Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Französische Delegation in Prag

Inprekorr Nr. 114, 6. Dezember 1979 · S. 16-17 · 1.137 Wörter

Tschechoslowakei Frankreich

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Prag. am Dienstag. den 25. Oktober Wir schreiben den zweiten Tag eines Prozesses. der eigentlich vier Tage dauern sollte. Tatsächlich aber wird das der letzte Verhandlungstag sein.

13 Uhr 30: Im Eingang• des Gerichtsgebäudes befinden sich fünf Franzosen. Jean Dieudonne. Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Delegierter des Mathematiker-Komitees; Patrice Chereau, Abgesandter der ..Vereinigung zur Verteidigung der Künstler": Jean-Pierre Faye, Delegierter des .Intemationalen Komitees vom S. Jänner für eine freie und sozialistische Tschechoslowakei* und Daniel Ouaki. Aktivist der KPF. der von einigen seiner Genossen zu diesem Prozeß entsandt wurde. noch bevor das Politbüro der KPF in einer offziellen Erklärung Stellung bezogen hatte. Um die vor dem Gericht versammelten Pressevertreter zu informieren, verbleiben zwei weitere Franzosen draußen: Alain Chalier, ein Professor der Bildhauerei, der von seiner Gewerkschaft entsandt wurde und Jean- Yves Potel, ein Journalist von „Rouge" der Zeitung der LCR (franz. Sektion der 4. Internationale). Diese sieben Franzosen, sowie ein kanadischer Rechtsanwalt. Gordon Wright, die belgische Juristin Viviane Bromckaers, die im Auftrag des belgischen „Komitees vom ersten Mai" agiert und ein Vertreter Amnesty Internationals* werden die Einzigen sein, die ein wenig jener Solidarität direkt an Ort und Stelle äußer können. die sich auf der ganzen Welt entfaltet hat. Was sie konkre gemacht haben? Nicht viel", sagen sie alle, aber das „Wenige"" hat dort trotzdem gezählt. Die französischen Delegierten haben verlangt, am Prozeß teilzunehmen. mit den Angeklagten zusammentreffen zu können und als Zeugen aussagen zu dürfen. Sie haben auch eine gemeinsame •Protestnote deponiert gegen den Hinauswurt Anna Sabatovas, der Frau Petr Uhls, aus dem Gerichtssaal. Sie haben sich mit Mitgliedern des VONS und den Sprecherinnen der Charta 77 getroffen. Von einem Bürokraten (der Polizei) zum anderen (der Ministerien) hin- und hergeschickt. von denen sich ein Jeder für „nicht zuständig" erklärte. haben sie sich natürlich ohne Illusionen allen - aber auch wirklich allen - Prozeduren gefügt. in Prag um einem angeblich öffentlichen" Prozeß beiwohnen zu können. Ihr Ziel: die Behörden auf die gleiche Weise zu behindern, wie es die Mitglieder des VONS tun, also öffentlich und gemäß der geltenden Rechtslage; direkt jene Personen. die das Regime zu isolieren sucht, über die Protestbewegung zu informieren, die diese Prozesse ausgelöst haben; bei der Rückkehr Bericht erstatten zu können, über das, was der sogenannte real existierende Sozialismus* wirklich darstellt. Diese Präsenz einer internationalen Delegation - so schwach sie auch gewesen war • - hat die Behörden tatsächlich in Verlegenheit gebracht, ohne daß diese imstande gewesen wären, ihr in geschlossener Form entgegenzutreten.

So haben die sieben Franzosen öffentlich in einem der größten Kaffeehäuser Prags, dem „Slavia" , mit den Sprechern/ innen der Charta 77 (die ununterbrochen beschattet werden - insbesondere Frau Tominova) und den Mitgliedern des VONS zusammentreffen können.

Bei dieser Gelegenheit wurden in „höftlicher" Manier ihre Personalien aufgenommen, sie haben aber trotzdem ihre Tätigkeit fortsetzen können und am Abend des Prozesses in Solidarität mit den Angeklagten vor dem Gerichtsge bäude auf die Urteilsverkündung gewartet. Aufgefordert zum „Weitergehen" sind sie vor der Nase nervöser Polizisten während mehr als einer halben Stunde auf und ab spaziert - alleine. nachdem rund 30 Tschechoslowaken am Nachmittag vor dem Gerichtsgebäude selber verhaftet worden waren. Wenn schließlich funf Delegationsmitglieder rücksichtslos ausgewiesen wurden (bloß fünf, weil die anderen zwei sich vom Rest der Delegation getrennt hatten dank eines... Stromausfalls nach Beendigung des Prozesses!). so kam diese Maßnahme doch zu spät, um die Herstellung ganz handfester Solidaritätsbeziehungen mit den Verteidigern der demokratischen Rechte in der CSSR zu verhindem, und auch zu spät, um die Überbringung der Informationen zu beeinträchtigen. .Diese Ausweisung der Fünf hat auch nicht die beiden ,Davongekommenen" daran hindern können, das fortzusetzen, was sie alle gemeinsam zuvor beschlossen hatten: die in Prag vertretenen Presseagenturen ihre gemeinsame Vorgangsweise zu informieren und sich zu Julius Tomin, trotz polizeilicher Verbote... auf einen Kaffee zu begeben (zwei Herren in Uniform stationieren in Permanenz vor der Wohnung. angeblich um Zdena Tominova zu ..beschützen** , seit sie von „Hooligans" (1) überfallen worden ist. Tatsächlich geht es den Behörden darum, zwei Charta-Unterzeichner zu isolieren und zu demoralisieren, indem man ihre Freunde und die Freunde ihrer Kinder daran hindert, sie zu besuchen).

Diese Verlegenheit der bürokratischen Machthaber - in der CSSR ebenso wie in den anderen Staaten des Ostens - wenn sie sich all jenen gegenüber sehen, die im Auftrag von Komitees, Gewerkschaften oder Arbeiterparteien die Verteidigung jener Menschen übernahmen, die für die Anwendung der in der Verfassung dieser Staaten anerkannten Rechte kämpfen, diese Verlegenheit angesichts all jener, die sich laut und deutlich zum Sozialismus bekennen, kennzeichnet den Unterschied zwischen einer im Namen der Arbeiterklasse und auf ihrem Rücken ausgeübten Diktatur und den bürgerlichen Diktaturen. Deshalb ist es auch besonders wichtig, daß das Beispiel, das die Delegierten verschiedener Komitees in Prag gegeben haben, allgemein Nachahmung findet. Auch weil diese „ausländische" Präsenz die Behörden in Verlegenheit bringt, schafft das ein kleinwenig Spielraum innerhalb des bürokratischen Zwangsrahmens und wohl auch ein wenig menschlicher Wärme.

ANMERKUNG:

1) Die „Hooligans" sind das östliche Gegenstück zu den Rockern, hinter deren „zufälligen" Attacken gegen Regimegegner die Initiative der Polizei vermutet werden darf. Als „Hooligans" werden in der offiziellen Presse des Ostens auch alle Angehörige jugendlicher Randgruppen bezeichnet.

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Bei Charta 77 und VONS

Prag. Montag 22. Oktober: Zdena Tominova diskutiert in einem Kaffeehaus mit Gordon Wright, einem kanadischen Rechtsanwalt, der wegen des Prozesses nach Prag gekommen ist. Der Bulle, der der Sprecherin der Charta 77 überall hin folgt, hat sich kurzerhand zu ihrem Tisch dazugesetzt und hört zu. Er versteht nichts. Das Gespräch wird in Englisch geführt. Unangenehm berührt, frag er nach einigen Minuten: Aber was für einen Dialekt sprechen sie denn?" - „Irisch" antwortet ihm spöttisch Frau Tominova. Verdattert zieht sich der Beamte zurück.

Die Anwendung der Gesetze fordern So ist das Klima in Prag. Ein Gemisch aus polizeilicher Überwachung und Ironie. Ein Staat, der die Angst organisiert. Oppositionelle, die das nicht akzeptieren und „in der Wahrheit leben". wie es Vaclav Havel vor seiner Verhaftung ausgedrückt hat. Dieses Leben „führt das Individuum zurück auf den festen Boden seiner Identität und - als politische Entscheidung - bringt er es dazu, den vollen Einsatz zu wagen* (I). Am Vorabend des Prozesses sagte uns Zdena Tominova: Wir sind keine subversiven Elemente und auch keine Dissidenten. Wir sind verantwortungsbewußte Staatsbürger".

Sehr ergriffen über die Nachrichten von der Solidarität in Westeuropa, hat sie in Französisch fortgesetzt: Persönlich sehe ich nicht, wie ich eine andere Entscheidung dieses Gerichts akzeptieren könnte, als die Feststellung der Unschuld der Sechs. Ich bin praktisch sicher festgenommen zu werden, aber ich werde nie im Kampf für ihre Freilassung einhalten. Ich bin davon überzeugt, daß alle unsere Freunde auf die gleiche Weise denken". Sie spricht langsam und bedächtig, den Kopf auf beide Händen gestützt. Um uns herum sitzen rund 30 Aktivisten und