Ostrava, das ist eine kleine Minenarbeiterstadt im Norden des Landes, nahe der polnischen Grenze. Die Arbeitsbedingungen sind dort schlecht, die wöchentliche Arbeitszeit beläuft sich auf zweiundvierzigeinhalb Stunden. Nicht selten müssen die Kumpel zusätzlich noch Überstunden machen, um sich einen halbwegs ausreichenden Lebensstandard sichern zu können. Mangels modemer Investitionen sind die Zechen nicht genug rentabel. Sieht man einmal von den „Helden der Arbeit" ab, so kommt ein Arbeiter, der unter Tage arbeitet, monatlich auf 2050 Kronen (400 DM), wenn er zusätzlich zu seiner Arbeitswoche auch noch die Samstagsschicht macht und das Plansoll erfüllt". Wenn die betreffende Ader zu wenig Kohle enthält, müssen sich die Kumpel über die Sicherheitsbestimmungen hinwegsetzen, um die Normen zu erfüllen. Zu diesen schlechten Arbeitsbedingungen gesellten sich im vergangenen Juli auch noch spektakuläre Preissteigerungen bei den wichtigsten Konsumgütern. Laut Angaben der Prager Aktivisten des VONS sei den Arbeitern Ostravas an einem Tag im Juli endgültig der Kragen geplatzt. Sie sollen sich in den Straßen versammelt haben. Redner seien gegen die Preissteigerungen und schlechten Arbeitsbedingungen aufgetreten. Kurze Demonstrationen sollen stattgefunden haben. Die .,Volksmiliz" und die Polizei haben diese Kundgebungen sehr schnell aufgelöst. Das Ganze habe bloß einen Tag gedauert.
Ein Tag des Zorns. Der genaue Ablauf der Ereignisse konnte vom VONS noch nicht völlig überprüft werden. Eines steht aber schon jetzt fest: im Juli hat sich etwas Bedeutendes in Ostrava zugetragen.
Tag fragt ihn sein Direktor, warum er sich mit Unbekannten im Zoo geschlagen habe. Tatsächlich hatte eine Gruppe diese Nacht auf ihn im Zoo gewartet, wovon die Polizei den Direktor noch vor der Schlägerei in Kenntnis gesetzt hatte. Die Polizeibürokraten hatten wohl nicht mit einem unvorhergesehenen Ereignis gerechnet...
Ein solches Leben ertragen nur wenige Menschen. Die wirtschaftliche Situation hat sich in den letzten Monaten kraß verschlechtert. Die Preise haben einen spektakulären Höhenflug angetreten. ,Bis zu 200% Teuerung bei gewissen Waren, wie Kleider beispielsweise", hat man mir berichtet. Ich hatte die in den Auslagen angegebenen Preise tatsächlich sehr hoch gefunden: keine Schuhe unter Kronen (60 DM), keine Anzüge unter 700 Kronen (140 DM). Der durchschnittliche -Monatslohn eines Arbeiters beträgt 2200 Kronen (440 DM). Häufig sind auch die Schlangen Wartender vor den Nahrungsmittelgeschäften, während die Gas- und Stromausfälle zum Alltag gehören. Die Korruption und der Schwarzmarkt haben alarmierende Dimensionen angenommen. Das erste Mal seit langer Zeit hat „Rude Pravo nun über einen spektakulären Korruptionsfall berichtet. „Aber sie unternehmen natürlich nichts dagegen", erklärt man mir sofort.
Gedemütigt und geehrt Die Willkür der bürokratischen Planung begünstigt im Gegenteil die Korruption. So hat mir eine Bekannte erklärt: Wenn gewisse Zigarettensorten zu fehlen begin- - und das kommt oft vor = dann mußt du den Händler kennen und teurer Bezahlen, um sie. zu bekommen Die Päckchen, die übrig bleiben, werden unter dem Verkaufspult versteckt, und der Verkäufer kassiert zwei Kronen mehr pro Päckchen." Über diese Verschlechterung der ökonomischen Lage wird in der Öffentlichkeit nicht gesprochen. Offensichtlich schweigt die Bevölkerung. In den Familien aber, wird mir berichtet, protestiert und schimpft man fleißig. Bei Zusammenkünften unter Freunden und Bekannten ist • das das wichtigste Gesprächsthema. „Die Masse der Arbeiter schluckt - gedemütigt - ihre Unzufriedenheit in sich hinein. Sie verfügt über kein eigenständiges Instrument, um ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen, und es ist schwierig, den Schritt zu einer kollektiven Aktion zu wagen". Daß das trotzdem vorkommt, beweisen die Ereignisse in Ostrava (siehe Artikel).
Es gibt natürlich auch noch ein anderes Bild der Arbeiterklasse, auf das man in der Prikope Straße im Zentrum der Stadt stößt. Straßenbahnen gleiten vorbei, eine kalte Herbstsonne scheint herunter und man steht vor einer großen ockergelben Mauer, auf der vielleicht hundert Foto- Portraits angebracht sind. Ich habe zuerst gedacht, es handelt sich um das Zentralkomitee, und fand die ganzen grußlos und schnellen Schrittes vorbeieilenden Passanten recht respektlos. Ein Freund hat mir dann erklärt, daß das die „Helden der Arbeit" sind, also die Enkel des legendären Stachanovs. Durchwegs Männer übrigens, einige mit Krawatten, andere wieder in Bergarbeiter- Montur, lächeln sie stolzen Blickes auf mich herab. In der CSSR verstaubt der „Mann aus Marmor" (den der polnische Regisseur Wajda in seinem gleichnamigen Film beschrieben hat) noch nicht in den Abstellkammer der Museen. Er wird im Gegenteil mit Ruhm überhäuft und erhält einen ganz beachtlichen Lohn sowie saftige Prämien. Man sieht ihn auch im Fernsehen, bei offiziellen Kundgebungen werden ihm Blumen überreicht. Manchmal freilich bekommt er auch eins über die Nase; so • geschehen mit einem gewissen Sakmar in den Zechen von Stanice. Sakmar hatte die Normen mehr. als überfüllt und mußte in einem Spital zusammengeflickt werden.
Die Tätigkeit der Charta 77 und des VONS ist schwierig. Sie erfordert Ausdauer und Mut. Sie stößt aber auch auf große Sympathie, die freilich noch zu passiv ist. Julius Tomin, der manchmal auf die Straße geht, „um mit den Leuten zu sprechen" ; um sie einfach über das, was passiert, zu informieren, schätzt, daß insgesamt rund 200 Personen in dem und rund im das Gericht während des Prozesses demonstriert haben. Das ist schon viel". ', meint er. Montag Mittag haben sich rund 60 Demonstranten in der Spalena- Straße vor dem von der Polizei bewachten Gebäude versammelt. Sie wurden auseinanderge trieben, einige verhaftet (37 am Montag Nachmittag, sieben Jugendliche unter 18 Jahren am Dienstag Abend), andere bloß vorübergehend festgenommen. Das Verhalten der Bevölkerung ist typisch: Passanten gingen vorbei, verstanden offensichtlich sehr gut, was los war, aber wagten nicht zu demonstrieren. Der Einfluß der westlichen Arbeiterbewegung
Desgleichen, wenn auch der Ausgang des Prozesses einen leichten Rückzieher des Regimes angesichts der intemationalen Solidarität darstellt, so ist dieses Ergebnis doch äußerst schwerwiegend, bedeutet es ja die Einkerkerung wichtigster Aktivisten der Opposition. Jiri Hajek, ebenfalls Sprecher der Charta 77, hat in besonders eindringlicher Weise die Bedeutung und die Notwendigkeit der Fortsetzung der internationalen Solidarität unterstrichen: , Wir sind für alle Unterstützungsaktionen zugunsten der Menschenrechte sehr dankbar, aber wir müssen eine ganz besondere Wichtigkeit allem beimessen, was von der Linken kommt". Das sei am wirksamsten gegen ein Regime und eine Polizei, die vorgeben, im Namen der Arbeiterklasse zu reden und zu handeln. Das VONS wird seine Aktivitäten fortsetzen. Laut Jiri Hajek „akzeptieren all jene, die an der Entwicklung einer sozialistischen Gesellschaft interessiert sind, derartige Initiativen zur Entfaltung der Bürgerrechte als eine Kraft, die diese Entwicklung unterstützt. Ich verstehe, daß die bürokratischen Elemente allen Initiativen der Staatsbürger feindlich gesinnt sind, weil sie die Bevölkerung manipulieren wollen". Die sechs Verurteilten werden sehr schwere Haftbedingungen vorfinden. Anna Sabatova, die Frau Petr Uhls, der zu S Jahren Gefängnis verurteilt wurde, hat uns erklärt: „Ich werde große materielle Probleme mit meinen beiden Kindern haben. Welches Recht werde ich haben, Petr Uhl zu besuchen? Wenn das Urteil im Berufungsverfahren bestätigt wird, werde ich ihn nur einmal alle sechs Monate sehen - während einer Stunde, und ich werde ihm nur ein Paket von zwei Kilo geben dürfen. Ich werde ihm schreiben dürfen, aber er wird mir nur einmal alle zwei Wochen antworten können. Ein einziger anderer Familienangehöriger darf ihm noch schreiben und niemand sonst". Wie sein Schwiegervater Jaroslav Sabata wird auch Petr Uhl die extrem strenge Behandlung ,zweiter Kategorie" erleiden, weil er bereits einmal verurteilt wurde. Es ist ihm verboten, zu rauchen oder Geld zu erhalten. Er muß selbst, um seine Unterwäsche wechseln zu können, zwei Wochen warten. Die anderen vier Gefangenen werden sich in der „ersten Kategorie" befinden, die freilich nicht besser ist. Während ihrer Untersuchungshaft zwang man sie beispielsweise, den ganzen Tag lang in ihrer Zelle stehen zu bleiben. Es war ihnen verboten, sich länger als einige Minuten pro Tag auf einen Schemel niederzusetzen und zu lesen.
So erwarten die Verurteilten von Prag und alle ihre derzeit gefangenen Freunde von uns eine Solidarität, die ihres Mutes würdig ist. Davon ist man überzeugt, wenn man aus Prag zurückkommt. ANMERKUNG:
1) „Vivre dans la verite" (Leben in der Wahrheit) von Vaclav Havel in der Nr. 1 der neuen französischen Zeitschrift der. linken Ostimmigration „Alternative", erschienen bei Maspero.
Augenzeugenbericht
Haltlose Beschulligungen und Verleumdungskampigne
Man hat also auf den Schluß des Prozeß am Montag den 22. Oktober Prozesses warten müssen, damit sich das eröffnet. Bei ihrem Versuch, die Ange- Organ der KPC, „Rude Pravo", dazu klagten und ihre Freunde zu isolieren, ist aufrafft, diesen Prozeß zu kommentieren. es der Polizei aber nicht gelungen, die Über den tatsächlichen Verhandlungs- inländische Solidarität auszuschalten. ablauf wird darin freilich nichts ausgesagt. Rund 200 Tschechen, von denen einige Über die Erklärungen der Angeklagten, aus der Provinz gekommen waren, haben den gemeinsamen Antrag sämtlicher dieser Solidarität durch eine Demonstra- Anwälte auf schlicht und einfach Frei- tion vor dem Gericht in der Spalenaspruch ihrer Mandanten, darüber erfuhr Straße einen sehr konkreten Ausdruck die Bevölkerung der CSSR rein gar verliehen. Montag Vormittag sind rund nichts. Dafür aber wurde seit den Ver- 40 Personen, unter ihnen die drei haftungen des vergangenen Mai eine Sprecher/innen der Charta 77, in Gänge systematische Verleumdungskampagne des Gerichtsgebäudes bis vor den Eingang organisiert, die das Privatleben der ange- des Verhandlungssaals vorgedrungen. klagten Aktivisten des VONS zum Thema hatte. Zu Mittag desselben Tages haben sich rund 60 Demonstranten auf der gegen- Im Fernsehen konnte man vor der überliegenden Seite der Spalena-Straße Wohnung Frau Nemcovas parkende versammelt. Ich konnte selber die Ent- Luxuslimousinen bewundern ebenso wie schlossenheit und den Emst dieser die „Unordnung", die in der Wohnung Männer und Frauen beobachten, die sich Dr. Vaclav Bendas herrscht. Das alles dort mit verschränkten Armen aufgewurde noch ergänzt durch vielsagende pflanzt hatten. Die Passanten blieben aus Anspielungen auf die Scheidung Frau Sympathie kurz stehen. Nemcovas und das mangelnde hausfrauliche Pflichtbewußtsein der Gemahlin (!) Dr. Bendas. Die Freunde der sechs Angeklagten werden ständig überwacht, seit einigen Monaten stationieren Polizisten vor ihren Wohnungstüren. Wenn es sich um staatseigene Wohnungen handelt, machen es sich die Beamten der politischen Polizei direkt in der Wohnung bequem. Der Philosoph Julius Tomin, seit drei Wochen arbeitslos, wurde sogar während mehrerer Tage in einer psychiatrischen Anstalt festgehalten, nachdem ihm Drogen verabreicht worden waren. Tomin wollte sich damals nach Böhmen begeben, um im Rahmen der von den Dissidenten organisierten "fliegenden Universität* eine Vorlesung zu halten. Ein ander Mal wurde seine Frau, Zdena winz Tominova, Sprecherin der Charta 77, in einem Stiegenhaus von maskierten Männem überfallen und geschlagen. In dieser Atmosphäre wurde der Montag Nachmittag wurden 37 Personen festgenommen, von denen 17 bis Mittwoch in Haft blieben. Dienstag Abend gegen 19 Uhr wurden sieben Jugendliche ebenfalls verhaftet und in einem Polizeikommissariat mißhandelt. Es sind dies Lukas Tomin, Liska Tomas, Hajek Miroslav, Janakova Jana, Smida Pavel, Vojak Ladislav, Medek Jan. Sie sind alle unter 18 Jahren. Ab Dienstag Nachmittag haben sich die Solidaritätskundgebungen in Form kleiner Personengruppen geäußert, die um das Gerichtsgebäude herumspazierten. Man kann sich unter diesen Bedingungen die Freude der Aktivisten der Charta und des VONS vorstellen, als die siebenköpfige französische Delegation vor dem Gericht, in Erwartung der Urteilsverkündung, auf und abmarschiert ist.
Hundert Polizisten
Im Gerichtssaal selber waren sämtliche Publikumssitze von einer Hundertschaft Polizisten (darunter mehr als die Hälfte in Uniform) besetzt worden. Nur zehn Familienangehörige wurden eingelassen. Ich konnte von mehreren unter ihnen eine detaillierte Wiedergabe des Verhandlungsverlaufs erhalten.
„Die Anklage stützt sich auf nichts", haben die Anwälte gemeinsam festgestellt und einen Freispruch zu Ende des Prozesses gefordert. Nur zwei Zeugen wurden aufgerufen. Eine Frau, die in Folge einer Verurteilung arbeitslos ist, hat ausgesagt, 1500 Kronen von Vaclav Havel erhalten zu haben. Eine persönliche Gabe, hat Havel präzisiert. Dieses Geld wurde ihnen vom CIA gegeben, Schweden diente als Übermittler" , behauptet Adamec, einer der beiden Staatsanwälte. Wir haben tatsächlich Geld aus Schweden erhalten" , antwortet Vaclav Havel, „das wurde der Charta 77 wegen ihres Einsatzes zugunsten der Menschenrechte vom Mommsen-Preis geschickt. Es ist also
nicht vom CIA. Außerdem haben wir das im Frühling 1979 bekommen, also mehrere Monate nach der persönlichen Gabe, die die Zeugin angeführt hat". Die erste „Beweisführung" der Anklage ist zusammengebrochen. Die zweite war noch weniger überzeugend. Der Schauspieler Albert Cerny, der seit dem 26. März im Gefängnis sitzt, weil er an Versammlungen des VONS teilgenommen hat, sagte vor Gericht: Ich habe nichts illegales bei diesen Versammlungen gehört". Die Anklage wollte durch diesen Zeugen die Existenz einer im Kampf gegen den Staat stehenden Organisation" beweisen. Da kann man verstehen, warum es das Gericht schließlich abgelehnt hat, cinen die neuen den abends is auftreten zu lassen.
Der Urteilsspruch vom Dienstag Abend stützt sich also auf keinen einzigen Beweis. Das haben auch die sechs Angeklagten in ihren kurzen - oftmals unterbrochenen - Erklärungen betont. Jiri Dienstbier, dem der Richter ein dutzend Mal ins Wort gefallen ist, hat seine Erklärung nicht einmal beenden können. Dem Logiker Unrichtigkeit der Texte, die wir veröffentlichen, zu beweisen. Es betrachtet sie a priori als falsch. Was aber das VONS publiziert und sagt, kann doch nur zweierlei Bedeutung haben: entweder sind unsere Behauptungen falsch, aber dann muß man das beweisen. Oder aber, daß was wir sagen ist wahr, und sie verurteilen uns trotzdem, aber die Ergebnisse dieses Prozesses werden dann viel gefährlicher als unsere Schriften bei der Beschmutzung des Bildes der Tschechoslowakei sein". Die an einer Krankheit leidende Frau Dana Nemcova mußte aus dem Saal wegtransportiert werden. Sie hatte damit begonnen, über die Lehren zu sprechen, die sie aus den Rehabilitationsprozessen der 60er Jahren gezogen hatte, aber das Gericht hatte sich geweigert, sich ihre weiteren Ausführungen anzuhören... •Ich erichshof zu tuniesem Nachdem der Dramaturge Vaclav Havel aufgezeigt hatte, wie er begriffen hatte, daß die in der CSSR-Verfassung enthaltenen Gesetze von der Regierung und ihrer Polizei mißachtet werden können, hat er die Schlüssel-Begriffe der Anklageschrift aufge deckt: „pervertieren", „Subversion", „Staatsfeindlichkeit" „Verleumdungen" - „Alles Worte, denen eine große emotionelle Bedeutung zukommt, während sie sich auf keinen