Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Kurdenfrage in der Türkei

· Inprekorr Nr. 1 (151), 13. Januar 1983 · S. 11-14 · 3.408 Wörter

Griechenland und Türkei Iran Arabische Welt und Golf Großbritannien

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tismus" verbirgt, ist die Kurdenfrage. Die herrschende Klasse der Türkei vermeidet es jedoch konsequent, die Kurden beim Namen zu nennen, da sie ihre seit Jahrzehnten systematisch gehegte Schweigemauer um die Kurden nicht gefährden will. Die Kämpfe der Kurden im Iran nach dem Sturz des Schahs für ihr Recht auf Selbstbestimmung versetzten die herrschende Klasse der Türkei in Angst und Schrecken, weiß sie doch nur zu gut, daß dieser Kampf auch die Kurden in der Türkei in ihrem Widerstand gegen sie anspomt. Keine Maßnahme verursacht ihr Skrupel, keine erscheint ihr ausreichend, um jeden Widerstand schon im Keim zu ersticken.

Am 26.3.79 verkündete der damalige stellvertretende Ministerpräsident Sükan, daß das Militär in Alarmbereitschaft versetzt wurde, und die Regierung zur Klävon HAYDAR DEMIRCI rung der weiteren Entwicklung im Nahen Osten" (eine andere Sprachregelung für die Kurdenfrage) nach dem Sturz des Schahs mit den betroffenen Staaten noch zusammenarbeiten müsse. Der

Geheimdienst soll an diese neuen Bedingungen angepaßt werden, und die Regierung habe bereits einige „Experten" (wohl auch den CIA) um Rat und Hilfe gebeten.

Während in der westeuropäischen Presse viel über ein mögliches Überspringen des kurdischen Befreiungskampfes auf die Türkei spekuliert wird, erklärt der Nationale Sicherheitsrat am 3.4.79 seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Khomeini-Regime im Iran. Gleichzeitig werden im Rahmen einer Propagandakampagne Meldungen in die Presse lanciert, wonach die israelischen Zionisten Waffen an die Minderheiten in „Ost-Anatolien" (das ist die Umschreibung für das kurdische Gebiet in der Türkei) lieferten. Mit solchen Meldungen soll der Befreiungskampf der Kurden bei den Linken diskreditiert und isoliert werden. Ansonsten wird in dieser Propagandakampagne die uralte Lüge zum x-ten Mal wiederholt, daß es in der Türkei überhaupt keine Kurden gäbe, Tatsächlich leben in der Türkei über 10 Millionen Kurden, das ist ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

Am 14.4.79 reiste der damalige Außenminister Ökcün in den Iran, Generalstabschef Hikmet Cetin in den Irak, beide zwecks Zusammenarbeit in der Kurdenfrage. Am Tag darauf tagten die Gouverneure der Städte Türkisch-Kurdistans und diskutierten die Kurdenfrage. Kurz darauf wurden 1000 Geheimpolizisten aus dem Westen der Türkei in das kurdische Gebiet versetzt.

Trotz dieser beinahe hektischen Aktivitäten stellten in diesen Tagen die 6 parteilosen Minister ihr oben erwähntes Ultimatum. Hierauf reagierte Ministerpräsident Ecevit nach einer 24 stündigen Marathonsitzung am 24.4.79 mit der Verlautbarung, daß bisher effektive Maßnahmen unternommen worden seien und auch weiterhin unternommen werden und daß in diesem Sinne eine Übereinstimmung mit den 6 parteilosen Ministern erzielt wurde. Es blieb nicht bei Worten: am 26.4.79 wurde das Kriegsrecht auf weitere 6 Städte im kurdischen Gebiet ausgedehnt. Aber trotz dieser Maßnahme traten 2 der 6 Minister und ein Stellvertretender unter Protest aus der Regierung aus.

Ecevit wurde allerdings nicht nur von dieser Seite bedrängt: als im August anläßlich des groß angelegten Vernichtungsfeldzuges des Khomeini-Regimes gegen die Kurden im Iran - die Ecevit- Regierung den iranischen Truppen den Durchmarsch durch türkisches Territorium gestattete, damit diese den Kurden an einer anderen Stelle in den Rücken fallen konnten, drohten andererseits 2 Parlamentsabgeordnete aus dem kurdischen Ge biet mit dem Entzug ihrer Unterstützung für die Ecevit-Regierung. Ecevit sah sich daraufhin genötigt zu versichern, sich nicht mehr in iranische Angelegenheiten einzumischen. Natürlich forderte diese Erklärung die Rechten heraus, die dies zum Anlaß nahmen, ihm wieder einmal Unfähigkeit gegenüber dem „Separatismus" vorzuwerfen.

Nun ist aber das „Kurdenproblem" nur eines der Probleme, wenn auch ein sehr brisantes, mit dem sich die herrschende Klasse in der Türkei herumzuschlagen hat: trotz ungeheurer Ausbeutung der Arbeiterklasse steht die türkische Wirtschaft vor ihrem völligen Ruin. Die Inflationsrate klettert unaufhörlich und

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besiegt, der kurdische Staat zerstört. Seinerzeit schrieb ein gewisser A. Wilson, seines zeitens Verireter der englischen Regierung. en selbige: Wenn die Kurden ihre Autonomie erreichen sollten, möchte ich bemerken, daß es dann nicht moglich sein dürfte, eine feste Regierungsautorität zu crrichten... Aufgrund der geographischen und strategisch wichtigen Lage von Süleymaniye und wegen seiner reichen natürlichen Quellen muß die Kontrolle sehr sicher in unserer Hand sein". Nacht der Zerstörung des kurdischen Staates wurde eine arabische Monarchie Hasim: Familic nach englischen Empfehlungen in rien Sattei gehoben, die jederzeit den britischen interessen zu dienen bereit war.

Aler schon am 20. Dezember 1919 fannte unter Serif Pascha der kurdische Befreiungskampf emeut auf. Dieser Kampi brachte einen gewissen, allerdings wieder nur vorübergehenden Erfolg: die alliierten Staaten mußten die nationalen Rechte der Kurden und ihr Selbstbestimmungsrecht in Sevre-Abkommen vom 10.8.1920 anerkennen. Dieses Abkommen wurde zwischen den USA, Frankreich. Großbritannien, Italien und dem Osmanischen Reich abgeschlossen: es gestelıt den Kurden nach den Paragraphen 62, 63 und 64 die Autonomie in ihren alten Gebieten zu.

Fir die Interessen der Imperialisten (vor allem am Ol) war eine sichere Kontrolle des „Nahen Ostens" unerläßlich, weshalb sie ihnen ergebene Herrscher als politische Autoritäten cinsetzten. Damit nicht genug und engegen anderslau tender Versprechungen wurde die Region in gehıcimen Verhandlungen zwischen Frankreich und England auf dem grünen Tisch - allen natürlichen ethnischen Grenzen zum Trotz - autocteilt. Gänzlich neue Stantengebilde entstanden. Für Kurdistan ledcutete dies die Zerstückelung, Aufteilung und Unterwerfung unter vier verschiedene Staaten, womit die Imperialisten die B'dung eines kurdischen Nationalstaates, der sich ihrer Kontrolle entziehen könne refolgreich zu verhindern wußten. Mit dent geheimen Sykes-Picot- Abkommen as use Aufteilung der Region mid Kursins in Kraft. Es ist dies die Aufteilung, die heute noch existiert. Diese Aufteilung Kurdistans birgt jedoch oine ungeheure Brisanz in sich: ein crfolgreicher Kampf für ein Vereinigtes Kurdistan würde die gesamte imperialistiscle Ordnung der Region sprengen.

Mit dieser Aufteilung begann eine neue Epoche in der kurdischen Geschichte. Ihr interesse nach einem Nationalstaat Konnten sie nicht gegen die Gewalt der Imperialisten durchsetzen. Ihr Nationalbewußtsein konnte nicht ausgelöscht werden. sie selbst wurden zu einer unbequemen Minderheit in den jeweiligen Staaten. in die man sie preßte. Ihr Kampf mußte sich so gegen die syrischen, türkischen, irakischen und iranischen Herrschenden wenden.

Der Befreiungskampf der Kurden in der Türkei

Gegen diese Aufteilung Kurdistans durch die Imperialisten fand 1925 unter der Führung von Scheich Sait ein großer nationaler Aufstand statt. Der ,große Führer" der jungen türkischen Bourgeoisie, Kemal, genannt Atatürk, brauchte trotz Waffenhilfe der Imperialisten 2 Jahre, um diesen Aufstand niederzuschlagen. 27.000 Kurden wurden umgebracht, viele Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Aber schon im Laufe des Jahres 1927 flammte ein neuer Aufstand, an dessen Spitze die Heybun-Organisation stand, auf. Diese Organisation, von türkischen Intellektuellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet, forderte die nationalen und bürgerlich-demokratischen Rechte für das kurdische Volk, aber auch die Rückkehr der zwischen 1908 und 1915 vertriebenen Armenier in ihre Gebiete mit dem Recht der Selbstbestimmung. Ihr Aufstand von 1927-1930 ging unter dem Namen Ararat-Aufstand in die Geschichte ein, denn die Kämpfe konzentrierten sich auf das Gebiet um den Berg Ararat. Zum Zwecke seiner Zerschlagung kam es zu einer intensiven Zusammenarbeit zwischen der türkischen Bourgeoisie und dem persischen Schah. Da der Berg Ararat unmittelbar an der Grenze zum iran liegt, einigten sich Schah und türkische Bourgeoisie auf einen Gebietsaustausch an, der Grenze, damit die türkischen Truppen den Kurden in den Rükken fallen konnten. Nach erfolgreicher Zerschlagung des Aufstandes machte man den Gebietsaustausch wieder rückgängig. Wiederum hatten Tausende von Kurden ihr Leben lassen müssen.

Die gegenseitige Amtshilfe" der Staaten mit kurdischen Bevölkerungsteilen wurde zu einer entscheidenden Strategie zur Niederschlagung ihres Widerstandes. Die oben erwähnte Abmachung zwischen Khomeini und Ecevit weiß sich also in einer langen Tradition.

Um neuen Aufständen vorzubeugen, erließ die türkische Bourgeoisie 1934 ein neues Deportationsgesetz, mit dem die Deportation Tausender von Kurden „legalisiert" wurde. Und dennoch kam es 1936-1938 zum sogenannten Dersim- Aufstand. Dersim ist ein Dorf im kurdischen Gebiet der Türkei, dessen Bevölkerung sich bis dahin geweigert hatte, Steuern an den türkischen Staat abzuführen. 1936 schickte sich schließlich die türkische Bourgeoisie an, diesen Widerstand endgültig zu brechen. Nach zweijährigen erbitterten Kämpfen ohne sichtbaren Erfolg wurde Dersim mitsamt seiner Bevölkerung durch Bombardements der türkischen Luftwaffe in Schutt und Asche verwandelt.

Anschließend verhängte man über das ganze kurdische Gebiet in der Türkei das Kriegsrecht. Versammlungen, jegliche Bildung von Organisationen und Parteien wurden verboten. Kein Tourist durfte nach Kurdistan einreisen, Film- und Fotoaufnahmen waren verboten. Solche chauvinistischen Maßnahmen sind auch heute noch an der Tagesordnung. So wurden 1976 drei westdeutsche Joumalisten (von der FR und der Kölnischen Zeitung), die im kurdischen Gebiet Untersuchungen ansteliten, von den türkischen Behörden verhaftet; ihre Aufzeichnungen und Filme wurden beschlagnahmt.

Nach 1938 gab es in der Türkei keine größeren kurdischen Aufstände mehr. Der Schwerpunkt der Kämpfe verlagerte sich in den İran (Gründung der kurdischen Republik Mahabad 1946) und den Irak. Ökonomische Interessen der türkischen Bourgeoisie an Kurdistan Kurdistan ist für die Bourgeoisie der Türkei ein Freimarkt, eine Rohstoffquelle, und die kurdische Bevölkerung ist für sie eine freie, billige Arbeitskraft. Die Wälder werden verwüstet, aus den Bäumen wird Holzkohle gemacht, die dann in die Fabriken der Kapitalisten in die Westtürkei transportiert werden. Die Bodenschätze wurden ausgeplündert und werden es immer noch. Große Kohlenvorkommen befinden sich in Schirnak, Erzvorkommen in Elazig, Ölquellen gibt es in Batman, Diyarkir und Raman. Die Rohstoffe werden gefördert und sofort zur Weiterverarbeitung und zum Verbrauch in die Westtürkei transportiert, ohne daß die kurdische Bevölkerung, die ja die eigentliche Arbeit macht, einen Nutzen davon hat.

Die Beamten, die in staatlichen und privaten Sektoren in Kurdistan tätig sind, sind speziell dafür ausgebildet, die chauvinistische und militaristische Politik der türkischen Regierung durchzuführen. Schon in den dreißiger Jahren vertraten die regierenden Persönlichkeiten in der Türkei die Meinung, daß die Hauptbesit-

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liegt zZ. (Februar 80) bei 100%. Die Schulden der Türkei bei OECD und IWF sind schon auf über 25 Milliarden Dollar (Herbst 79) gestiegen. Die Türkei, die ihren Außenhandel hauptsächlich mit den USA, BRD, Frankreich, Japan und Italien abwickelt, hat z.B. zwischen 1960-67 aufgrund des ungleichen Tausches die imperialistischen Bourgeoisien einen Gewinn von 34 Milliarden türk. Lira (11,3 Milliarden DM) erzielen lassen. Der Außenhandelsdefizit, der Devisenmangel bei gleichzeitiger Abhängigkeit von großen Öleinfuhren hat zu einer kata. stophalen Versorgungslage mit Benzin, Heizöl, Elektrizität etc. geführt. Der IWF (Internationale Währungsfonds) verordnete der Türkei unter der Regierung von Ecevit eine 40%-ige Abwertung der türk. Lira als Voraussetzung für weitere Kredite, was zur Folge hatte, daß türkische Exportprodukte (Textilien, Tabak, Nüsse, Bodenschätze) für die Imperialisten um 40% billiger wurden, während gleichzeitig Importprodukte, also vor allem auch das Öl, um 40% teurer wurden. Für die Bevölkerung bedeutete dies einen erneuten Anstieg der Lebenshaltungskosten.

Katastrophal sind vor allem die Lebensbedingungen der unterdrückten und ausgebeuteten Bevölkerungsschichten: Nach Angaben des staatlichen Planungsamtes streichen die reichsten 20% der Bevölkerung 80% der von den arbeitenden Massen geschaffenen Werte ein. Selbst nach offiziellen Angaben sind 20% der erwerbstätigen Bevölkerung arbeitslos, das ist ein Arbeitslosenheer von 4-5 Millionen. In Ankara wohnen 65% (!) der Bevölkerung in Elendsvierteln, in Izmir 35% und in Istambul 45%. Ein Arbeiter muß für 1 kg Brot 45 Minuten, für 1 kg Schafskäse 10h35 und für 1 kg Fleisch 12h12 arbeiten. Und diese offiziellen Zahlen sind inzwischen von der Realität längst überholt. Für Speiseöl, Benzin, Kaffee etc. muß die Bevölkerung Stunden in Warteschlangen verbringen. Andererseits ist die Arbeiterklasse der Türkei die kämpferischste und kampferfahrenste in der ganzen Region. Der Klassenkampf ist dort längst schon so intensiv geworden, daß die ganze türkische Gesellschaft in 2 verfeindete Lager gespalten ist. Der Klassenkampf ist bereits zum verdeckten Bürgerkrieg geworden, zum bewaffneten Kampf zwischen Herrschenden und ihren Vasallen einerseits und den Unterdrückten andererseits. Und in dieser Situation, in der die Bourgeoisie ihre Macht radikal in Frage gestellt sieht und in der sie offensichtlich allergrößte Schwierigkeiten hat, mit dieser Bedrohung fertig zu werden, könnte ein neu ausbrechender kurdischer Befreiungskampf für sie den Todesschuß bedeuten. Ecevit, dem es nicht gelang, die Bourgeoisie und erst Recht nicht die Arbeiterklasse in dieser Situation zufriedenzustellen, verlor mit seiner Republikanischen Volkspartei im Oktober 1979 schließlich so viele Stimmen bei den Teilwahlen zum Senat, daß er die Regierung an die reaktionäre Gerechtigkeitspartei Demirels abgeben mußte. Dieser verkündete denn auch sogleich, mit neuen Gesetzen und allen Mitteln „gegen Anarchie und Separatismus" vorgehen zu wollen. Zur Geschichte der Kurdenfrage Von Alters her leben die Kurden in den Gebieten des Taurusgebirge, im Iran, bis hin zu den mittleren Landesteilen Kaukasiens und Mesopotamiens, insgesamt auf einer Fläche von 500.000 km2. Das ist Kurdistan.

Von Kurden bewohnte aspisci Gebiete Meer

Schwarzes Meer • Abkare ahabad TURKEI Tehérane landadsch SYRIEN

IRAN

Bagdade

LIBANON IRAK

ORD Basra

Bis zum 1. Weltkrieg lebte die kurdische Bevölkerung teils in Staaten, teils in Stammesverbänden. Ihr Gebiet wurde immer wieder von arabisch-islamischen Staaten und vom Osmanischen Reich angegriffen und auch teilweise erobert. ihren Invasoren haben sich die Kurden allerdings niemals endgültig unterworfen. So ziehen sich durch die Geschichte des kurdischen Volkes die Unabhängigkeitskriege wie ein roter Faden.

Dieser unnachgiebige Kampf hat ihr Dasein zur nationalen Epoche geführt, obwohl ihr Nationalbewußtsein von seiten der Invasoren und der Nachbarbevölkerung immer wieder gefährdet wurde. Sie hatten sich aber niemals assimiliert.

Im 19. Jahrhundert brachte das Bedürfnis nach Rohstoffen und Absatzmärkten die französischen und englischen Kolonialisten in Bewegung. Durch den Vertrag Hatt-i Hümayin, den sie mit den Osmanischen Herrscher abgeschlossen hatten und der ihnen das Monopol auf Tabak, Salz und Weizen sicherte, gelangten sie auch in den sogenannten „Nahen Osten"

In dieser Zeit machte auch die kurdische Bevölkerung ihr Recht geltend, einen eigenen Nationalstaat zu bilden. Dies mündete 1880 in einen großen Aufstand unter der Führung des Scheich Waydullah Nehru. 1908, zur Zeit der Jungtürkischen Bewegung, der ersten Bewegung einer national gesonnenen türkischen Bourgeoisie, erschien die erste kurdische Zeitung mit dem richtungsweisenden Titel „Kurdistan". Gleichzeitig gingen die Kurden dazu über, sich unter der Führung von Emir Bedirkhan und Serif Pascha fester zu organisieren. Die aus der Jungtürkischen Bewegung hervorgegangene neue türkische Regierung, einer Koalition aus Bourgeoisie und theokratischen Sultanen, lenkte im Gegenzug eine chauvinistische und rassistische Kampagne gegen die Kurden und die Armenier, denn durch deren Unabhängigkeitsbestrebungen sahen die herrschenden Klassen des Osmanischen Reiches ihre Machtinteressen gefährdet. in Südkurdistan.

Als der erste Weltkrieg ausgebrochen war, wurden Kurden gegen Armenier und Russen (zaristische Invasion in Ost-Anatolien) unter dem Deckmantel Islam gegen Gottlose (d.h. Christen) in den Kampf geschickt, aber gleichzeitig wurden 700.000 Kurden aus ihrer Heimat in westliche Gebiete vertrieben. Die Kampagne gegen die Armenier fand ihren schlimmsten Ausdruck darin, daß sich die herrschenden Klassen des Osmanischen Reiches zwischen 1908 und 1915 eines unglaublichen Völkermordes schuldig machten. Um ihren Unabhängigkeitsbestrebungen ein Ende zu setzen, betrieben sie ihre Ausrottung: 1,5 Millionen Armenier wurden in dieser Zeit ermordet, die übrigen vertrieben. Dies war die „Endlösung" der Armenierfrage in der Türkei: sie existiert heute nicht mehr. Im Verlaufe des 1. Weltkrieges gelang es den Kurden, auf der einen Seite gegen die Osmanen, auf der anderen Seite gegen die Engländer kämpfend, vorübergehend eine kurdische Regierung zu bilden, denn es war schließlich zu einer Verständigung zwischen den kurdischen Führern und den Engländern gekommen. Für die Engländer war diese Verständigung wohl taktischer Natur; sie hielt nicht lange. Schon im Mai 1919 beendeten sie diese, indem sie die Stadt Süleymaniye (im heutigen Irak) angriffen. Die Kurden nahmen den Kampf wieder auf, doch trotz erbitterter Gegenwehr wurden sie

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zer des Landes Türken seien und daß die anderen Nationen und Nationalitäten die Aufgabe hätten, der türkischen Nation zu dienen.

Mit den folgenden statistischen Angaben möchten wir die ökonomische Ausbeutung und die unterentwickelt gehaltene Struktur Kurdistans verdeutlichen. Die Investitionen in verschiedenen Zweigen, die in der gesamten Türkei und in Kurdistan 1970 gemacht worden sind, werden miteinander verglichen: Zweige Gesamt- in 22 kurdischen türkei Städten

Tourismus 92,5% 3,7% Wohnungsbau 1 78,7% 21,3% Ausbildung (Schule etc.) 78,3% 21,7% Gesundheitswesen 78,6% 21,4% Andere 76,0% 24,0% Nach den statistischen Angaben der DPT (staatlichen Planungsamts) ist der Wachstumsindex Kurdistans im Vergleich schreibt in seinem sozialkritischen Buch über Kurdistan, daß nür 10% der gesamten •staatlichen und 2,7% der privaten Investitionen im türkischen Kurdistan gemacht worden sind; nur 5% der gesamten Arbeiter der Türkei, nur 4,5% der gesamten Produktionsmaschinen und 1,1% der Generatoren befinden sich im türkischen Kurdistan. Dieser Ismail Besikci wurde wegen diesem Buch zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt. Zu zusätzlich anderthalb Jahren wurde er verurteilt, weil er sagte, daß es Kurden in der Türkei gibt. Noch heute sitzt er im Gefängnis. Sozialpolitik

Zum Zwecke der Türkisierung wird in den Schulen im kurdischen Gebiet der Türkei eine gezielte Zwangsausbildung in ausschließlich türkischer Sprache durchgeführt. Um diese Türkisierung zu intensivieren, wurden zudem Internatsschulen, meist entfernt von Dörfer und Städten, errichtet. Dort werden die Kinder zugleich mit offen rassistischen und faschistischen Inhalten indoktriniert. Und dies nicht ohne Erfolg: viele dieser türkisierten Kinder gehören heute der faschistischen MHP an.

Andererseits wird versucht, den Wissensstand und das Bewußtsein der kurdischen Bevölkerung so niedrig wie möglich zu halten. So werden im Vergleich zu anderen Gebieten in der Türkei bedeutend weniger Schulen gebaut: in der Gesamttürkei gibt es heute noch etwa 4000 Dörfer ohne Schulen, davon gehören 2573 zu den 18 Kreisstädten im kurdischen Gebiet, während auf die 49 Kreisstädte der Resttürkei 1417 Dörfer ohne Schulen entfallen. Nur 11 von 100 Frauen können lesen und schreiben (Quelle: Zeitung Cumhuriyet - Republik - vom 27.12.1979). Die Analphabetenrate in der Türkei liegt insgesamt bei 45%, unter den Kurden jedoch bei 75% (Spiegel vom 2.4.79). Die Gesunheitspolitik ist grausam und nicht dem medizinischen Fortschritt unseres Jahrhunderts angemessen. Eine normalerweise ziemlich harmlose Krankheit wie Masern führt bei den unteremährten Kindem Kurdistans zu massenweisem Kindersterben. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung liegt unter 40 Jahren. Von insgesamt 6657 Fachärzten in der Türkei sind nur 339 in Kurdistan tätig, von den 4238 praktischen Ärzten 665. 70% von allen Ärzten sind in den drei größten Städten der Türkei (Ankara, Istanbul, Izmir) tätig. In Ankara gibt es für 650 Patienten einen Arzt, in Kurdistan für 23.000 Patienten.

Die ökonomische Lage in Kurdistan

In Kurdistan konnte sich bisher nur eine Karrikatur von Kapitalismus entwickeln, denn einerseits wurde versucht, die feudalistische Sozialstruktur beizubehalten und das Entstehen einer Arbeiterklasse zu verhindern, indem kaum Fabriken errichtet wurden, andererseits kam man nicht umhin, die kapitalistische Produktionsweise einzuführen. So in der Landwirtschaft: mit der Anwenwirtschaft wurde das alte Pachtverhältnis abgeschafft, denn für die Bewirtschaftung mit modernen Maschinen sind größere zusammenhängende Landflächen nötig. Die meisten Bauern wurden vom Pachtland vertrieben, die übrigen als Lohnarbeiter verdingt. Die vertriebenen Bauern füllten die Slums der Städte auf. Die bisher selbstständigen Kleinbauern können mit den mechanisierten Grundbesitzern zunehmend weniger konkurrieren; so besteht bei ihnen der Trend, ihr Land abzugeben und ebenfalls in die Slums zu wandern.

Die Bodenverteilung in Kurdistan ist folgende: nur 34,6% der Bevölkerung verfügen über 4,7% des fruchtbaren Landes. 4% der kurdischen Bevölkerung besitzt 33% des Landes. 54,4% der Bevölkerung besitzt kleine Grundstücke von 1 Dönüm (919 qm) bis 25 Dönüm. Um die Interessen der herrschenden Klassen zu sichem, die derzeitige Struktur Kurdistans beizubehalten und die kolonialistische und chauvinistische Politik durchführen zu können, gibt es speziell ausgebildete mobile Kommandoeinheiten, die sowohl dem Großgrundbesitzer als auch dem türkischen Staat zur Verfügung gestellt sind und die in der Lage sind, Rebellen in die Berge zu verfolgen. Durch diese Kommandoeinheiten und mit Hilfe der Gendarmerie wird unter der Bevölkerung ein physischer und psychischer Druck erzeugt und Terror ausgeübt.

Die Angaben uber Kurdistan zeigen, wie das kurdische Volk in der Türkei unter Knechtschaft, Türkisierung, Ausbeutung. kultureller und nationaler Unterdrückung lebt. Der Hauptschuldige der oben geschilderten Struktur, die herrschenden Klassen in der Türkei, ist mit dem Untergang seines treuen Partners, des Schahs im Iran, in einen Teufelskreis geraten. Sie hat Angst, daß in Kurdistan bald ein Aufstand stattfinden wird. Der ehemalige Ministerpräsident Ecevit hat als Sprecher der Bourgeoisie der Türkei im europäischen Parlament laut gejammert „die Türkei wird von Separatisten (Kurden) gespalten; ihr solltet als Partner uns helfen". Das zeigt ihre Panik und wie die kurdische Frage sie beunruhigt.