„In Deishe haben wir schwarze Fahnen gehißt, als das Treffen Abu Ammars [Arafat, d.Red.] mit dem ägyptischen Präsidenten Mubarak bekannt wurde." Hamdi Faradj, ein im Palästinenserlager Deishe neben Bethlehem zu Hausarrest verurteilter Journalist, ist von der Ablehnung der jüngsten Initiative des Vorsitzenden der PLO überzeugt. Das heißt laut Hamdi Faradj nicht, daß die Rebellen der PLO unter Abu Musa bevorzugt werden: „Anfangs waren sehr viele für die Forderungen der Opposition nach Demokratisierung der PLO. Aber die Verurteilung der gewaltsamen und militärischen Form der Auseinandersetzung innerhalb des palästinensischen Widerstands ist einmütig. Besonders als es zur Belagerung von Tripoli gekommen ist, haben wir die Einstellung aller Kampfhandlungen gefordert.
(4] In der Erklärung des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale vom 30.6.1981 heißt es zu diesem Aspekt des Streiks von 1981: _ Am 20. Juni ergriff die Gewerkschaft CDT die Initiative und rief zu einem Generalstreik auf. Die Arbeiter mobilisierten massiv. Die kleinen Händler und die Handwerker nahmen ebenfalls am Protest teil, und auch die Volksmassen aus den Elendsvierteln schlossen sich an. Casablanca wurde Schauplatz einer regelrechten Explosion, der wichtigsten seit der Unabhängigkeit von 1956. Die Reaktion des Regimes von Hassan II. war brutal." InPreKorr Nr. 137, S. 24. [5] Al Mahdi Ben Barka war der Führer der Union nationale des forces populaires (UNFP), deren linker Flügel sich zur USFP entwickelte. Ben Barka, von der Regierung des Landes verwiesen und in Abwesenheit zum Tode verurteilt, wurde im Oktober 1965 in Paris von zwei französischen Polizisten entführt und dann ermordet. General Ufkir, der damalige marokkanische Innenminister, hat dieses Komplott mit Frankrech organisiert, um den radikalsten Führer der Opposition auszuschalten.
[6) Namens der union sacrée im Krieggegen Westsahara organisierte der König Hassan II. im November 1975 eine große Massendemonstration, den _Grünen Marsch", bei dem Hunderttausende von marokkanischen Zivilisten in die Westsahara zogen, um ihre Unterstützung der kriegerischen Politik Marokkos auszudrücken.
[7] Libération, 31.1.1984.
[8] Sicher ist Abderrahim _royalistischer als der König selbst". Als Hassan II. im September 1981 eine taktische Wende vornahm und die Organisierung eines Referendumsinder Westsahara akzeptierte,gab der Führer der USFP eine Verlautbarung heraus, in derer „die Bereitschaft, auf die saharischen Provinzen zu verzichten, jasie zu verlassen", denunzierte. Er wurde damals zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und eingsperrt wegen dieser Äußerung. Noch heute scheint Buabid die Karte der „Harten" in der Armee in der Frage des Sahara-Krieges ausspielen und der chauvinistischen Stimmungen bei den Massen aufgreifen zu wollen. Aber die wirtschaftlichen Folgendes Krieges lasten inzwischen zu schwer auf dem Volk. aus die linke 5-1, 18.1.84 Was Arafat von politisch bewußteren und linken palästinensischen Aktivisten vorgeworten wird, ist der inige Monate vor Tripoli eing te Konfrontationskurs gegen Syrien. Schließlich stellte die Entscheidung Arafats, sich diesen Sommer zu seinen Kämpfern ins Beka'a-Tal zubegeben, eine geplante Herausforderung für das Regime in Damaskus dar. Arafat setzt auf die US-Karte
Es waren auch die loyalistischen Truppen, die dort diesen Herbst die Feindseligkeiten begannen. Damit habe Arafat die bisherige Schaukelpolitik zwischen den Mächten aufgegeben und allein auf die amerikanische Karte gesetzt; dies kam in seinem Ägypten-Besuch zum Ausdruck. Heißt das, daß es Sympathien mit dem syrischen Regime gibt? Faradj verneint: „Nur sollte man Syrien nicht als reaktionärer als andere arabische Staaten ansehen. Eine Konfrontation mit Syrien im Namen der Zusammenarbeit mit Ägypten und Jordanien, da gehen wir nicht mehr mit." Als wir auf ein wahrscheinliches Einschwenken des PLO-Vorsitzenden auf ein Arrangement mit Jordaniens Hussein unter den Auspizien Washingtons zu sprechen kommen, wird Farad) noch deutlicher: , Wir waren immer mit Arafat. Aber jetzt ist Schluß. Alle Palästinenser sind für die PLO. Das ist nicht Arafat." Die Palästinenser der besetzten Gebiete galten stets als die treuesten Anhänger Arafats. Gibt es nach Tripoli und Ägypten hier wirklich einen Bruch? Wir richteten die Frage an Alexander Flores, einen Berliner, der an der palästinensischen Universität von Bir Zeit Kulturgeschichte unterrichtet. Er unterscheidet zwischen den palästinensischen Massen, die in ihrer großen Mehrheit nach wie vor für Arafat sind, und politisch bewußteren Aktivisten: „Für die einfachen Leute ist Arafat das Symbol des palästinensischen Nationalbewußtseins schlechthin. Sie werden alles unterstützen, was er tut. Für die Minder-
heit politisch gebildeterer Aktivisten ist es anders. Immer mehr finden siees einfach absurd, sich auf einen völlig proamerikanischen Kurs zu begeben, wenn die USA gerade weltweit in eiver On Begeifen sin die Das Bindnis Arafats mit der radikal islami- Vereinigungsbewegung in Tripoli ist hier nicht unbeachtet geblieben. Eine der ersten Aktionen, die diese Gruppe mit Waffen aus Arafats Händen durchführte, war ein Massaker unter Kommunisten. Das vergessen palästinensische Linke dem PLO. Vorsitzenden nicht. Das nächstemal könnten sie selber Opfer eines derartigen taktischen Bündnisses sein. Resümiert ein auf Bir Zeit unterrichtender palästinensischer revolutionär marxistischer Aktivist: „Kein marxistisch angehauchter Palästinenser wird heute mehr für Arafat sein. Es ist ihm gelungen, sich von allen progressiven Bewegungen der arabischen Welt gründlich zu isolieren, ohne dadurch beim Imperialismus oder den arabischen Regimes etwas herauszuholen." Auch er gesteht aber ein, daß keine der oppositionellen Kräfte in der PLO eine Alternative darstellt. Islamische
Fundamentalisten
Die islamischen Integristen sind übrigens zur Zeit die einzige politische Kraft, die unter den Palästinensern in der Offensive ist. Bei den jüngsten Studentenwahlen in Bir Zeit erhielten sie mit 520 Stimmen fast so viele wie die Linke (550). Letztere bestand aus einem Bündnis von Sympathisanten der palästinensischen Kommunistischen Partei und der Volksbefreiungsfront des George. Habash. Die der al Fatah nahestehende Gruppe erhielt mit 820 Stimmen die Mehrheit.
Was die palästinensische Presse betrifft, so sind die Arafat-Befürworter in einer eklatanten Überzahl. Im Büro des von Raymonda Tawil geleiteten alastinensischen Pressedienstes leg nan uns eine ganze Liste von Erklä rungen palästinensischer Persönlichkeiten vor, die den Ägypten-Besuch des Vorsitzenden begrüßen. Vertrauen in seine Führerfähigkeiten und Sorge um die Einheit der PLO stehen allerdings mehr im Vordergrund als die konkrete Erwartung, für die palästinensische Sache seien daraus Vorteile zu erwarten.
lut unseren Einwurt, die PL( rurde dadurch doch ausschlielslic auf die amerikanische Karte setzen, meint Ibrahim Kara'in vom Büro Raymonda Tawils resigniert: „Es ist die einzige Karte, die uns geblieben ist." Ob diese Karte allerdings sticht das ist die Frage.
Alle damit zusammenhängenden Fragen werden in der in Jerusalem erscheinenden palästinensischen Presse mit bemerkenswerter Offenheit diskutiert. Es ist eine bezeichnende Ironie, daf trotz scharfer Zensur die Journalisten in der Westbank manches klarer schreiben können als in Jordanien, Syrien und seit vergangenem Jahr auch in Libanon.
Drei große palästinensische Tageszeitungen erscheinen in Jerusalem: die konservative projordanische al Quds und die beiden nationalistischen, der al Fatah nahestehenden ash Shab und al Fajr; al Fajrgibt aucheine äußerst lebendig gestaltete und informative englische Wochenendausgabe heraus. Auch zu einer den Fatah-Rebellen nahestehenden Wochenzeitung, al Mithak, und der Wochenzeitung der KP, al Thalia, kann man greifen. Die der Volksbefreiungsfront von George Habash nahestehende Tageszeitung ash Shira wurde vor kurzem von den Behörden geschlossen.
Israelische Zensur
Das größte Problem, mit dem sich die palästinensischen Zeitungen herumschlagen müssen, ist die Zensur. Sie beruht rechtlich auf den Ausnahmegesetzen der Zeit der britischen Mandatsverwaltung und gilt prinzipiell für alle Presseerzeugnisse Israels. In der Realität ist jedoch nur die palästinensische Presse davon betroffen. Konkret muß jedes Wort, das veröffentlicht wird, der Zensurstelle im Verteidigungsministerium vorgelegt werden. Der Zensor streicht dann, was ihm beanstandenswert erscheint. Die englische Ausgabe von al Fajr bringt in jedem Heft eine Aufstellung über das Ausmaß der Zensur. Für die Nummer vom 23.11. wurden der Zensur 42 Artikel vorgelegt. Vollständig gestrichen wurden 17, derart verunstaltet, daß sie nicht mehr verwendbar waren, wurden drei. 22 Artikel konnten mit leichten Streichungen teilweise gebracht werden. InPreKorr 161, 20.2.1984 Im Büro des Palästinensischen Pressedienstes zeigt uns Ibrahim Kara'in, in welchem Zustand das Manuskript für das in englischer Sprache erscheinende Wochenmagazin al Awdah des Büros zurückzukommen pflegt. Auf jeder Seite sind zumindest einige Notizen, manchmal ganze Absätze weggestrichen. Kara'in: _Die Zensur arbeitet vollständig willkürlich. Es gibt keine klaren Kriterien, was durchgelassen wird und was nicht. Manchmal streichen sie uns Nachrichten, die vorher im israelischen Rundfunk gebracht wurden. Einen Artikel über die soziologischen Aspekte des palästinensischen Dichters Mahmud Darwish hat man uns vor zwei Wochen gestrichen. Wenige Tage danach ist er im Monatsmagazin al Katib anstandslos durchgekommen." Für fast alle fünf palästinensischen Zeitungen verhängen die Militärbehörden darüberhinaus phasenweise ein Verbreitungsverbot in den besetzten Gebieten. Erscheinungsort ist jeweils das unter israelischem Recht stehende Jerusalem.
Apologeten Israels nehmen diese Vielfalt der palästinensischen Presse stets als Beweis für den angeblich liberalen Charakter der israelischen Okkupation. Wirfragten Alexander Flores nach seiner Einschätzung: „Es' stimmt, daß die Besetzung nicht den Grad mörderischer Gewalt angenommen hat wie etwa die Nazi-Herrschaft in den von den Deutschen besetzten Gebieten Europas während des Zweiten Weltkriegs. Aber ist das vielleicht etwas, auf das man stolz sein kann? Die Palästinenser erfahren die Okkupation als erniedrigend, entwürdigend und brutal. Neben manchen sogenannten liberalen Aspekten gibt es auch ganz harte Willkürmaßnahmen. Etwa die 20 000 seit 1967 gesprengten palästinensischen Häuser, die Landenteignungen. Oder daf man die ganze männliche Bevölkerung eines Dorfes drei Tage und Nächte bei Regen im Winter auf dem Marktplatz stehen läist, weil ein paa Jungen Steine geworfen haben. Ube allem schwebt ständig die Drohung mit Annexion und Vertreibung."
InPreKorr 161, 20.2.1984 Die Degeneration der PLO Salah Jaber aus Inprecor 166, 6.2.84