Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Bewaffneter Kampf und Klassenkampf in Bengalen

Inprekorr Nr. 10, 15. Dezember 1971 · S. 7-11 · 2.052 Wörter

Indien und Südasien Gewerkschaften und Streiks

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BEWAFFNETER KAMPF UND KLASSENKAMPF IN BENGALEN *******************+++ Es ist wichtig, diesen bengalischen Widerstand kennenzulernen, der ein im gut geölten Getriebe der Friedlichen Koexistenz ist, der am Beispiel des heroischen Kempfes deg vietnamesischen Volkes inspiriert und sich auf die Führung eines langandauernden revolutionären Krieges vorbereitel. der zur ersten Phase der Revolution auf den indischen Subkontinen! werden soll (so wie Vietnam die erste Fhase der indochiresischen Revolution war). Alle bisher in der bürgerlichen öffentlichten Reportagen kamen auf indischem Gebiet zustande und sprachen folglich nur von den Truppen der Awami-Liga. Der Artikel, den wir hier abdrucken und der sich auf Zeugnisse von revolutiorären Kämpfern stützt, die aus dem Innern der Landes kommen, beschäftigt sich mit dem komplex des Widerstandes.

DIE BÜRGERLICHEN KRÄFTE UND THRE VERBÜNDETEN

Es ist unmöglich die genaue Zahlenstärke der Widerstandskräfte anzugeben, aber sehr grob geschätzt kann man von ungefähr 200 000 Bewaffneten sprechen, von denen ungerähr 60 000 g : ausgebildet sind. Diese 60 000 las-

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sen sie wiederum aufgliedern in 20 000 Revolutionäre, 20 000 ehemalige Soldaten. •lizicten cder Mitglieder der EPR (ostpakistanische Fusiliere) und 20 000 Kämpfer der Avami-Liga.

Le zere bilden aie on Sheikh Moni. A. Kuidus, S. Alam und Tofail geführten Mik• Tahin.. hauptsächlich von Indien aus operieren, wo sie euch ausgebiide: werden. Eine übrigens nicht nur militärische Ausbildung: werder sie von der indischen Bourgecisie, höchstwahrscheinlich mi' Halfe den CIA militärisch ausgerüstet und unterstützt; dazu bestimmt, die korterrevolutionäre Kraft zu sein, auf die sich die Awami-Liga uni die Großmä hte gegen die Linke des Widerstandes stützen können, werden sie eirer soliden antikommunistischen Propaganda ausgesetzt, für die eirige aufgrund ihrer sozialen Herkunft sehr leicht zugänglich sind(Söhne vor. großgrundbesitzern, Studenten aus privilegierten Schichten etc.). Hat e Mujibur Rahman nicht erklärt, deß er der beste Schutzwall gegen den Kommunismus in Os bengalen sei, und hatten seine Anhänger richt versucht, das zu beweisen als sie kurz vor der Intervention der pakistanischen Armee (d. h. in der Zei "gewaltloser" Aktion) zwölf Arbeiter ermordeten. In den 2cnen. vo sie oper:eren (indische Grenze, Dacca), schielen die Mukti Bahini, selbst rach Aussagen bürgerlicher Journalisten, ebenso leicht auf Revolutionäre wie auf pakistanische Soldaten. vielleicht noch leichter auf die ersteren. da sie die Gewohnheit haben, jene von hinten zu töten. So wurden der Genosse Zah de und hunderte von anderen Kämpfern getötet. Diejenigen. die si h llusioren über ein mögliches Pündnis mit diesen Kräften cer Bourgeo se machten. müssen die Augen öffnen. Heute existieren ir Bangla-Desh zwe: Widerstandsbewegungen mit vollkommen verschiedenen Methoder und Bielen. Und muß man sich noch darüber wundern, daß die meskauhörige KP von Moni Singh mit der die Konterrevolution repräsentierenden Anami-Liag in einer gemeinsamen Beratenden Versammlung zusammenarbeitet, die in Kalkutta neben der Pseudoregierung von Tejjudin Ahmde geschaffen wurde und die von diesem geleitet wird.

DIE BERUFSSOLDATEN

Die ehemaligen Militärs, unter den Kommando von Major Ziha, folgten anfänplich der Awami-Liga und ihrer "Regierung" ins Exil. Nicht politisiert, aber ohne irgendelche Vorurteile gegen Linke, wollen diese Soldaten. die aus den pakistanischer Streitkrüften desertiert waren, um nicht zu Henkern ihres Volkes zu werden, kämpfen, und da sie ein beträchtliches Potential von Kadern für eine Volksarmee darstellen, wurden sie Gegens and großer Aufmerksamkeit von seiten des gesamten Widerstandes. Die indische Militärhilfe konnte und kann noch immer eine starke Anziehungskraft auf sie ausüben. Ihre antiindischen Gefühle und die wenig rühmliche Rolle der Mukti Bahini führten dazu. daß sie sich gegenwärtig der revolutionären Kräften muwenden, die ihre Wirksamkeit schon unter Beve is cestell: haben. Wenn diese Tendenz sich bestätigt, dann hat die Linke einen Sieg über die Awami-Liga errungen, dessen Bedeutung für den Fortgang des Kampfes nicht unterschätzt werden darf.

DIE REVOLUTIONÄRE LINKE

Die revolutionäre Linke läßt sich nicht auf die oben zitierten Zahlen (ein Drit!e! der ausgebildeten Kämpfer) reduzieren, denn im Gegensatz zur Awami-Liga schöpft sie ihre Kraft aus dem städtischen Proletairat, der radókalisierten Jugend, und vor allem aus der Masse der armen und landlosen Bauern/das waren 1970 45 % der bäuerlichen Bevölkerung; im Vergleich dazu waren en 1947 15-20 %, was gut die Entwicklung der Lebensbedingungen der Bengalis während der 23 Jahre pakistanischer Herrschaft illustriert). Die Beispiele hierfür sind zahlreich. Wir geben eines: Am 20. März, während der Verhandlungen zwischen Yahya Khan und Mujibur in Dacca, landet ein Schiff aus West-Pakistan, das 5 000 Soldaten, Waffen und Munition tranportiert, im Hafen yen Chittagong. 30 000 Hafenarbeiter streiken. um die Ausschiffung zu verhindern. An ihrer Spitze Abdul Bashar, Mitglied der Kommunistischen Partei Ostbengalens. Am 23. März schießen die pakistanischen Pruppen; sofort schließen sich 4 000

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im Hafer anwesende bengalische Soldaten den Arbeitern Der Kampf wütet drei Tage in den Straßen der vom Meer aus von der pakistanischen Flotte bombardierten Stadt. Am 27. verlassen fast alle Hafenarseiter, Arbeiter und bengalische Soldaten die nicht mehr zu haltende Stadt und ziehen sidh in die benachbarten Bergketten zurück, wo die Kommunistische Partei Ostbengalens schon Guer.. azonen vorbereitet hatte. Die Kommunistische Partei Ostbengalens hatte sich schon seit 1970 auf den bewaffneter Kampf vorbereitet, den sie als einzigen revolutionären Weg ansah, im Gegensatz zur parlamentaristischen Linie der moskauhörigen KP, die dadurch zum linken Feigenblatt der Awami-Liga wurde. Ohne auf die gewerkschaftliche Arbeit zu verzichten(die Kommunistische Partei Ostbengalens leitet wichtige Arbeiter- und Bauernbünde), versorgte sie sich mit den notwendigen Mitteln(Waffen, Ausbildung, politische Arbeit mit der Bauern), um den Guerillakampf zu beginnen. Heute zahlen sich all diese Anstrengungen aue und erlauben ihr,den Widerstand in zahlreichen Gebieten des Landes zu leiten (Gegend von Chittagong, von Pabna und Tangail, Sylhet, von Jessore und Khulna, von Bogra). Andere revolutionäre Gruppen nehmen auch aktiv am Kampf teil: die Gruppe von Zafar und Menon, die in der Nähe von Sylhet, von Tongi und von Comilla kämpfen; die Proletarische Partei in der Gegend von Barisal; die Gruppe von Toaha (Kommunistische Partei von Ost-Pakistan(ML), Maoisten), die sich auch dem Widerstand angeschloseen hat, hält die Zone von Noakhali an der Kiste und kämpft bei Rangpur; und schließlich mehrere Gruppen, von denen lichts genaueres bekannt ist.

ZWEI WIDERSTANDSBEWEGUNGEN

Daß die Mukti Bahini der Awami-Liga und die revolutionären Kräfte verschiedene Konzeptionen vom Widerstand haben, sollte nicht weiter verwunderr. • Die durch indische Logistik unterstützten Mukti Bahini machen oft relativ kurze Vorstöße, nach denen sie sich zur Grnze zurückziehen. Selbstverständlich besetzen die pakistanischen Soldaten die "befreiten" Dörfer schon am nächsten Tage wieder, und im allgemeinen plündern und brennen sie zur Vergeltung. Deshalb stehen die Bauern in einigen Dörfern den Mukti Bahini feindlich gegenüber.

Die Revolutionäre haben eine ganz andere Taktik. Jedes befreite Dorf muß normalerweise von einem gewählten Revolutionskommittee organisiert werden. Dieses setzt sich hauptsächlich aus landlosen Bauern zusammen, die die levölkerungsmehrheit stellen. Dieses Komitee verwaltet das Dorf nach fortschrittlichen Prinzipien(Abschaffung des Wuchers, Verteilung des Überschusses, revolutionäre Disziplin, Erziehung); es baut lokale Selbstverteidigungseirheiten auf und leitet sie. Diese Einheiten sollen das Kulturland gegen die feirdlichen Einfälle schützen und zu Keimzellen einer zukünftigen Volksarmee werden. Die Kämpfer der revolutionären Parteien nehmen ander Seite der Bauern an den anfallenden Landbestellungsarbeiten teil. Dabei bilden sie die Bauern politisch und militärisch aus. Man verneidet also Kommandoaktionen auf dem Lande. Die Landwirtschaft wird auf autarker Grundlage entwickelt und geschützt, was von großer Bedeutung ist, wenn man weiß, daß zahlreiche Regionen von Hungersnot bedroht sind. Die befreiten Zonen werden von den Revolutionären in enger Zusammenarbeit mit den bäuerlichen Massen strukturiert. Wenn aufgrund des Drucks der pakistanischen Armee eine Zone vorübergehend verlassen werden muß, so begünstigen die geschaffenen Strukturen die schnelle Wiedererlangung der Kontrolle, wenn das Gros des Feindes (der nicht das ganze Land besetzen kann) sich zurückzieler muß. In den Städten genießen die Widerstandskämpfer die totale Unterstützung der Bevölkerung bei der Durchführung ihrer Propagandaaktionen: Hinrichtung von Feinden, Sabotage, Zerstörung der von den Truppen Yahya Khans benutzten Einrichtungen...

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DAS KOORDNIATIONSKOMITEE

Am 1.6.7' h' sich die Linke als Gegengewicht zur"Regierung"der Awami- Liga ein politisches Instrument zur Schaffung einer bengalischen FNI gegeben. Dieses "Koordinationakomitee des Nationalen Befreiungskampfes vor. Bangla-Desh", das auf der Basis einer ziemlich breiten politischen Plattform gegründet wurde, umiasst mehrere Parteien und Massenorganisationen und bleibt offen für alle Strömungen, die am bewaffneten Kampf teilnehmen urd die dem in der Plattform gesteckten Rahmen zustimmen. Die Hauptorganisationen sind:

--die Komrunistische Partei Ostbengalend, unter der Führung von Deben 'Sik- dar. Matin und Allaudin, deren Hauptstützpunkte schon genannt wurden --die Komitees Revolutionärer Kommunisten von Zafar und Menon, die sich mi! der Kommuhistischen Partei Ostbengalens die Führung der radikalisierten Studenten teilen und die stark verankert sind bei den Arbeitern in Torgi in der Nähe vor Dacca --die Arbeiter- und Bauernpartei von M. Hussein, die eire starke Basis un- ter den Bauern in Khulna hat --die Purba Bangla Workers Federation, eine von den Genossen der Kommunis- tischen Partei Ostbengalens geführte Gewerkschaft --die Bangladeshföderation, eine von den Genossen der Komitees Revolutionärer Kommunisten geleitete Gewerkschaft --die KP Hatiar von Nassim Ali, eine Gruppe, die sich auf der Basis des be- waffneten Kampfes von der Pro-Moskau-KP abgespalten hat --endlich die Nationale Awami Party (NAP) von Maulana Bashani, die eher einen kostbaren Namen repräsentiert, als daß sie eine in der Bauernschaft verankerte Organisation wäre. DIE PERMANENTE REVOLUTION

Wenn. Maulana Bashani formell, von dem Zwangsaufenthalt aus, wo er von der indischen Polizai festgehalten wird, an einem beratenden Komitee zusammen lich ist ihm das von indischer Seite aufgezwungen worden), so ist dennoch mit der Awami-Liga und der Pro-Moskau-KPlern teilnimmt(höchstwahrscheinfestzustellen, daß die revoluticnäre Linke Lehren aus den Ereignissen von 1925 in China und von 1965 in Indonesien gezogen hat und wenig Neigung verspüri, sich durch enge Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie die Hände zu binden. Vietnam, das spontan zum Modell für die Widerstandskämpfer wurde, dert, ist nicht weit. Die Patrioten de: nationalen Bourgeoisie werden aufgeforin die im Aufbau befindliche FNL einzutreten, aber die Praxis in den befreiten Zonen, die verwardten Parolen("im gegenseitigen Einverständnis mit den Grundbesitzern, die den Befreiungskampf unterstützen, werden Maßnahmen ergriffen werden, um die Ausbeutung der armen und landlosen Bauern zu mildern" z. B.), die politische und militärische Führung des Kampfes klamiertes Ziel die vollständige spiegeln den Klassencharakter der revclutionären Parteien wider, derer pro- Befreiung von Bangla-Desh ist, d. h. sowohl die nationale wie die soziale.

(aus ROUGE 135, 4.12.71)

WIE INDIRA GAMAI BANGLA - DESH VERTEIDIGT ++**++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ wußt ist, Die indische Bourgeoisie, die sich der sie bedrchenden Gefahren sehr be- beschränkt sich nicht darauf, der Awami-Liga bei der Ermordung le sind bengalischer Revolutionäre zu helfen; sie legt selbst Hand an. Die Beispie- zu zahlreich, um alle genannt zu werden; nehmen wir bloß zwei: --Maulana Bashani, Führer der NAP, Präsident des Koordinationskomitees für die Schaffung einer bengalischen FNL, steht an einem geheim gehalteren Ort unter indischer Polizeiaufsicht. Damit will man vermeiden, dal sein beträchtliches Prestige, bei den Bauernmassen in Bangla-Desh, revolutionären Kräften gegen die Awami-Liga verwandt wird. von den --Assader Ali, Führer der Guerillakämpfer in der Gegend von Sylhet, befindet sich ir einem indischen Gefängnis; hunderte von bengalischen Kommu- INPREKOR 15.12.71 s. 10

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nisten teilen dieses Schicksal.

Die Repression richtet sich jedoch nicht ausschließlich gegen die Revolutionäre von Bangla-Desh; auch die Linken in Westbengalen sind betroffen. Unsere Genossen, die als einzige in Indien für ein "Vereinigtes Sozialistisches Bengalen" kämpfen, gehören zu den zuerst betroffenen. Der Generalsekretär der Swatartra Partei(: dische Partei des Großkapitals und der Großgrundbesitzer), Madhu Meht.., hat neulich "die Pläne der IV. Internationale" denunziert, "die sich darum bemüht, die bengalischen Befreiungskräfte mit der Unterstützung der indischen KP und der Marxistischen KP unter ihre Kontrolle zu bringen". Nachdem sie eine Nationale Befreiungsfront gegründet hat, würde diese "Rote Troika" auf eine Vereinigte Sozialistische Republik Bengalen hinarbeiten und somit"Bangla-Desh und das indische Bengalen in ihre Gewalt bringen."

Wie man sieht führen solche Äußerungen den Autor, der aus seinem Antikommunismus keinen Hehl macht, sogar soweit, daß er sich grob über die Positionen der zwei Kommunistischen Parteien täuscht. Sie wären eher komisch, wenn sie nicht mit einem dringender Appell an die Regierung abschließen würden, sie möge doch endlich "die Verschwörerg Verräter und Saboteure zerschmettern". (aus ROUGE 135, 4.12.71)