DIE INDISCHEN TROTZKISTEN ZUR REVOLUTION IN BANGLA DESH ++++++++++++++++++ + + + + + + + + + + + + ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Die folgende Resolution wurde auf der in Bonbay vom 30. Dezember bis zum 2. Januar tagenden nationalen Konferenz der indischen Sektion der IV. Internationale angenommen. Die Delegierten änderten den Namen ihrer Organisation: die frühere S. W.P.I. ( Sozialistische Arbeiterpartei Indiens) nennt sich nun Communist League. In diesem Dokument wird der neue Name gebraucht.
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Aus dem Verlangen nach größerer Autonomie im Rahmen eines vereinigten Pakistan, von den Führern der Awami-Liga nach ihrem überwält genden Sieg bei den Wahlen von 1970 vorgebracht, wurde bald ein nationaler Befreiungs ‹ampf von Bangla Desh, der sich gegen die westpakistanische Ausbeutung richtete. Seit der Gründung Pakistans im Jahre 1947 nach der künstlichen Teilung des Subkontinents gemäß religiösen Kriterien wurde das von Natur aus reiche Ostbengalen von der herrschenden Klasse Westpakistans wie eine Kolonie ausgebeutet Daher ist es verständlich, daß die Militärjunta nicht gewillt war, ihre ökonomische Herr schaft in Ostbengalen aufzugeben, und daß sie sich entschlossen hat, die wirtschaftliche Aus Bald nach dem Scheitern der Unterredungen vom Marz 1971 zwischen Yahya Khan und Scheid Mudschibur Rahman, dem Führer der Awami-Liga, die als Siegerin aus den ersten regulären Wahlen in Pakistan hervorging, veranstaltete die westpakistanische Armee eine noch nie da gewesene barbarische Schlächterei. Die Führer der Awami-Liga, die überhaupt nicht auf or ganisierten Widerstand vorbereitet waren, flohen nach Indien und begaben sich unter den Schutz der indischen Regierung. Sie bildeten dort eine Exilregierung, die ihre Aktivitäten im wesentlichen in Propagandierung der Greveltaten der westpakistanischen Armee aufbrauch te. Hunderttausende unschuldiger Bengali wurden von der Armee grausam massakriert. Die Aufgabe, den Kampf gegen die barbarische Repression aufzunehmen, fiel sporadischen Gruppen zu, die von der militanten Jugend unter der Führung der Mukti Bahini gebildet wurden Die Massen schlossen sich bald diesen militanten Gruppen an. Aufgrund der Entschlossenheit, die die Jugend zeigte, wuchs der Widerstand der Mukti Bahini immer mehr an. Die indische Regierung war nicht sehr darum bemüht, den Mukti Bahini adäquate Waffen und Übungsmöglichkeiten zu gewährleisten, sie versuchte vor allem, diese Bewegung unter ihrer Kontrolle zu halten. In der Zwischenzeit waren fast 10 Millionen Flüchtlinge nach Indien ausgewandert, um den Brutalitäten der Armee zu entkommen. Doch der Widerstand der Mukti Bahini übertraf bei weitem die Erwartungen der indischen Bourgeoisie, und weite ländliche Gebiete kamen unter Kontrolle der Mukti Bahini. Als die indische Regierung bemerkte, daß sie nicht mehr in der Lage war, den Befreiungskampf nach ihren Interessen zu lenken, entschied sie sich für die direkte militärische Intervention. Die traditionellen linken Parteien, besonders die CPI ( Kommunistische Partei Indiens) und die CPI(M) (die KP mit dem Zusatz 'Marxisten') versagten in ihrer Aufgabe, die westber galischen Massen für eine militante und effektive Teilnahme am nationalen Befreiungskamp des Volkes von Bangla Desh zu mobilisieren. Sie begnügten sich damit, die indische Regierung zu drängen, den Kampfverbanden der Mukti Bahini mehr Hilfe und Waffen zukommen zu lassen.
Die indische Regierung interveniert militärisch in Banala Desh, um den Mukti Bahini die Führung des nationalen Befreiungskampfes zu entreißen und in Dakka eine Regierung der Awami-Liga einzusetzen. Dies führte zum Krieg mit dem Militärregime von Westpakistan, einem Krieg zwischen zwei bourgeoisen Staaten, der nun seinerseits reaktionäre Auswirkungen hatte. Die indische Regierung unterstützte den Befreiungskrieg im Interesse ihrer S. 2 INPREKORR 15.2.72
eigenen Bourgeoisie, die sich die Erweiterung ihres Marktes und neue Investitionsmöglichkeiten verspricht. Diese Intervention war hauptsächlich aufgrund der opportunistischen Politik der regierenden Bürokratien der zwei größten Arbeiterstaaten, der Sowjetunion und Chinas, und der opportunistischen und chauvinistischen Politik, die von den traditionellen linken Parteien in Indien getrieben wurde, möglich. Während die Sowjetunion eine Politik betreibt, wo sie sich nach der Unterzeichnung des indisch-sowjetischen Freundschaftspakts völlig hinter den bourgeoisen indischen Staat stellt, unterstützt die maoistische Bürokratie in Peking offen das Yahya-Regimebei seinem Massenmorden in Bangla Desh. Beide Bürokra tien übergingen das Recht des Volkes von Bangla Desh, seine Zukunft als Nation selbst zu bestimmen. Die chinesische Bürokratie spricht selbst heute noch von der Erhaltung der Einheit und Integrität Pakistans als Nation.
Nachdem die indische Regierung Bangla Desh vom Joch des westpakistanischen Militärregimes "befreit" hat, ist sie damit beschäftigt, die Awami-Liga als Regierung einzusetzen. Die anderen Kräfte, die an den Kämpfen teilgenommen hatten, sollen ausgeschlossen bleiben. Die Abgeordneten der Awami-Liga waren im Dezember 1970 zu einem anderen Zweck und unter anderen Umständen gewählt worden, nämlich mit dem Mandat, im Rahmen des kapitalistischfeudalen pakistanischen Regimes den Massen von Bangla Desh kleinere Zugeständnisse zu gewähren.
Die indische Regierung ist offensichtlich an einer sogenannten "gemischten Wirtschaftsform' (staatlichen und privaten Kapitals) nach indischem Vorbild in Bangla Desh interessiert sowie an einer Administration, die der indischen Bourgeoisie dienlicher ist. Aber in der Periode des Widerstands, die von 25. März bis zum 3. Dezember 1971 daverte, ist eine neue revolutionäre Situation in Bangla Desh entstanden. Die jungen Partisanen, die den heldenhaften bewaffneten Kampf gegen die westpakistanische Armee geführt haben, konnten beträchtlichen Einfluß auf die Massen von Bangla Desh gewinnen, besonders in den ländlichen Gebieten. In einigen von den Mukti Bahini befreiten Gegenden wurde von der ansässigen Bevölkerung eine eigene Regierung gebildet, die sich auf gewählte Aktionskomitees stützte und die Verwaltung der Dörfer kollektiv übernahm. Die Mukti Bahini - Partisanen, die den Befreiungs kampf geführt haben, werden kaum bereit sein, ihre Waffen niederzule gen, wenn sie nicht der neuen Regierung vertrauen und sicher sein können, daß sie die Hoffnungen des Volkes erfüllen wird. Die Ereignisse in der Folge der Befreiung von Bangla Desh lassen erkennen, daß die indische Bourgeoisie und die Awami-Liga danach trachten, eine Regierung zu errichfen, die die Interessen des kapitalistischen Establishments schützen und verteidigen wird. In der Zeit der Kämpfe und der Repression flohen die Industriellen und Landbesitzer und überließen die Industrien und das Land den Massen. Die Juete- und anderen Industrien wurden im wesentlichen von der westpakistanischen Kapitalistenklasse kontrolliert. Die reichen Teeplantagen waren zum großen Teil im Besitz englischer Gesellschaften, und das Land gehörte Feudalherren aus dem westlichen Pandschab. Die Bengali besaßen keine größere Fabrik oder Plantage, und durch die Flucht der fremden Kapitalisten und Landbesitzer entstand ein Vakuum. Die Massen, die gegen die westpakistanische Repression gekämpft hatten, kontrollieren jetzt das Land. Die Situation ist ideal für die Umwandlung der nationalen Befreiungsbewegung in eine echte sozialistische Wirtschaftsorganisation, wobei alle Industrien und Plantagen beschlagnahmt und die gesamten Produktionsmittel, auch das Land, nationalisiert werden müssten. Die Arbeiterkontrolle der nationalisierten Betriebe müsste eingerichtet und das Land Bauerngenossenschaften und Kollektivfarmen übergeben werden. Doch anstatt eine sozialistische Wirtschaft zu errichten, strebt die Awami-Liga danach, nach indischem Muster den Kapitalismus der " gemischten Wirtschaft" einzuführen, wobei sie geschickt von der indischen Bourgeoisei geleitet wird. Während die Industrien und Plantagen, die sich vorher in fremdem Besitz befanden, verstaatlicht wurden und nun von professione/-
len Bürokraten verwaltet werden, sind auch Privatunternehmen auf Profitbasis zugelassen. Auch fremdes Kapital ist willkommen, um die zerstörte Industrie und die ganze Wirtschaft zu entwickeln.
Das Hauptproblem für die Awami-Liga und die indische Bourgeoisie ist die Entwaffnung der Mukti Bahini und anderer Guerillatruppen, die zur eigentlichen Kampfkraft im befreiten Bangla Desh geworden sind. Der Versuch, diese Kämpfer zu entwaffnen, muß konsequenter weise eine neve Situation heraufbeschwören, denn die bewaffnete: Kämpfer werden eventuell der indischen Bourgeoisie und den neo-kapitalistischen Herrschern von Bangla Desh ent schlossenen Widerstand leisen. Die indische Armee, die als "'Befreiungsarmee" einmarschiert ist, könnte schon bald als Besatzungsarmee erkannt werden, wenn sie zur Unterdrückung re volutionärer Kämpfe eingesetzt wird und die "wohlerworbenen"" Interessen der indischen Bourgeoisie und der Awami-Liga schützt. Dann werden die Massen von Bangla Desh und die ausgebeuteten Massen von Indien, insbesondere von Westbengalen, ihren gemeinsamen Feind erkennen: die indische Bourgeoisie. Dies ist der günstigste Zeitpunkt, um klarzulegen daß der Kampf der Massen von Bangla Desh und von Westbengalen ein und derselbe ist. Im Prozeß des Zusammenwachsens des Kampfes werden zwangsläufig auch die ausgebeuteten Massen der beiden Teile Bengalens in immer engeren Kontakt kommen. Das Volk in Ost- und Westbengalen hat eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Kampftradition, eine gemeinsame Kultur, und nun eine gemeinsame Aufgabe vor sich.
Die künstliche Spaltung des bengalischen Volkes auf religiöser Grundlage konnte nur kurze bestehen. Der nationale Befreiungskampf zerstörte den Mythos der Identität aufgrund religiöser Anschauungen, und die neve Regierung in Bangla Desh hat einen laizistischen Staat ausgerufen. Angesichts der unsaglichen Leiden des Volkes von Bangla Desh in den letzten 25 Jahren wird jeder Versuch, religiöses Sektierertum wieder zu beleben, von den Massen gewaltsam und effektiv bekampft werden.
Neben dem ungelösten nationalen Problem, das bereits ausreichen sollte, die beiden Teile Bengalens zu vereinigen, hat der bewaffnete Kampf, den das Volk Ostbenaalens 9 Monate lang geführt hat, auch auf Westbengalen einen starken revolutionären Einfluß ausgeübt. Der Sieg der indischen Bourgeoisie in diesem Krieg hat ihr eine zeitlang geholfen, die akute ökonomische Krise zu überdecken, in der sie seit dem letzten Jahr steckt. Aber diese Krise ist sofort nach Beendigung des Krieges wieder sichtbar geworden. Die Tatsache, daß sich die indische Regierung entschlossen hat, Wahlen abzuhalten, ohne den Staatshaushalt vorher offenzulegen, mag einen Hinweis für den Ernst der Situation geben. Da Indien ein riesiges Land von subkontinentalen Ausmaßen ist, ist die politische und ökonomische Entwicklung der Massen und der Religionen sehr ungleichzeitig in den verschiedenen Staaten. Es ist wahrscheinlich, daß die Krise der Bourgeoisie sich am deutlichsten in Staaten wie Westbengalen manifestiert, wo bereits Massenkämpfe stattgefunden haben. Eine revolutionäre Situation kann sich in Westbengalen viel schneller entfalten aufgrund der Nähe zu Bangla Desh, wo das Volk bereits durch die Erfahrung des bewaffneten Kampfes gegangen ist. Daher ist es die Pflicht der westbengalischen Revolutionäre, diesen Prozeß zu beschleunigen, indem sie effektive Klassenkämpfe initiieren und den Kampf der Massen in beiden Bengalen zusammenführen. Die Kommunistische Liga betrachtet diesen Moment als besonders günstig für die Parole "Vereinigtes Sozialistisches Bengalen" , die nicht eine nur nationalistische Parole ist, sondern ein Slogan für den revolutionären Sturz der Bourgeoisie auf dem ganzen Subkontinent.
Mit diesem Ziel vor Augen stellt die Kommunistische Liga folgende Übergangsforderungen: 1 - Sofortiger Rückzug der indischen Armee aus Bangla Desh, damit das Volk seine Zukunft selbst entscheiden kann, ohne jegliche Einmischung von außen.
2 - Die Mukti Bahini müssen ihre Waffen behalten und zum Kern einer Volksarmee von Bang
la Desh werden.
3 - Sofortige Wahlen für eine verfassungsgebende Versammlung, damit Bangla Desh eine sozialistische Verfassung erhält. Vorübergehend soll eine provisorische Regierung all der Kräfte, die sich aktiv an den Kämpfen gegen die Militärjunta Westpakistans beteiligt haben, gebildet werden.
4 - Die westpakistanische Ausbeutung darf nicht durch indische oder irgendeine andere fremde Ausbeutung ersetzt werden.
5 - Nationalisierung aller Produktionszweige, auch des Landes, da in Bangla Desh keine Kapitalisten- oder Großgrundbesitzerklasse existiert, die diesen Namen verdient. 6 - Verteilung des Landes an die Bauern, die es während des Krieges auch verteidigt haben. 7 - Errichtung von Arbeiterräten, die die Leitung in den Betrieben und Fabriken übernehmen. 8 - Beschlagnahme aller Plantagen und alles Landes, das vorher in Besitz ausländischer Kapitalisten war, und Überführung des Landes in Bauerngenossenschaften. 9 - Offene Grenze zwischen Bangladesh und Westbengalen, damit die kulturelle Integration der beiden Teile Bengalens erleichtert wird.
10 - Verschmelzung des Kampfes der Massen in Westbengalen und der Kämpfe in Ostbengalen mit dem Ziel eines Vereinigten Sozialistischen Bengalen.
11 - Errichtung des Staatsmonopols für den Außenhandel.
12 - Errichtung von Arbeiter- und Bauernkomitees, die den Binnenhandel überwachen und für die Verteilung der lebensnotwendigen Güter sorgen.