Thatcher jubelt nicht Eine Bilanz des Streiks der NUM Steve Roberts
Am Sonntag, dem 3. März, beschloß eine außerordentliche Delegiertenkonferenz der National Union of Mineworkers (NUM), den längsten und blutigsten Streik in der Geschichte der britischen Arbeiterbewegung zu beenden.
Der Präsident der Gewerkschaft, Arthur Scargill, sagte hinterher: „Der Streik ist vorüber, jedoch der Kampf gegen die Grubenschließungen und zur Rettung der Arbeitsplätze geht weiter."
Der Antrag auf Rückkehr zur Arbeit ohne eine Vereinbarung und darauf, jeweils örtlich dann Amnestien auszuhandeln, wurde von der Region Südwales der NUM gestellt. Er wurde mit 98:91 Stimmen angenommen. Ein Antrag der Region Yorkshire, der mit der entsprechenden Spanne unterlag, bestand auf der Fortführung des Streiks, bis die Zukunft der fünf Gruben gesichert wäre, die für die sofortige Schließung vorgesehen waren, und bis eine allgemeine Amnestie für die 710 Entlassenen durchge setzt wäre. Das Exekutivkomitee der Gewerkschaft war halbe, halbe gespalten, welcher Resolution es die Empfeh lung geben solle. Schließlich riet es den Delegierten, alles so zu belassen, wie es ist, und den Streik fortzusetzen. Nachdem die Konferenz anders entschieden hatte, bedankte sich Arthur Scargill „aus dem Grunde meines Herzens" bei den Bergarbeitern und den Bergarbeiterfrauen.
Er zählte die Erfolge des Streiks auf: einen Rückzieher in der Frage der sofortigen Schließung von fünf Gruben; das Scheitern der Nationalen Kohlenbehörde in der Durchsetzung ihres Schlie- Bungsprogramms; und: die Mobilisicrung der Gewerkschaft selber. Dic Kolleren haben in diesem Kampf deı gesamten Arbeiterklasse vorgeführt, daß sie die Versuche, ihre jeweiligen Industrien zu vernichten, verhindern kann, wenn sie aufsteht und kämpft." Dais die Militanz der Bergleute erhalten geblieben ist, zeigte sich zwei Tage später, als die meisten zur Arbeit zurückkehrten. Zunächst erschienen mehr als 30 000 der 180 000 noch nicht, die meisten aus Protest gegen die Weigerung der Regierung und der Kohlebehörde (NCB), über eine Amnestie nachzudenken. Ian McGregor, der Boß des NCB, trompetete am 10. März: „Die Leute lernen jetzt den Preis für Ungehorsam und Rebellion kennen - und verdammt noch mal, wir werden dafür sorgen, daß diese Lektion in den Köpfen drin bleibt!"
In Yorkshire blieben 50 % der Beschäftigten zu Hause, in Schottland 56 % und in Kent für die verbleibende Woche alle.
Diejenigen, die zur Arbeit zurückkehrten, machten daraus eine Kundgebung. Sie marschierten hinter ihren traditionellen Gewerkschaftsbannern in die Gruben ein und riefen Parolen gegen Regierung und Unternehmer.
Das Schicksal der Entlassenen und der Gefangenen
In allen Kohlerevieren wurde die Forderung nach Wiedereinstellung der Gefeuerten laut. Die große Mehrheit der betroffenen Arbeiter war von den Gerichten für kleinere Vergehen wie Kohlenklau oder „Obstruktion" im Rahmen ihres Streikposteneinsatzes verurteilt worden und dann mit dieser Begründung vom NCB gefeuert wor den. Am schlimmsten sind die Recioner Schottland und Kent davon betroffen. Die Manager des NCB in Schottland haben sich allen voran geweigert, auch nur im Falle eines einzigen eine Wiedereinstellung zu erwägen. Darüberhinaus gibt es auch noch eine größere Anzahl von Bergleuten, die wegen der verschiedensten „Taten" im Gefängnis sitzen müssen.
Der NUM wurde der Vorschlag zur Abstimmung gestellt, für die Familien der verfolgten Bergleute wöchentlich eine Umlage von 95 000 £ zu erbringen. Dies wurde von 54 % abgelehnt. Allgemein wurde diese Abstimmung von allen Seiten als ein Test der Loyalität der Mitgliedschaft gegenüber der Führung um Scargill angesehen. Dies gilt sicher nur bedingt; denn mit Nein stimmten auch Tausende, die diese Umlage als einen indirekten Verzicht auf die Forderung nach einer Amnestie ansehen. Auch gibt es schon genügend Beweis für das Fortbestehen der Loyalität. Sechs Tage nach dem Streik wurde Scargill von einer Kundgebung der Bergarbeitertrauen zum Internationalen Frauentag in Chesterfield mit 5000 Teilnehmerinnen begeistert aufgenommen. Eine MORI-Umfrage ergab, daß 68 % der Bergleute in ihrer Region einem Aufruf der NUM zum Streik Folge leisten würden, wenner sich gegen eine Grubenschließung aus wirtschaftlichen Gründen richtete.
Die gleiche Umfrage zeigte, daß 57 % für eine Fortsetzung des Überstundenboykotts sind, obwohl keine Lohnerhöhuykot wüher wied, ie er nicht des. Boykotts liegt darin, die Kohlevorräte auf dem niedrigst möglichen Niveau zu halten, falls es künftig zu einem weiteren Streik kommt.
Trotz all diesen Anzeichen bestehender Kampfbereitschaft daran zu deuten, das die NUM ein Niederlage erlitt. Schon früher hatte nicht so wirkungsvoll ist, wenn dahinter nicht die Drohung mit einer landesweiten Aktion steckt. Und angesichts der Opfer, die in diesem Arbeitskampf hingenommen werden mußten, ist die Wahrscheinlichkeit gering, daß die Gewerkschaft in der nahen Zukunft eine Mehrheit ihrer Mitglieder für eine natio nale Aktion mobilisieren könnte. Die Verluste der Gewerkschaft wiegen schwer: zwei Getötete, mehr als 100 in Gefängnissen, 710 Entlassene (darunter sehr viele Basisaktivisten), fast 10 000 Festgenommene, von denen viele ihren Prozeß noch vor sich haben.
Auch der Apparat der NUM ist schwer angeschlagen. Auf einer Versammlung in Rugely, Staffordshire, am 10. März sagte Scargill, daß, selbst wenn alle 8,5 Mio. £, die von Gerichten beschlagnehmt wurden, wieder in die Hände der NUM zurückflössen, das nichts helfen würde, denn das ganze Geld war ursprünglich geliehen worden. Die britischen Gewerkschaften haben einen Fond eingerichtet, um die Finanzen der NUM wieder zu sanieren. Aber es kommen auch noch eine ganze Menge Schadensersatzprozesse von Unternehmern und Streikbrechern auf die NUM zu. Das National Working Miners Committee, das vielen der Klagen rechtliche und finanzielle Unterstützung im letzten Jahr zukommen ließ, hat betont, nach dem Streik seine Existenz fortzusetzen. Dieses Streikbrecherkomitee hat nicht nur Verbindungen zur Regierung, sondern sogar zu Thatcher persönlich. Bei seiner Gründung nahm der rühere Pressesprecher von Thatcher David Hart, tei , der die Finanzen organisierte und das Bindeglied zwischen dem Komitee und den Tories darstellte. Die Streikbrecher haben nun erklärt, sie wollten eine Kampagne für Statuten anderungen bei der NUM führen wieder mit der Hilfe der bürgerlichen Gerichte. Diese Kampagne wird sich auf Arthur Scargills Führung einschießen. Der Gewerkschaft droht weiterhin die Abspaltung eines Fünftels ihrer Mitglieder. Die Region Nottingham ist schon dabei, sich von der nationalen Gewerkschaft abzuseilen, indem sie ihre Statuten dahingehend geändert hat, daß für sie der § 51 nicht zu gelten habe, der sich mit Disziplinverletzungen befaßt. Einen weiteren Bruch vollzog sie, indem sie den Überstundenboykott einseitig mit der Begründung abblies, das daraus resultierende Ur Zwei wesentlich kleimere epi zuen, Lei cester und South Derbyshire verfolgen einen vergleichbaren Kurs.
Einige der Führer der „arbeitenden Bergleute" haben offen davon gesprochen, eine Spalterorganisation zu bilden, vergleichbar der „Spencer"-Gewerkschatt, die die Bergarbeiter nach der Niederlage des Generalstreiks von 1926 spaltete.
Jedoch wird die nationale Führung den Unmut auszunutzen versuchen, der bei vielen Bergarbeitern in Nottinghamshire aufgekommen ist, nachdem die Statuten von den doch recht suspekten Figuren des Komitees der „arbeitenden Berleute" manipuliert wurden. So wie die Dinge allerdings im Moment stehen, wird Nottinghamshire ausgeschlossen werden müssen, wenn es sich weiterhin weigert, die Beschlüsse der nationalen Gewerkschaft anzuerkennen.
Alldies zusammen bedeutet eine ernsthatte Schwächung der NUM und mindert die Chancen für zukünftige Auseinandersetzungen. Die Niederlage der NUM kann Thatcher ausnutzen, indem sie die Stimmung vieler Gewerkschafter aufgreift: „ Wenn die Bergleute nicht mal die Regierung besiegen können, wer könnte es dann?" Das wird umso mehr als wahr erscheinen, als sogar während des Bergarbeiterstreiks schwere Niederlagen hingenommen werden mußten; so brach der Streik bei Austin-Rover zusammen, nachdem die betroffenen Gewerkschaften entsprechend den neuen Antigewerkschaftsgesetzen vor Gericht zitiert worden waren.
Die Regierung spart sich die Häme
Jede Einschätzung des Streiks kann aber auch nicht auslassen, in welchem Grade die Regierung selbst auch angeschlagen ist und innerlich geschwächt wurde. Es ist offizielle Politik der Konservativen, sich jegliche Häme über die Beendigung des Streiks zu verkneifen. Das hat natürlich nichts mit Mitgefühl für die Bergleute zu tun, sondern mit der Unzufriedenheit damit, wie die Regierung den Arbeitskampf gehandhabt hat. Bei einer Meinungsumfrage kurz vor Ende des Streiks gaben 60% an, Thatcher habe in der letzten Phase des Streiks mangelhaft gehandelt. Nur 34 % waren der Meinung, dais sie ihr Amt gut ausfüllt — das schlechteste Abschneider seit der Zeit unmittelbar vor dem Malvinen-Krieg. Andere Umfragen stellen die Konservativen in der Beliebtheitsskala nur noch ganz knapp über die Labour Party, wobei die Verluste dem Bündnis von Liberalen und Sozialdemokraten zugute kommen. Diese Meinungsumschwünge sind nur erste Andeutungen von den vielfältigen Verschiebungen, die