Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Zuckerarbeiter organisieren sich

· Inprekorr Nr. 110, 11. Oktober 1979 · S. 25-27 · 1.264 Wörter

Mittelamerika Gewerkschaften und Streiks

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Die Zuckerarbeiter organisieren sich Chichigalpa • Die riesige Ingenio San Antonio ist die größte Zuckerfabrik von Zentralamerika und eine der größten Industrieanlagen von Nicaragua, sie • liegt östlich von Chichigalpa. In der Fabrik sind ständig 4000 Arbeiter und während der Emtezeit bis zu 8000 Arbeiter beschäftigt.

Ich besuchte die Ingenio San Antonio am 5. August. Neben der Fabrik besteht die Anlage aus den Barracken der Arbeiter, einem Krankenhaus, einer Bank, einem fabrikeigenen Geschäft und einem Posten der Nationalgarde, der jetzt unter der Kontrolle der Sandinistischen Armee steht.

In dem Haus, in dem sich einst die von der Fabrikleitung kontrollierte Gewerkschaft befand, traf ich drei Zuckerarbeiter: Silvio Ruiz. Juan Martinez und Jose Ramirez.

Sie begleiteten mich bei der Besichtigung der Fabrik und erklärten, wie diese ein Hauptbollwerk in Nicaraguas Volksvon Fred MURPHY aufstand gegen das Somoza-Regime wurde. Ebenso erzählten sie mir, wie die Arbeiter begannen. ihre neu gewonnenen Errungenschaften zu verteidigen. Angeführt von einer Gruppe Guerillas aus der Sandinistischen Befreiungsarmee (FSLN), besiegten die Zuckerarbeiter die Nationalgarde am 2. Juni auf dem Fabrikgelände. Somoza entsandte eiligst Verstärkung mit Panzern und die Luftwaffe begann die Fabrik zu bombardieren. Viele Häuser der Arbeiter mitsamt einem Teil des Krankenhauses und einigen wertvollen Maschinen der Fabrik, wurden durch die ständigen Bombardierungen zerstört. Etwa 90 Zivilisten verloren ihr Leben und der Schaden auf dem Fabrikgelände betrug ca. 6 Millionen Dollar.

Nach drei Tagen schwerer Kämpfe war die Sandinistische Befreiungsarmee gezwungen, den Rückzug anzutreten. Danach begann die Terrorherrschaft der Nationalgarde. Sie durchsuchten die Häuser- der Arbeiter, beraubten die Bank und nahmen aus dem Geschäft Lebensmittel. Alkohol und Geräte mit. Viele Arbeiter Mohen mit ihren Familien nach Chichigalpa oder in die Umgebung.

Eine größere Sandinistische Truppe griff die Fabrik am 27: Juni an. Am 1. Juli war das Kommando der Nationalgarde besiegt und vertrieben. Die Arbeiter und Befreiungskämpfer wandelten die Fabrik in eine Munitionsfabrik um.

„Es ist ein großes Potential vorhanden, um Kriegsmaterial herzustellen", sagte Silvio Ruiz. ,Wir haben Laboratorien, mechanische Werkstätten und so weiter. so daß wir etwa 500 Granaten und Bomben, fünf Kanonen, zwei Panzerfäuste und fünf Splitterminen herstellen konnten. "

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Sandinisten organisierten die Versammlung am 29: Juli. Auf ihren Zuckerarbeiter zu Guerillagruppen und Vorschlag hin, wählten die Arbeiter ein schickten sie zu den Hauptkampfgebieten provisorisches Komitee von 49 Mitan. die Westfront nach Leon und Chinan- gliedern - ein Delegierter aus jeder Abdega. teilung der Fabrik.

Eine Mechanikerbrigade wurde organi- Die an Pellas gerichteten Forderungen siert. um die Fahrzeuge der Sandinisten verlangten die volle Bezahlung aller im zu reparieren. Eine Einheit von Elektrikern Juni und Juli ausgefallenen Löhne und half. die Stromversorgung in den von die sofortige Wiederaufnahme der Pro- Rebellen besetzten Gebieten aufrecht- duktion in der Fabrik. Die Arbeiter zuerhalten. erklärten, falls Pellas nicht zustimmt. würden sie •die Produktion alleine in Gang Nachdem Somoza geflohen war und setzen. die Regierung zusammenbrach, begannen die Arbeiter der Ingenio San Antonio Sie verlangten ebenso die Abschaffung Versammlungen abzuhalten und zu über- einer schwarzen Liste: die sie in einem der legen, was als nächstes zu tun sei. Büroräume gefunden hatten. Durchkreuzte Fotografien von Arbeitern waren mit Am 29: Juli versammelten sich 2000 Bezeichnungen wie „gefährlich" Arbeiter, um über eine Liste von Forde- „subversiv" versehen. Etwa 15 dieser rungen zu diskutieren und abzustimmen, angeblich militanten Arbeiter waren kurz die dem Fabrikeigner Alfredo Pellas (ein vor dem Aufstand entlassen worden und großer Landbesitzer, der zur kapitalisti- so war eine weitere Forderung. diese selten Uppusition gegen Somoza gehorte) sofort wieder einzustellen. vorgebracht wurden.

Das zu Beginn des Aufstands geflohene Vertreter der FSLN besuchten die Führungspersonal kam Anfang August ViVA

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FSLN zurück. Sie wurden konfrontiert mit einer militanten, gut organisierten revolutionaren Arbeiterschaft, die sich im Kampf gegen die Diktatur verbunden hatte. Pellas hatte keine andere Wahl, als den Forderungen der Arbeiter nachzugeben besonders seitdem die neue Regierung einen Erlaß verabschiedet hatte, der besagte, daß alle aufgrund des Generalstreiks ausgefallenen Löhne nachzuzahlen seien und die Regierung dies kontrollieren werde.

„Die Dinge sind nicht mehr so, wie sie vorher unter Somoza waren", sagt Juan Martinez. Er ist uberzeugt davon, daß die Arbeiter der Ingenio San Antonio jetzt die Macht haben, um ihre Forderungen durchzusetzen und. falls notwendig. die Fabrik zu übemehmen und in Selbstverwaltung zu leiten. Wir werden eine revolutionäre Gewerkschaft haben und nicht eine fabrikeigene wie vorher." Die Arbeiter fühlen ebenso, daß die neue sandinistisch geführte Regierung auf ihrer Seite steht. Sie erwarten, daß sie jederzeit bei Auseinandersetzungen mit Pellas Unterstützung bekommen.

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»Barricada«

- eine neue Presse entsteht (von N.A., aus Rougevom 28.Sept. 1979) Nach langen Jahren illegaler Existenz der Druckerei, der uns empfängt. hat eine wird jetzt Barricada, die Zeitung der Pistole am Gürtel: Diese Druckerei war FSLN, in ganz Nicaragua verbreitet. die der Zeitung von Somoza. Ich bin der Heute trifft dieser Name haarscharf auf einzige hier, der von der Front ernannt die Zeitung zu: einige Meter vom Eingang wurde. Alle anderen Beschäftigten waren der Redaktion entfernt. dem Sitz der hier schon vorher. " Kinder wimmeln um ehemaligen Somoza-Zeitung Novedades. die Druckmaschine herum und warten auf steht eine mannshohe Barrikade, die bei die Zeitung. um sie in der Stadt ZU den letzten Kämpfen von den Milizionären verkaufen. der Front errichtet worden ist. Vor der Die gleiche Mangelsituation in der Tür schieben bewaffnete Soldaten Wache Redaktion: sie verfügt gerade über sieben und kontrollieren die Besucher. Immer Schreibmaschinen - das ist alles. „Erst noch besteht die Gefahr von Über- nach 25 Ausgaben konnte eine Telefonraschungsangriffen oder Attentaten von leitung hier eingerichtet werden", sagte Somozisten. uns ein Journalist. Trotzdem zeigte sich die Redaktion in der Lage, regelmäßig Noch einen Monat nach dem Sturz des eine Tageszeitung von acht Seiten heraus- Diktators ist die Herausgabe der Zeitung zubringen. die ein Wagnis: Papier, Farbe und Druckma- 75.000 erscheint. (Zum Vergleich: die terial sind äußerst seltene Waren. Barricada bürgerliche Zeitung La Prensa. die in wird auf einer vorsintflutlichen Rotations. Opposition zu Somoza stand und heute maschine gedruckt, und das Material zur wieder erscheint, hat eine Auflage von Herstellung der Fotoplatten stammt aus 120.000 Exemplaren.) Die Redaktion den vierziger Jahren. Der Verantwortliche von Barricada hofft, die Zeitung bald mit 16 Seiten herausbringen zu können. Una consigna arma UEBLO, EJERCITO, UNI D...GARANTIA DE LA VICTORIA! de la Revolución

COMPR

DEL F Pueblo sandinista: fervor revolucionario Barriendo con la corrupción en Defensa

TODO EL PUEBLO CON EL FSLN

Schon beim Überfliegen der Zeitung merkt man, daß sie ganz spezifische Funktionen zu erfüllen hat aufgrund der außergewöhnlichen Umstände, die heute in Nicaragua vorherrschen. Taglich werden lange Listen mit Fotos derer veroffentlicht, die unter der Diktatur Somozas verschwunden sind. Die endlosen Kolonnen machen dramatisch klar, was das für ein Völkermord war. Jeden Tag wird eine Seite den großen Ereignissen im Kampf des Volkes von Nicaragua gewidmet, damit nach Jahrzehnten der Diktatur und der Gehirnwäsche die Grundlagen für ein kollektives historisches Bewußtsein wieder gesetzt werden. Aber Priorität wird der Veröffentlichung und Erläuterung der Dekrete und Gesetze der Provisorischen Regierung sowie der Organisierung des Wiederaufbaus gegeben: Barricada ist wesentlicher Stützpfeiler für die Kampagne zur Polio-Impfung und der Alphabetisierungskampagne (etwa 70% der Bevölkerung sind Analphabeten, und die sandinistische Regierung hat sich vor. genommen, die gesamte Bevölkerung innerhalb von zwei Jahren zu alphabeti- Sieren).

Man findet auch zahlreiche Informationen über den Wiederaufbau der Gewerkschaften oder die Bildung neuer Gewerkschaften, der Frauenorganisationen, der Jugendbewegung und der sandinistischen Verteidigungskomitees, die unter anderem verantwortlich sind für die Lebensmittelverteilung und die dringendsten Aufgaben des Wiederaufbaus im ganzen Lande. Ein Korrespondentennetz der Zeitung wird gerade in Verbindung mit all diesen Organisationen aufgebaut. Freiheit der Kritik