KANADA: FRANZOSISCHER MAI IN DER PROVINZ QUEBEC 1++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ ++ Jahr findet ein bedeutsamer Radikalisierungsprozeb der Arbeiterschaft Quebecs - der französisch-sprachigen Provinz Kanadas - statt. Dieser Radikalisierungsprozeß hat sowohl objek• tive wie subjektive Wurzeln. Objektiv ist die Provinz Quebec das Stiefkind Kanadas. Sie hat eine Erwerbslosenquote von beinahe 10 %; der Lebensstandard liegt unter dem Durchschnitt des Landes. Die nationalen Rechte werden der französischsprechenden Mehrheit von einer in wachsendem Ausmaße anglisierten Oberschicht eingeschränkt. Subjektiv hat die Führung der größten Gewerkschaften Quebecs, zum Teil aufgrund der wachsenden Politisierung der Basis ( die in der ersten Phase vor allem eine intensive Agitation zur nationalen Frage zum Inhalt hatte), zum Teil aufgrund europäischer (französischer) Einflüsse, einen klar sozialistischen Kurz eingeschla gen und sich zugunsten einer VergeselIschaftung der Produktionsmittel und der Selbstverwaltung durch die Produzenten ausgesprochen. Obwohl dies nur in vagen Worten geschieht und keine präzise Strategie für die Erreichung dieser Ziele aufgezeigt wurde, haben diese Stellungnahme doch zur Radikalisierung einer breiten Arbeitervorhut beigetragen.
Dieser ganze Radikalisierungsprozel fand nun seinen ersten bedeutsamen Ausdruck in einem Generalstreik der Angestellten im Offentlichen Dienst Quebecs und den darauffolgenden wachsenden Auseinandersetzungen mit dem bürgerlichen Staatsapparat. Dieser Streik fing am TT. April 1972 an, nachdem die Regierung den 210 000 Angestellten des Offentlichen Dienstes nur eine Erhöhung ihrer Gehälter von 5,3 bis 6 % in einem Drei-Jahres-Tarifvertrag anbot, was bei der heutigen Infaltionsrate einen erheblichen Rückgang des Reallohnes bedeutet. Dieser Streik dem ein 24-stündiger Generalstreik am 28. März vorausgegangen war, war der größte Streik in der Geschichte Kanadas. Ein Drittel der organisierten Arbeiter Quebecs mobilisierten sich: zu einer massiven Konfrontation mit der Provinzregierung unter Bourassa. Die wichtigste For derung der Streikenden, 100 Dollar Mindestwochen/ohn Für AngesteHte des Offentlichen Dienstes in der ganzen Provinz, hätte bei einem Sieg das Ziel für die 600 000 Lohnabhängige in der Provinz Quebec gesetzt, die jetzt weniger als diese Summe verdienen. s.
Der Streik dauerte elf Tage, bis die Regierung der Liberalen Partei unter Robert Bourassa ihn am 21. April zerschlug. Die 'Bill 19' wurde in der Nationalversammlung in einer die ganze Nacht dauernden Sitzung durchgepeitscht; sie verbietet den Arbeitern zwei Jahre lang zu streiken und ermächtigt den Premierminister, einen neuen Tarifvertrag zu dekretieren, wenn sie bis żum 1. Juni mit der Regierung zu keiner Einigung gekommen sind.
In den Tagen vor der Annahme dieser drakonischen Gesetze waren die Führer der Beschäftigten der Krankenhäuser, die der Anordnung, die Arbeit wieder aufzunehmen, nicht gefolgt waren, zu harten Gefängnisstrafen verurteilt worden. Dreißig Angestellte, die meisten von ihnen Frauen, waren zu Gefängnisstrafen bis zu sechs Monaten und zu Geldstrafen bis zu 5 000 Dol- (Gemeinsame Front) der Angestellten im Offentlichen Dienst vor Gericht sie waren angeklagt, die Angestellten aufgefordert zu haben, gegen das Gesetz zu verstoßen. Louis Laberge, Präsident der 'Fédération du Travail du Québec' (FTQ, Gewerkschaftsbund von Quebec), Marcel Pepin, Präsident der "Confédération des Syndicats Nationaux' (CSN, Konföderation der nationalen Gewerkschaften) und Yvon Charbonneau, Präsident der Corporation des Enseignants du Québec (CEQ, Lehrerverband von Quebec) wurden zur Höchststrafe von je 1 Jahr Gefängnis verurteilt!
Als die drei Gewerkschaftsführer am 9. Mai zu den Toren des Orsainville-Gefängnisses gingen, um ihre Haftstrafe anzutreten, wurden sie auf dem Weg durch die Stadt Quebec von Tausenden von Gewerkschaftern begleitet. Ohne daß präzise Parolen ausgegeben worden wären, begannen an diesem Tag die spontanen Streiks, Betriebsbesetzungen und Demonstrationen in der ganzen Provinz Quebec mit Arbeitsniederlegungen der 3500 Schauerleute in den Häfen am St-Lorenz Strom. Am Freitag 12. Mai stand in einem Dutzend Städte alles still. Neun Radio- und eine Fern seh-station wurden zeitweilig besetzt. Die Arbeiter blockierten die Herausgabe von sechs Tages zeitungen von Montreal, paralysierten den Flughafen von Quebec City und schlossen die Universität Laval. Etwa 100 000 Arbeiter und Angestellte, ein sechstel aller durch gewerkschaftliche Tarifverträge geschützte Arbeiter, beteiligten sich an der Streikbewegung auf ihrem Höhepunkt. Die Provinzialregierung drängte nun die eingesperrten Gewerkschaftsführer, Berufung gegen das Urteil einzulegen, damit sie wieder auf freien Fuß gesetzt würden und den Streik beendeter Als sich die Spaltung des Gewerkschaftsbundes CNS durch eine Minderheit von Bürokraten abzeichnete (die gegen die Übernahme der CNS durch " Ideologen, deren Ideen nur zu einer Diktatur des Proletariats führen könne'", protestierten), gingen sie auf den Kompromiß ein. Am 23. Mai wurden die drei Führer der Gewerkschaftsverbände sowie 31 örtliche Gewerkschafts- Funktionäre aus dem Gefängnis freigelassen. Die Regierung sah sich gezwungen, mit den 210 00C Angestellten und Arbeitern des Öffentlichen und Halböffentlichen Sektors Verhandlungen aufzunehmen, bevor die 'Bill 19' in Anwendung kam, die Premier Bourassa ermächtigte, am 1. Juni ein Abkommen zu diktieren. Der Minister des Offentlichen Dienstes wurde ausgewechselt, um der Weg für Verhandlungen freizumachen.
Schon am 17. Mai hatte der 'Front Commun' der Gewerkschaften des Öffentlichen Dienstes zur Beendigung des Ausstands aufgerufen. Sicher, das Ergebnis des Streiks war nur ein halber Sieg. Aber wichtiger als das Kampfergebnis ist die Kampferfahrung, die die Arbeiter von Quebec gewonnen haben, das Bewußtsein ihrer Stärke und Möglichkeiten. Das werden sie in den künftigen Auseinandersetzungen zu nutzen wissen.
Im folgenden bringen wir Berichte von diesem Kampf aus 'Labor Challenge", einer vierzehntägig erscheinenden Zeitung, die von der "League for Socialist Action", der kanadischen Sektion der IV. Internationale, herausgegeben wird:
NPREKORR 15.6.72