Bai Zhangbing aus International Viewpoint 35, 1.8.83 Chinas riesige, weiter zunehmende Bevölkeriment führte China mehr Getreide rung zu ernähren, ist heute immer noch eine der ein als aus — erstmals in der Geschich. Hauptaufgaben underfordert umfangreiche Reste. Die Einfuhren sind seitdem immer höher als die Ausfuhren geblieben: sie Der nachstehende Artikel untersucht die Entnahmen von 5,8 Mio. t 1961 auf 13,43 wicklung der Landwirtschaft seit 1949 und setzt Mio. t 1980 zu. Ähnlich ist die Situasich mit den Problemen auseinander, denen sie tion beim Zucker.
sich heute gegenüber sicht. Er erschien erstmals in October Review, der revolutionär marxistischen Zunahme der Produktion
Zeitschrift in Hongkong, Nr. 76 im April 1983. Der Gesamtwert der landwirtschaftlichen Erzeugung in China nahm zwischen 1949 und 1957 um 85 % zu. Diese Zunahme war ein Ergebnis der Landreform, der staatlichen Bewässerungsmaßnahmen und der Begeisterung der Bauern. Der Prokopfverbrauch an Getreide betrug am Ende dieses Zeitraums 406 catties (1 ct. - 0,605 kg) bei einer Zunahme der Bevölkerung um 19,5 %. Das war ziemlich wenig, aber während der folgenden 21 Jahre wurde es noch weniger, und auch 1979 waren es nur 16 ct mehr als 1957.
Die Politik der KPCh gab der Entwicklung der Schwerindustrie den Vorrang, auf Kosten von Leichtindustrie und Landwirtschaft. Das Kapital für die industrielle Entwicklung wurde vor allem aus der Landwirtschaft gezogen, die schon durch den „Großen Sprung nach vorn" schwer geschädigt worden war.
Die Folgen des „Großen Sprungs"
Während des zweiten Fünfjahresplans (1958 - 1962) nahm der Gesamtwert der landwirtschaftlichen Erzeugung im Durchschnitt um 3,16 Mrd. Yüan pro Jahr ab (2 Yüan = 1 $). Der Rückgang von insgesamt 15,8 Mrd. Yüan in diesem Zeitraum übertraf sogar die Zunahme des ersten Fünfhinkt hinter Zunahme der verbrauchten Ressourcen zurück jahresplans. Der Prokopfverbrauch an Getreide war bis 1962 um 19 % auf 329 ct gefallen. Von 1959 bis 1979 hat sich die Ge- Der folgende Vergleich zwischen treideernte verdoppelt. Im selben der Zunahme des Werts des landwirt- Zeitraum nahm aber auch der Teil der schaftlichen Ertrags und der Zunah- Bevölkerung, der in der Landwirtme der vom Staat aufgekauften Ge- schaft arbeitet, um 52,4 % zu: von treidemenge veranschaulicht die 193,1 Mio. auf 294,25 Mio. Zusam- Folgen: mengenommen nahmen die verwendeten Ressourcen massiv zu: die Ge- Zuwachs der Wachstum der samtmaschinenleistung um das 110- Aşrar- vom Staat aufge- fache; der Stromverbrauch für jeden produktion kauften Getreide- тои (1 mou = 613 m') Landes wurde menge 236mal größer; 33mal mehr chemi- 1958. 2,4 % 10,5 % 1959 13.6 % 23,6 % sche Dungemittel wurden eingesetzt 1960 12,6 % 11,5 % und 11mal mehr Insektizide. Das gesamte Anlagevermögen war 1978 Wie aus der Tabelle hervorgeht, 5,3mal so hoch wie 1957. Während war die Lage 1959 höchst zugespitzt: aber jeder Yüan Anlagevermögen Kückgang der landwirtschaftlichen 1957 noch 2,37 Yüan Bruttoeinkom- Erzeugung und gleichzeitig massive men erbrachte, waren dies 1978 nur Zunahme der vom Staat aufgekauften noch 1,23 Yüan. Getreidemenge auf 64,12 Mio. Ton- Arbeitskraft und Kapital, die in die nen; verglichen mit den 45,97 Mio. landwirtschaftliche Produktion flos- Tonnen von 1957 ist das eine Zunah- sen, erhöhten die Produktionskome um 39,5 %. Zugleich nahm der sten. Dennoch war der Index der Auf- Getreideexport kontinuierlich zu: kaufpreise (durch die Staatsunter- 1957 2,09 Mio. t, 1958 2,88 Mio. t, nehmen) für 1957 nur 46,2 % höher als 1959 4,14 Mio. t. 1950, für diese 22 Jahre eine Steige- Während der schweren Hungers- rung von 119,3 %. Daraus ergab sich, nöte dieser Jahre gab es somit nicht- daß in der Landwirtschaft Gewinne mal genug Saatgut. 1960 erreichte die so gut wie nicht zu erwirtschaften Sterberate den historischen Stand waren. Viele Betriebe waren lange von 2,5 %: 17,08 Mio. Tote; 1957 Zeit defizitär. Eine durchschnittlich waren es noch 6,78 Mio. gewesen. 20 %ige Anhebung der Aufkaufpreise Eine Zunahme von 10 Mio.! erleichterte das Problem zwar, konn- Nach diesem katastrophalen Expe- te es aber nicht lösen.
Kosten und Preise
Nehmen wir als Beispiel die Provinz Heilung Jiang. In den 8 Jahren von 1971 - 1978 war der Gesamtertrag der fünf wichtigsten Anbaufrüchte (Mais, Soja, Reis, Sorghum, Weizen) 146,5 Mrd. ct, und die gesamten Produktionskosten betrugen 18,197 Mio. Yüan. Im Schnitt kostete also jeder ct Getreide 0,124 Yüan, wurde aber im Durchschnitt für 0,1 Yüan verkauft. Das bedeutet, daß der Bauer an jedem ct dieser von ihm produzierte Feldfrüchte 0,024 Yüan verlor. Von 1959 bis 1979 nahm die Getreideerzeugung pro Mou um 14,8 % zu. Dafür waren im Durchschnitt 57,4% mehr Arbeitstage erforderlich. Die Produktionskosten haben also deutlich zugenommen. Tatsächlich haben sie sich mehr als verdoppelt, während die Aufkaufpreise nur um 37,5 % zugenommen haben. Auch in den vergangenen Jahren hat die Steigerung der offiziellen Aufkaufpreise nicht mit den Produktionskosten Schritt gehalten.
Eine der besonders schwachen Seiten der chinesischen Landwirtschaft liegt bei ihrer mangelnden Widerstansfähigkeit gegen Naturereignisse. In den letzten Jahren wurden etwa 20 Mio. ha von Naturereignissen geschädigt; das ist etwa 15 % des gesamten bebauten Landes. Bei den Katastrophen von 1980 waren es sogar 30 % des bebauten Landes.
Die Politik der Bürokratie mindert die Widerstandsfähigkeit gegen Naturkatastrophen
Viele ungünstige Folgen dieser Naturereignisse gehen auf langgeübte Praktiken zurück, die das ökologische Gleichgewicht durcheinandergebracht haben, indem der Boden zunehmend erodierte, Flüsse verschlammten und die bewaldete Fläche schrumpfte. Wegen starker Verschlammung arbeiten eine Reihe von Bewässerungsanlagen nicht mehr, die Überschwemmungen verhindern, Wasser speichern oder Strom erzeugen sollen. Die Strafe der Natur für die falsche Politik der Bürokratie beginnt gerade erst, leidtragend ist das Volk.
Verschiedene Regionen mit ver- InPreKorr 161, 20.2.1984 schiedenen geographischen Gegeben- 1,468 Mio. Mou bewirtschaftet wurheiten bedingen verschiedene Mög- den; bis 1957 waren es sogar 1,619 lichkeiten landwirtschaftlicher Ent- Mio. Mou geworden. Seitdem wurde wicklung. Das Ungleichgewicht zwi- es weniger: 1979 waren es noch 1,492 schen der Verteilung des bestellten Mio. Mou, 8% weniger als 1957. Pro Landes und der Verteilung der Bevöl- Kopf gerechnet ein dramatischer kerung führt zu großen Anspannun- Rückgang. gen in der Produktion und Versor- Vier Hauptgründe gibt es für den gung mit landwirtschaftlichen Gü- Rückgang der landwirtschaftlichen tern. Nutzfläche:
Von den 30 Provinzen und autono- Erstens braucht der Staat Land für men Stadtregionen Chinas hatten Städtebau, Fabriken, Bergwerke, 1979 11 einen Nahrungsmittelüber- Straßen, Bahnlinien, Bewässerungsschuß, 6 waren selbstversorgend und und Militäranlagen. BOVIET UNON
COREA
SOUTH
CHINA
SEA
INDIA
BANGLADESI TAIWAN
VIETNAM
PROVINCES:
ANHUI 11. GANSU • Herei • Lan: Rou
ZHE JIANG 12 JIANGXI 21. SHANGHAI MUNICIPALITY • Hangehou • Nascheng • Shanghai + GINGHAI JIANGSU 22 SHANXI • Nanying • Tarywan
FUJIAN 14, 23 SHANDONG • Changchur • Jinan
HEILONGJANG 15. GUANGXI 24 SHAANXI • Nanning • Xar
HENAN 16. GUANGDONG 25 XINJIANG • Zhengzhou • Guangzhou • Urumagi GUIZHOU 26 SICHUAN • Guiyang • Chenolu
LIAONING • Shenyang
NINGXIA TIANIN MUNICIPALITY • Wohan • Viechias • Treppen 10. NEI MONGGOL 20 PEKING MUNICIPALITY 29 YUNNAN • Hchhot Opeking + • Kurmang LAXES © Capital
O Huanghe (Yellow River) El Boyangho • Provincial Capital © Changilang (Yangtze) 1D Dongringho * Zhulang (Pearl Reer) + International airport 13 waren unterversorgt. Immerhin Zweitens wird Land für Bauwerke, 27,46 % der Bevölkerung, vor allem die in Verbindung zur Landwirtim Nordwesten, hatten unzurei- schaft stehen, gebraucht, wie komchend Lebensmittel. munale Unternehmen, Silos, Bauern- Der Transport von Nahrungsmit- häuser. teln vom Süden in den Norden erhöht Anderes Land ist sonstiger Verwerdie Belastung des rückständigen und tung zugeführt worden, wie Viehunzureichenden Transportwesens. zucht und Forstwirtschaft, oder das Gebiete, die für andere Früchte besser Land wurde aufgegeben wegen Vergeeignet wären als Getreide, müssen salzung oder Naturkatastrophen. dieses dennoch anbauen. Schließlich waren die Angaben zur Während der letzten 30 Jahre hat Menge des bebauten Landes in der sich die Bevölkerung tast verdoppelt, Vergangenheit oft nicht korrekt. aber die Anbautläche hat abgenom. Allen Anordnungen der Zentralremen. Statistiken belegen, daß 1949 gierung zum Trotz setzt sich der Trend fort.
InPreKorr 161, 20.2.1984 Preise und Subventionen
Für die Bauern hat die Erhöhung der Aufkaufpreise für Getreide nur eine mäßige Verbesserung ihres Lebensstandards gebracht. Zu einem vernünftigen Tauschverhältnis zwischen landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnissen ist noch ein weiter Weg. Ein Wechsel zum Anbau von Rohstoffpflanzen würde eine rasche Einkommensverbesserung bringen. Dem steht aber das planwirtschaftliche Prinzip „Die Selbstversorgung mit Getreide sicherstellen!" entgegen. Deswegen fordert der Wirtschaftsplan für 1983, daß die gesamte Getreideanbaufläche bei 1,7 Mrd. Mou stabilisiert und die Baumwollanbaufläche eingeschränkt wird. Die offizielle Parole lautet, daß der Wert der landwirtschaftlichen und industriellen Produktion bis zur Jahrhundertwende verdreifacht werden soll. Diese Politik ist jedoch mit drei Schwierigkeiten konfrontiert: dem Bevölkerungswachstum, dem Rückgang der landwirtschaftlichen Nutzfläche und den unzureichenden Investitionen.
Das wichtigste Mittel nennt sich zur Zeit „Politik der Verantwortlichkeit", im wesentlichen heißt das, daß die Lasten der landwirtschaftlichen Entwicklung und die Verantwortung dafür vom Staat den Gebietskörperschaften und den Bauern aufgebürdet werden.
Die chinesische Landwirtschaft ist mit vielen grundlegenden Widersprüchen behaftet. Die Produktionssteigerungen überfordern die Transportmittel, sodaß viele Nahrungsmittel schon vor Erreichen ihres Bestimmungsortes verdorben sind.Aufkaufzentren arbeiten mangelhaft, Preise werden durch Feilschen festgelegt und klaffen deshalb weit auseinander. Begrenzte Treibstoffzuteilung, zu kleine und zu schlechte Lagerungsmöglichkeiten, Mängel beim Transport und bei der Verarbeitung von Lebensmitteln haben zu einem Wust von Problemen geführt.
Für den Staat kommt als Faktor noch der riesige Anteil seiner Einkünfte hinzu, der als Zuschuß für die Landwirtschaft draufgeht. 1978 - 1981 beliefen sich zum Beispiel die Steigerung des Aufkaufpreises bezuschußter Produkte und den Kauf von überplanmäßigen Produkten auf 7,8 Mrd. Yüan; Steuernachlässe für die Landbevölkerung kosteten 7,8 Mrd. Yüan; Zuschüsse für Diesel und Strom im Landbau, Kohle, Fleisch, Eier, Geflügel, eingeführte Agrarprodukte , Baumwolle, Zucker, Chemiedünger, Insektizide machten zusammen 34,1 Mrd. Yüan. Die Gesamtsumme, 85,9 Mrd. Yüan, entspricht 26 % des Staatshaushalts. Dieser wird davon stark belastet, zumal er seit 1978 defizitär ist. 1981 waren die Zuschüsse dann um 5 % niedriger als 1978.
Eine zusätzlicheschwere Belastung des Staats brachte der deutliche Zuwachs der Ausgaben für die Überplanproduktion. Von 1980 aut 198 betrug die Steigerung für Güter, die zu erhöhten Preisen aufgekauft wurden, 32,5 %, 37,5 % bei Erzeugnissen mit ausgehandelten Preisen und 29,6 % bei Erzeugnissen mit Marktprei- 1979 wurde der Preis für Ernten, die im Rahmen des staatlichen Aufkaufs erworben wurden, um 20 % angehoben, der Preis für Uberplankäufe um 50 %. Die Ankaufpreise für Hilfsgüter stiegen im Schnitt um 18 %. Der Einzelhandelspreisindex stieg von 130,3 im Jahre 1978 auf 138,6 im Jahre 1979 als Ergebnis der Preisindexsteigerung im selben Zeitraum von 217,4 auf 265,5 für den Aufkauf bezuschußter Agrarprodukte. Umdie Unzufriedenheit der Bevölkerung über diese Preiserhöhungen zu mildern, mußte der Staat jedem Arbeiter und Angestellten monatlich 5 Yüan Lebensmittelbeihilfe gewähren. So findet sich die Bürokratie bei der Frage, wie sie mit dem Problem der Landwirtschaft umgehen soll, in einem Dilemma. Sinkt die landwirtschaftliche Produktion, muß der Staat für Getreide-, Zucker- und Baumwolleinfuhr Devisen aufwenden, wird sie aber aufrechterhalten, so muß er auf der Produzenten- und der Konsumentenseite heftig subventionieren, um die Preise stabil zu halten.
InPreKorr 161, 20.2.1984