Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Nur wer Widerstand geleistet hat, hat bei uns eine Chance

Inprekorr Nr. 161, 20. Februar 1982 · S. 11-14 · 2.191 Wörter

Argentinien Gewerkschaften und Streiks Stalinismus und Bürokratie

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Die Arbeiterbewegung beginnt sich von der chen Transportwesen und gleichzeitig Führer ciperonistischen Führung zu lösen, auch wenn sie ner der größten Agrupaciones von Buenos Aires. nach wie vor mehrheitlich im ideologischen Rah- Obwohl sich diese Agrupacion offen zum Peronismen des Peronismus ihre Probleme lösen will. mus bekennt, erachtet Hernandez die Trennung InPreKorr sprach darüber mit Julio Hernandez. von der peronistischen Führung als eine der wich- Er ist Gewerkschaftsdelegierter beim öffentli- Frage: Was bedeuten für Euch peronistische Arbeiter die Wahlen? Antwort: Alfonsin, der Kandidat der UCR, hat mit Fahnen gewonnen, die nicht die seiner Partei sind. Er hat die Fahnen des Peronismus geklaut. Dazu kommt aber, daß in unserer Bewegung viele Verräter sind. Diese Herren haben sich immer damit gerechtfertigt, daß sie auch einmal im tigsten Aufgaben seiner Strömung. schienen bei diesen Wahlen über- lem begannen die einer nach dem haupt nicht. Einen Monat vor der anderen wegen der Krise zu schließen. Wahl begann in der Bewegung die So entstanden die neuen Kämpfe Auseinandersetzung darüber; das er- vor allem im öffentlichen Sektor. leichterte Alfonsin den Sieg noch. Aber auch hier ging die Repression Viele Leute wählten Alfonsin, weil weiter. Viele wurden verschleppt, ansie nicht den korrupten Apparat der dere gingen nach einer gewissen Zeit Peronisten wollten, Leute wie Her- ins Ausland, um Luft zu schnappen. minio Iglesias, Lorenzo Miguel. So Ein Kern blieb aber, der Erfahrungen war es leicht für Alfonsin, die peroni- sammelte und den Widerstand aus- Interview mit J. Hernandez weitete.

Welche Haltung hat dieser Widerstand zur Bürokratie eingenom- Mitglied einer peronistischen men, die mit dem „Proze/'" verbunden war?

Agrupacion im Transportwesen

Gefängnis waren - dort ginges ihnen aber recht gut. Indessen haben diese Herren alle revolutionären Forderungen des Peronismus aufgegeben und sich in der Partei und in der Gewerkschaft einen immensen Apparat geschaffen. Damit haben sie auch alle Schlüsselstellungen besetzt. Als die Kandidaten für die Wahlen aufgestellt wurden, haben sie mit diesem Apparat Leute durchgesetzt, die mit dem „Prozeß" zusammengearbeitet haben.(Prozeß meint die Diktatur, d.Red.) Dieser Apparat war ja in der Zeit der Diktatur gegen die Arbeiter. Er ließ es zu, daß der Staat in die Gewerkschaften eingriff, er bremste die Einzelgewerkschaften, blockierte Kämpfe und riß so die, die kämpfen wollten, total auseinander.

Die in der Diktatur gekämpft haben und dies mit Haft, Folter und Verschwinden bezahlen mußten, er- Antwort: Wir haben den Widerstand von unten aufgebaut und Basisgremien entwickelt. So wurde die Büstische Fahne der sozialen Gerechtig- rokratie vor die Wahl gestellt, selbst keit zu klauen. zu mobilisieren oder überrollt zu wer- Frage: Ihr habt den Widerstand oh- den. In einigen Fällen wurde sie dann ne Eure Führung organisiert. Wann auch richtig überrollt. Ich glaube, das und wie habt Ihr damit begonnen? ist nicht nur in Argentinien so: die Antwort: Unter dem Slogan Bürokraten kommen erst zur Ver- „Kampf den Subversiven" ging eine nuntt, wenn man sie überrollt. Das Riesenrepression über die Arbeiter- ist, wie wenn ich zu Dir nach Hause bewegung hernieder. Alle erfahrenen komme und vor der Tür stehe; wenn Kader wurden getroffen. Die Kräfte, ich nicht läute, dann weißt Du nicht, die wußten, wie man mobilisiert, wa- daß Du aufmachen mußt, um mich ren die ersten, die verschwanden. Wir hereinzulassen. waren sehr schnell völlig desorgani- Frage: Welche Formen und welche siert. So bedeutete für uns erster Wi- Forderungen prägten den ersten Widerstand, wieder Kontakt zu knüpfen derstand? mit anderen Kollegen. 1979 gelang es Antwort: Wir haben vor allem daauch, erste gremios (Delegiertenräte) für gekämpft, daß wir Löhne bekomin den Betrieben neu zu bilden, es kam men, die jedem zu leben erlauben. Die zu ersten Streiks. Dies war vor allem Inflation hat ja alles weggefressen. hier bei den Dienstleistungen und den Dann wollten wir wieder eine kürzere öffentlichen Betrieben. In den Privat- Arbeitszeit, wie vor dem Putsch. Pobetrieben war es schwieriger. Die Re- litische Forderungen haben nur die pression war dort härter, und vor al- Fortgeschrittensten aufgestellt.

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InPreKorr 161, 20.2.1984 Buenos Aires galt bisher als die europäischste Stadt Lateinamerikas, weil sie nicht von einem Ring aus Elendsvierteln und Barackensiedlungen umgeben war wie die anderen Großstädte des Kontinents. Das ändert sich. Arbeitslosigkeit und Lohnverlust zwingen nämlich Hunderttausende an den Rand der Stadt. In diesen schnell wachsenden Elendsvierteln lebt aber auch die Erfahrung der argentinischen Arbeiterbewegung: einheitliche Organisation. Wir sprachen darüber mit einem der Delegiertenräte des Elendsquartiers 2 de Abril. Frage: Kannst Du uns in wenigen Worten erklären, was das Barrio 2 de Abril ist?

Antwort: Es ist ein Barackenviertel, das wir Ende 81 aufbauten. Heute hat es ungefähr 16 000 Einwohner, arme Arbeiterfamilien. Es entstand mitten in der Diktatur. Ihr wißt ja, wie hart das damals war. Die Polizei hat sofort unser Quartier umzingelt und zu verhindern versucht, daß wir Material reinbringen, um aufzubauen. Aber wir konnten uns dann trotzdem organisieren.

Frage: Wie habt Ihr Euch denn organisiert?

Antwort: Zuerst gab es eine kleine Kommission von fünf bis sechs Leuten. Da war ich dabei. Nach zwei Monaten haben wir dann gemerkt, daß die Leute mitmachen wollten. Da haben wir das Quartier in 88 manzanas (ein Flächenmaß) aufgeteilt. Jede manzana hat dann einen oder eine Delegierte gewählt. Der Delegiertenrat organisiert heute alles im Quartier.

Frage: Was heißt alles?

Antwort: Zuerst haben wir eine medizinische Erste-Hilfe-Stelle eingerichtet. Jetzt haben wir zwei Beratungsstellen mit Gratis-Ärzten. Wir haben Kindergärten und sogar eine Volksküche eingerichtet. Das Land, auf dem wir das alles machen, haben wir besetzt. Es gehörte einem großen Betrieb.

Frage: Sind dicce Delegiertenräte für Euch etwas Newess

Antwort: Ja, schon. Quartierdelegiertenräte gab es bisher noch nirgends. Aber Delegiertenräte haben wir ja schon in den Fabriken und Gewerkschaften.

Argontinion

Zuerst war die Form die persönliche Bekanntschaft. Genossinnen und Genossen lernten sich wieder kennen, sprachen miteinander und organisierten sich. Dann lernte man jemanden von einer anderen Gewerkschaft, zum Beispiel von Luz y Fuerza (E- Werke), kennen. Daraus entstanden die neuen gremios und auch die agrupaciones, die es heute ja fast überall gibt.

Frage: Bevor wir zu diesen agrupaciones von heute kommen, noch ein Wort von den politischen Forderungen. Wann kamen denn die Parolen gegen die Repression oder gegen die Diktatur in der Arbeiterschaft aufs Antwort: Mit der Niederlage im Malvinen-Krieg hat sich alles geändert. Schon vorher, am 30. März 1982, gab es eine massive Gewerkschafterdemonstration, wie wir sie seit fünf Jahren nicht mehr gehabt hatten. Aber schon fünf Jahre zuvor begann „Der Delegiertenrat organisiert heute alles im Quartier. "

eine Frauengruppe gegen die Abschlachterei zu demonstrieren. In dei Öffentlichkeit nannte man sie „die Mütter der Subversiven" ", „die Verrückten vom Plaza de Mayo". doch nach und nach haben wir nicht nur den Inhalt ihrer Märsche verstanden, sondern auch, daß sie zeigten, daß man der Diktatur an sich Schlachten liefern kann. Trotz Verfolgung und Schikane haben diese Frauen durchgehalten.

Ungefähr 1979 haben die meisten von uns gesagt, daß wir mit den Müttern zusammensein wollen. Die Repression wütete ja immer noch, aber man ging doch mal hin, zu so einem Marsch. Dort traf man dann einen der Freigelassenen oder linke Aktivisten. Im September ist ja dann sogar die Führung der CGT-RA auf einen Marsch der Mütter gegangen, und der Führer Ubaldini hat anerkannt, daß die Mütter einen wichtigen Beitrag geleistet haben. Wißt Ihr, das war der Anfang des politischen Widerstandes.

Frage: Was ist der Inhalt Eures Widerstandes beute?

Antwort: Die Diktatur zieht sich heute desorganisiert zurück. Aber sie geht nur in die Kasernen, um sich neu zu rüsten. Sie werden weiterhin den Interessen des Imperialismus dienen wollen. Die Diktaturist nicht endgültig geschlagen, und das wirtschaftliche Chaos und die 30000 Verschwundenen bleiben. Ich und viele Basiskämpfer, wir glauben, daß sie sofort wiederkommen, wenn wir die Interessen der Arbeiterklasse gegen die Imperialisten und die Oligarchie verteidigen. Wenn wir uns darauf vorbereiten und uns organisieren, dann kann es nicht mehr soweit kommen wie 1955 und 1976.

In der demokratischen Öffnung wollen wir vor allem unsere Gewerkschaften zum Funktionieren bringen. Als erstes sollen demokratische Gewerkschaftswahlen durchgeführt wer den. Die ganzen Bürokrten, die Kinder des „Prozesses" sind, wollen wir wegjagen. Wir brauchen jetzt eine Führung aus der Basis. Wir wissen auch, daß wir jetzt nicht plötzlich wieder Fleisch bekommen, weil die Demokratie da ist. Wir bekommen nur etwas, weil wir den Kampf dafür aufnehmen. Wir müssen mit unseren Kämpfen der Demokratie die I-Punkte aufsetzen.

Denn schon sprechen diese Herren wieder von Opfern, von Gürtel-Enger-Schnallen. Die Radikalen, UCR, haben ja eine miese Tradition darin, alle ihre Regierungen haben die Arbeiter angegriffen.

Frage: Was ist die Rolle der agrupaciones in dieser Auseinandersetzung? Antwort: In den agrupaciones tun sich die Leute zusammen, die für die Gewerkschaften eine neue Linie wollen. Es gibt solche, die auf Einzelgewerkschaften ausgerichtet sind, andere funktionieren zwischengewerkschaftlich. Einige sind an eine politische Partei gebunden, andere nicht; viele sind peronistisch. Frage: Der Apparat, den Ihr vertreiben wollt und dessen Politik Ihr bekämpft, ist doch aber auch peronistisch. Antwort: Das stimmt. Aber wir wollen ihn trotzdem nicht. Nach dem Putsch hat der Peronismus keinen Fortschritt mehr gemacht, auch wenn Peron oft zitiert wurde. Wir wollen mit unserer Bewegung der agrupaciones weiterkommen und nicht einfach wieder zurück zu 45 oder 75. Wir denken auch, daß die agrupa-

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ciones unabhängig von den Parteien und vom Staat sein sollen. Die Arbeiterklasse erwartet sehr viel von dieser Auseinandersetzung, und wir Basisführer haben eine große Verantwortung Für die Gewerkschaftswahlen stellen wir Listen von solchen Führern auf. Die Leute, die bei uns eine Chance haben, sind die, die Widerstand geleistet haben. Wenn solche gegen die Vorschläge der Bürokratiestehen, dann kommen wir durch. Es ist uns klar, daß die Bürokratie mit Betrug und Verfolgung arbeiten wird. Aber wir sagen, was etwas wert ist, das kostet es auch. Ich sage Dir aber auch, daß Alfonsin sicher lieber mit den Bürokraten verhandeln wird als mit Vertretern der Basis.

Meine agrupacion hat schon erste Erfolge gehabt. Wir versammeln die wichtigsten Kräfte in der Gewerkschaft. Wir gehen auch in die Casadel Trabajador. Dort treffen sich Führer von verschiedenen agrupaciones und auch alte, erfahrene Kader, um Erfahrungen auszutauschen. Die Casa gehört aber zu keiner Partei und auch nicht zum Staat. Dort machen wir eine Zeitung, El Trabajador, mit guten Vorschlägen, die wir an die Basis zurücktragen.

Frage: Welche Rolle spielt die Linke in dieser Auseinandersetzung? Antwort: Die Peronisten hatten immer die Anstöße der Linken notwendig, um zu Bewußtsein zu kommen. 1979 haben auch die Linken mit dem gewerkschaftlichen Widerstand begonnen. In meinem Gremium hat die PST (siehe Interview mit der MAS-Führerin in dieser Ausgabe) einen Streik organisiert, und viele ihrer Kader haben teuer bezahlt, Wenn sich dann aber die Massen bewegen, ist es immer die peronistische Bewe- Ich bin auch Peronist. Aber ich weiß, daß allefortschrittlichen Gesetze von Peron aus dem Programm der Sozialisten stammen. Das muß jeder peronistische Genosse anerkennen. Aber die Sozialisten waren zu schwach, diese Forderungen zu verwirklichen. Peron hat das alles einfach dekretiert. Peron hat aber etwas von den Sozialisten nicht übernommen. Er hat uns nie gezeigt, wie man für die Forderungen auch kämpft, wie man die Basis einbezieht.

Die meisten Linken machen heute den Fehler, daß sie die Leute einfach Argontinlen InPreKorr 161, 20.2.1984 SANTIAGO CHACO oft' ESTERO CORRIENTES

RIOS

MENDOZA

LA PAMPA

CHUBUT Argentino ATLANTICO SUR bei den Wahlen die Peronistenbosse zu unterstützen. Da wußten die Leute wirklich nicht mehr, wofür sie ei- Mar gentlich gekämpft haben. Die MAS hat viele gute Leute in der Gewerkschaft und auch in den Gre- OCEANO mien. Sie machen auch gute Vorschlä- ge. Sie wollen die Leute aber vor allem politisch gewinnen, und sie haben kei. ne Linie für die Gremien. Ihr politi •SLAS MALVINAS scher Vorschlag bei den Wahlen, die Auslandsschuld nicht zu bezahlen, war zu weit voraus für uns. Auch in der PO hat es viele gute DEL FUECO Leute. Ihr Präsidentschaftskandidat Flores und sein Vize, Cata Guanini, sind anerkannte Führer. Sie erhielten aber wenig Stimmen, denn sie haben entperonisieren wollen. Eine Dok- die Einheitsvorschläge der MAS abtrin, die sich über Jahrzehnte, von gelehnt. Generation zu Generation, fort- Frage: Welche Bedeutung hat denn pflanzte, kann nicht einfach abge- für Dich als Basisführer der Kampf in streift werden. Die Linke müßte Vor- Zentralamerika? schläge machen, bei denen man Antwort: Wenn die Yanquis dort mitmachen kann, auch wenn man Pe- angreifen, dann gibt es ein neues Vietronist ist. Mit solchen klaren Vor- nam, noch härter, weil das Volk besschlägen kann der Arbeiter vorwärts- ser vorbereitet ist und hinter der gehen und sich selbst entperoni- FSLN und der Regierung steht. Wir sieren. sind mit ihnen zusammen und wollen Die KP hat viele Leute in den agru- das gleiche wie sie: den Imperialismus paciones. Aber ihre Partei beschloß, bekämpfen.

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