Am 13. März 1979 eroberten Kämpfer des bewaffneten Arms des New JEWEL Movement (NJM) im Sturm das Radio und die Kaserne von St. George, der Hauptstadt der kleinen, nur 110 000 Einwohner zählenden karibischen insel Grenada, und riefen dann aus dieser Position heraus die Bevölkerung auf, am Sturz der Diktatur Sir Eric Gairys teilzunehmen. Der Erfolg des Aufrufs zum Generalstreik, an dem tausende Arbeiter vor allem in der Hauptstedt teilnahmen, die Mitwirkung der Bevölkerung bei der Suche und Verhaftung der Würdenträger des alten Regimes, und auch die zwei großen Versammlungen, bei denen ungefähr 20 000 Personen von der ganzen Insel zusammenströmten und skandierten: „Die Freiheit kommt, Gairy ist geflogen, geflogen mit einem UFO" (1), illustrierten die Unterstützung, die die Aktion der Kämpfer im Volk fand.
Seit seiner Ernennung zum Premierminister 1967 seitens der britischen Kolonialmacht hatte die Popularität Eric Gairys, eines alten Gewerkschafters, im Volk immer schneller abgenommen, vor allem seit der Verschärfung des diktatorischen Kurses nach der Unabhängigkeitserklärung am 7. Februar 1974. Gleichzeitig nahm die Radikalisierung der Jugend — die Hälfte der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt - im Entstehen zweier Bewegungen Gestalt an: im Movement for Assemblies of the People (MAD) und im Joint Endeavour for Welfare, Education and Liberation (JEWEL). Beide schlossen sich im März 1973 zusammen und bildeten das New Jewel Movement (NJM).
(1] Als begeisterter Anhänger der _ Unidentifizierten Fliegenden Objekte® befand sich Sir Eric Gairy wäh rend des Aufstands vom 13. März 1979 in den USA auf einer Konferenz von UFOlogen. Dort ist er seither geblieben.
In den Jahren 1973 und 1974 bot die Diskussion um die Unabhängigkeit den Rahmen der Volksmobilisierungen. 1973 versammelte das NJM 10 000 Menschen zu einer Volkskonferenz über die Unabhängigkeit. Diese Konferenz forderte die Teilnahme der Arbeiter am Unabhängigkeitsprozeß, erklärte Eric Gairy der Korruption, Unfähigkeit und Brutalität für schuldig und verlangte seine Entlassung. Am 18. November wurden sechs Führer des NJM verhaftet und von der Mongoose Gang[2], die 1967 vom Premierminister geschaffen worden war, zusammengeschlagen. Diese Aktion war alles andere als dazu angetan, die Popularität des Regimes am Vorabend der Unabhängigkeit zu vergrößern und führte es nur noch weiter in die Isolation. Teile der örtlichen Bourgeoisie gingen offen in Opposition zum Regime und gründeten das Komitee der 22. Am 1. Januar 1974 riefen NJM und Komitee der 22 zu einem Streik auf, der drei Monate dauern sollte. Nach mehreren Demonstrationen und Zusammenstößen mit der Polizei wurde am 21. Januar 1974, zwei Wochen vor der Unabhängigkeit, Rupert Bishop von der Polizei ermordet. Ab diesem Zeitpunkt verstärkte sich der reaktionäre Kurs des Regimes von Sir Eric Gairy immer mehr. Das Streikrecht für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes wurde aufgehoben. Mitfinanziellen Auflagen wurde das legale Erscheinen eines Organs des NJM verhindert.
Nach der Revolution vom 13. März 1979 übernahm die revolutionäre ten Rupert Bishop, ein schweres soziales und wirtschaftliches Erbe: eine Analphabetenrate von 40%, eine Arbeitslosigkeit von 50%, einen extrem niedrigen Lebensstandard, der sich in einem jährlichen Prokopfeinkommen von umgerechnet 750 DM ausdrückte, eine Wirtschaft, in der 80% der Exporte nach Europa gingen und die, von dort vollkommen abhängig, 3/4 der Nahrungsmittel importieren mußte, sowie schließlich eine nur schwach entwickelte Indu strie.
Zweieinhalb Jahre nach der Revolution beschloß die PRG, das Jahr 1982 zum Jahr des wirtschaftlichen Aufbaus und zu einer Anfangsetappe in der Abschaffung der Arbeitslosigkeit innerhalb dreier Jahre zu erklären. Diese beiden Ziele erscheinen umso gewagter, als die Preise der wichtigsten Exportgüter des Landes, Kakao, Muskat, Bananen, auf dem Weltmarkt im freien Fall befindlich sind und der Tourismus, der vorher eine der wichtigsten Devisenquellen für die Karibikinsel gewesen war, durch die internationale Rezession und die feindselige Kampagne des US-Imperialismus erlitt. Aber die Ziele sind ermutigend, wenn man den wirtschaftlichen Niedergang und die Abhängigkeit der übrigen Karibikinseln in Rechnung stellt, die das Ergebnis imperialistischer und kolonialer Herrschaft sind.
Es gibt mehrere Gründe dafür, daß sich die grenadische Führung so hohe Ziele gesteckt hat. Zunächst sind in den dreieinhalb Jahren der Revolution bereits wichtige Ergebnisse erreicht worden. Das räumte sogar kürzlich ein Bericht der Weltbank ein, der bestätigt, daß die Insel Grenada „im Begriff ist, die Fundamente eines künftigen Wachstums zu legen". Die Eröffnung des internationalen Flughafens entweder noch Ende dieses Jahres oder Anfang 1984, der mit Kubas Hilfe gebaut wird und [2) Gairy begründete die Existenz seiner paramilitäri. schen Leibgarde damit, sie si dazu da, Mungos, ein Raubtier aus der Familie der Schleichkatzen, zu jagen - daher der Name.
gegen den die USA eine ständige Kampagne führen, „wird der Entwicklung der Insel dienlich sein". Das Bruttosozialprodukt sei seit 1979 sogar um 2 bis 3% jährlich gestiegen. Der Staat übernimmt in der Wirtschaft mehr und mehr die führende Rolle, indem er agroindustrielle Unternehmen schafft, die Verteilung der Grundnahrungsmittel zu niedrigem. Preis sicherstellt, hunderte Arbeiter beim Bau einstellt und der Landwirtschaft hilft. Im Laufe des Sommers 1982 wurde ein Investitionsgesetz erlassen, das vor allem die Bourgeoisie, die im Handel und im Tourismus konzentriert ist, anhalten soll, sich verstärkt unternehmerisch zu engagieren. Schwach wie sie ist und ohne politische Mittel, scheint diese sich in der Frage ihrer Beziehungen zur Regierung uneinig zu sein. Bis heute kam ausländische Hilfe vor allem aus Kuba. Aber nach der Rundreise führender Regierungsmitglieder in diesem Jahr, dürfte die Wirtschaft in Zukunft auch von der Hilfe der Ostblockstaaten, vor allem der UdSSR und der DDR, und vielleicht einiger arabischer Staaten profitieren. Kanada und Venezuela, durch ihre traditionelle wirtschaftliche Präsenz in der Karibik immer sehr interessiert, und die EG steigern ebenfalls ihre Hilfe für Grenada. Die Reise Maurice Bishops im September 1982 nach Paris hat dagegen vorläufig nur zu Versprechungen geführt, den englischsprachigen Inseln der Kleinen Antillen den Hilfsund Zusammenarbeitsfond, FAC, zu öffnen, der bisher afrikanischen Ländern vorbehalten war. es ist verständlich, daß sich der französische Imperialismus über das, was auf dieser Insel, 200 km von seiner Kolonie Martinique entfernt, geschieht, beunruhigt und daß er bis heute die „Zusammenarbeit" mit Ländern wie Haiti und der Dominikanischen Republik vorgezogen hat.
Der Hauptgrund für den Optimismus der grenadischen Führung liegt dennoch außerhalb rein wirtschaftli. cher Faktoren darin, daß sich in den dreieinhalb Jahren Revolution das Bewußtsein der Bevölkerung erheblich verändert hat, auch wenn die Politisierung nur langsam vonstattengeht. Die Massenorganisationen erlebten einen bedeutenden Auf. schwung, vor allem die Arbeiter- und die Bauernräte seit ihrer Öffnung für GRENADA
CARIB 31.
rajo die gesamte Bevölkerung im Frühjahr 1981.
1981 war mit den Worten Maurice Bishops „ein Jahr der großen Explosion der Volksdemokratie" . Die Regierung wollte Strukturen und Bedingungen schaffen, durch die die Bevölkerung anteilnehmen und damit beginnen kann, Regierungsgeschäfte wahrzunehmen. Jeder Arbeiter hat eine Stimme, hat schöpterische Vorschläge, hat ein wenig Genie". , betonte Maurice Bishop in seiner Rede an die Nation am 1. Januar 1982. Die Bevölkerung konnte an der Diskussion über den Haushalt und den Jahresplan 1982 teilnehmen. Während des ganzen Jahres wurden die Massenorganisationen aufgefordert, die Wirtschaft des Landes und die Gesetzesvorhaben zu diskutieren. Nach der nationalen Konferenz über den Haushalt im Januar 1982 wurde im Juni des gleichen Jahres eine Konferenz den Problemen der Unterbeschäftigung gewidmet, und eine dritte Konferenz hat dieses Jahr über den Dreijahresplan debattiert. Die Bewußtwerdung wirtschaftlicher Zusammenhänge, die solche Diskussionen bewirken, hat wohl auch etwas damit zu tun, daß seit einiger Zeit gewerkschaftliche Kampfe im privaten Sektor aufbrechen.
BEAN SEA .....
Parish Soundartes •over 1000 feet 3 Miles
Kilometre• Nach der nationalen Konferenz über die Unterbeschäftigung, die mehrere hundert Delegierte und junge Arbeitslose versammelte, kündigte die Regierung einen Plan an, der in den kommenden drei Jahren 6000 Arbeitsplätze schaffen soll (das entspräche in der BRD knapp 4 Millionen Stellen): 3000 in der Landwirtschaft, 2000 im Bauwesen, 500 im Tourismus, 100 in der Agroindustrie und 400 im Bildungswesen und anderen Bereichen.
Auch auf die Besetzung von traditionellen Männerberufen durch Frauen wurde Wert gelegt. Diese Frage stand im Zentrum der Debatten des Kongresses der Nationalen Frauenorganisation Anfang Dezember 1982. Der Wirtschaftsminister verkündete kürzlich, daß die Arbeitslosenquote, die 1979 bei 49% gelegen hatte, nur noch 14% beträgt und daß das Land in den kommenden Jahren gar an Arbeitskräftemangel leiden könnte.
Das Todesurteil, das am vergangenen 1. November über vier Personen verhängt wurde, die an einem Attentat gegen die Führung des NJM 1980 beteiligt gewesen waren, das zum Tod von drei Mädchen geführt hatte, war auch eine Gelegenheit, die