Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Zur Geschichte der trotzkistischen Bewegung in Kuba

· Inprekorr Nr. 105, 14. Juni 1979 · S. 24-27 · 3.829 Wörter

IV. Internationale Trotzki und Geschichte Kuba und Karibik Stalinismus und Bürokratie

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Zur Geschichte der trotzkistischen Bewegung in Kuba Lieber Genosse Barnes, Deine Rede „Kuba: 20 Jahre Revolution" vom 31. Dezember 1978 scheint mir ein wichtiger Text zu sein, sowohl vom Inhalt her als auch wegen des Anlasses, aus dem er vorgetragen wurde. Ich finde dein Bemühen berechtigt, eine objektive Bilanz der kubanischen Revolution und der Entwicklung ihrer Führung zu ziehen, dabei auch eine Einschätzung des revolutionären Inhalts ihrer Intervention in Angola und anderen Ländern Afrikas abzugeben und allen bei der Beurteilung dieser Genossen das Verständnis dafür zu vermitteln, daß das Bündnis mit der Sowjetunion für sie unentbehrlich ist, sie aber einem schrecklichen Druck von Seiten der Bürokratie aussetzt.

Es steht fest, daß die kubanische Revolution ein Test für alle revolutionären Strömungen und alle Strömungen des Trotzkismus gewesen ist, besonders in den entscheidenden Jahren von 1959 bis 1962. Was Du von der Aktivität der nordamerikanischen Trotzkisten in diesen Jahren zur Verteidigung der Revolution aufzählst, scheint mir beträchtlich zu sein. All das (und noch einiges mehr, was in unserer Situation möglich war) hat auch die trotzkistische Bewegung Lateinamerikas getan. Diese Bewegung damals vor allem vom Internationalen Sekretariat der IV. Internationale organisiert.

Ich glaube daher, es wäre interessant. dem Test, von dem Du redest, die Positionen und die Aktivität aller Tendenzen des Trotzkismus zur damaligen Zeit in dieser Hinsicht zu unterziehen, sowohl derjenigen, die sich am Internationalen Sekretariat orientieren, als auch derjenigen, die im Internationalen Komitee waren, nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in anderen Ländern und auch in Lateinamerika. (Es gab damals keinen „Posadismus", denn diese Spaltung fand nach 1962 statt, und Posada betrachtete sich zunächst als Pabloist und war außer- .von ADOLFO GILLY dem weit davon entfernt, den Blödsinn zu reden, den er ein paar Jahre später verbreiten sollte, denn er stand unter der Kontrolle und dem Einfluß des politischen Lebens in der damaligen IV. Internationale-Internationales Sekretariat.) Die Geschichte unserer Bewegung ist wichtig, denn darin, nicht in der Abstraktion, lebt unser Programm und finden die jungen Genoss/inn/en eine Quelle der Sicherheit und der Erfahrung als Militante. In dieser Geschichte zeigt die Erfahrung. daß keine der Tendenzen, in die sich unsere Bewegung politisch und organisatorisch seit dem zweiten Weltkongreß (1948) aufgespalten hat, das ausschließliche Monopol auf die trotzkistischen Prinzipien und Traditionen besitzt, und ebensowenig das Monopol auf Erfolge und auch nicht auf Irrtümer (was natürlich nicht heißt, alle Tendenzen wären gleich).

Diese Geschichte ist unentbehrlich für unsere Erziehung. Leute wie Stalin, Healy (den Du, glaube ich, gut kennst) und Posadas (den ich gut kenne) zeigen uns etwas Wichtiges: Man kann nicht die Zukunft aufbauen und gleichzeitig die Vergangenheit verleumden oder entstellen. Es ist schon schlimm genug, wenn man so etwas aus Unwissenheit oder Gedankenlosigkeit tut. Viel schlimmer ist es, wenn man es wie jene Leute tut im unmittelbaren politischen Interesse einer Clique, einer Sekte oder einer Fraktion. Die Tradition des Trotzkismus ist ein unerschöpflicher Schatz von Erfahrungen, unsere Grundsätze hartnäckig zu verteidigen, lange Jahre widrigen Umständen die Stir zu bieten und sich dem revolutionären Kampf zu widmen, nicht für drei oder fünf Jahre eines Studiums, sondern während einer ganzen Existenz voll Verantwortung. Nur ein Programm, das all diese Prüfungen durchgestanden hat, kann diese Beständigkeit geben, gerade da es bis jetzt wenige Siege und viele Niederlagen erlebt hat. Diese Beständigkeit wird von Männern und frauen verkörpert, von wirklichen Militanten. Und was diese für die Revolution getan haben und tun, muß man würdigen und weitertragen, gleich welcher Strömung innerhalb des Trotzkismus sie angehören. Sonst erschiene unser Programm wie eine abstrakte Wahrheit, die der Erstbeste entdecken und nach Belie- • ben nutzen kann, solange er will, um es dann wieder aufzugeben und sich anderem zuzuwenden.

Die Haltung eines alten Kämpfers, der immer, wenn die Jungen reden, oder ihm widersprechen, seine (wahre oder erfundene) Vergangenheit hervorholt, um seine Autorität zu stützen, scheint mir albern und eingebildet zu sein. Die Jungen halten mit Recht nicht viel von solchen Leuten. Aber es scheint mir nicht sehr ernsthaft zu sein, wenn man die gartze Vergangenheit (oder die Gegenwart), an der wir teilgenommen haben, ignoriert oder abschätzig behandelt, so als ob die Bewegung in dem Augenblick und an der Stelle anfinge, wo jeder von uns gerade zugestoßen ist. Die Genoss/inn/en, die mit dieser Haltung eintreten und sie im Laufe ihres Parteilebens nicht ändern, sind nicht beständig, und ihr trotzkistisches Fieber ist nicht von Dauer. Im allgemeinen enden sie als Zentristen, oder sie ziehen sich auf sich selbst zurück. Verleumdungen und falsche Beschuldigungen, das sind die Waffen, die von den Stalinisten und den Zentristen, von jedem nach seiner Art, im Kampf gegen den Trotzkismus eingesetzt wurden, weil sie selbst theoretisch sehr schwach auf der Brust waren. Die Kubaner, eine typische Strömung revolutionärer Zentristen, die zudem über einen erheblichen Apparat verfügen (was Du zu unkritisch wertest), waren nicht die letzten, die sowas taten. Von den Schriften Blas Rocas und denen von Regis Debray bis zur Rede von Fidel Castro auf der Tricontinentale im Januar 1966, ganz abgesehen von den immer wieder neu aufgelegten Ergüssen von •Funktionären und Schreiberlingen, die dafür bezahlt werden, wimmelte es von Verleumdungen und falschen Anschuldi-

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gungen in ihrer Polemik. Ihre Ansicht und selbst ihre Schwenks sind dennoch dem Zentrismus näher als den Methoden des Stalinismus.

Aber da gibt es keine unüberwindbaren Barrieren: Revolutionäre oder nicht, alle sind Pragmatiker, die die Theorie unterschätzen und an den Apparat und die Macht glauben.

In den Jahren 1959 und 1960 gab es in Kuba eine wichtige theoretische Debatte zwischen den Trotzkisten und den (damals in der PSP organisierten) Stalinisten über die kurzfristige Entwicklung der Revolution. Die Trotzkisten sagten, daß die Revolution, um weiter zu bestehen, als sozialistische Revolution fortgeführt und entwickelt werden müsse. Die Stalinisten sagten, daß das eine imperialistische Provokation sei, um eine Intervention der Yankees zu rechtfertigen, und sie behaupteten, daß die Revolution eine bürgerlichdemokratische sei. Diese Polemik Kann man in den Texten dieser Jahre nachvollziehen. Wir wissen, wem die spätere Entwicklung der Revolution und ihre Führung Fidel Castro-Guevara Recht gegeben hat.

Aber der Stalinismus erfand in Ermangelung von Argumenten andere Geschichten wie diese: um zu untermauern, daß die Trotzkisten im Dienste des Imperialismus stünden, behauptete man, sie würden einen Marsch auf den US-Militärstützpunkt Guantanamo vorzuschlagen und ingang zu setzen versuchen. Die Trotzkisten denunzierten wie alle Kubaner, angefangen mit der revolutio. nären Regierung selbst, die militärische Präsenz des Imperialismus in Guantanamo und verlangten seinen Rauswurf, wie wir in unserer Propaganda verlangen, daß der Imperialismus aus Lateinamerika geworfen wird. Die Wiedergewinnung von Guantanamo bildet, vergessen wir das nicht, einen der fünf Punkte, die von den Kubanern in der Krise vom Oktober 1962 (um die sowjetischen Atomraketen auf Kuba) vorgebracht wurden.

Die Trotzkisten haben immer gefordert, daß der Imperialismus vom Panama-Kanal ausgewiesen wird, was sie in den Propaganda-Parolen ausdrückten: „Imperialismus raus aus Panama!" oder „Raus mit den imperialistischen Militärstützpunkten aus Lateinamerika!". Aber zwischen diesen Propaganda-Parolen und dem konkreten Vorschlag, jetzt einen Marsch auf den Panama-Kanal zu organisieren, besteht ein qualitativer Unterschied, nämlich der zwischen Propaganda und Provokation. Das gleiche ist mit Guantanamo passiert.

Andererseits war das keine zentrale Forderung der Trotzkisten, denn diese schlugen sich um die Nationalisierungen, die Agrarreform, um eine sozialistische Ausrichtung der Revolution. Aber die Stalinisten kümmerten sich als gute Pragmatiker nicht um solche theoretischen Feinheiten.

Waren ihnen die Argumente ausgegangen, dann erfanden sie eben (unter anderen Verleumdungen), daß die Trotzkisten einen Marsch auf Guantanamo vorzuschlagen versuchten. Es gibt Dutzende von Texten, aus denen klar hervorgeht, wie das Programm, für das die Trotzkisten kämpften, aussah, und in denen von Guantanamo nicht einmal die Rede ist. Das hat die Verleumder nicht im geringsten gestört, und noch weniger die Stalinisten. Sie haben die Verleumdung erfunden, in Umlauf gebracht, und anderen, denen sie auch paßte, haben sie nachgeplappert.

Und zwanzig Jahre nach dieser antitrotzkistischen Lüge wiederholst Du sie vor 600 jungen Genoss/inn/en auf dem Kongreß der Young Socialist Alliance anläßlich des Jahrestages der Revolution. Unglaublich!

In Deiner Rede heißt es:,,Die trotzkistische Weltbewegung muß die Verantwortung auf sich nehmen, zwei. große Gelegenheiten nicht wahrgenommen zu haben, die kubanische Führung beeinflußt zu haben. Der erste bot sich sofort nach dem Sieg über Batista. Leider war auf Kuba der Trotzkismus schlecht vertreten durch eine Gruppe, die dem „Führerkult" eines Juan Posadas folgte. Seine Spezialität bestand darin, Flugblätter zu verteilen, auf denen zu einem Marsch auf die Marinebasis von Guantanamo aufgerufen wurde, während die Kubaner versuchten, die Revolution zu konsolidieren." „Sie denunzierten die Führer der Revolution, weil sie keine Sozialisten waren. "

Der Angelpunkt Deiner Argumentation, in der Du mit der trotzkistischen Weltbewegung im allgemeinen und mit den kubanischen Trotzkisten im besonderen abrechnen willst, ist, daß es deren „Spezialität" (Du meinst wohl ihre hauptsächliche oder quasi exklusive Aktivität) darin bestand, einen Marsch auf Guantanamo vorzuschlagen.

Das ist eine Lüge. Und mit ihr fallt auch der Rest Deiner Argumentation. Wenn es in den Archiven der SWP Dokumente gibt, die Deine Behauptung rechtfertigen, dann werde ich sie akzep tieren und meine Position berichtigen. Daß ich keine Beweise für eine negative Tatsache vorbringen kann, ist ja klar: die kubanischen Trotzkistenhatten diese „Spezialität" nicht. Das ist die Schwierigkeit in solchen Fallen, wie sie auch Trotzki hatte beim Gegenprozeß von Coyoacan. Aber ich kann andere Beweise vorbringen: die Dokumente der Vierten Internationale (Vereinigtes Sekretariat) in Fourth International dieser Jahre; die Dokumente des lateinamerikanischen Büros des Internationalen Sekretariats in der „Revista Latinoamericana" (1959), die Broschüre des Genossen Ortiz, die in Kuba 1960 veröffentlicht wurde, auf dem VI. Weltkongreß (Dez. 1960) angenommene Resolution, die vom Genossen Maitan vorgelegt wurde und in der gesagt wird, daß Kuba bereits ein Arbeiterstaat ist (meines Wissens ist das die erste Orgalisation, die das schon vor den Kubaner getan hat; kurz zuvor hatte Huberman und Sweezy das fast gleichzeitig ausgesprochen, und vor ihnen hatten die Genossen Mandel und Patrice einen solchen Antrag ins Internationale Sekretariat eingebracht. der gleich in der ersten Diskussion, wenn ich mich recht erinnere, von den Genossen Maitan unu Frank unterstützt worden ist). Ich kann sogar Artikel von Posadas vorlegen, die beweisen, daß seine Positionen damals in der Analyse auf derselben Linie lagen. Du kannst mir glauben, daß mir überhaupt nichts daran liegt, für den politischen Kadaver einzutreten, zu dem Posadas geworden ist, diesem Modell eines Verleumders (angefangen mit seiner Luge über den Tod von Che Guevara). Aber ich kann auf ihn nicht mit seinen Methoden antworten. Das damalige lateinamerikanische Büro (und selbst der spätere „„Posadismus" - trotz seines Monolithismus), das war nicht nur Posadas (er selbst hat das ja immer wieder gesagt. Zur Zeit der kubanischen Revolution (1959-1960) war das eine numerisch wichtige, in Lateinamerika mehrheitliche Strömung von Genossen der Vierten Internationale. Ich erkenne ja alles Positive, was andere Tendenzen seither getan haben, voll an. Aber es ist wirklich an der Zeit, daß eine Reihe von Genossen, die sich in der Vergangenheit nicht auskennen und die sich aus Leichtfertigkeit oder Pragmatismus nicht bemühen, sie 2u erforschen, endlich aufhören damit, sie wie einen toten Hund zu behandeln, dem alle einen Fußtritt geben, um sich in Übereinstimmung zu finden, während, diese Vergangenheit doch das Leben, die Tradition, die Erfahrung und der Kampf- inhalt von Genossen ausmacht, die es verdienen, geachtet. und geschätzt zu werden.

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Die von mir vorgelegten Dokumente scheinen mir ausreichend und umfassend zu beweisen, wie die Politik der Vierten Internationale und der kubanischen Sektion 1960 aussah. Du sagst, Du seiest 1960 dort unten gewesen und hättest mit eigenen Augen gesehen. Ich kritisiere Dich nicht: Du hast damals kaum angefangen, Dich dem Trotzkismus anzunähern, und Du kanntest Spanisch nicht (das schließe ich aus Deiner Aussage, dass Du es heute nicht kennst).

Zusätzlich zu den Dokumenten kann ich das Zeugnis lateinamerikanischer trotzkistischer Genossen vorbringen, die damals ebenfalls dort waren, die schon seit Jahren Mitglieder waren (so wie Du heute) und die persönlich intervenierten, um die Vierte Internationale und ihr lateinamerikanisches Büro auf Jugendkongreß in Havanna damals zu repräsentieren. (Und dort haben sie gegen die überwiegende Mehrheit der von den Stalinisten Organisierten, welche für die demokratische Revolution eintraten, das Programm der sozialistischen kubanischen Revolution vertreten, der Enteignung des Imperialismus, der Arbeiter- und Bauemregierung und der Ausweitung der Revolution. Sie wurden angegriffen, bedroht und verleumdet. Kurze Zeit später ist ihnen durch die historische Rede Fidel Castros. in der er die erste Nationalisierungswelle lancierte und den Weg zum sozialistischen Lauf der Revolution öffnete, in den Fakten total Recht gegeben worden.) Einer von ihnen ist der Genosse Angel Fanjul, damals Führer der argentinischen Sektion, der heute in Europa im Exil lebt und dem ich eine Kopie dieses Briefes schicke.

An diesem Kongreß haben als Vertreter der trotzkistischen Strömung Genossen aus Argentinien, Uruguay, Mexiko und Peru teilgenommen, wenn ich mich recht erinnere. Sie haben keine „Dummheiten" gesagt, wie Du sehr leichtfertig behauptest. Sie haben das Programm der sozialistischen Revolution verteidigt: das steht in den Dokumenten.

Du hast nur die nordamerikanischen Genossen getroffen. Ich finde das normal, entsprechend Deiner damaligen Situation und Deinem Verständnis. Ich finde es aber nicht normal, wenn Du zwanzig Jahre danach, wo Du schon einer der Hauptführer der SWP bist, in einer Rede. der Du offensichtlich eine wichtige politische Bedeutung und Zielsetzung beimißt, die Sache immer noch so darstellst, als wenn bei der Gelegenheit damals nur einige trotzkistische Genossen aus den Vereinigten Staaten da gewesen wären, um die Ehre und das Programm des Trotzkismus gegenüber den „Verrücktheiten" der kubanischen und lateinamerikanischen Trotzkisten zu retten. Ich weiß nicht, was damals die Genossen, von denen Du sprichst, gesagt und getan haben, welches Programm sie vertreten haben: ich bin bereit, zu akzeptieren, daß sie sehr gut aufgetreten sind, und ich würde gerne Einzelheiten kennen. Wozu ich nicht bereit bin, das ist, Deine Version der Tatsache zu akzeptieren.

Schon vorher war der Genosse B. Ortiz, später Mitglied des Internationalen Sekretariats, der 1961 in der Zeitschrift Quatrieme Internationale" einen Artikel über Kuba veröffentlichte, wo absolut keine „Dummheiten" zu finden sind, in Kuba gewesen. Dann ist 1961 und 1962 der Genosse Juan dorthin gegangen; das war ein argentinischer Metallarbeiter, einer von denen, die am Generalstreik vom 17. Oktober 1945 teilgenommen hatten. Er war 1946 für den Trotzkismus gewonnen worden und war Mitglied des Politbüros der argentinischen Sektion, als er vom lateinamerikanischen Büro nach Kuba geschickt wurde. Zwischen Juli 1962 und Oktober 1963 (als ich in Europa im Exil war) bin ich Mitglied der kubanischen Sektion gewesen. Wir haben nie einen Marsch auf Guantanamo vorgeschlagen. Wir haben im Gegenteil mit äußerster Sorgfalt auf die Taktik geachtet, um die Führung und die Kader der kubanischen Revolution zu überzeugen. Auch dafür kann ich materielle Beweise liefern. 1963 habe ich in „Partisans" und „Marcha", später ausführlicher in ,Monthly Review" : eine Broschüre veröffentlicht: „Inside the Cuban Revolution". Was ich darin ausführe, das ist nicht mehr und nicht weniger als die Positionen, die Analysen und selbst die Taktik der kubanischen trotzkistischen Genossen. Ohne sie hätte ich nie die Broschüre schreiben können, ohne diese Epoche mit ihnen und vor allem mit dem kubanischen Volk bei den alltäglichen Aufgaben verlebt zu haben. Ich glaube, daß die Broschüre im „Militant" eine positive Rezension fand. Du behauptest, der Trotzkismus sei von den kubanischen Trotzkisten „schlecht repräsentiert" worden. Dafür kannst Du keinerlei Beweis liefern. Dagegen kann ich Dir diese Broschüre zeigen. Das genügt mir. Du mußt jetzt sagen, warum und inwiefern diese Positionen die Ideen und das Programm des Trotzkismus zur kubanischen Revolution „schlecht vertreten".

Der kubanische Trotzkismus blickt auf daß Du sie nicht kennst. Ich möchte verdavon weiß, aufzuschreiben. Es wäre eine nützliche Arbeit, darüber in den Archiven und Bibliotheken, auch in den Vereinigten Staaten, Nachforschungen anzustellen. Eine Notiz erschien in der Quatrieme Internationale" vom Mai 1960 auf S. 63: „Kuba: Rekonstituierung der kubanischen Sektion der IV. Internationale - die Revolutionäre Arbeiterpartei (Partido Obrero Revolucionario) ist wieder gegründet worden. Die trotzkistische Bewegung hat alte Traditionen in der kubanischen Massenbewegung. Es war im Jahre 1934, als nach der Rückkehr von Sandalio Junco, einem Mitglied der Kommunistischen Partei, aus der Sowjetunion die trotzkistische Organisation in Kuba gegründet wurde. Der Genosse Sandalio Junco wurde von den Stalinisten ermordet. Die Organisation arbeitete offen bis 1946, wo die Repression auf sie

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niederging. Später spielten einige Trotzkisten eine bedeutende Rolle in der Abteilung „Accion y Sabotaje" der „Bewegung des 26. Juli". Hier trafen sie auf andere Genossen, die aus der KP im Jahre 1949 oder 1953 ausgeschlossen worden sind, weil sie gegen die Unterstützung Batistas durch die KP waren. Die neugeschaffene kubanische Sektion zählt auch Genossen in ihren Reihen, die am revolutionären Kampf in Kuba teilgenommen haben. So wird sich so des Ansehens erfreuen, das im Lande für das trotzkistische Gedankengut und für die trotzkistischen Traditionen existieren." Die Gruppe hat sich ungefähr 1947 wieder aufgelöst. Ich glaube nicht, daß das der Repression zu danken ist, denn die Repression kann nicht mit einer Gruppe Schluß machen, wenn diese nicht schon in der Krise steckt. Was ist also geschehen? Nach dem, was die älteren Genossen erzählen, entschied sich die kubanische Sektion in ihrer Mehrheit für die Schachtmann-Tendenz (also gegen die Verteidigung der Sowjetunion) und folgte dieser im Bruch nach 1946, mit dem Ergebnis, daß sie bald von der Bildfläche verschwand. Jedenfalls muß der Hauptgrund dafür, daß der Trotzkismus später so wenig Einfluß auf die kubanische Führung hatte, im Fehlen einer organisierten trotzkistischen Strömung während der Periode des Guerillakampfes um die Macht in den Jahren 1956-1959 gesehen werden.

Aber alles war nicht so • düster. Die Trotzkisten waren trotzdem aktiv. Obwohl eine Sektion nicht existierte und obwohl die Internationale nicht fähig war, eine solche zu organisieren, haben die Trotzkisten, wo sie nur konnten, an dem revolutionären Kampf teilgenommen. Sie sind nicht daneben gestanden und haben zugeschaut, um Ratschläge zu geben und nach dem Sieg den „Sturm auf Guantanamo* vorzuschlagen. Der Fall von Pablo Diaz, dessen Name 1947 als den Verantwortlichen für die Zeitung auftauchte, ist kein Einzelfall - die Gruppe, die die Neu-Konstituierung der Sektion bewerkstelligt hatte, hatte danach am bewaffneten Kampf teilgenommen. Es war dann die Genossin Miranda, die in den ersten Monaten des Jahres 1959 vom Lateinamerika-Büro geschickt worden war, die dazu beitrug, diese Gruppe neu zu organisieren und sie wieder in Kontakt mit der Internationale zu bringen. Miranda hat bestimmt keine sektiererische Haltung gegenüber der „Bewegung des 26. Juli" eingenommen. Sie nahm an ihren Diskussionen teil, sprach bei ihren Radiosendungen. Sie war von den fidelistischen Genossen geachtet. Die kubanische Sektion begann 1960, eine gedruckte Zeitung herauszugeben, die „Voz Proletaria" (Proletarische Stimme). Aber die stalinistische Kampagne wurde immer brutaler, je mehr sich ihre Urheber, wie das ihre gewohnte Taktik ist, des Propaganda-Apparats des Staates bemächtigten. 1961 wurde die Zeitung verboten. Sie kam weiter heraus, aber vervielfältigt. Und zwar offen, nicht im Untergrund: wir haben das immer abgelehnt und kämpften in der Praxis um das Recht, daß die trotzkistische Tendenz im Arbeiterstaat legal existieren kann. Das war eine Sache, die über die Bedeutung unserer kleinen Gruppe und unserer kleinen Zeitung weit hinaus hing. Es war eine Prinzipienfrage, ein Hauptpunkt unseres Gründungsprogramms: das Recht, daß revolutionäre Tendenzen im Arbeiterstaat existieren dürfen.

Die Genossen der kubanischen Sektion nahmen an allen Aufgaben der Revolution an ihren Arbeitsplätzen und Wohnorten teil.

Alle waren Milizionäre, und alle machten am Sonntag freiwillige Arbeit. Das entsprach außerdem einem Beschluß der Sektion, daß man nicht Mitglied sein konnte, wenn man nicht Milizionär war und bei der freiwilligen mitmachte. Die Genossen nahmen an der Alphabetisierungskampagne teil, an der Kaffee-Emte, an der Zafra (Zuckerrohrernte) und an den Komitees zur Verteidigung der Revolution. Während der Raketenkrise von 1962 stand die ganze Sektion in ihren entsprechenden Einheiten der Armee oder der Miliz, in den Schützengräben und in den Städten. Außerdem haben wir uns als Organisation der revolutionären Regierung für jedwede Aufgabe zur Verfügung gestellt, und das haben wir ihr am 24. Oktober persönlich mitgeteilt. Ich weiß schon, daß das ein symbolischer Beschluß war angesichts unserer numerischen Schwäche. Aber es war eine politische Stellungnahme. Bei wenigstens zwei Gelegenheiten, wo ich in Kuba war, sind Genossen von uns für einen Monat oder mehr eingesetzt worden.

Und nach dem, was ich weiß, hat sich Che mehr als einmal für sie eingesetzt, was ur nicht gemacht hätte, wenn er sie als unverantwortliche Provokateure angesehen hätte, wie Du sie darstellst. Im Gefängnis behielten die Genossen standhaft ihre Haltung bei, den Arbeiterstaat und die Revolutionäre Regierung zu ver. teidigen vor den Konterrevolutionären, die mit ihnen eingesperrt waren (und die sie manchmal schlagen wollten), und gleichzeitig hielten sie das trotzkistische Programm hoch sowie das Recht der Partei auf eine legale Existenz gegenüber denen, die șie einsperrten.

Aber perfekt war die kleine trotzkistische Gruppe keineswegs Sie hatte ihre Schwächen, ganz abgesehen von ihrer geringen Größe.

Ihre Hauptschwäche lag nicht in ihren politischen Aktivitäten. Die waren sehr solid. Auch nicht in ihrer Haltung gegenüber der Revolution; sie-nahmen in der ersten Reihe an ihr teil. Sie lag in der theoretischen Schwäche der Führungsgruppe und läßt sich aus der Jugend der Sektion und ihrer erst kürzlich erfolgten Neugründung nach einer langen Zwischenperiode, wo es keine trotzkistische Partei in Kuba gab, erklären.

Wir ver.uchten, so gut wie möglich unsere Mängel zu überwinden. Ich glaube nicht, daß uns das immer gelungen ist. ES ist sicher nicht schwer, in den Publikationen der Sektion schematische Analysen, politische Irrtümer, eine Schwäche in der Theorie und sektiererische Ausdrücke, wie sie eine kleine Gruppe gegenüber einer großen Revolution hat, zu finuen. Ich verlange von niemandem, nicht einmal von mir selbst, alles zu verteidigen, was die Genossen gesagt oder getan haben: wir sind keine Clique oder Sekte, wir sind eine revolutionäre Internationale. Aber auf jeden Fall findet man in diesen Schriften keinerlei Angriff auf den Arbeiterstaat, keinerlei provozierenden Vorschlag. Im Gegenteil kommt im allgemeinen unsere dauernde Sorge zum Ausdruck, uns didaktisch und überzeugend auszudrücken. Zumindest habe ich das so in Erinnerung. Und ich vertraue meinem Gedächtnis, da es übereinstimmt mit den Dokumenten, die im Ausland veröffentlicht wurden und von denen ich eine Kopie besitze. Wir können das vergleichen, wenn wir „Voz Proletaria" in Euren Archiven finden.

Unter den Forderungen für Kuba vergißt Du, die nach dem Recht auf legale Existenz von revolutionären Tendenzen zu erwähnen. Ich weiß nicht, wie Du Dir die Räte (Sowjets), die Du vorschlägst, vorstellst, wenn dieses Recht nicht existiert. Du erwähnst nur das Recht auf Tendenzen innerhalb der Partei an der Macht, der Einheitspartei. Ich weiß nicht, ob Du merkst, daß Du gleichzeitig, wo Du die stalinistischen Fälschungen wiederholst, Du von einer trotzkistischen Tribüne aus eine Rechtfertigung lieferst für die Unterdrückung des Rechts der Trotzkisten (und anderer