Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

El Salvador

Volksmacht, das sind unsere Berge

Inprekorr Nr. 157, 1. Oktober 1983 · S. 19-22 · 1.714 Wörter

Mittelamerika

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Die Poder Popular (Volksmacht), die in den befreiten Gebieten entstanden ist — das sind unsere Berge, die Berge, die uns schützen, während wir unsere Kraft sammeln und aufbauen.

Auch die militärische Stärke der FMLN beruht auf der Stärke der Volksmacht. Ohne die militärische Verteidigung hätten wir keine Möglichkeit, am Aufbau einer neuen Gesellschaft zu arbeiten, so wie wir das jetzt tun.

Aus der langen Geschichte der Arbeit, die Massen in unserem Lande zu organisieren, kann man eine Menge Erfahrungen ziehen. Jetzt, wo die FMLN militärisch stark genug ist, weite Teile von El Salvador kontrollieren zu können, haben wir die Möglichkeit, diese Erfahrungen für das Experiment des Aufbaus einer neuen bleibt die Selbstorganisation. Gesellschaft einzusetzen. Bei dieser Erfahrung wird auch der Kampfgeist Demokratie zur der armen Leute El Salvadors gefe- Organisierung stigt und gestärkt, denn für sie wirdes zum erstenmal in ihrem Leben jetzt des Volkskriegs möglich, so was wie ein anständiges Leben zu führen — trotz allen Grau- Die Volksmacht, wie sie funktio samkeiten und Zerstörungen, die der niert, ist der Weg zur Organisierung Krieg mit sich bringt. einer demokratischen Gesellschaft. Wenn die Armee der Junta in die Wir haben aus all unseren Erfahrun- Offensive geht, wir gezwungen sind gen gelernt. Und Du darfst nicht veruns zurückzuziehen, suchen wir im gessen, daf wir all das mitten in einem Inneren der befreiten Gebiete blutigen Krieg tun. Das macht es Schutz. Wenn wir zurückschlagen, noch viel schwieriger, eine neue kehren wir wieder, bauen die zerstör- Gesellschaft aufzubauen, auch in den ten Häuser wieder auf, bepflanzen die Gebieten, die von uns kontrolliert verbrannten Acker und Gärten neu werden.

und stellen uns wie vorher der Her- Wenn unsere Feinde uns verfolgen, ausforderung, unsere eigene Gesell- dann wissen wir darüber schon ziemschaft aufzubauen. lich im voraus Bescheid, weil wir ein Bei diesen Anstrengungen nehmen gutes Nachrichtensystem haben, alle an der kollektiven Arbeit teil. durch das wir umgehend informiert Damit wird erreicht, daß Tausende werden. Dann müssen wir uns weiter von Leuten sich daran gewöhnen, ihre in die von uns kontrollierten Gebiete Zukunft selbst in die Hand zu neh- zurückziehen, und die Kräfte der men; Grundsteine für eine neue FMLN treten zur Verteidigung an. Gesellschaft werden so gesetzt. Fort- Aber auch wenn Bomben fallen, während sind wir gezwungen, neue haben wir einen Schutz. Wir haben Mittel und Wege zu finden, um den unterirdische Schutzräume und ein Wünschen der Massen gerecht zu Tunnelsystem. Bisher mußten wir sie werden. Aber unser Leitprinzip nicht sehr oft in Anspruch nehmen.

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Aber wir wissen, daß Tage kommen werden, wo wir es mit B-52 zu tun haben werden, wie das in Vietnamder Fall war.

.u Begınn des Kriegs flohen grois eile der Bevölkerung über di Grenze nach Honduras. Jetzt rufen wir sie auf, zurückzukommen und sich in den befreiten Gebieten anzusiedeln. Und sie kommen, langsam, aber sicher. Sie wissen, daß sie jetzt wieder geschützt sind. Das ist sehr gut für uns, auch wenn es bedeutet, daß mehr Münder zu füttern sind. Die Poder Popular Local (lokale Volksmacht, PPL) ist in kleinen Einheiten organisiert. Alle Einwohner versammeln sich, um ihre Vertreter zu wählen. Kandidaturen werden offen diskutiert. Wer vorgeschlagen wird, der wird es deshalb, weil er zu den besten Vorhutkämpfern für unsere eigene Zukunft und zu den besten Genossinnen oder Genossen gehört. Die vorgeschlagenen Namen werden auf eine lange Liste geschrieben, und jeder Einwohner kommt vor und macht ein Kreuz neben dem Namen der Leute, die er sich als seine Vertreter wünscht. Die Wahlen sind völlig offen. Jeder kann zugegen sein und schauen, wer die meisten Kreuzchen an seinen Namen bekommt. Die so gewählte Verwaltung teilt sich in mehrere Komitees, die verantwortlich für die verschiedenen Aufgabenbereiche in den kontrollierten Gebieten sind. Ein Komitee kümmert sich um die Produktion der Lebensmittel. Bauern, die an ihrer eigenen Scholle hängen, machen so weiter, die übrigen bearbeiten das Land kollektiv. Das sind aber die meisten, denn nur wenige besitzen überhaupt Grund und Boden. Etwa 50% der Ernte wird an die Leute verteilt, die in der Gegend wohnen, 30% geht an die Befreiungsarmee und 20% werden als Reserve für den Fall aufbewahrt, daf wir angegriffen, die Felder zerstört und die Ernten vernichtet werden.

Neben den Lebensmitteln stellen wir auch Kleider, Schuhe und Geräte her, da bei den Angriffen der Junta- Armee viel zerstört wird.

Vorrang für die Kinder

Wir fangen Fisch im Rio Lempa, und was wir kriegen, geht in erster Linie an die Kinder. An verschiedenen Orten haben wir kleine Herden als Vorrat, vor allem Kühe. Die Milch kriegen die Kinder, da sie im heutigen El Salvador am meisten in Gefahr sind. Wir haben auch Handelsbeziehungen zu Kleinbauern außerhalb der befreiten Gebiete. Leute, denen wir vertrauen, bekommen von uns Passierscheine und gehen in unseren Ortschaften ein und aus, um Lebensmittel zu verkaufen.

Ein anderes Komitee ist für die Schulbildung verantwortlich. Wir tun unser Bestes, um ein Erziehungswesen auf die Beine zu stellen. Das verlangt allerdings große Anstrengungen, weil wir keine Schulen haben. Kinder wie auch Erwachsene, die nicht lesen und schreiben können, werden Kursen zugewiesen. Manche haben keine Eltern, und wir schauen, daß sie so schnell wie möglich in andere Familien integriert werden. Es gibt unheimlich viel „Onkel" und „Tanten" in den befreiten Gebieten. Die harte Wirklichkeit zwingt unsere Kinder, schnell erwachsen zu werden. Sie haben es schon mit gro- Ben Problemen zu tun, sobald sie auch nur zu laufen anfangen. Sie müssen versuchen, Schutz zu finden und Lebensmittel. Vielleicht sind ihre Eltern tot, vielleicht haben sie nicht einmal genug für sich selbst. Aber das heißt auch, daß die Kinder am Aufbau der neuen Gesellschaft einen erheblichen Anteil haben. Nach dem Unterricht am Vormittag nahmen sie am Nachmittag zusammen mit allen anderen an der Produktion teil. Wir nehmen ihre Gedanken und Vorschläge ernst, denn die Kinder in El Salvador sind unsere eigene Zukunft. Gerade läuft eine Alphabetisierungskampagne in El Salvador. Wir gehen in die Dörfer und lehren den Leuten Lesen und Schreiben. Sobald sie es können, gehen wir weiter und lassen sie das Gelernte an andere im Dorfe weitergeben.

Ein weiteres Komitee ist für Hochzeiten, Beerdigungen und Taufen zuständig.

Was die Kultur angeht, so wurden hier große Fortschritte gemacht. Theater gedeiht gut. Wir sind alle Amateure, aber wir lassen durch Theater und Musik die anderen an unseren Erfahrungen teilhaben. Das Theater ist ein gutes Mittel, die Fortschritte in vielen Dörfern deutlich zu machen.

Dies Kulturkomitee führt auch Gruppentraining für Kinder durch. Sie müssen lernen, sich nicht isolieren zu lassen, auch wenn ihre Elterngetötet wurden. Viele brauchen Unterstützung und Zuspruch, und die Solidarität zwischen uns ist sehrstark gegen den Feind.

Für Gerichte besteht kein direkter Bedarf, weil niemand vor Gericht gebracht werden muß. Streit schlichten wir freundschaftlich. Niemand wird seine Brüder und Schwestern bestehlen, die doch im Kampf gegen diejenigen stehen, die uns alle ausrauben!

Ein Komitee sorgt für die Selbstverteidigung. Wir brauchen eine Miliz aus den Leuten, die in der Produktion stehen, auf, und ihre Mitglieder werden militärisch ausgebildet. diese Miliz steht in direkter Verbindung mit der Befreiungsarmee. Medizin und ärztliche Hilfe dringend nötig Das Gesundheitswesen ist für uns ein großes Problem. Wir brauchen auf diesem Gebiet viel Hilfe. Wir haben kaum Zugang zu irgendwelchen Medikamenten. Wir haben gelernt, wie wir Chinin aus anderen Drogen, die man gegen die Malaria braucht, selbst herstellen können. Vorkurzem führten wir eine Aufklärungskampagne durch, wie man sich selbst gegen Malaria schützt, denn diese Krankheit ist sehr verbreitet unter uns.

Wir destillieren selbst Alkohol nicht um ihn zu trinken, sondern um Wunden zu desinfizieren. Sämtliche Medikamente, über die wir verfügen, sammeln wir in jedem Dorf in gesonderten Räumen. Hier bekommen die Leute Elementarunterricht in Ge-

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sundheitslehre durch die Ärzte der Befreiungsarmee, wenn sie vorbeikommen.

Wenn wir Leute in die Komitees oder zur Teilnahme an der Führung der neuen Gesellschaft, die wir aufbauen wollen, wählen, dann nicht auf der Grundlage ihrer politischen Zugehörigkeit, obwohl viele der Gewählten wohl Mitglieder der einen oder anderen Organisation sind. Die Leute werden gewählt, denen man am meisten vertraut. Einen Vertreter der FDR/FMLN gibt es in der Leitung jeder örtlichen Verwaltung, damit die Finheid z irenen und der ruht wird.

Regionale Volksmacht

Am besten sind die Strukturen der Volksmacht in Chalatenango entwickelt, im nördlichen El Salvador. In diesem Gebiet hatten wir vor einem Monat eine Wahl zu einer Regionalregierung, zu der verschiedene PPLs einen Repräsentanten schickten. In Chalatenango gibt es 31 Städte und Dörfer, von denen 27 zu den PPLs gehören.

unterhatten anderen en ent wickeln zu können, auch wenn das schwierig ist, da wir ja mitten im Krieg stecken. Aber sobald die anderen kontrollierten Gebiete sich konsolidiert haben, werden wir auch dort das Experiment von Chalatenango nachmachen und weitere Regionalregierungen organisieren. Das Zielist, eine nationale Regierung aufzubauen, die auf direkten Vertretern der Volksmacht basiert.

Trotz all den Schrecken des Kriegs sind wir sehr optimistisch. Wir wissen, daß wir es möglicherweise mit einer US-Invasion zu tun haben werden. Reagans Ziel ist, uns alle zu töten, weil die USA keine andere Möglichkeit haben, unseren Freiheitskampf zu ersticken. Der Druck auf uns ist ungeheuer, aber wir geben nicht auf. Wir schlagen immer wieder zurück, und das Leben in den befreiten Gebieten gibt uns neues Vertrauen. denn die meisten von uns haben ja diese Art menschlicher Würde nie erlebt, die wir heute schon beim Aufbau des neuen Salvador genießen.

Den Leuten helfen in ihre Dörfer zurückzukehren Für eure Solidarität sind wir sehr dankbar, und wir hoffen, daß ihr weitermacht, denn unsere Kinder haben aufgeblähte Bäuche, und wir brauchen Medikamente, weil wir krank sind. Die Armee der Junta brennt unsere Häuser und Vorräte nieder, und wir brauchen Kleider und Werkzeuge — einfach alles.

Der Bedarf ist groß und wächst weiter an, da immer mehr Leute aus den Flüchtlingslagern in Honduras zurückkehren. Wir hoffen, daß ihr auch den Leuten helft, die in ihre Dörfer zurückwollen, und eure Solidarität verstärkt. Wir sind davon überzeugt, wenn die Welt erst einmal weiß, was für eine Gesellschaft wir in den befreiten Gebieten aufbauen, dann wird sie ihre Solidarität noch mehr verstärken.

Medizinische Hilfe medico international Stadtsparkasse Frankfurt/M Konto 232

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Daniel Bensaid