritten Internationale unter der Führung Sinowjews und Bucharins vom fünften Kongreß an und später ihre Verbrechen unter Führung Stalins waren nicht das Ergebnis von internationaler Organisierung als solcher, sondern der Bürokratisierung des Sowjetstaats und davon ausgehend der Komintern, der Übernahme entsprechender Methoden: Absetzung nationaler Führungen, Verhinderung von nationalen Kongressen vor Kominternkongressen, Aufdrücken nationaler Taktiken durch das internationale Zentrum, Schaffungeiner Schicht serviler Funktionäre durch dauernde, massive internationale Finanzspritzen usw. Die Vierte Internationale hat die Lehren dieser Fehler sich bewußt zu eigen gemacht.

Jede nationale revolutionäre Organisation muß aus der eigenen Erfahrung lernen, wie sie einen Kaderstamm und eine Führung entwickelt, die in der Lage sind, neben den Lehren des internationalen Klassenkampfs die nationalen Besonderheiten des eigenen Landes zu der eigenen Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung zu verarbeiten und eine angemessene Taktik auszuarbeiten. Die Internationale insgesamt — und andere Sektionen - können beraten und auf bestimmte Dinge drängen, aber sie haben nicht das Recht, irgenderwas in dieser Hinsicht zu entscheiden. Aus diesem Grunde verbieten es die Statuten der Vierten Internationale explizit internationalen Gremien, nationale Führungen auszuwechseln oder die nationale Taktik der Sektionen zu beschließen.

Die Vierte Internationale versteht allerdings, daß die Bourgeoisie sich nicht damit zufrieden gibt, ihren Aktionsradius auf das eigene Land zu beschränken, und daß das Proletariat dies deshalbauch nicht tun kann. Internationaler Kampf, internationale Organisierung und gegebenenfalls internationale Disziplin sind erforderlich. Beispielsweise ist es eine Frage der nationalen Taktik, wie genau die Solidarität • James P. Cannon war einer der Gründer der Kommunistischen Partei der USA und der linken Opposition gegen den Stalinismus dort. Er wurde zu einem der zentralen Führer der amerikanischen Sektion der Vierten Internationale ab 1938 und war enger Mitarbeiter Trotzkis bei der theoretischen Verteidigung der Gründung der Vierten Internationale. Er nahm noch bis 1969 an der Lenkung der Socialist Workers Party teil. mit den Revolutionen in Nicaragua und El Salvador organisiert werden soll. Aber daß eine internationale Solidaritätskampagne überhaupt notwendig ist, ergibt sich aus den Bedürfnissen des internationalen Klassenkampfs. Zu diesen Schlüsselfragen internationaler Strategie und Politik hat die Internationale in der Tat das Recht zur Beschlußfassung — muß sie es haben — und die Sektionen müssen diese demokratische Disziplin (Diskussion und Abstimmungsmehrheit vorausgesetzt) akzeptieren. Internationale Beschlüsse dieser Art sind bindend für alle Organisationen, die ernsthaft den Bedürfnissen des Klassenkampfs folgen und eine Weltpartei aufbauen wollen. Die einzige Alternative zu dieser Form verpflichtender internationaler Organisierung ist der „Nationalkommunismus". Die letztliche Essenz dessen wurde von Rosa Luxemburg klar und deutlich nach dem Zusammenbruch der Zweiten Internationale in den bitteren Worten ausgedrückt: Proletarier aller Länder, vereint Euch in Friedenszeiten und tötet Euch gegenseitig in Kriegszeiten!" Um das Verhältnis zwischen Internationale und Sektionen zu klären, muß auch noch auf einen zweiten Einwand eingegangen werden. Einige Leute sagen nämlich, daß es sowas wie eine „internationale Revolution" gar nicht gibt. Unter Umständen gebrauchen sie dazu verzerrend die Worte von Lenin: „Es gibt eine, und nur eine, Art des echten Internationalismus, und diese ist — aus ganzem Herzen für die Entwicklung des revolutionären Kampfs im eigenen Land zu arbeiten und... diesen Kampf zu unterstützen, diese, und nur diese, Linie in jedem Land ohne Ausnahme." Bedeutet dieser Satz, dais Lenin nationale Revolutionen im Gegensatz zur Weltrevolution bevorzugte, weil es unmöglich sei eine , Welt"revolution zu erreichen? Keineswegs! Lenin hatte nur eine äußerst klare Sicht der Beziehung zwischen nationalen Revolutionen und Weltrevolution und gab dieser Sicht auf eine etwas paradoxe Art Ausdruck. Wenn die Weltrevolution als ein simultaner Akt in allen Ländern verstanden wird, als ein gemeinsamer Sturz aller herrschenden Klassen zur gleichen Zeit, ist sie natürlich bloße Utopie; eine passive Erwartungshaltung wäre die Folge — bis zum „Großen Tag". Die Vierte Internationale, die sich selbst die Weltpartei der sozialistischen Revolution nennt, betrachtet die Dinge allerdings überhaupt nicht so. Sie sicht die proletarische Weltrevolution nicht als gleichzeitigen Akt. sondern als Prozeß, dessen erste Phase durch die russische Revolution eröffnet wurde.

Das Verhältnis von nationaler Revolution und internationaler Revolution ist ein dialektisches. Es widerspiegelt den Widerspruch zwischen der nationalen Eingrenzung des bürgerlichen Staats und dem enormen Wachstum der Produktivkräfte jenseits der nationalen Schranken. Dieses Anwachsen der Produktivkräfte hat den Klassenkampf international gemacht, und daher besteht nicht nur eine organische Abhängigkeit all der „nationalen" Ökonomien voneinander, sondern auch all der revolutionären Klassenauseinandersetzungen. Der Imperialismus ist eine Kette. Wie alle Ketten bricht sie am schwächsten Glied. Es wäre sicherlich besser, wenn alle Kettenglieder zur gleichen Zeit brechen würden, aber dies bleibt im Reich der Träume, während die Realität bestimmten Entwicklungsgesetzen folgen muß. Aber genauso gibt es keine rein nationale Revolution. Die Revolution beginnt auf der nationalen Ebene. aber dehnt sich dann aus und übt sofortigen Einfluß auf internationaler Ebene aus. Dies meinen wir mit einer internationalen Revolution: einen permanenten Prozeß, dessen nationale Teile keine Ziele an und für sich sind, keine Schlußakte, sondern eine Anfangshandlung.

Hinzukommt, daß es genausowenig wieeinestrikt nationale Revolution und eine rein nationale Ökonomie keine Bourgeoisie gibt, die ihr Handlungsfeld auf das nationale Terrain einschränkt. Wir Leben im Zeitalter des Imperialismus; die Bourgeoisie organisiert sich international, um ihre Interessen zu verteidigen. Wenn wir eine Revolution auf nationaler Ebene gewinnen wollen, finden wir schon, daß eine rein nationale Herangehensweise nicht ausreicht: in Vietnam mußte nicht nur die nationale herrschende Klase gestürzt werden. sondern der US-Imperialismus, zuvor der französische und der japanische, bekämpft werden. Dies zeigt, wie utopistisch es wäre, sich auf rein nationale" Politik zurückzuziehen — selbst im ersten Akt der Revolution.

Es ist somit nötig, jede mechanistische Interpretation der Beziehung zwischen nationalem und internationalem Niveau der Revolution zu vermeiden. Lenin donnerte gegen die „hohlen Versicherungen der Hingabe an den Internationalismus" jener sogenannten „Internationalisten", die sich des gleichen abstrakten Internationalismus der Worte befleißigten wie die Eurokommunisten, Sozialdemokraten und Stalinisten unserer Tage. Aber aus diesem Zitat

Seite 19

abzuleiten, alles was zählte, sei, die erste Phase der Revolution vorzubereiten, also sich nur in nationalen Fragen zu engagieren, wäre eine völlige Verkennung der Tatsache, dals die nationale Besonderheit jeder Revolution nur relativ, partiell und keineswegsabsolut ist. So Rosa Luxemburg: Der Klassenkampf gegen die herrschenden Klassen innerhalb der Grenzen des bürgerlichen Staats und die internationale Solidarität der Arbeiter aller Länder sind die zwei Lebensregeln, die einer kämpfenden Arbeiterklasse eigen sind und für deren Emanzipation von welthistorischer Bedeutung. Wir würden sogar sagen, wenn wir eine Bewertung der Vierten Internationale von heute geben sollten, daß diese nicht zu sehr mit internationalen Problemen und Erfahrungen sich beschäftigt oder übertrieben zentralisiert ist, sondern unzureichende gemeinsame Erfahrungen vorhanden sind. Die verschiedenen nationalen Sektionen haben die Erfahrungen anderer Länder und der Internationale insgesamt nicht genügend verarbeitet. Es ist gerade eine besonders wichtige Aufgabe der Internationale heute und eine, die der nationalen Taktikbestimmung helfen wird, so weit wie nur möglich die gemein same Erfahrung der Internationale zu entwickeln. Internationale Diskussion, internationale Reisen, der Besuch von Genossinnen und Genossen bei verschiedenen Sektionen, eine breitere Schicht von Kadern, die an internationaler Arbeit und Diskussion beteiligt sind, die Stärkung der internationalen Zeitschriften und vor allem, wie weiter unten noch erörtert, gemeinsame internationale Aufgaben, die sich an zentralen revolutionären Prozessen und Themen ausrichten, sind das, was die Internationale und ihre nationalen Parteien heute brauchen.

8.

Internationale

Kampagnen und Aktionen

Bis jetzt haben wir uns mit der Notwendigkeit einer Internationale aus der Sicht der programmatischen Homogenität und der notwendigen abgerundeten internationalistischen Betrachtungsweise für eine nationale Führung beschäftigt, die sich durcheinen Austauschprozei und die Ziehung der Lehren der internationalen Kämpfe ergibt — notwendig, weil dem objektiven Weltcharakter des Klassenkampfes innewohnend. Die internationale Zentralisierung der Erfahrungen hilft der ständigen Neuausarbeitung des Programms. Aber dieses Programm ist kein akademischer Kommentar des Weltgeschehens, es ist die Basis des Versuchs, den Lauf dieses Geschehens zu ändern. Somit kann es in der Praxis nur auf Weltebene getestet werden. Eine Karikatur des Internationalismus wäre es, ihn auf eine Analyse der Weltlage zu reduzieren, die unmittelbare Praxis jedoch den nationalen Sektionen zu überlassen. Es gibt in der Tat noch einen weiteren Aspekt dieses Internationalismus. Dies ist die Dialektik zwischen dem Aufbau der revolutionären Internationale und der Schaffung nationaer revolutionärer Parteien selber. Wieder gilt, daß der Aufbau einer Internationale dem Aufbau nationaler revolutionärer Parteien nicht gegenübersteht, sondern diesem vielmehr hilft. Dies wird nicht nur von der Theorie belegt, sondern auch durch konkrete revolutionäre Erfahrung.

So war nach dem Ersten Weltkrieg ein heftiger Fermentierungsprozeß und die Bildung verschiedenster revolutionärer Strömungen aller Art unvermeidlich. Dies geschah in jedem Land. Nicht unvermeidlich war jedoch, daß diese alle reifen würden und zu ernsthaften revolutionären Parteien fusionieren würden. Dies konnte nicht „spontan" passieren und tat es auch nicht. Eine bewußte Anstrengung zur Gründung einer revolutionären Internationale war erforderlich. Es waren nicht „deutsche, französische, britische, amerikanische oder italienische Bedingungen", die jeweils die Herausbildung von erheblich gröleren und fortgeschritteneren und in einigen Fällen massenhaften revolutionär kommunistischen Parteien förderten. Die bewußte Intervention, wenn man will, der „Voluntarismus", der Kommunistischen Internationale war erforderlich, sie zu schaffen — und natürlich handelte es sich nicht um Voluntarismus, sondern um das subjektive Verstehen der Möglichkeiten des objektiven Prozesses.

Dazu war es nötig, daß die Internationale nicht nur als ideologischer Diskussions- und programmatischer Zirkel, sondern als reale Nr. 174. November 1985 Organisation funktionierte. Die Internationale schickte Kader, Publi kationen, Rat und Geld in diese Länder, um den Parteien zu helfen. Wie wir schon gesehen haben, störten in den ersten vier Jahren der Komintern diese Methoden die Herausbildung revolutionärer Parteien nicht, sondern halfen nur. Wir wiederholen: es war nicht die starke internationale Organisation, sondern die stalinistische Bürokratie, die sowohl die Kommunistische Internationale als auch die nationalen Parteien zerstörte.

Fügen wir hinzu, daß auch nach Eroberung der Macht durch eine oder mehrere revolutionäre Parteien die Gefahr ihrer nationalen Degeneration oder einer unzureichend festen internationalistischen Orientierung durch die Existenz einer mächtigen Internationalen gehemmt würde, wenn diese dadurch von ihnen unabhängig ist, daß in ihr revolutionäre Parteien aus vielen Ländern versammelt sind Die Internationale kann keineswegs als eine bloße Akkumulation von nationalen Parteien betrachtet werden. Eine Internationale und Internationalismus können nicht beim netten Gedanken stehen bleiben. Sie müssen konkret sein, die Formeiner internationalen Organisation annehmen, die auch arbeitet. Eine starke Internationale wird auch mehr Kraft für den Aufbau nationaler revolutionärer Parteien liefern.

Nehmen wir zum Beispiel eine Frage wie heute die imperialistischen Kriegsvorbereitungen oder in jüngerer Zeit den Krieg in Vietnam. Sind dies nationale Angelegenheiten? Nein, bei beiden sind internationale Kampagnen gegen sie erforderlich. Dies erfordert Organisation. Genauso falsch wäre es zu glauben, die nicaragianischen und salvadorianischen Revolutionen wären eine Angelegenheit der amerikanischen Genossinnen und Genossen oder die polnischen Ereignisse eine der europäischen. Weder vom Standpunkt der Be dürfnisse der internationalen Solidarität noch der Beeinflussung und Gewinnung von Strömungen, die sich in diesen Ländern aufbauen können, oder der Ausnutzung der internationalen Schockwellen in der Arbeiterbewegung her schaffen diese Ereignisse eine „Arbeitsteilung". Erfolg beiallen diesen Aufgaben wird ganz entscheidend davon abhängen, wie stark das Gewicht der Vierten Internationale insgesamt und als internationale Organisation bei diesen Problemen zum Tragen kommt.

Genauso ist es mit den wesentlichen Aufgaben des Parteiaufbaus der Vierten Internationale heute, mit der Bestrebung, sich in der Industriearbeiterklasse zu verankern — der Wende zur Industrie. Die Initiative dazu kann von bestimmten Ländern ausgehen, und die Formen, besonderen Taktiken und die Anleitung müssen national entschieden werden (wie es in den Statuten der Internationale steht). aber die allgemeine Wende und der Kurswechsel müssen von der Internationale insgesamt und als Organisation vorangetrieben werden. Nur so kann gesichert werden, daß der Prozeß voranschreitet und zugleich von nationalen Sektionen folgenschwere Irrtümer vermieden werden, die durch die Einschätzung lokaler Erscheinungen als Haupttendendenzen oder die unberechtigte Übertragung der in anderen Sektionen angenommenen Formen auf andere Bedingungen entstehen.

ine ganze Liste weiterer Beispiele könnte aufeemacht werden . nti-AKW-Arbeit. Iran. die internationale Abtreibungskampagn Diese organisierten Aktivitäten der Internationale stören nicht, sondern helfen der Bildung nationaler Parteien.

Zur Präzisierung sollten wir sagen, daß die Internationale sich daher mit den Schlüsselereignissen beschäftigen und auf diese orientieren sollte, auf die „schwachen Kettenglieder" der internationalen Reaktion, um den objektiven Bedürfnissen des Klassenkampfs zu folgen und die Partei aufzubauen. Das ist selbst eine Widerspiegelung der Natur des Prozesses der permanenten Revolution — eines Prozesses, in dem sich die Revolution ungleich entwickelt, es zu wilden Ausbrüchen an besonders schwachen Stellen kommt, die dann internationale Auswüchse bilden und aus denen sich internationale Solidaritäts- und Parteiaufbauaufgaben ergeben. In diesem Sinne stellen sich erneut entscheidende Fragen internationaler Organisierung, die in tatsächlichen internationalen Kampagnen und Initiativen ihren Niederschlag finden müssen.

Sogar jetzt, ohne schon Massenparteien zu haben, die Revolutionen führten, ist die Vierte Internationale keineswegs eine internationale Organisation, die sich auf die Felder der Programmatik und der politischen Analyse, der internationalistischen Propaganda und Schulung beschränkt. Bei einer korrekten Einschätzung der ihr zukommenden Rolle und bei einer korrekten Fuktionsweise ist die Vierte Internationale schon zur Organisierung internationaler Aktionen in der Lage — die logischerweise von Massenparteien mit viel

Seite 20

größerer Effizienz organisiert werden könnten, wozu diese sich aber weigern, da sie schon vor langer Zeit aufhörten, revolutionäre Formationen zu sein. Um zu zeigen, dal es sich nicht um eine theoretische Spekulation handelt, sondern um Realität, können wir einige her ausragende Beispiele aus der jüngsten Geschichte der Vierten Internationale hernehmen.

• In den späten 50ern war die kleine französische Sektion der Vierten Internationale die einzige Strömung der französischen Arbeiterbe wegung, die auf der Solidarität mit und Unterstützung der algerischen Revolution behartte (einige Gruppen von Individuen außerhalb der organisierten Arbeiterbewegung taten dies auch). Die Vierte Internationale, damals erheblich schwächer als heute, gründete die erste Fabrik, die leichte moderne Waffen für die algerische Revolution herstellte, als dieser Kampf praktisch von jeder internationalen Hilfe abgeschnitten war.

• Die bedeutende Rolle, die die Jeunesse Communiste Revolutionnaire im Mai 1968 spielte, war der Schlüssel zur Schaffung der Ligue Communiste, einer erheblich gestärkten Sektion der Vierten Internationale in Frankreich; diese Anstrengungen waren von erheblicher ›olitischer und materieller Unterstützung durch die Internationale gleitet. Aber der daraus resultierende Erfolg beim Aufbau einer revolutionären Partei in Frankreich stärkte das Ansehen der Internationale und anderer Sektionen. Eine ganze Reihe von heutigen Sektionen, in Spanien, Schweden, Britannien und den Antillen, Schulden entweder ihre bloße Existenz oder einen Gutteil ihrer Stärke jenem Erfolg in Frankreich.

• Die Kräfte der Vierten Internationale warfen sich in der ganzen Welt Mitte und Ende der 60er Jahre in die Solidarität mit der vietnamesischen Revolution, indem sie in vielen Ländern in führender Position an der Organisierung und Koordinierung von Massenak tionen beteiligt waren. Besonders die Rolle unserer Genossinnen und Genossen in den USA bei der Herausbildung einer Massenbewegung gegen den Krieg bedeutete objektiv einen enormen Beitrag zum Sieg der vietnamesischen Revolution, indem der US-Imperialismus zum Abzug der Truppen aus Vietnam gezwungen wurde. Die Arbeit der Socialist Workers Party in den USA war auch entscheidend für den Aufbau von Sektionen in Australien, Neuseeland und in geringerem Maße Britannien.

• 1971 war die Vierte Internationale die einzige Organisation, die (zusammen mit ihren ceylonesischen Genossinnen und Genossen) einen Protest gegen den Massenmord an der revolutionären Jugend der Insel durch die Regierung Banderanaike organisierte, die von Washington und London, Moskau, Peking, Neu-Delhi und Islamabad zugleich unterstützt wurde, von praktisch allen etablierten Mächten und Staaten der Welt. Das Leben des Führers der JVP, Rohane Wijeweera, konnte im Gefolge der internationalen Aktion gerettet werden.

• Als der revolutionäre Bauernführer in Peru, Hugo Blanco, durch die Autoritäten des Landes zum Tode verurteilt wurde, organisierte die Vierte Internationale eine weltweite Verteidigungskampagne, die sein Leben rettete. Auch eine spätere Kampagne gegen seine Exilie rung war von Erfolg gekrönt. Dies half auch dem Aufbau der peruanischen Sektion der Vierten Internationale, deren Führer Hugo Blanco wurde. Auch für andere Sektionen in Lateinamerika spielte die Kampagne für diese bekannte Persönlichkeit der peruanischen Linken eine Rolle beim Aufbau.

• Als die im Sterben liegende Franco-Diktatur sechs baskische Nationalisten im berüchtigten Prozeß von Burgos im Dezember 1970 zum Tode verurteilen ließ, organisierte die Vierte Internationale in vielen Ländern Europas machtvolle Aktionen und Demonstrationen. Durch diese Kampagne der Vierten Internationale und einiger anderer wurde schließlich die Todesstrafe verwandelt. Eine ganze Strömung des baskischen revolutionären Nationalismus konnte unter dem Eindruck dieses Einsatzes für die spanische Sektion der Vierten Internationale gewonnen werden.

• Als nach dem Sturz der Schah-Diktatur die Khomeini-Kräfte im Sommer 1979 mit der Repression gegen die revolutionäre Linke und die unterdrückten Nationalitäten wie die Kurden begannen, suchten sie sich die junge trotzkistische Organisation als eine der ersten aus, besonders wegen ihrer Solidarität mit dem Kampf der Kurden. 14 Genossinnen und Genossen wurden verhaftet und zum Tode verurteilt. Die Vierte Internationale führte damals ihre bisher größte Verteidigungskampagne, um das Leben der Genossinnen und Genossen zu retten. Sie erlangte die Unterstützung vieler Massenströmungen der europäischen Arbeiterbewegung und vieler Gewerkschaften auf der ganzen Welt. Die Hinrichtung der 14 konnte verhindert werden, und später wurden alle freigelassen.

• Seit 1979 niment die Vierte Internationale, oft in führender Rolle, weltweit an den Solidaritätskampagnen mit den Revolutionen in Nicaragua und El Salvador teil. Ihr Engagement hat auch vom Standpunkt der materiellen Hilfe für die Revolution her, aber vor allem politisch in den Ländern Kanada, Frankreich, Spanien, Mexiko, Kolumbien, USA, Schweiz und Belgien einiges an Gewicht. • Sofort nach den Streiks und der Krise des Sommers 1980 in Polen wiesen die sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Massenorganisationen trotz vielen Worten, die vom Gegenteil überzeugen sollten, die praktische Solidarität mit der neuen polnischen Arbeitergewerkschaft von sich. Die Vierte Internationale war in einer Reihe von Ländern in der Lage, die erste Initiative zu ergreifen, Delegationen und materielle Hilfe zu senden und Kontakte mit den Arbeiterorganisationen zu knüpfen, die dem polnischen Arbeiterkampf halfen und einen Schutz vor der Drohung mit militärischer Intervention bedeuteten. Die Vierte Internationale konnte im Zuge dieser Arbeit erste Kerne revolutionärer Marxisten in Polen sammeln. 9.

Von einer Kaderorganisation zu Massenparteien und einer Masseninternationale

Schließlich wenden wir uns noch einem letzten Verteidigungsgraben gegen die Idee von der Notwendigkeit des Aufbaus einer revolutionären Internationale zu. So wird das Argument manchmal vorgetragen: Ja natürlich, eine revolutionäre Internationale ist notwendig; nationale Parteien sind unzureichend; aber sie kann heute nicht aufgebaut werden. Es wäre eine Frühgeburt und schnitte uns von der Zusammenarbeit mit anderen Revolutionären ab. Wir müssen auf große Ereignisse warten, und auf Massenparteien, die allein eine revolutionäre internationale Massenströmung schaffen könnten — so wurde auch die Dritte Internationale geschaffen."

Wie wir schon gesehen haben, ist dieses Argument nicht einmal historisch korrekt - die bolschewistische Führung war schon vor der russischen Revolution (vom Zusammenbruch der alten Internationale an) auf den Aufbau einer neuen Internationale orientiert. Wichtiger als ein historischer Irrtum ist jedoch, daß dieses Argument die ganze Dynamik mißversteht, in der authentische revolutionäre Massenparteien aufgebaut werden.

Das Argument wird zwar gegen den Aufbau einer revolutionären Internationale heute vorgetragen und ist nicht als Argument gegen den Aufbau einer revolutionären Internationale überhaupt gedacht, ist dafür jedoch zugleich ein Argument gegen den Aufbau einer revolutionären Organisation überhaupt, auch auf nationaler Ebene. In der überwältigenden Mehrzahl der Länder ist es unwahrscheinlich, daß revolutionäre Organisationen mit Massencharakter jetzt oder in näherer Zukunft aufgebaut werden können. Daß dieses Argument aber nie gegen den Aufbau revolutionärer Organisationen auf nationaler Ebene verwandt wird, dafür aber gegenüber einer aut internationaler Ebene umso öfter, zeigt nur das erdrückende Gewicht der nationalen Einengung und des Nationalstaats.

Gibt es einmal Übereinstimmung in den politischen Grundzügen, dann ist die Anwendung dieser Politik umso besser, je entwickelter und stärker die Organisationsform ist. Dies ist das wesentliche Prinzip der Organisation auf nationaler Ebene. Es gilt haargenau so auch für die internationale Ebene. Die Verbindungen zwischen den verschiedenen nationalen Sektionen, ihre gemeinsamen Erfahrungen, die einfache Tatsache, daß erheblich mehr Gehirne und Erfahrungshorizonte bei der Lösung der Probleme eingebracht werden, helfen, und das muß es unvermeidlich, der politischen Intervention.

Seite 21

Alles andere hieße, anstelle des materialistischen Verstehens, wie Politik zustandekommt, Idealismus, Glauben an zeitlos gültige Programme, „inspirierte Füherer" o.ä. zu setzen.

Wir möchten sogar sagen, daß in bestimmter Hinsicht, nämlich zur Aufrechterhaltung einer richtigen politischen Orientierung und Er kennens, der Aufbau einer Internationale gerade besonders wichtig ist, solange die nationalen revolutionären Organisationen keinen Masencharakter haben - und zwar wegen des Drucksauf kleine Organ ationen, auf einseitige Wahrnehmungen, Subjektivismus usw. Zi verfallen, der riesig groß ist. Es kann bis zu einem gewissen Grade nur in einer internationalen Organisation neutralisiert werden. Das soll natürlich kein Argument dafür sein, daß eine Internationale dann überflüssig würde, wenn Massenparteien existierten, denn dann gibt es andere, neue Aufgaben, Bedürfnisse und Anpassungsdrücke, mit denen umzugehen, eine Internationale erfordert. Es geht nur darum zu zeigen, daß das ganze Argument fürdas „ Warten" mit dem Aufbau einer Internationale vollkommen falsch ist.

Aus diesem Grunde setzte sich Trotzki so unbedingt für die Gründung der Vierten Internationale noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein — denn er wußte, daß an dessen Ende dic Chancen zum Aufbau revolutionärer Organisationen erheblich an wachsen würden, aber auch das Ausmaß der Ereignisse und der nationale Druck riesig sein würden. Der Verlauf war, wie Trotzki es vorhergesehen hatte. Die Gruppen der Vierten Internationale überlebten den Krieg und erstanden aus seinen großen Ereignissen und Prüfungen gestärkt, auch wenn ihr Wachstum wesentlich langsamer war, als Trotzki erwartet hatte. Die nationalen revolutionären Organisationen waren zerschlagen und zerstreut worden im Wirbelsturm von Subjektivismus, Konfusion und nationaler Kapitulation. Die POUM in Spanien, die SAP in Deutschland, die RSAP in den Niederlanden, die PSOP in Frankreich, die Shachtmanisten in den USA u.v.a. verschwanden allesamt. Es lag an der Vorbereitung auf diese großen Ereignisse, insbesondere auf den bewußten Aufbaueiner internationalen Organisation, die es den Organisationen der Vierten Internationale als einzigen erlaubte, die schwere Prüfung des Krieges zu durchstehen und sich dabei auch noch zu stärken. Eine ähnliche Erfahrung wurde in Europa und den USA in der Periode nach den Ereugnissen von Mai und Juni 1968 in Frankreich und ihren internationalen Folgen gemacht. Aus diesen Ereignissen und aus den sozialen Prozessen, die sie nährten, entwickelten sich nicht nur die Kräfte der ganzen Vierten Internationale, sondern auch einer Vielzahl anderer Organisationen in ganz Europa, die nach dem revolutionären Pfad suchten — wobei die letzteren oft um einiges rasanter anwuchsen als die Vierte Internationale. Aber der Kampf in Europa ist ein sehr langwieriger und ernstzunehmender, und der in den USA noch viel mehr. Die herrschenden Klassen in den imperialistischen Ländern werden nicht durch ein oder zwei große Explosionen gestürzt werden, sondern als Ergebnis eines schweren und lange dauernden Kampfes, der viele verschiedene Wendungen und Lösungen erfordert.

Die Organisationen, die nach 1968 rasch gewachsen waren, aber ein umfassend revolutionäres Programm undeine Internationaleablehnten, wurden in eine totale Krise geworfen und in den meisten Fällen zerbrachen sie und verschwanden bei demersten schwereren Problem im Nichts - dem Problem der bürgerlichen Konteroffensive vom Beginn der zweiten Hälfte der 70er Jahre an. (Beispiele: KPD und KBW in Westdeutschland, PT in Spanien, Lotta Continua in Italien, MES in Portugal). Die Organisationen der Vierten Internationale und des Trotzkismus überhaupt hielten sich und ihre Organisationen intakt und in einer Position, um sich auf den nächsten Aufschwung der Kämpfe vorbereiten zu können, wenn sie natürlich auch nicht der objektiven Situation entrinnen konnten und gegenüber dem Zeitraum unmittelbar zuvor Verluste erlitten. Sie konsolidierten sich selbst organisatorisch und steigerten ihre Verankerung in der Arbeiterklasse, wenn auch unter Verlusten auf anderen Gebieten. Diese unterschiedlichen Resultate verdanken sich nicht einfach nur der internationalen Organisierung, sondern auch dem politischen Programm — wenn es auch kein Zufall ist, daß diejenigen mit den im wesentlichen korrekteren Positionen, die sich in der Praxis der Meisterung der Situation als angemessen erwiesen, auch die waren, die die Notwendigkeit einer Teilnahme am Aufbaueiner revolutionä ren Internationale verstanden. Jedenfalls war die „organisatorische" Tatsache, daß an dieser Internationale simultan mit den nationalen Organisationen gebaut wurde, und alle politischen Schlüsse, die daraus folgen, ein bedeutendes Element, das eine kohärentere, abgerundetere und tiefere politische Stabilität mit sich brachte, eine Fähigkeit, sich an die Haupterscheinungen zu halten und nicht sichin Nebenthemen zu verzetteln; ohne das sind die unterschiedlichen Erfolge der Trotzkisten und der anderen Organisationen nicht erklärbar.

Dieser „organisatorische" Aspekt des Aufbaus von revolutionärer Partei und revolutionärer Internationale gleichzeitig, auch wenn es sich nur um eine kleine Kraft handelt, oder besser, das Verständnis, daß alle Fragen der Politik organisatorische Folgen haben, ist einer der zentralen Aspekte des Leninismus. Die Ansicht, daß aus großen Kämpfen und Ereignissen eine angemessene Organisation einfach spontan entwickelt werden wird oder all das in kürzestem Zeitraum eines Tages in der revolutionären Krise geschaffen wird, ist Idealis- Die Massen erlangen natürlich revolutionäres Bewußtsein und brechen vollständig mit dem Reformismus nur im Laufe revolutionärer Massenereignisse - Ereignissen, die von ihrer Natur her zeitlich sehr begrenzt sind. Aber die Organisation und Führung selbst muß vorher schon in Jahren harten Kampfes vorbereitet sein. Dies ist eine der grundlegenden Dialektiken der Revolution, die Lenin als erster seiner Zeitgenossen voll verstand und in die Praxis umsetzte. Die bolschewistische Partei mit tatsächlich revolutionärer Politik, wie sie 1917 dastand, war das Ergebnis von jahrelanger Arbeit am Aufbau einer Kaderorganisation, mit Verwurzelung in den Massen zwar, aber noch nicht von Massenumfang, die schon vor den revolutionären Ausbrüchen von 1905 und 1917 geschaffen wurde. Die Idee, daß wir auf große Geschehnisse „warten" müssen, bevor wir uns um eine revolutionäre Partei oder eine revolutionäre Internationale bemühen ist ein Rückfall in den Spontaneismus und eine Aufgabe des Terrains, das Lenin allen anderen überlegen eroberte. Dazu sollten wir einmal nicht nur auf die großen Leistungen und Stärken der Revolutionäre Luxemburg, Liebknecht und Trotzki schauen, die bei einigen theoretischen Fragen Lenin vor 1917 voraus waren, sondern auf ihre Fehler - den Grund, wieso Trotzki nicht nur eine leere persönliche Geste vollführte, als er sagte, daß Lenin in dieser grundlegenden Frage gegen alle seine Gegner recht behalten habe und davon der Verlauf der Revolution abgehängen habe. Sehen wir uns zuerst den Negativfall an. Vor 1918 standen Luxemburg und Liebknecht in Deutschland nicht vor der Aussicht, eine Massenpartol schaffen zu können. Die Revolution von 1918 und die Kämpfe danach waren erforderlich, um Teile des Proletariats aus der Domination der reformistischen und zentristischen Organisationen zu lösen. Nichts hätten Luxemburg und Liebknecht tun können, um vor 1919 voluntaristisch eine Massenpartei zu schaffen. Aber was in Deutschland möglich war, und was sie leider nicht taten, war, eine ernsthafte revolutionäre Kaderorganisation zu schaffen, eine Fraktion in der SPD vor 1914, die die fortgeschrittensten Arbeiter, Frauen und Jugendlichen um sich geschart hätte, die schon die Politik der reformistischen Führung ablehnten. Unter den Bedingungen der authentischen revolutionären Krise von der Art 1918/19 hätte diese, dann vielleicht einige tausend Mitglieder starke Organisation mit wirklichen Massenströmungen fusionieren können, um mit einer soliden Führung die revolutionäre Partei der Massen schaffen zu können, mit Hunderttausenden von Arbeitermitgliedern, ohne die eine siegreiche Revolution in einem grolen Land zum reinen Phrasengedresche wird.

Nicht zu schaffen, auch in der allerrevolutionärsten Situation nicht, ist es jedoch, aus dem Stand heraus, ausgehend von kleinen Gruppen von ein paar Hundert, eine revolutionäre Massenpartei zu bilden, die den Sieg erringen kann.

Die Tragödie der deutschen Revolution war es, daß unsere Luxemburg und Liebknecht bei Kriegsausbruch über eine organisierte Kraft von nicht mehr als einigen Hundert verfügten, und die waren auch noch politisch inhomogen. Als dann das Jahr 1918 kam, waren sie deshalb völlig unfähig, den Aufschwung der Massen zu beeinflussen, und Rosa Luxemburg erlitt sogar in der eigenen Organisation von den Ultralinken eine Niederlage, die die fatal falsche Linie von Dezember 1918 bis März 1919 verfolgten.

Das war der gleiche katastrophale Fehler, den auch Trotzki vor 1917 beging, als er nicht nur nicht den Bolschewisten beitrat - was der größte Fehler seines ganzen Lebens war — sondern auch außerhalb nicht versuchte, eine. ernsthafte und nennenswerte Kraft in Rußland aufzubauen.

Seite 22

Trotzki trat dann mit einem exzellenten Programm und einigen brillianten Kadernauf den Plan der russischen Revolution, jedoch mit einer Organisation (Maschrajontzi), die so klein war, daß sie 1917 niemals trotz revolutionärer Lage zur Machteroberung gekommen wäre.

Lenin war es, der in der Zeit davor, einschließlich der ultraschwierigen Phase der schwarzen Reaktion, als er nur mit winzigen Gruppen zusammenarbeitete, die Organisation aufgebaut hatte, die dann in der Lage war, 1917 sich mit dem Massenprozeß zu verschmelzen und die Revolution zu führen.

In Rußland stabilisierten sich die ersten revolutionären Kerne seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts, zuerst einige Dutzend, dann ein paar Hundert und schließlich einige Tausende. Jedoch waren die organisierten russischen Revolutionäre auch zum Zeitpunkt des berühmten Zweiten Kongresses der RSDAP im Jahre 1903, entgegen dem weit verbreiteten Eindruck, erst wenige Tausend. Die erste Verschmelzung der Bolschewisten mit den Massen, als Fraktion der RSDAP, fand dann 1905 statt - zwanzig Jahre nach dem Beginn organisierter, systematischer marxistischer Arbeit in Rußland und elf Jahre nach dem Beginn von Lenins Versuchen, eine Partei zu schaffen. Jedoch schafften es die Bolschewisten vor 1905 und erneut vor 1917, in Rußland eine wirkliche Kaderorganisation aufzubauen, eine, die die Periode der Reaktion nach 1907 überlebte. Immer wieder schaffte es die Opposition, tatsächlich an den Massenkämpfen teilzunehmen und Sektoren der Massen in sich aufzunehmen, besonders 1905 und 1917.

Das Ausmaß dieses Kaders war zwar nicht ganz gering, aber doch verglichen mit einer Massenpartei bedeutungslos; so hatten die Bolschewisten im Februar 1917 annähernd 15 000 bis 20 000 Mitglieder. Jedoch ermöglichte dieser Kader und Apparat in Perioden riesiger Buchbesprechung

Kämpfe, in denen der Aufbau einer Massenpartei tatsächlich möglich wird, den Bolschewisten, mit Teilen der Massen wenigstens fusionieren zu können. So waren die Bolschewisten bis Oktober 1917 auf über 240 000 Mitglieder angewachsen — ein mehr als zehnfacher Anstieg. Dies führte jedoch nicht wie in Deutschland zu grenzenloser Verwirrung. Fehlern, Führungsschwäche usw., sondern im Gegenteil zur Vereinigung der bestehenden Avantgardeorganisation mit den entscheidenden Teilen der Massen, zur gleichzeitigen Entwicklung der organisatorischen Strukturen und Konkretisierung der politischen Linie. Der Schlüssel zu allem lag in der Formierung der Kader und dem vor 1917 herausgebildeten Kern.

Dieses Beispiel verdeutlicht die Dialektik von Organisationen und Massen, die Lenin verstand - mit triumphalen Ergebnissen. Tragischerweise taten Luxemburg und Trotzki dies vor 1917 nicht. Wir sollten die großen Revolutionäre ehren, aber ihren Fehlern nicht folgen - wenn sie selbst sie sogar später als Fehler einsahen. Diese grundlegende Lehre in praktischer Politik wird von der Vierten Internationale heute angewandt. Sie hält sich nicht schon für eine Masseninternationale und denkt auch nicht, daß sie zu einer solchen in einer linearen Aufwärtsentwicklung werden könnte, sondern vielmehr über Fusionen mit anderen revolutionären Kräften, Strömungen aus den Massenparteien usw. Diese werden Produkt echter Massenkämpfe und politischer Entwicklungen sein, die von der Vierten Internationale nicht voluntaristisch vorweggenommen werden können. Aber solche Parteien vorzubereiten, ist lebenswichtig. Und dies geht nur über den jetzigen Aufbau der stärkstmöglichen Organisation und nicht durch einfaches Warten und Kommentieren der Ereignisse. So etwas zu tun, hieße, in die präleninistische Vergangenheit zurückzufallen, im Namen des „Realismus" sich ins Utopische zu wenden.

Republik Schwarzenberg

Stetan Heyms subversiver Roman tur ein sozialistisches Deutschland „Man braucht das stärkste Fernrohr, das des geschliffenen utopischen Bewußtseins, um gerade die nächste Nähe zu durchdringen."

Ernst Bloch

Beide deutsche Staaten, die DDR wie die BRD, sind das Ergebnis einer Befreiung vom Faschismus, die nicht aus eigener Kraft gelang. Beide Besatzer brachten nicht die Freiheit, von der sie gesprochen hatten; sie befreiten auf eigene Rechnung und zu eigenem Nutzen. Stefan Heym, der 1933 vor Hitler fliehen mußte, 1945 als US-Offizier in Deutschland war und 1952, nach dem Korea-Krieg, in die DDR ging, hat seine Seite bewußt gewählt. Doch hat er, Nationalpreisträger der DDR, nie aufgehört, nach politischen Alternativen zum „real existierenden Sozialismus" zu fragen.

Sein Roman über den Ostberliner Arbeiteraufstand vom 17. Jun. 1953 (*Fünf Tage im Juni*), seine literarische Abrechnung mit stalinistischer Vergangenheit (-Collin«) und stalinistischer Geschichtsfälschung («Der König-David-Bericht«) — sie alle sind in der DDR nie erschienen. Sein jüngster, für beide deutsche Staaten subversiver Roman -Schwarzenberg" kehrt zu der Frage zurück, die er 1948, noch in den USA, in seinem Roman über die vorrückende US-Armee (-The Crusaders. / »Kreuzfahrer von heute«) offen ließ: Was hätte werden können, hätten die Deutschen den militärischen Zusammenbruch des Faschismus zur eigenen Befreiung nutzen können?

Der frühere Landkreis Schwarzenberg im Erzgebirge, heute in vier DDR-Kreise aufgeteilt, ist der Ort einer historischen Utopie. Historische Tatsache ist, daß Schwarzenberg im Mai 1945 mehrere Wochen lang aufgrund eines Mißverständnisses zwischen den sowietischen

Seite 23

und amerikanischen Generalstäben unbesetzt blieb und in dieser Zeit von provisorischen deutschen Zivilbehörden verwaltet wurde. Utopisch ist Heyms von fiktiven Personen getragene „Geschichte" der .Republik Schwarzenberg" und ihrer eigenen Versuche, auf deutschem Boden demokratisch-sozialistische Verhältnisse zu schaffen. Stefan Heyms Utopie ist konkret: sie geht von der tatsächlichen Lage Anfang Mai 1945 aus und kommt ohne strahlende Helden aus. Alle haben tatenlos der Flucht der Nazi-Funktionäre zugesehen. Alle warten auf die Besetzung, hoffen auf nichts als auf die Besatzer. Denn die Besetzung ist angenehm fürs Gemüt, eine gerechte Strafe, " und die fremde Macht erspart die Auseinandersetzung mit sich selbst." (S. 246) Die meisten hoffen auf die Amerikaner, die „größere Vorräte mit sich führen würden" als die Russen, ebenso arm wie unzivilisiert und ungezügelt, und dazu rachsüchtig." „An die Möglichkeit, daß gar keine Besatzer einrücken könnten, dachte niemand."(S.11)

Nur zwei Männer haben eine Vorstellung, was mit der Macht, die buchstäblich auf der Straße liegt, (S.20) anzufangen sei. Sie sind die beiden großen Gegenspieler der kurzlebigen Republik. Max Wolfram, Autor einer , Vergleichenden Studie utopischer Gedankengäne", , durch die Bombardierung Dresdens aus der Todeszelle eines Nazi-Gefängnisses befreit, ist mit dem Mädchen Paula in seine Heimatstadt zurückgekehrt, wo seine jüdischen Eltern den Tod fanden. Auf seine Initiative versammeln sich sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter, um gemeinsam einen Aktionsausschuß zu bilden. „Auf befreitem Boden, aber ohne Druck von Seiten fremder Mächte,"(S.41) ruft er sie auf, die Betriebe und die Verwaltung zu übernehmen.

Schon auf der ersten Sitzung jedoch tritt Erhard Reinsiepe auf, der bereits vor dem Krieg KPD-Funktionär war, in dunklen Andeutungen über seine „Parteiarbeit" im Exil spricht und über beste Verbindungen zu den „sowjetischen Freunden" im Nachbarkreis verfügt. Auch er spricht für den Aktionsausschul, doch nicht um „Demokratie und Sozialismus miteinander zu verknüpfen," sondern um den Landkreis an die kommende Besatzungsmacht zu übergeben. Die Drohung mit dem einzigen Maschinengewehr des Aktionsausschusses genügt, den Nazi-Bürgermeister aus dem Rathaus zu vertreiben und gemeinsam mit der Kreisleitung der NSDAPins Gefängnis zu sperren. Der Landrat Wesseling jedoch, der noch der getlohenen sächsischen Landesregierung der Nazis gehorchen. will, gleichzeitig jedoch die US-Armee anfleht einzumarschieren, bleibt vorerst im Amt. Diese „Machteroberung" ohne Blutvergießen schildert Heym als „ein bescheidenes Beispiel für künftige Versuche," in einem Land in dem es „noch nie gelungen war, eine Revolution aus eigener Kraft zum Siege zu führen." In den anderen Orten des Landkreises bilden sich ebenfalls Aktionsausschüsse, die den Schwarzenberger als Autorität anerkennen.

Eine Situation der Doppelherrschaft ist entstanden. Im Landkreis steht der Aktionsausschufs nicht nur dem vorläufig „neutralen" Landrat gegenüber, sondern auch der „Kampfgruppe Stülpnagel", einer marodierenden Bande der zerschlagenen Hitler-Wehrmacht, und dem Industriellen Münchmeyer, der die Frau des geflohenen Gauleiters versteckt. An der West „grenze" steht Lieutenant Lambert von der US-Militärregierung, der zwar beobachten will, „was diese Deutschen, wenn man sie auf sich selber stellte, aus sich und ihrem Land machen würden," (S. 96) doch vor jeder Verantwortung zurückschreckt. Als Pragmatiker weiß er, daß die amerikanische Militärbehörde „lieber irgendwelche Strauchritter" unterstützen würde als den Aktionsausschuß.(S. 238) Zynisch grinst er über jemand wie Wolfram, weil der „noch an einen der geschichtlichen Entwicklung innewohnenden Sinn glaubt." (S. 118) Sentimental beschränkt er sich auf die Suche nach einem jüdischen Mädchen, das er vor dem Krieg als Student in Dresden geliebt hat. Doch auch an der Ost „grenze" hat die „Republik Schwarzenberg" nur unsichere „Verbündete". Kapitän Workutin, linientreuer Sowjet offizier, lenkt die Aktionen des stalinistischen Funktionärs Reinsiepe im Nachbarlandkreis. Major Bogdanow hingegen, , Produkt jener gefährlichen Jahre, in denen ein Sowjetbürger, besonders wenn er Funktionär war oder zur Intelligentsija gehörte, nicht sicher sein konnte, wo er des morgens erwachen würde: in dem Bett, in dem er sich zur Ruhe gelegt hatte, oder in einer Zelle des nächstgelegenen Polizeigefängnisses, " (S.209) sympathisiert mit dem Schwarzenberger Experiment.

Nr. 174, November 1985 Seite 23

Seite 24

_Eines steht für mich fest, schon auf Grund dessen, was Lenin einmal gesagt hat: Revolutionen lassen sich nicht exportieren. Ein jedes Volk muß seinen eigenen Weg gehen, wir können ihm seine Entwicklun nicht aufzwingen, so praktisch das auch erscheinen mag."(S.242) Um die Unabhängigkeit Schwarzenbergs zu retten, trifft er sogar insgeheim Lt. Lambert. Schließlich erspart ihm eine Kugel der „Kampfgruppe Stülpnagel" das Schicksal, von deneigenen Leuten als Agent verhaftet zu werden.

In der kurzen Zeit seines Bestehens leistet der Aktionsausschuß Erstaunliches. Der Gauleiter wird in den Bergen aufgespürt und verhaftet. Die Fremdarbeiter werden organisiert; ihr Heimtransport endet jedoch, wie man später erfährt, für die meisten nur in neuen, diesmal stalinistischen Lagern. Post und Eisenbahn funktionieren wieder. Die Produkte der wenigen Betriebe-werden mit den Bauern getauscht, die Lebensmittelversorgung organisiert. Schließlich wird sogar eine Polizeiaktion gegen die faschistische „Kampfgruppe Stülpnagel" gemeinsam mit der Sowjetarmee vorbereitet. Die Aktion scheitert jedoch, weil die „Freunde" das militärische Kommando mit dem Aktionsausschuß nicht teilen wollen. Als die Rote Armee Stülpnagels Bande später aufreibt, ist das nur noch der Auftakt zur Besetzung Schwarzenbergs.

Gegen das Kriegsrecht in Polen und gegen die Unterdrückung von Solidarnosć hat Stefan Heym Anfang 1982 erklärt: „Uberhaupt wäre darüber nachzudenken, was das für ein Sozialismus sein mag, in dem die Armee und andere Sicherheitskräfte mit der Waffe in der Hand gegen die Arbeiterklasse eingesetzt werden. [...] Und da es keine vernünftige Alternative zum Sozialismus gibt..., so wäre zu überlegen, welche Veränderungen in den Strukturen dieses Sozialismus vorzunehmen wären, damit endlich aus dem real vorhandenen ein wirklicher Sozialismus entsteht, mit dem die Arbeiter sich identifizieren können." (Frankfurter Rundschau vom 14.1.1982) Die Mitte seines Romans bildet ein Kapitel, in dem Wolfram eine „ Verfassung der Republik Schwarzenberg" entwirft. Der Einfluß des ersten Solidarność-Programms ist hier ebenso unverkennbar wie die beißende Kritik am Staatssozialismus in der DDR. Wolfram weiß, daß er wieder ein „utopisches Werk" schreibt, doch er tut es nicht als Intellektueller, sondern als handelnder Sozialist, es „fällt in sein neues Ressort."(S.81) Seine „Republik Schwarzenberg" soll von einem , Rat der Deputierten" regiert werden, der die Mitglieder des Aktionsausschusses wählt und jederzeit abwählen kann.(S.141) Die neue Verwaltung soll keinen Vorsitzenden, keine Paraden, keine Bürokratie kennen. Amtsstube bleibt Amtsstube, und Schreibtisch und Amtssessel mitsamt ihren Bequemlichkeiten formen den Menschen in stärkerem Maße, als jedes andere Arbeitsgerät es tut.* (S.55) Daher spielt die Gleichheit in der Verfassung eine große Rolle: „Es gibt keine Privilegien, weder was die Nutzung von öffentlichen Gütern noch von staatlicher Macht betrifft. Die im öffentlichen Dienst stehenden Bürger begreifen sich als Diener des Volkes, nicht als dessen Oberherrn, und ihre Entschädigung übertrifft in keinem Fall die Löhne der in der Produktion stehenden Arbeiter."(S.139)

Anstelle einer Berufsarmee und Berufspolizei gibt es nur eine Arbeitermiliz. Die Betriebe sollen als Gemeineigentum von gewählten Betriebsräten verwaltet werden, „die ihrerseits die Betriebsleitung wählen und im Einvernehmen mit dieser die inneren Angelegenheiten der Betriebe ordnen, die Arbeitsverhältnisse und die Löhne regeln und die Produktion kontrollieren."(S.145) Der Großgrundbesitz soll ebenfalls Gemeineigentum werden, bäuerliche Klein- und Mittelbetriebe sollen jedoch privat bleiben, bis sie freiwillig Genossenschaften bilden. „Jeder hat das Recht, sich mit anderen zur Förderung legitimer Interessen zu vereinigen; das Streikrecht darf nicht angetastet werden. Es steht jedem frei zu reisen, wohin er will." Die Richter sollen gewählt werden, die Gerichtsverhandlungen öffentlich sein. „Das Postgeheimnis ist gewahrt, eine Zensur findet nicht statt."

Wolframs Utopie stellt Reimsiepe sein stalinistisches Credo gegenüber: „Eines habe dieser Hitler doch bewiesen: daß nämlich dem Instinkt des Volkes nicht zu trauen sei. Also sei es die Pflicht derer, die das richtige Bewußtsein besäßen, dieses Volk in die Disziplin zu nehmen, unbeirrt und unbeirrbar, es zu lenken und immer wieder vorwärtszutreiben, mit der Gewalt des Knüppels sogar, wenn die Gewalt der Vernunft versage.*(S.251)

Schließlich fordert der reale Ausgang der jüngsten deutschen Geschichte sein Recht. Die Unordnung in den Generalstäben ist beseitigt, und die Sowjetarmee macht der Unabhängigkeit Schwarzenbergs ein Ende. Die festliche Übergabe findet in der Villa des Industriellen Münchmeyer statt, wo Landrat Wesseling den Besatzern die loyale Mitarbeit verspricht. Workutin und Reinsiepe verhaften Wolfram, nachdem dieser ein Angebot Lamberts, mit den Amerikanern abzuziehen, ausgeschlagen hat.

Heute ist Sclewarzenberg fest in der Hand der Wismut, die dort unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und unter einem sowjetischen Generaldirektor Uran für die Sowjetunion fördert - wie Stefan Heym in seinem Vorwort augenzwinkernd feststellt: , Wenn ich mir vorstelle, wie anders die Geschichte der Republik vielleicht verlaufen wäre, hätten die Amerikaner gewußt, was da unter schwarzenbergischem Boden lagerte!" (S.10)

Ebenso augenzwinkernd stellt er in seinem Epilog Wolfram als Professor der Universität Leipzig vor. In seinem Seminar über „Soziale Strukturen in utopischen Gesellschaften" sitzt auch der Sohn eines Kollegen aus dem Schwarzenberger Aktionsausschuß. Wolfram hat resigniert: der Sozialismus sei längst aus einer Utopie zu einer Wissenschaft geworden." Und: „Schwarzenberg war eine Illusion."

Sein Student widerspricht: Es verlangt ja keiner, Herr Professor, daf Sie irgendeine Fahne schwingen sollen, nach ihren Erfahrungen im Zuchthaus, in der Todeszelle, und der langen Zeit drüben bei den Freunden. Aber lassen Sie uns doch den Traum. Und die Fahne." Sie sind ein Utopist," antwortet Wolfram — und lächelt zweideutig: „Wenn wir jetzt nicht Schluß machen, werden wir Unannehmlichkeiten haben."(S.310)

Unnötig zu erwähnen, daß auch dieser Roman Stefan Heyms in der DDR nicht gedruckt werden konnte. Unnötig zu erwähnen, daß den Reinsiepes die Frage unerträglich bleibt, , wer Recht behalten würde vor dem unerbittlichen Gericht der Geschichte."(S.296) Stefan Heym, Schwarzenberg, Bertelsmann-Verlag, München 1984

Seite 25

Fortsetzung von Seite 16 klug zu sein, wenn der African National Congress sich nicht in internen ideologischen Fehden verzetteln würde, in einen Kampf der "Ismen' . Das ist jedoch weder praktisch noch logisch zu erwarren, dais der Congress ideologisch tarblo: sein muls. Er muls aut die eine oder ande re Art seine Position definieren oder umdefinieren..."

Genau so sollte es sein!

Gerade die politische und ideologische Kohärenz unserer demokratischen Bewegung bringt uns in die Position, die Führer aller anderen zu sein, was ohne einen unversöhnlichen Kampf gegen den politischen Opportunismus garnicht erreichbar ist. Diese demokratische Bewegung, die sich in Südafrika inspiriert von der Freiheitscharta entwickelt, wird ihre kämpferische Einheit auch dadurch beibehalten und weiterentwickeln, daß sie gegen alle opportunistischen ideologischen Trends Front macht und politische Fehler auf der Ebene der Theorie unserer Revolution wie auf der Ebene der Praxis korrigiert, seien diese nun in guter oder böser Absicht begangen worden (man sagt, der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert). „Sozialismus" ist ohne Zweifel der modischste Slogan der heutigen Zeit, denn sogar unsere liberalen „Freunde" und bornierte Nationalisten verstehen die Sache so, daf ganz allgemein in allen Ländern sich ein Progressiver von einem Reaktionär durch seine Haltung zum Sozialismus unterscheidet. Aber es ist sehr wichtig, daß unsere in der Theorie verwurzelten Organisatoren unserem Volk ein konkretes Verständnis vermitteln, wie der Lauf unserer Revolution sein wird, also der Etappen, die diese notwendigerweise passieren muls. Ein solches theoriegestütztes Verständnis der südafrikanischen Revolution wird einem verständlich machen, dal die politische Situation in Südafrika die Frage der sozialistischen Revolution in keiner Weise zur Tagesaufgabe des Kampfes macht. Es wird vielmehr verständlich machen, dals unser Sofortprogramm in der Durchführung der nationalen Revolution besteht, wie sie in der Freiheitscharta niedergelegt ist, genauer, in der nationalen Emanzipation der Schwarzen und in der Zerstörung der politischen und wirtschaftlichen Macht der rassistischen herrschenden Klasse. Im Hirn der Imperialisten muß es einen komischen Mechanismus geben, daß sie immer denken, wenn sie etwas mit dem Etikett „kommunistisch" versehen haben, alle Vertreter der menschlichen Rasse vor diesem Etwas reißaus nehmen werden. Die Rassisten Südafrikas haben schon immer so gedacht. Als 1956 die Regierung von Pretoria 156 unserer Füherer verhaftete und sie des Hochverrats anklagte, da die Freiheitscharta ein von Moskau inspiriertes Dokument sei, hoffeten sie, den Massen Angst vor der Freiheitscharta einzujagen. Die Massen werden jedoch von Imperialismus und Rassismus unterdrückt und bewegten sich deshalb zu keiner Zeit in die gewünschte Richtung; im Gegenteil fühlen sie sich durch die Freiheitscharta und alles, was unsere Feinde hassen, unwiderstehlich angezogen. Und so mußte der Verratsprozeß mit der Diagnose Kommunismus im Falle der Freiheitscharta scheitern. Das kommunistische Gespenst hat unser Volk nie vom Hochhalten der Prinzipien der Freiheitscharta und der demokratischen Bewegung unter Führung des ANC und seiner Verbündeten abgehalten. Die heutigen Ereignisse zeigen unübersehbar, daß langsam, aber sicher unsere politisch bewußten Menschen unter dem hoch über ihren Köpfen wehenden Banner der Freiheitscharta zu marschieren begonnen haben — sie halten das Banner der Volksdemokratie. Eine solche Volksbewegung ist unbesiegbar! Ein solches Volk kann nicht betrogen werden! Ein solches Volk kann nicht von seinem Pfad abgebracht werden durch ein paar Tricks nach der Art: „Vorsicht - von Moskau gesteuert!" Warum stellen sich unsere Feinde und Gegner vor, sie seien die einzigen, die wüßten, was Kommunismus wirklich ist? Warum glauben sie, sie seien die einzigen, die marxistisch-leninistische Literatur in ihren Regalen stapeln? Wieso stellen sie sich vor, das Volk von Südafrika wüßte nicht, was die SACP [KP] ist und wofür sie steht? Bilden sich unsere Feinde und genauso die Opportunisten etwa ein, die Mitglieder des ANC verstünden nicht die Basis des Bündnisses mit der SACP?

• Das Koornhof Gesetz entzieht Schwarzen das Wohnrecht in „weißen" Wohnvierteln. Kolonialismus besonderer Art

In diesem Artikel verteidigt Denga" die Position der SACP zum Charakter der Unterdrückung. Er stammt aus Nr. 101 von The African Nun ist es über zwanzig Jahre her, daf die South African Communist Party (SACP) das System in Südafrika als inne-