Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Der Kampf der unterdrückten Arbeiter in Iran

Inprekorr Nr. 105, 14. Juni 1979 · S. 12-15 · 2.025 Wörter

Iran Arabische Welt und Golf Griechenland und Türkei

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Der Kampf der unterdrückten Araber im Iran

Artikel aus Kargar, der Wochenzeitung der Hezb-e Kargaran-e Socialist (HKS, Sozialistische Arbeiterpartei), der iranischen Sektion der Vierten Internationale, vom 18.5.79. Das arabische Volk bildet einen der unterdrücktesten Teile unserer Gesellschaft. Obwohl die Araber in einer Gegend leben, wo mehr Reichtum als in jeder anderen des Landes geschaffen wird, sind sie den unmenschlichsten Bedingungen unterworfen - Armut, Zurückgebliebenheit. Hunger. Sie sind aller nationalen Freiheiten und aller Menschenrechte beraubt.

Das sind die Gründe, warum in der Erhebung dieser enterbten Leute eine der explosivsten und revolutionärsten Kräfte im Kampf der arbeitenden Massen des Iran um die Befreiung von ihrer bis dahin hoffnungslosen Situation steckt. Mit dem Sturz der Monarchie beginnt das arabische Volk, seine Stimme gegen die bisherige Sklaverei zu erheben. Unter dem Schah waren die Araber gezwungen, persische Namen anzunehmen. Jetzt nehmen sie wieder arabische Naman an. Die arabische Jugend sagt sich dazu:,Wir sind Araber. In der Vergangenheit wurden wir unserer Menschenrechte und nationalen Freiheit beraubt. Aber jetzt haben wir uns erhoben, und wir kämpfen im •Namen des arabischen Volkes um unsere Rechte"

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NATIONALE UNTERDRUCKUNG UND

KLASSENUNTERDRÜCKUNG

Die Araber bilden die Mehrheit in weiten Teilen von Khusistan. In Ahwas und Abadan ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung arabisch, in den Städten von Daschtmischan, Khorramschar und Schadegan zwischen 80 und 100%.

Die Mehrheit der arbeitenden Leute. Industriearbeiter und arme Bauern im Süden, sind Araber. In Abadan sind 50 bis 60% der Arbeiter Araber. In Bandar-e Schahpur stellen sie die Mehrheit der in der petrochemischen Fabrik, den anderen Industrien und den Handelsunterehmen Beschäftigten. Und es sind dieselben Araber, die die Slumviertel von Schahpur und Bandar e Ma'schur bevölkern. Das Programm der „Entarabisierung" von Reza Schah (dem Vater des gestürzten Schah) hatte zur Folge, daß das arabische Volk auf die unterste Stufe der Wirtschaft abgedrängt wurde, indem eine große Anzahl von Nicht-Arabern in die Gegend gebracht wurde.

Die Diskriminierung gegen das arabische Volk wird in einer Broschüre dokumentiert, die kürzlich vom Arabischen Kulturzentrum veröffentlicht wurde,.. The Class Status of the Arab People of Iran" von Usuf Bani Taraf. Darin sind zum ersten Mal Statistiken über die Ergebnisse dieser Unterdrückung zugänglich gemacht worden. Aus dieser Broschüre geht hervor: „Die Araber wurden in die untersten Schichten der Arbeiterklasse gedrängt, und jede Möglichkeit, sich hochzuarbeiten, wurde ihnen verwelt. In Ahwas stellen sie den größten Prozentsatz der Arbeiter in den Lebensmittehwerken, der Stahlröhren- und der Erdölindustrie, der Tavanir (Iranische Elektrizitätsgesellschaft), bei der Bahn und bei der Gemeinde. Die Arbeiter in den Schulen, den Regierungsbehörden und Krankenhäusern, die Taxifahrer und Mechaniker und ähnliche Beschäftigungen sind Araber. Auf der anderen Seite sind die Kaufleute des Großhandels in ihrer Mehrheit sowie die mittleren und großen Kapitalisten Nicht-Araber. Araber sind auch bei den höheren Angestellten der Behörden und der Privatfirmen in Ahwas unterproportional vertreten.

Aufgrund dieses Klassen-Status leben die Araber in den ärmsten und schmutzigsten Vierteln der Stadt, in Barracken zusammengepfercht... Während die besser situierten Angestellten und Kapitalisten, die von anderen Städten kommen, im allgemeinen ihr eigenes Heim besitzen und in den Teilen der Stadt, wo die Mittel und die höhere Schicht ist, wohnen. Sie sind Perser...

Mehr als 70% der Bevölkerung von Khusistan ist arabisch. Aber nur 5% aller Universitätsstudenten und 1% aller Universitätsdozenten in Abadan sind Araber... "

Diese Situation wird die arabischen Arbeiter zweifelsohne in die vorderste Reihe des Kampfes der arbeitenden Massen von Iran bringen.

Als Antwort auf diese schwere Unterdrückung hat das arabische Volk begonnen, selbst Publikationen herauszugeben, Versammlungen und Demonstrationen durchzuführen und seine eigenen Organisationen aufzubauen. Es hat endlich seine Stimme erhoben, um gegen alle Aspekte seiner fünfzigjährigen Unterdrückung zu protestieren und Forderungen nach einem anständigen Leben frei von Diskriminierung und nationaler Unterdrückung, frei von Armut und Zurückgebliebenheit zu erheben. Es ist ganz sicher, daß in der letzten Zeit die Kämpfe des kurdischen und turkmenischen Volkes um ihre eigenen nationalen Forderungen eine Rolle gespielt haben bei der Vertiefung und Ausweitung der nationalen Bewegung des arabischen Volkes im Iran.

Auf einer Kundgebung in Khorramschahr im Monat Esfand (20. Februar bis 21. März) stellte das arabische Volk die folgenden Forderungen auf:

„Offizielle Anerkennung des Arabischen als erster Sprache für das arabische Volk und Unterricht auf Arabisch auf allen Stufen des Unterrichtswesens. Das Recht, öffentliche Erklärungen abzugeben und Bücher und Zeitungen auf Arabisch zu drucken; arabische Vertreter in die Verfassungsgebende Versammlung; Einberufung einer Arabischen Versammlung in Khusistan zur Kontrolle lokaler Anordnungen; Errichtung von arabischen Verwaltungsbehörden zur Lösung von Problemen auf der Grundlage islamischen Rechts; unabhängig gestaltetes arabisches Programm in Radio und Fernsehen; bevorzugte Einstellung von Arabern im staatlichen und im privaten Sektor, Freiheit für die Ausbreitung der arabischen Kultur, Stipendien und einen gerechten Anteil an den Erdöleinnahmen für das Volk von Khusistan; arabische Vertreter sollen für die Nationale Beratende Versammlung gewählt und Araber als Minister bestellt werden: eine größere Rolle für Araber in der nationalen Armee und Ausbildung von arabischen Offizieren auf den Militärakademien; Wiedereinführung der früheren arabischen Namen der Städte und Dörfer in Khusistan, und die Einbeziehung all dieser Maßnahmen in die Verfassung der Islamischen Republik Iran. "

„SEPARATISMUS"* • BESCHULDIGUNG, UM DIE UNTER- DRÜCKUNG ZU RECHTFERTIGEN

Bislang ist die Basargan-Regierung nicht nur auf die Forderungen des arabischen Volkes nach Gerechtigkeit mit keinem Wort eingegangen, sie hat sogar zur Verfolgung und Unterdrückung verschiedener arabischer Organisationen und Persönlichkeiten gegriffen. Und sie hat Versammlungen des arabischen Volkes angegriffen.

Mit dem Ruf, den „Separatismus zu bekämpfen" • der schon unter dem früheren Schah dazu diente, die Appelle nach Gerechtigkeit für die unterdrückten Völker des Irans zu übertönen • soll wieder gerechtfertigt werden, daß dem arabischen Volk die ihm zustehenden nationalen Freiheiten und Menschenrechte verwehrt werden. Die Massen der unterdrückten Nationalitäten des Iran kennen das nur zu gut. Der gleiche Vorwand ist eingesetzt worden, als man die Kurden in Banandadsch und die Turkmenen in Gonbade Kavus massa- Krierte.

Aber wegen der geographischen Lage und der Klassenkomposition des arabischen Volkes hat die Regierung sogar auf ihre Forderungen nach Gerechtigkeit noch schneller und gewaltsamer geantwortet. Vor einer Woche sagte der Admiral Madan, Gouverneur von Khusistan und Chef der Marine, in einer Rede vor den städtischen Angestellten: „Heute Ratlorale Faust des Iran geballt. . Wen wir die Abtrennung auch nur eines Zentimenter Landes vom Iran erlauben. Unsere Faust wird die Köpfe all derer, die Irgendeinen Teil des Iran abzutrennen versachen, zermalmen."

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In keiner der bis jetzt vom arabischen Volk erhobenen Forderungen wird die Abtrennung von „nur einem Zentimeter Land vom Iran" vorgeschlagen. Gegen wen hat also Admiral Madani die Faust geballt? Die Antwort kann man in der Art sehen, wie die Regierung auf den Kampf des arabischen Volkes eingegangen Die Imam-Komitees, die sich aus Nicht-Arabern zusammensetzen und die weder der Kontrolle noch irgendeines Einflusses von Seiten der arabischen Bevölkerung ausgesetzt sind, führen eine Kampagne täglicher Attacken gegen die arabischen Organisationen. Permanent verhaften sie, foltern und stören junge arabische Leute. Die Veröffentlichungen der arabischen Organisationen sind verboten. Arabische Versammlungen und Demonstrationen werden angegriffen. Es war als Antwort auf derart undemo- *kratische Handlungsweisen, daß Scheich Mohammad Taher al-Schobeir Khagani. einer der nationalen und religiösen Führer des arabischen Volkes, warnte, daß wenn dieses Verhalten so - weiterginge, er den Iran verlassen müsse... Der Grund für seine Entscheidung, so sagte er, läge in der illegalen Einmischung der Komitees... in den Angriffen einiger Halbstarker auf die Wohnungen der Leute, wodurch Familien terrorisiert werden, in den Verhaftungen und Verleumdungen von Personen ohne jegliche Rechtfertigung."

Diese Angriffe auf das arabische Volk werden immer gewalttätiger. Die Massenmedien tragen das ihre dazu bei, dazu die Atmosphäre zu schaffen, indem sie die Kämpfe des arabischen Volkes verdrehen. Selbst die Existenz des arabischen Volkes wird von den Massenmedien verleugnet: sie sprechen von den „arabisch sprechenden Leuten im Süden". Bis jetzt war es nicht möglich gewesen, die wirkliche Stimme des arabischen Volkes zu Gehör zu bekommen. Die Faust von Abadan (Admiral Madani) hat angeordnet, daß die Massenmedien keine Berichte über diese Gegend veröffentlichen. WAS WILL DAS ARABISCHE VOLK? Dreißig Vertreter des arabischen Volks kamen Ende April nach Teheran, um die Regierung über die Forderungen des arabischen Volkes zu informieren. In einem in der Presse • veröffentlichten Interview sagte einer von ihnen: ,Wir wollen, daß das Recht auf Selbstbestimmung der Leute, die in Gegenden wohnen, wo die Araber die Mehrheit bilden, offiziell anerkannt wird...

Ein anderer Vertreter sagte im selben Interview:

Jeder weiß, was Selbstbestimmung bedeutet, und fast jeder interpretiert es in der gleichen Weise. Es bedeutet, die Macht in der Region zu haben. Derzeit hat das arabische Volk von Khusistan keine Macht über die Regierung der Region, und deshalb will es Selbstbestimmung - das heißt, Macht in den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Angelegenheiten der Region. " Bis jetzt hat die Regierung Basargan sich entschieden, zu diesen Forderungen nach Selbstbestimmung Schweigen zu bewahren. Sie begnügte sich damit, zu erklären, daß jedes Menschenwesen im Iran gleich ist und dieselben Rechte genießt.

Mit dieser Art von Anerkennung der …„Gleichheit" wird keiner der Fragen gelöst, vor denen die unterdrückten Nationalitäten des Iran, unter ihnen das arabische Volk, stehen. Nachdem fünfzig Jahre lang Diskriminierung und Unterdrückung nicht nachließen, nachdem die Araber so lange in ihrem eigenen Geburtsland zu Bürgern zweiter Klasse gemacht worden waren, wollen sie jetzt ihre Rechte. Um das arabische Volk von der Unterdrückung in der Vergangenheit zu befreien, reicht es nicht aus, ihm nur Freiheit in der Sprache und in der Kultur zu sichern. Umfassende positive Aktionsprogramme sind nötig, um die Folgen der vergangenen Unterdrückung auszurotten. s hode ein beendete keiten im Unterrichtswesen unter der Kontrolle des arabischen Volkes selbst geschaffen werden. Es heißt, daß Araber bevorzugt in allen staatlichen und privaten Betrieben eingestellt werden. Es heißt, daß große öffentliche Projekte realisiert werden müssen im Wohnungsbau und in der Urbanisierung der Städte, daß Straßen, Parks und Krankenhäuser gebaut werden mussen.

Da kein einziges der Imam-Komitees unter Kontrolle des arabischen Volkes steht. soliten arabische Komitees gebildet werden, die sich um alle Fragen der öffentlichen Ordnung in den arabischen Gebieten kümmern.

In den arabischen Distrikten agieren Funktionare von nicht-arabischen Kommunalverwaltungen und Imam-Komitees wie in einem besetzten Land. All diese Kräfte müssen abgezogen werden. ALLE WERKTÄTIGEN DES IRAN

MÜSSEN DAS ARABISCHE VOLK

UNTERSTÜTZEN

Die iranische Revolution hat den Weg für die Beendigung von mehr als einem halben Jahrhundert der Unterdrückung geöffnet. Das war zweifacher Grund zur Hoffnung für die nicht-persischen Nationalitäten - die Araber, Kurden. Belutschi, Aserbeidschani und Turkmenen. Nun, wo diese Nationen sich erhoben haben und ihre Rechte fordern, müssen die Werktätigen des Iran sie verteidigen. Die iranische Revolution kann nur, wenn die Solidarität aller Völker Irans aufgebaut und gestärkt wird auf der Grundlage, daß die Forderungen der unterdrickten Nationen nach Gerechtigkeit unterstützt werden, vorankommen und alle Ausdrücke und Aspekte von Tyrannei und Ausbeutung ausrotten.

Wer für und wer gegen eine solche Einheit der iranischen Völker ist, das ist jetzt klar definiert. Auf der einen Seite stehen die, welche auf die Forderungen des Volkes von Kurdistan mit den Massakern von Sanandaj und Naqadeh antworten, auf die Proteste des turkmenischen Volkes mit dem Pogrom von Gonbade Kavus, und die jetzt im Sinne führen, das arabische Volk abzuschlachten und auszurotten. Auf der anderen Seite stehen alle Werktätigen des Iran, die sich zur Verteidigung der Forderungen ihrer unterdrückten arabischen Brüder und Schwestern erheben.

Nur durch solche Aktionen können die persischen arbeitenden Massen die Furcht ihrer arabischen, kurdischen, aserbeidschanischen, turkmenischen und belutschischen Brüder und Schwestern zerstreuen, die in deren Namen von der Zentralregierung unterdrückt worden waren. Nur auf diese Art können sie die Spaltung überwinden, die von der Pahlewi- Dynastie gefördert worden war, und die arbeitenden Massen aller Nationen des Iran in untrennbarer Einheit zusammenschweifen.

Erziehungsanstalten, in den Fabriken und an den Arbeitsplätzen müssen Teach-Ins organisiert werden; Kundgebungen und Demonstrationen müssen veranstaltet werden, um die Wahrheit über den Kampf des arabischen Volkes überall den arbeitenden Massen des Iran nahezubringen. Nur so kann verhindert werden, daß so traurige Ereignisse wie die von Sanandaj. Gonbade Kavus und Nagadeh nochmal vorkommen.

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KUBA: