Die Theoretiker der Ukrainischen Aufstandsarmee UP A wollten keine Marxisten sein. Jedoch, sie lieferten nicht nur die erste stringente Analyse der Bürokratenherrschaft aus dem Inneren der Bestie, sie führten auch den ersten Versuch einer antibürokratischen Revolution.
Arthur Wilkins fen dafür, daß künftig mit Sicherheit in der Ukraine eine klassenlose Später erläuterte Poltawa: „Die ukrainischen Nationalisten kämp- Gesellschaft aufgebaut wird, eine Gesellschaft, in der Ausbeutung von Menschen durch Menschen keinen Platz hat und in der keine Im November 1950 fiel nahe der Stadt Iwano-Frankiwsk Haupt- soziale Schicht die Vorherrschaft über die andere besitzt. Die mann Osyp Diakiw-Hornowy im Kampf gegen die Truppen des Grundlage dieses Systems wird das gesellschaftliche Eigentum anden sowietischen Geheimdienstes NK WD. Im Winter 1951 auf 1952 Einrichtungen und Werkzeugen der Produktion sein. Auf diese wurde in den Wäldern der Karpaten Major Petro Poltawa getö- Weise wird die Grundlage für die Herausbildung von Ausbeuterklastet, sein echter Name bleibt unbekannt. Beide waren herausra- sen entzogen."[2] gende Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten OUN und UPA waren der Auffassung, daß in der UdSSR das (OUN) und Kommandanten der Ukrainischen Aufstandsarmee Machtmonopol von einer -parasitischen Klasse bolschewistischer (UPA). Sie gehörten der selben Generation junger Kader der (oder stalinistischer) Herren" aufrechterhalten würde. Diese Klasse revolutionären ukrainischen Bewegung an und waren deren übe eine doppelte Herrschaft aus. Erstens eine totalitäre Herrschaft wichtigste Theoretiker. Mit ihren Namen ist die radikale ideolo- (oder Diktatur) über die arbeitenden Massen aller Nationalitäten des gische und programmatische Entwicklung der nationalen Befrei- Reiches, einschließlich der russischen, und zweitens eine Kolonialungsbewegung der Ukraine hin zum demokratischen Sozialis- herrschaft über alle nicht russischen Nationen und Nationalitäten mus verbunden. Das politische Gedankengut der OUN und der („moskowitisch-bolschewistischer Imperialismus"). Deshalb gehe UPA, entwickelt von Hornowy und Poltawa, ist vielleicht die von ihr auch eine doppelte Ausbeutung aus: die einer Klasse durch gefährlichste Hinterlassenschaft der nationalen Bewegung der eine andere und die einer Nation durch eine andere. Hornowy und 40er Jahre im Sinne des Kremls, das was die Stalinisten ganz Poltawa untersuchten ganz detailliert diese beiden Arten von Herr besonders gern aus der Erinnerung an diese Zeiten tilgen möch- schaft und Ausbeutung. Jedenfalls betonten sie gleichzeitig, daß ten. Ursprung und Natur der „Klasse stalinistischer Herren" ganz andere als die der Klassenherrschaft im kapitalistischen System seien.
Im August 1943 nahm der außerordentliche Kongreß der OUN ein , Wir sehen, daß die Ausbeutung von Menschen durch Menschen neues Programm an. Zur gleichen Zeit übernahm die OUN die nicht nur in privatem Eigentum liegen kann," meinte Hornowy, „das Führung der Aufstands- und Untergrundbewegung der ukrainischen es ermöglicht, in den Händen einer winzigen Minderheit von Landbe- Massen gegen den deutschen Imperialismus. Und zusätzlich bereitete sitzern und Kapitalisten enorme Reichtümeranzuhäufen. Wirsehen, sie sich auf den bewaffneten Widerstand gegen die Rückeroberung daf es in der UdSSR kein Privateigentum an Werkzeugen und der Ukraine durch den „bolschewistischen moskowitischen Imperia- Produktionsmitteln (Land, Wäldern, Bergwerken, Fabriken und lismus" vor — so nannten die Nationalisten das System der nationa- Werkstätten, Transportmitteln usw.) gibt und daß diese nicht nur len Unterdrückung durch den Stalinismus. von den Großgrundbesitzern, Kapitalisten und Großbauern enteig Zum einen rief das Programm des Kongresses von 1943 zur Grün- net worden sind, sondern dals sogar die ehemaligen Besitzer davon dung eines unabhängigen ukrainischen Staates auf, sowie zur Zusam- physisch ausgelöscht wurden. Aber trotzdem - die Ausbeutung der menarbeit mit Befreiungsbewegungen anderer unterdrückter Na- vielen besteht. Es gibt die ausgebeuteten Massen und die ausbeutentionen der UdSSR, um gemeinsam das „Gefängnis der Nationen" den Partei-Herren. Es gibt in der UdSSR eine ausbeutende Klasse, die durch ein System freier Nationalstaaten zu ersetzen. Darin sah die nicht auf der Grundlage des Privateigentums, sondernauf der Grund OUN die einzige Möglichkeit, Rußlands Hegemonie überalle Nach- lage unbegrenzter politischer Macht einer einzigen Partei zustande barvölker zu beenden. gekommen ıst... Im bolschewistischen System schen wir einen Pro.
Zum anderen hatte das neue Programm zur Grundlage, daß jegli- zeß, der im Vergleich zu dem, der im kapitalistischen System verläuft, che nationale Revolution zugleich auch eine soziale Revolution sein umgekehrt stattfindet. Konkret ist es so, daß im Kapitalismus privamüsse, daß es weder in der UdSSR noch sonst irgendwo auf der Welt ter Reichtum sich Macht über den Staat verschafft, während im nationale ohne soziale Befreiung geben könne. „Indem wir die Aus- bolschewistischen System es die politische Machtausübung ist, die beutung der einen Klasse durch eine andere beseitigen, werden wir in den Zugang zu materiellen Reichtümern eröffnet und deren freie der Ukraine eine gerechte Gesellschaftsordnung schaffen," verkün- Nutzung gestattet."[3] det das Programm von 1943. Um die totalitäre Herrschaft der „Parasiten-Klasse" in der UdSSR zu stürzen, ist deshalb nicht eine Revolution erforderlich, die die Eigentumsverhältnisse verändert, sondern eine, die zu einer politi- Die Erklärung mit dem Titel • Wofür kämpft die UPA?«, die sich schen Demokratie führt: „Das demokratische System in einem komauf die Resolutionen des Kongresses stützt, sagte, in einer unabhängı- menden ukrainischen Staat, dessen Regierung vom Volke gewählt gen Ukraine wären die Großindustrie. der Großhandel und die werden wird und die unter seiner Kontrolle verbleibt, wirdes Ausbeu- Banken Staatseigentum, die kleinen Betriebe und Geschäfte sollten terklassen unmöglich machen, sich auf der Basis politischer Privilesich im Besitz von Kooperativen und Stadtregierungen befinden. Den gien herauszubilden.*[4)
Arbeitern stünde bei der Leitung der Betriebeeine Rolle zu. Das Land Erst mit der Errichtung einer echten politischen Demokratie sollte nationalisiert werden und entweder individuell oder kollektiv könnten die Produktionsmittel tatsächlich vergesellschaftet werden. bearbeitet werden, je nach dem wie es der Wunsch der Bauern sei.[1] Um die Kolonialherrschaft des _bolschewistisch-moskowitischen Spite 22 Nr. 171 Juli 1985
Imperialismus" zu beseitigen und seine Rückkehr zu verhindern, sei es nötig, die ganze UdSSR in ein System freier und gleicher Nationalstaaten umzuwandeln, die sich aus den ethnographischen Siedlungsgrenzen ergäben. Die Lösung dieser beiden Aufgaben sei eng miteinander verknüpft und könne nur gleichzeitig erreicht werden. Wenn Hornowy sagte, daß in der UdSSR „die Klasse stalinistischer Herren mit Gewalt vom Pfade der gesellschaftlichen Entwicklung verdrängt werden muß" und „soziale Revolution" nennt, was revolutionäre Marxisten politische Revolution nennen, so sagt er auch klar, daß diese „soziale Revolution vom Trend der unterdrückten Nationen der UdSSR zur nationalen Revolution genährt wird." Die soziale Revolution wird vom Trend der unterdrückten Nationen der UdSSR zur nationalen Revolution genährt.
In seinen Werken, die er in den unterirdischen Bunkern der UPA verfaßte, widmete Hornowy viel Platz dem ideologischen Kampf gegen den Stalinismus. Vor allem entlarvte er brillant und unübertrefflich die Verfestigung der Ideologie des großrussischen Chauvinismus, die unter Stalins Anleitung nach 1945 erfolgte. Aber er ging weiter. „Einen wichtigen Platz in der heutigen Ideologie des Bolschwismus nimmt die These vom , voranschreitenden Übergang zum Kommunismus' ein. Daß die erste Stufe des Kommunismus, der Sozialismus, schon erreicht worden ist, wird schlicht vorausgesetzt, und die stalinistischen Herren behaupten, daß die zweite Stufe, eine höhere Stufe — die des voll entwickelten Kommunismus Augenblick aufgebaut wird. In einer solchen Gesellschaft wird das Prinzip - Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« verwirklicht, und Unterschiede zwischen Stadt und Land und zwischen körperlicher und geistiger Arbeit werden verschwinden... Es kann in der UdSSR keinen Übergang zum Kommunismus geben, alldieweil auch schon der Sozialismus nicht existiert. So lange es kein gesellschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln gibt, so lange die brutale Ausbeutung des Menschen fortbesteht, so lange die Verteilung der Güter nach geleisteter Arbeit nicht gewährleistet ist (jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung), so lange kann doch wohl kaum vom Übergang zum Kommunismus gesprochen werden."[6] Die OUN und die UPA waren entschieden gegen eine Restauration des Kapıtalismus in einer unabhängigen Ukraine. Hornowy und Poltawa gingen immer wieder darauf ein. Poltawa kritisierte die Sendungen der Voice of America für die Sowjetunion: „Die sowjetischen Massen hassen den bolschewistischen ‚Sozialismus'. Aber dies bedeutet nicht, das das Sowjetvolk sich nach dem Kapitalismus sehnt, der auf dem Territorium der UdSSR damals, 1917 - 1920, vernichtet wurde. Das sowjetische Volk ist in seiner absoluten Mehrheit ganz klar gegen die Restauration des Kapitalismus. Das ist das Ergebnis der Revolution." Poltawa fügte dem hinzu: „Wir, die Teilnehmer des Befreiungskampfes in der Ukraine, die innerhalb der Sowjetunion leben und Verbindung zu den breiten sowjetischen Massen haben, wissen nur zu gut, daß diese für den Kapitalismus keine Bewunderung hegen — weder für den alter europäischer noch für den moderner amerikanischer Sorte."(7] ....unter dem Kapitalismus stehen die arbeitenden Menschen als Bürger da, die wirtschaftlich wie politisch machtlos sind... Ein. Zustand, in dem einige soziale Klassen reich werden und im Überfluß leben, während andere hungern und in Armut versinken, einfach weil sie nur ihre eigenen Hände besitzen, ihre Arbeitskraft, steht in unversöhnlichem Gegensatz zum Konzept der sozialen Gerechtigkeit und der nationalen Solidarität. [...] Die ukrainischen Nationalisten wollen nicht, daß es im ukrainischen Volk Ausbeuter und Ausgebeutete gibt, sie wollen nicht sehen, wie dieses Volk vom Klassenkampf gebeutelt wird. Und da es nur eine Art gibt, eine solche gefährliche Situation zu beenden, die Sozialisierung aller Zweige der Wirtschaft, betrachten sie diese Lösung als die Basis der neuen wirtschaftlichen und sozialen Ordnung."
Weiterhin stellte Poltawa fest, daß der Kapitalismus unausweichlich die beiden größten Geißeln der Menschheit mit sich bringt, Krise und Krieg. _Einer der Mechanismen, Krisen zu verhüten, ist die Einführung der Planung in das Wirtschaftsleben, die geplante Organisation von Produktion und Distribution. Planung dieser Bereiche ist nur bei vergesellschafteter Ökonomie möglich. Deshalb müssen wir die Sozialisierung der Mittel und Einrichtungen zur Produktion auch als ein Mittel zur Verhinderung von Wirtschaftskrisen betrachten.[8] Diese Darstellung des politischen Denkens von Hornowy und Poltawa vor Augen, taucht natürlich die Frage auf, wie die ukrainischen Nationalisten denn zum Marxismus standen. Diese Frage beschäftigte ihrerzeit auch eine Gruppe ukrainischer revolutionärer Sozialisten (Iwan Majstrenko, Wsewolod Holubnytschy, Borys Lewitzkyi), die im Westen die Zeitschrift W pered (Vorwärts) herausgab und den Kampf der UPA innerhalb des linken Flügels der Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Ländern verteidigte. In dieser Gruppe glaubte man, es existierten Widersprüche zwischen den Positionen von Poltawa und Hornowy, wobei der letztere einen marxistischen Flügel in der OUN repräsentiere. 1949 und 1950 gelang es W pered, mit der OUN-Führung in der Ukraine in Fühlung zu treten. Ein Brief von Poltawa erreichte die Gruppe, der in Absprache mit Hornowy geschrieben worden war und in dem unter anderem stand:
„Nur in den grundlegenden Dingen stimmen wir mit Marx Kritik des Kapitalismus überein. Ebenso fällen wirein positives Urteil (wenn auch nicht in allen Aspekten) über das Konzept des Sozialismus (so wie es von den verschiedenen sozialistischen Strömungen formuliert worden ist), der anstelle des Kapitalismus aufgebaut werden soll... In diesen beiden Punkten — in unserer Betrachtung des Kapitalismus und in unseren Vorstellungen von einer klassenlosen Gesellschaft — kommen wir zumindest bis zu einem gewissen Grade den sozialistischen Theorien nahe, darunter auch der von Marx. Wir haben unsere Ideen nicht als ,Schüler von Marx", nicht als Verfechter des Sozialismus ausgearbeitet, ohne auch nur im mindesten uns vom Marxismus angezogen zu fühlen, wo wir schließlich in einem Kampf gegen den Marxismus als umfassende Ideologie stehen, im Kampf gegen die schädlichen Folgen des Marxismus auf ukrainischem Boden. Wir haben unsere Standpunkte empirisch entwickelt, indem wir von unserer nationalistischen ideologischen Haltung ausgingen... Wir können nicht mit dem Marxismus in Verbindung gebracht werden, weil wir im umfassendsten Sinne des Begriffes eine Nationalbewegung sind, keine Klassenkampfbewegung oder eine internationalistische Klassenkampfbewegung, wie es der Marxismus erforderlich machen würde."(9] Wir haben unsere Standpunkte ' empirisch entwickelt... Wir können nicht mit dem Marxismus in Verbindung gebracht werden...
In seinem Brief betonte Poltawa, daß die OUN gegründet worden sei und weiterhin operiere als Bewegung, die gegen den Marxismus kämpft, gegen die zersetzenden und zerstörenden Auswirkungen des Marxismus auf das politische Denken der ukrainischen Intellektuellen während des letzten halben Jahrhunderts und auf das Bewußtsein unseres Volkes von der Notwendigkeit der Unabhängigkeit und der Eigenstaatlichkeit.* Aber was meinte Poltawa mit dem Marxismus, gegen den die revolutionär nationalistische Bewegung einen ideologischen Krieg erklärt hatte?
In einer seiner bedeutendsten Schriften, arbeitete Hornowy zwei Dinge deutlich heraus. Erstens, daß es für OUN-Mitglieder keine offizielle Philosophie gebe, der sie sich anpassen müßten. Unterstützen müßten sie nur Ideologie und Programm der Organisation, in deren Reihen sowohl philosophische Idealistenals auch Materialisten seien. Für Hornowy war diese Bandbreite von Ideen natürlich und angemessen. Und zweitens sagte er: Es ist notwendig, den dialektischen und historischen Materialismus von Marx und Engels von Stalins dialektischem Materialismus abzugrenzen. Ersteren betrachten wir als eine spezifische philosophische Schule des Materialismus, den zu kritisieren eine Angelegenheit der Gelehrsamkeit ist. Stalins Version des dialektischen und historischen Materialismus bekämpfen wir dafür mit der größten Entschiedenheit als etwas Unwissenschaftliches, etwas, was sich dem Geist der Wissenschaft in die Quere stellt, als von der Bolschewistischen Partei genutztes
Instrument, um ihre ausbeuterische und kolonialistische Politik zu legitimieren. Der stalinistische dialektische und historische Materia lismus hat mit Marx und Engels recht wenig gemein."| 10] Ja. in einem langen Werk mit dem Titel - An der ideologischen Front des Bolschewismus-, in demer nachwies, daß die schöpferische Weiterentwicklung' des Marxismus durch die Stalinisten in Wirk lichkeit einen Bruch mit dem Marxismusbedeute, sagt Hornowy: Es wird für die stalinistischen Herren immer schwieriger den Marxismus zu mahipulieren, denn es ist gerade der Marxismus, der ihren gefährlichsten Feind darstellt, weil er mit der bolschewistischen Theorie hinten und vorne nicht übereinstimmt und ihre Politik entlarvt. Heute droht der Marxismus für den Bolschewismus genauso als eine Gefahr wie einst für den Zarismus."[11] In seinem Kommentar zu Poltawas Brief schrieb Iwan Majstrenko: „Da wir O. Hornowys Lebensgeschichte nicht kannten, nur von • seinen Schriften her vermuteten, charakterisierten wir ihn früher als revolutionären Marxisten, der die kommunistische Schule des Marxismus durchgemacht hat. Aber seit kurzem sind wir mit dieser Charakterisierung vorsichtiger geworden. In der Ausgabe Nummer 3 von Wpered schrieben wir in einer Einleitung zu einem Artikel von Hornowy: ,Bei Poltawa bekommt man den Eindruck einer nationalistischen Denkrichtung, bei Hornowy den einer marxistischen. Auch heute noch bleiben wir dabei, daß Hornowys Werk » An der ideologischen Front des Bolschewismus- marxistisch ist. Wenn Hornowy da anderer Meinung ist, so ist dies kein Beweis. Eine Gestalt eines Stücks von Moliere dachte von sich auch immer, in Reimen zu sprechen, obwohl es Prosa war... Die Information, die uns P. Poltawa gegeben hat, daß Hornowy ein Veteran der OUN ist undauskeinerirgendwiegearteten marxistischen Richtung herkommt, unterstreicht nur unsere hergebrachte Überzeugung, daß in der ukrainischen Wirklichkeit die wissenschaftlichen Argumente des Marxismus so überzeugend beim Kampf gegen den Bolschewismus sind, daß sogar ein langjähriger Nationalist wie Hornowy darauf zurückgreift und die jüngere Generation der Nationalisten des Landes in diesen Argumenten heranbildet."[12] Egal was uns von revolutionären Nationalisten unterscheidet, wir müssen das Erbe von Hornowy und Poltawa ehren.
Es könnte die Frage auftauchen, ob Hornowy und Poltawa vielleicht nur „eine revisionistische Strömung in der OUN vertraten und nicht das Programm und die Ideologie der Bewegung insgesamt. Diese Auffassung ist immer wieder vertreten worden. Eine sorgfältige Analyse bestätigt jedoch, was der Historiker Lew Schankowsky dazu sagte, nämlich daß die beiden Kommandeure „nichts in ihrer Arbeit revidierten, keine ‚Oppositionellen' gegen General Taras Tschuprynka waren, sondern vielmehr des offizielle Programm und die Resolutionen von OUN, UPA und des Obersten Ukrainischen Befreiungsrats (UHVR) entwickelten und verfeinerten."[13] Der UHVR war eine politische Führungskörperschaft, in der Hornowy wie Poltawa die Stellung von stellvertretenden Präsidenten des Generalsekretariats innehatten.
Leider sagt Schankowski nicht, wo die Quelle des Gerüchts über die Unrepräsentativität von Hornowy und Poltawa liegt. Es ist so: Stepan Bandera, der reaktionäre Führer der Auslandssektion der OUN im Westen, war der demokratischen und linken Position der OUN in der Ukraine selber gegenüber feindlicheingestellt und erhob die Anklage, diese stellten eine Anpassung an und Kapitulation vor der vorherrschenden Ideologie in der UdSSR dar.[14] Es ist klar, daß die OUN eine revolutionär nationalistische, nicht revolutionär sozialistische Position hatte. Wsewolod Holubnytschy schrieb über die Führer der OUN: „Sie waren keine Marxisten. Sie betrachteten die Lage nicht unter dem Blickwinkel irgendeiner vollständigen Doktrin. Das ist wohl ihre größte Schwäche, denn eine revolutionäre Partei oder Organisation kann ohne eine wissenschaftliche Doktrin nicht erfolgreich sein. Auf jeden Fall aber gingen sie in der Ausarbeitung ihres Programms von der Wirklichkeit der Sowjetgesellschaft aus, von der wirklichen ‚Stimmung' des Volkes."[15] In einer unabhängigen Ukraine wollten die OUN-Führer eine demokratisch sozialistisches System errichten, in Übereinstimmung mit den Wünschen der arbeitenden Menschen der UdSSR, die sie gut erfaßten und zu denen sie loyal standen. Sie waren Verbündete der revolutionären Marxisten auf der Basis ihres Programmsder nationalen Revolution, und das umso mehr als sie in ihrer Kritik des Stalinismus und des Kapitalismus ebenso wie in der Definierung ihres Ziels, der klassenlosen Gesellschaft, in weitem Umfang ihre Anregung vom Marxismus bezogen.
Vier Punkte waren es, die die Führer der OUN von revolutionären Marxisten unterschieden. Erstens sagte Poltawa zwar in dem Briefan Majstrenko, „wir Nationalisten leugnen nicht den Klassenkampf, denn er ist eine 'Tatsache, und ohne Kampf ist es nicht möglich im Leben irgendeinen Fortschritt zu erzielen und sozialen Fortschritt schon gar nicht," aber dennoch gab die OUN dem Klassenkampf nicht den Vorrang, sondern der „Idee einer Nation". Sie beging einen Fehler, der unter den für die Befreiung unterdrückter Nationen Kämpfenden weit verbreitet ist.
Zweitens anerkannten die OUN-Führer zwar die Oktoberrevolution als Errungenschaft für die Arbeitenden und verteidigten die daher übriggebliebenen Eigentumsverhältnisse, klagten die Bolschewisten jedoch an, in der Revolution eine reaktionäre Rolle gespielt zu haben, die politische Macht usurpiert zu haben und das russische Reich wiederaufgebaut zu haben — das Gefängnis der Nationen. Sie unterschieden zwar zwischen Marxismus und Stalinismus, sahen jedoch nicht den zwischen Bolschewismus und Stalinismus. Viertens begingen sie einen Fehler, den viele Kämpfer der politischen Revolution in den Ostblockländern machen. Von seinem politischen Charakter ausgehend kamen sie zu der Überzeugung, daf das Regime in der UdSSR das reaktionärste in der ganzen Welt sei, die gefährlichste imperialistische Macht, deren „parasitische Klasse" in ihren Augen die Eroberung der ganzen Welt anstrebte. Egal was uns von den revolutionären Nationalisten unterscheidet, müssen wir revolutionäre Sozialisten die Erinnerung an und das Erbe von Hornowy, Poltawa und den anderen Kämpfern für eine ukrainische nationale Revolution in den 40er Jahren ehren. Nicht nur, weil sie als hingebungsvolle Revolutionäre unseren Respekt verdient hätten. Wir müssen sie in Erinnerung behalten, weil ihre politische Aktivität und ihre theoretische Arbeit uns wertvolle Lehren vermitteln über die enorme Bedeutung, die die nationale Unterdrückung bei der Herausbildung und ständigen Wiederherstellung des totalitären sowjetischen bürokratischen Machtsystems hat. Osyp Diakiw-Hornowy (1921- 1950)
(von Poltawa gibt es kein Bild)
[1] -Za shcho boretsia Ukrainska Powstantscha Armija (UPA)?-, in Dijalob Nr. 9, 1983. S. 85 ff. erscheint in Kanada.
[2] P. Poltawa, -Zbirnyk pidpilnykb pysan• (Gesammelte Schriften aus dem Untergrund), Ukrainskyi Samostjinyk, München 1959, S. 145. [3] O. Diakiw-Homowy, -Ideja i Chyn. Pouna zbirka rworit» (Die Idee und die Tar. Gesammelte Werke), Association of Former UP A Fighters, New York 1968. Die englische Ausgabe erschien als • The USSR unmasked; A collection of articles and essays on Sowjet Russian repression in Ukraines, Vantage Presse, New York 1976; sie ist allerdings unvollständig und die Übersetzung unzuverlässig. [4] Poltawa, a.a.O., S. 171.
[5] Hornowy, a.a.O., S. 258.
[6]Ebenda, S. 257 f.
[6] Ebenda, S. 257 f.
[7) Poltawa, a.a.O., S. 213 f.
[8] Ebenda, S. 169 f.
[9) -Lyst P. Poltawy- (Brief P. Poltawas), W pered Nr. 4 (13), 1950, S. 3 f. [10] Hornowy, a.a.O., S. 149. Dieser bedeutsame Artikel taucht in der englischen Ausgabe nicht auf.
[11] Ebenda, S. 254.
[12] A. Babenko (I. Majstrenko), - Zawahy do lysta P. Poltawy• (Bemerkungen zum Brief von P. Poltawa), W pered Nr. 4 (13), 1950, S. 5. [13] L. Schankowski, -Spohady d. Schumuka w switli faktiw- (Die Erinnerungen von D. Schumuk im Lichte der Tatsachen), Wyzolnyj Schliakh Nr. 1, 1975, S. 64. (14] Dieses Problem wird sehr gut erklärt von B. Lewitzki, in -/storytschne znatschennia rozalamu v OUN-, Wpered Nr. 2 (11), 1950. Dieser Artikel wurde auf Englisch in der kanadischen Zeitschrift Meta Nr. 1/11, 1978, unter dem Titel - The historical significance pf the split in the OUN- veröffentlicht.
[15] W. Wilny (W. Holubnytschy), - The future of the Sowjet Union-, Fourth International. New York, Mai/Juni 1951, S. 80.
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